Test: Verrückt genial

Alice - Madness Returns Test

Sebastian Horst 15. Juni 2011 - 23:20 — vor 8 Jahren aktualisiert
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Rechts seht ihr die PC-Version in 1920x1080 mit AA und hohen Details. Die Texturen und das Wasser wirken feiner. Riesig ist der grafische Unterschied zwischen den Versionen allerdings nicht.
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Vielseitiges Wunderland
Alice bleibt von der ersten bis zur letzten Minute abwechslungsreich. Das liegt an der tollen Geschichte, den Minispielen und vor allem auch an den einzigartigen Umgebungen. Nicht nur jedes Kapitel unterscheidet sich grafisch deutlich vom vorherigen, auch in den Kapiteln selbst sieht der Anfang nie wie das Ende aus. Im ersten Kapitel seid ihr zum Beispiel zuerst in einem grünen Wald unterwegs und gelangt später in eine dunkle Fabrik. Man merkt deutlich, wieviel Liebe und Zeit die Entwickler investiert haben. Überall gibt es kleine Details und immer wieder Staunmomente zu erleben. Entweder haben die Grafiker eine unheimlich große und kreative Vorstellungskraft, oder sie haben sich bei solchen Mitteln bedient, die nicht überall auf der Welt frei verkäuflich sind, um auf all die großartigen Albernheiten zu kommen.

Das letzte Kapitel ist zum Beispiel ein riesiges Puppenhaus, das in Einzelteilen umherschwebt. Im zweiten Kapitel finden wir ein riesiges Flaschenschiff, das wir später sogar benutzen dürfen (ohne die Flasche natürlich). Aber auch die kleinen Details sorgen für Abwechslung: So sind Alice' Kleider und Haare nicht nur schön animiert und bewegen sich im Wind. Sondern ihr tragt als Alice auch in jedem Kapitel ein neues, passendes Kleid. Auch die Waffen verändern mit jeder Upgrade-Stufe ihr Aussehen. Auf der höchsten Stufe ist zum Beispiel das Steckenpferd silbern und besitzt rote glühende Augen und ein Horn. Spicy Horse hat es geschafft, dass wir uns wirklich wie in einem Wunderland fühlten -- alles scheint möglich. Sehr gut ist auch die Abgrenzung zu Alice’ Realwelt gehalten, die vor allem aus Grautönen besteht und sich stark vom kunterbunten Wunderland unterscheidet. Die Schauplätze sind alles in allem wunderschön.

Dennoch reitet Alice Madness Returns technisch nicht mit der Prinzengarde mit: Manches Objekt wirkt polygonarm, an mehreren Stellen sind uns arg pixelige Texturen aufgefallen. Zwar würden wir jederzeit unterstreichen, dass der Stil sich über die Technik erhebt, dennoch hätte Alice auch auf Konsolen stellenweise etwas schöner aussehen können. Zumal einige Umgebungen etwas leer wirken.
 
Man spricht... hervorragendes Deutsch
Streitgespräch: Sebastian gegen Jörg
Sebastian, du bist richtig angetan von Alice Madness Returns. Wieso?
Es bietet neben einer spannenden Story viele frische Ideen. Man merkt, wie viel Zeit und Liebe die Entwickler in ihr Spiel gesteckt haben. Das Wunderland ist ziemlich bunt, aber die Rahmenhandlung, also die in der Realität spielenden Szenen, grenzt sich mit ihren tristen Graustufen gut davon ab.
 
Mit dem ersten Alice hat es nicht mehr viel zu tun, oder? Denn das war ja im Wesentlichen ein 3rd-Person-Shooter.
 
Das stimmt. Das Kampfsystem wurde komplett umgekrempelt. Aber der herrlich obskure Charme ist nach wie vor enthalten.
 
Du sagst "umgekrempelt", ich sage "extrem vereinfacht": Nur noch vier Waffen, keine Zwischengegner, und die meisten Gegner haut man wohl mit einem Schlag weg...
Halt, "Einfach nur drauf" funktioniert nur bei den ganz kleinen Gegnern. Okay, es gibt nur vier Waffen, dafür sind sie perfekt ausbalanciert. Nur durch einen guten Einsatz aller Waffen hast du eine Chance gegen größere Gegner. Es gibt zwar keine Bosskämpfe, aber die größeren Gegner wie die
Daimyo-Wespen können nur durch spezielle Taktiken besiegt werden.
Mag sein, aber du musst doch zugeben, das Kampf nicht gerade die Stärke von Alice 2 ist, sondern eine Schwäche.
Alice möchte ja auch kein God of War sein. Die Betonung liegt auf den Sprungeinlagen, auf den Rätseln und auf der Geschichte. Die Kämpfe sind also nicht der entscheidende Teil des Spiels.
Die Jump-and-run-Einlagen sind aber auch nicht so ganz der Brüller, oder? Mal zu einfach, mal zu schwer...
Ich finde die eigentlich ganz gut balanciert. Ihre Schwierigkeit steigert sich gegen Ende ziemlich, aber das erwartet man ja auch. Nur ganz wenige Sprung-Passagen, vielleicht so um die vier im ganzen Spiel, sind wirklich unfair schwer.
Ist Alice Madness Returns vielleicht ein bisschen zu skurril und abgedreht, so in Richtung "obskures, durchgeistigtes Autorenkino, von den Kritikern geliebt, von normalen Menschen 'schuldhaft' unverstanden?"
Nein, die Handlung ist logisch und verständlich. Alice' Geisteszustand wird sehr gut mit dem Wunderland in Einklang gebracht, das sie sich ja quasi ausdenkt. Das Spiel trieft nur so von tollen Ideen und ist sehr abwechslungsreich, denk nur mal an die Minispiele. Oder die immer wieder neuen Umgebungen, die kleinen Details darin. Und die Story ist ausgezeichnet, und hat ein befriedigendes Ende.
Der ganze Look des Spiels appelliert aber nicht gerade an jedermans Geschmack. Das ist ja nicht negativ, nur dürfte es viele Spieler geben, die von der Grafik eher abgestoßen werden. Von der mäßigen Technik mal ganz zu schweigen...
Massentauglich ist es auf keinen Fall, aber ich sehe das als etwas Positives. Denn im Gegenzug traut sich Alice, so richtig schön abgedreht zu sein. Aber ja, die Technik könnte den einen oder anderen Spieler vielleicht abschrecken.
Darauf können wir uns einigen. Eigentlich erstaunlich, dass so ein Titel ausgerechnet von Electronic Arts veröffentlicht wird -- die ja in den letzten Jahren nicht unbedingt dafür berühmt war, ungewöhnlichen Spielen eine Chance zu geben...
Ja, es besteht augenscheinlich noch Interesse bei EA, auch mal kreative Spiele zu bringen. Ich halte Alice 2 auf jeden Fall für eine Bereicherung für den Spielmarkt, auch wenn es längst nicht perfekt ist. Unsere Note ist für mich eher das untere Ende, nicht das obere, das man für dieses Spiel guten Gewissens geben kann.
Alice Madness Returns bietet eine der besten Sprachausgaben, die wir bisher in einem PC-Spiel gehört haben. Ihr könnt das Spiel auf Deutsch spielen und braucht keine Angst haben, dass ihr im Vergleich zur englischen Version Abstriche machen müsst.

Nicht nur die Übersetzung des Spiels ist sehr gelungen, sondern auch die Vertonung. Jede Figur wurde mit einem sehr passenden und motivierten deutschen Sprecher besetzt. Die Grinsekatze klingt schön mysteriös, der Hutmacher passend zum Spiel richtig durchgeknallt und auch alle Nicht-Wunderland-Bewohner tun euren Ohren wohl und sind ein ganz großes Plus für die Atmosphäre des Spiels. Unterstützt wird das durch eine sehr gute musikalische Untermalung, die wie im Vorgänger von Chris Vrenna, dem ehemaligen Schlagzeuger der Nine Inch Nails komponiert wurde. Die Musik passt sich jederzeit dem Geschehen an und liefert seinen Teil, dass ihr euch wirklich wie im Wunderland fühlt.
 
Testfazit: Bestimmte Spiele liebt man...Alice Madness Returns kann man mit etwas gutem Willen nicht nur als Spiel, sondern auch als virtuelles Kunstwerk verstehen. Viele Umgebungen wirken fast wie abstrakte Bilder. Das gesamte Wunderland ist wie ein großes Gemälde, oder besser, wie eine Werkschau. Es ist beeindruckend, wie gut es die Designer geschafft haben, das Wunderland lebendig werden zu lassen und gleichzeitig rüberzubringen, wie sich Alice gestörte Psyche auf das von ihr Imaginierte auswirkt. Das Spiel wimmelt nur so von wahnwitzigen und teilweise völlig verrückt wirkenden Ideen. Alles, was der Spieler zu sehen bekommt, ist aber logisch in Alice’ Realität verankert. Neben den abwechslungsreichen Umgebungen motivierte uns die sehr spannende und gut erzähle Hintergrundgeschichte. Für uns war es kaum möglich, den Controller zur Seite zu legen, bis wir nicht wussten, was in der Nacht des Brands wirklich geschah. Was hat Alice verdrängt? Ist sie wirklich verrückt?
 
Allerdings: Alice Madness Returns ist kein perfektes Spiel, dafür wirkt das Spieldesign an vielen Stellen zu schlicht und repetitiv. Gerade Freunde von Action-Adventures, die auch im Kampf gefordert werden wollen, könnten sich nach einer Weile langweilen.Wenn es mehr Waffen und Upgrades, freischaltbare Kombos und vor allem Bosskämpfe ins Spiel geschafft hätten, wäre es noch ein gutes Stück besser (und unsere Note ein Stück höher).

Alice Madness Returns könnt ihr am besten dann voll genießen, wenn ihr euch von der skurrilen Welt und den mannigfaltigen Ideen aufsaugen lasst. Wenn ihr es eher als dreidimensionales Jump-and-Run mit gelegentlichen Kampfeinlagen versteht statt als direkten Konkurrenten zu Darksiders und Co. Es traut sich, abgedreht und oft völlig verrückt zu sein. Das wird es für manche Spieler intuitiv abschreckend wirken lassen, für andere dürfte genau dies der Kaufgrund sein. Wir können euch nur raten, Alice Madness Returns eine Chance zu geben: Sein Zauber lässt sich nur schwer auf Bildern zeigen. Es ist ein kleines Meisterwerk, das sich in Zeiten der ewigen Gleichheit traut, anders zu sein. Ein perfektes Spiel ist es beileibe nicht, bei Lichte betrachtet gibt es viele Konkurrenten, die spielmechanisch besser gelungen sind. Aber kaum eines fühlt sich so besonders an!
 
Autor: Sebastian Horst (GamersGlobal)

Alice - Madness Returns
Einstieg/Bedienung
  • Einfache Steuerung, Hilfestellungen
  • Geschichte fängt spannend an und bleibt es auch
  • Wer das Buch nicht kennt, verpasst viele Anspielungen
Spieltiefe/Balance
  • Tolle Zwischensequenzen
  • Sehr gute Hintergrundgeschichte
  • Wahnwitzige Ideen
  • Gegner müssen durch spezielle Taktiken ausgeschaltet werden
  • Viele skurrile Minispiele
  • Viele Charaktere aus den Büchern tauchen im Spiel auf
  • Nur vier Waffen im ganzen Spiel
  • Alice kann nicht "verbessert" werden
  • Nur ein Bosskampf, und der ist auch noch höchst langweilig
  • Einige Minispiele kommen zu oft vor
Grafik/Technik
  • Abwechslungsreiche Umgebungen
  • Enormer optischer Ideenreichtum
  • Das Wunderland wirkt wirklich wie ein Wunderland
  • Pixelige Hintergründe
  • Grafik wirkt insgesamt veraltet
Sound/Sprache
  • Hervorragende Sprecher
  • Hervorragende deutsche Version
  • Überaus passende Musikuntermalung
 
Multiplayer
Nicht vorhanden  
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Userwertung
7.6
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