Test: Würdiger Filmersatz?

007 - Blood Stone Test

Während der 23. Bondfilm mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen hat (MGM ist praktisch pleite) möchte Bizzare Creations mit 007 – Blood Stone die Lücke schließen. Das Ergebnis ist inszeniert wie ein Bond, sieht aus wie ein Bond und fühlt sich an wie ein Bond. Aber hat es auch die Klasse eines Bond?
Christoph Licht 5. November 2010 - 1:02 — vor 9 Jahren aktualisiert
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von Benjamin Kratsch

Daniel Craig hat in nur zwei Filmen (Casino Royale und Ein Quantum Trost) den guten alten James Bond in die Neuzeit gebracht: Er braucht keine Laseruhren, Kulibomben oder rollenden Festungen, die auf Knopfdruck mal eben ein paar Stinger-Raketen losschicken. Er nutzt sein Hirn und seine Fäuste, weniger Charme und Upperclass-Allüren. Craig ist ein authentischer Agent, ein ganz normaler Typ. Aber wenn er sich in Casino Royale mit dem Machetenmann prügelt, blutet er hinterher heftig. Sein Vorgänger Brosnan hätte danach nur einen kleinen Cut an der Oberlippe gehabt. Und genau dieser Hauch Authentizität, eingehüllt in übertrieben viel Blei und gigantomanische Explosionen sind es auch, was 007 - Blood Stone ausmacht. In seinen guten Momenten, zumindest.

Lizenz zur Entscheidung: Wollt ihr an Bord des russischen Hovercraft schleichen (links), Gegner in Nahkämpfe verwickeln und lautlos ausschalten (Mitte) oder lustig drauflos ballern (rechts)?

Mein Name ist Bond. Sam Bond.

Wir befinden uns im brütend heißen Burma, ein kleines Paradies für Militärdiktatoren westlich von Laos. Agent 007 jagt einen Waffenhändler, der das Nervengift Anthrax hergestellt hat und nun meistbietend verkaufen will. Gerade will der Topagent seinen Heli landen, da taucht ein Kampfhubschrauber des burmesischen Militärs auf, lässt seine Gatling gun losrattern und zerschießt Bonds Rotor. Nach der Bruchlandung schleicht sich James an einen Staudamm heran, doch der ist schwer bewacht: 15 Soldaten patrouillieren in kleinen Gruppen -- wer hier wie Rambo hineinstürmt, schläft schnell bei den Fischen. Insbesondere im höchsten von drei Schwierigkeitsgrade empfiehlt sich stattdessen die Sam-Fisher-Methode: Wir schleichen uns an die erste Wache heran, gehen hinter einer Kiste in Deckung und warten. Wenige Sekunden später schnellen wir hervor, und dann sind es nur noch 14 Wachen. Weiter geht’s. 007 hangelt sich einen Steg rauf, wartet auf einen weiteren Aufpasser und zieht ihn in den Abgrund. Der Schrei des Opfers ruft fünf weitere Soldaten auf den Plan. Zeit für die aus Splinter Cell - Conviction bekannte Fokusenergie: Wir markieren in Zeitlupe jeweils einen Gegner, und schon tötet Bond den ersten Schergen, schnellt wie ein Tiger herum und verpasst auch dem zweiten einen tödlichen Treffer.

Die Fokusenergie zum automatischen Ausschalten von Gegnern lädt sich nur durch Nahkampfangriffe auf.
Genau wie Kollege Sam muss James erst einen Gegner im Nahkampf ausknocken, um einen "Freischuss" aufzuladen. Bis zu drei Knockouts für drei Automatik-Eliminierungen sind drin. Durchatmen? Nix da, die peinlichen Zeiten eines Quantum Trost sind vorbei, wo einem erst 20 Elitesoldaten mit der Intelligenz eines verschimmelten Vollkorntoasts entgegen stürmen, dann wieder 20 und dann nochmal 50. Blood Stone spielt sich merklich cleverer -- auch wenn es stellenweise noch in Moorhuhnballerei ausartet.

Kurz nachdem die erste Einheit am Boden liegt, kehrt der Kampfhubschrauber zurück und nimmt 007 unter schweres Feuer. Keine Deckung hält ewig, die Munition ist knapp. Die MP5 reicht zwar, um den MG-Schützen des Helis zu erledigen, den Piloten trefft ihr so aber nicht. Was tun? Kleiner Tipp: Es hat was mit dem Kran zu tun, der so ganz unbeteiligt an der Staumauer herumsteht…

Ballern oder Schleichen

Bizarre Creations weiß mit der traditionsreichen Filmlizenz geschickt umzugehen. Das fängt schon beim Intro an, bei dem das eigene Wohnzimmer fast in einen Kinosaal verwandelt wird -- inklusive eines Titelsongs, der sofort ins Ohr geht: "I’ll take it all", kraftvoll gesungen von Soul-Diva Joss Stone. Interessant gestaltet ist auch das Leveldesign: Das ist zwar meistens streng linear, lässt also wenige Abzweigungen zu und gibt vor, wo der Agent hinspringen oder rumklettern darf – lässt euch bei der Vorgehensweise aber relativ freie Hand. Beispiel: In den Katakomben von Istanbul sollt ihr einen Weg finden, um den britischen Wissenschaftler Tedworth zu befreien. Dabei könnt ihr entweder wild ballernd in einen Raum voller Säulen und Positionen für Scharfschützen hineinrennen; oder aber auf leisen Sohlen an den Wachen vorbeischleichen. Bei der Rettungsaktion kommt erstmals das Smartphone zum Einsatz – das einzige Gadget, das der neue Bond bei sich trägt. Auf Knopfdruck wird die Welt in eine grau schimmernde Karte verwandelt und Feindpositionen markiert. So können Nahkämpfer den richtigen Moment abpassen und werden dafür mit Fokus-Energie belohnt.
Auch sonst gibt sich James Bond: Blood Stone über weite Strecken abwechslungsreich: In Sibirien muss 007 beispielsweise den Server einer Ölraffinerie hacken. Dazu holt er sich eine Stimmprobe vom Inhaber und Oligarchen Pomerov aus dessen Kinosaal und einen Fingerabdruck von seinem Cocktailglas. Hier hätten wir uns jedoch etwas mehr Herausforderung gewünscht, etwa eine Schleicheinlage oder das Anbringen einer Wanze. Spannend wird’s erst im Rechenzentrum, denn MI6-Datenanalyst Tanner muss die Festplatten via Bonds Spezial-hat-offensichtlich-einen-8-Gigabit-Upload-Smartphone klonen. Währenddessen strömen nicht nur unzählige russische Soldaten herein, die ürbigens nur im höchsten Schwierigkeitsgrad wild mit Granaten um sich schmeißen – sondern es wird auch Nervengas in den Raum eingeströmt. Nichts wie raus! Das alles wirkt sehr Bond-like inszeniert. Im positiven Sinne heißt das "cineastisch und actionreich" -- im negativen "vollkommen übertrieben": Kein Mensch kann fünf Minuten ohne Luftzufuhr seine Krav-Maga-Kampfkunst zur Schau stellen -- 007 schon. Wer mit dem Kauf von Blood Stone liebäugelt, sollte schon Bond-affin sein.

Mangelnde Gegner-Intelligenz

Der größte Schwachpunkt ist wie im Vorgängerspiel Ein Quantum Trost die Gegner-KI. Egal ob griechische Söldner, russische Bodyguards, burmesische Soldaten oder chinesische Spezialeinheiten – alle haben die Schule geschwänzt, als gelehrt wurde, wie ein Raum zu sichern ist. Und wie man sich gegenseitig Deckung gibt. Oder dass man bei einer Überlegenheit von 20:1 einfach mal einen Flankenangriff starten könnte. So besteht der Großteil von Blood Stone aus größeren Ansammlungen von Gegnern, die zwar recht zielsicher sind, ihre taktische Übermacht aber viel zu selten ausspielen. Nur vereinzelt überrascht uns die KI, meist script-gesteuert, mit einem cleveren Flankenmanöver. In einem Fall (Innenhof einer Ölraffinerie) zwingen einige Gegner mit ihrem Dauerfeuer Bond in Deckung, während andere Stellung auf den umliegenden Dächern beziehen. In diesen erlesenen Momenten wird Blood Stone -- zumindest im höchsten Schwierigkeitsgrad -- knackig schwer. Nach dem Durchspielen wird außerdem der 007-Modus freigeschaltet, der die Feinde mit einer zusätzlichen Lage Kevlar ausstattet.

Für "USK 16"  verzichtet die deutsche Version komplett auf Blut. Die Originalfassung hat aber ebenfalls ziemlich wenig!
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