Making of: Inscryption

Making of: Inscryption Report

Falsche Morde, Opfer und T-Shirts

Dennis Hilla / 7. April 2022 - 20:57 — vor 17 Wochen aktualisiert

Teaser

Erstmals hatte Daniel Mullins die Idee für Inscryption bei einem Game Jam. Im Laufe der Zeit wurde das Konzept immer komplexer und nahrhafter, wie ein gut gefüllter Burrito – so seine Worte.
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Wenn euch Daniel Mullins nichts sagt, dann vielleicht die bisherigen Werke des kanadischen Entwicklers. Sowohl mit Pony Island als auch mit The Hex hat er eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie man seine Spieler im höchsten Maße verwirren kann. Denn oftmals ziehen seine Titel euren Verstand auf eine Meta-Ebene, regen zum Nachdenken an und verbergen mehr hinter der Oberfläche.

Mit Inscryption veröffentlichte Mullins im Oktober 2021 sein drittes größeres Spiel, das viele seiner Markenzeichen wieder vereint. Denn hinter der Oberfläche des ausgeklügelten Roguelike-Sammelkartenspiels lauert eine ungeahnt tiefe Story, die ernste Themen, seltsame Wendungen und vieles mehr mit sich bringt. Ach, und natürlich spielt ihr nicht einfach bloß Karten.

Aber wie geht Daniel Mullins denn an die Entwicklung seiner Spiele heran, was treibt ihn an und für welche Teile muss sich der Einzelkämpfer dann doch Unterstützung suchen? Auf der Game Developers Conference hat er in die Entstehungsgeschichte von Inscryption blicken lassen und arbeitete seine Vorgehensweise in einem Post Mortem auf. Falls euch der Begriff nichts sagt: In diesem GDC-Format blicken Entwickler zurück auf die Entstehung ihrer Spiele.

Eine Warnung vorweg: Falls ihr Inscryption noch nicht gespielt haben solltet, dann seid gewarnt. Ihr werdet definitiv für einige Teile des Spiels gespoilert, die am besten wirken, wenn man sie zunächst selbst erlebt.
 

Was ist Inscryption überhaupt?

Wenn Mullins sein neuestes Spiel selbst beschreibt, dann nennt er es eine „düstere Karten-basierte Odyssee, die ein Deckbuilding-Roguelike mit Escape-Room-Puzzles und psychologischem Horror zu einem Blut-getränkten Smoothie vermischt“. Wenn ihr Inscryption nicht gespielt habt, dann schwirrt euch vermutlich alleine von dieser Beschreibung bereits der Kopf. Als Kenner des Stoffes werdet ihr hingegen andächtig nicken, ein paar kurze Flashbacks haben und euch, nachdem ihr wieder zu euch gekommen seid, an die Live-Action-Erzählungen zwischen den Kapiteln erinnern. Denn im Laufe eurer seltsamen Reise durch das Spiel, das eigentlich auf einer Diskette in einem Film abläuft, wechselt Mullins mehrfach Grafikstile und Mechaniken.
Die erste Rohfassung von Inscryption lässt bereits einige Elemente des fertigen Spiels erkennen.
 

Simple Anfänge

Der bekennende Game-Jam-Fan Mullins hatte Ende 2018 gerade The Hex fertiggestellt und wollte an seinem beliebsten Spiele-Entwicklungs-Event, dem Ludum Dare, teilnehmen. Das Thema sollte „Sacrifices must be made“ lauten. Opfer müssen erbracht werden. Schnell stand für Daniel klart, dass ein Kartenspiel das logische Genre sei, er selbst war seit vielen Jahren aktiv in der Magic-Szene. Weitere Überlegungen führten in dazu, das Geschehen in eine verlassene Waldhütte zu legen, inklusive gruseliger Wicca-Symbolik und anderen okkulten Elementen. Das reichte ihm aber noch nicht, also musste ein Wald-Dämon dem Spieler gegenübersitzen. Die Opfer sollten sich nicht einfach nur auf Karten belaufen, sondern man musste sich von Fingern, Augäpfeln oder noch schlimmeren Dingen verabschieden.

Den Kennern unter euch wird auffallen, dass viele Elemente des fertigen Spiels bereits in der Game-Jam-Demo enthalten sind. Eichhörnchen fungieren als Opferkarten für größere Monster wie den Grizzly, und am Ende erwartet euch eine besonders fiese Entscheidung: Ihr müsst euch selbst oder euer Kind opfern.

Daniel belegte den zweiten Platz bei der Veranstaltung und die Rohfassung von Inscryption erhielt bereits einiges an Aufmerksamkeit. Auf der Plattform ish.io ist die Version das mit Abstand beliebteste Spiel von ihm, er wusste also, dass er in die richtige Richtung ging. Allerdings war er sich nicht sicher, wie er aus dem kleinen Projekt ein vollwertiges Spiel machen sollte. Die Idee zunächst: The Carnelian Box. Inspiriert von Valves Orange Box wollte er drei kleinere Spiele in einem Paket zusammenfassen. Eine neue Marke, ein Sequel im Universum von The Hex, ein Online-Spiel. Portal, Half-Life Episode, Team Fortress. Aber die Idee kam irgendwann zum Erliegen.
Betrachtet man die grafischen Vorbilder von Daniel Mullins, dann kann man durchaus sagen: Den Stil hat er getroffen.
 

Die Kunst des Artstyles

Bei der Optik wollte Mullins früh einen Stil finden, der ihm gefällt, so dass er sich später in der Entwicklung nicht mehr mit dem Thema befassen muss, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Die Richtung war, wie der Rest des Spiels, ungewöhnlich: Retro-3D-Ästehtik, die zur Geschichte einer verfluchten Diskette passt. Dazu wollte er mehr mit Shadern und Post-Processing-Effekten arbeiten und nicht den Stil individueller Assets nutzen. Doch ganz ohne Grafikelemente diverser Künstler ist Spieleentwicklung nahezu unmöglich, also wollte er durch seinen Ansatz einen einheitlichen Look kreieren.

Nun war es also an der Zeit, einen 3D-Artist ausfindig zu machen, der Vollzeit mit Daniel zusammenarbeiten wollte. Allerdings fand er viele Assets und 3D-Objekte auch online, teils gratis, teils gegen Bezahlung. Inspiration für den Artstyle zog er aus 3D-Spielen der Neunziger wie Blackthrone, Myst, The 7th Guest und Dragon Lore.

Daniel hatte ein paar technische Geheimwaffen im Gepäck, um den von ihm gewünschten Stil umsetzen. Nummer eins ist die Verringerung der Auflösung. Im Falle von Inscryption halbierte er die Pixel, aus 1080p wurde 960x540. Dadurch entsteht ein Retro-Look, kleinere Imperfektionen lassen sich besser verbergen und für ihn sieht es dazu einfach noch cool aus. Die zweite Geheimwaffe bezog sich auf die Beleuchtung, durch die Posterisierung der Leuchdichte ab einer bestimmten Schwelle. Das sind jetzt viele Fremdwörter, daher eine simplifizierte Erklärung: Daniel hat jedem Pixel einer Farbpalette zugewiesen, die ein Freund von ihm gestaltet hat. Die Optik gefiel ihm, allerdings sorgte sie in gewissen Situationen für Lesbarkeitsprobleme. Also wird die Palette zwar in hellen Situationen auch genutzt, aber nicht so stark wie in dunklen Sequenzen. Siehe dazu auch das Vergleichsbild.

In Kombination mit diesen Geheimwaffen und den online gefundenen Assets konnte Daniel schnell und unkompliziert Szenen zusammenstellen und nachprüfen, ob sie gut aussehen. Trotzdem betont er, dass Artists wichtig sind, besonders im Falle von Inscryption. Er brauchte viele speziell angefertigte Modelle und Objekte, beispielsweise für die Charaktere oder die Masken, die Leshy aufsetzt.
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before
after
Rechts: Mit der speziellen Farbpalette auf die dunkle Bildbereiche angewendet, entsteht ein verrauschtes, fast schon gruseliges Bild.
Dennis Hilla Redakteur - P - 169143 - 7. April 2022 - 16:03 #

Viel Spaß beim Lesen!

TheLastToKnow 25 Platin-Gamer - - 64755 - 7. April 2022 - 17:15 #

Wow, liest sich sehr interessant. Danke! Inscryption ist für mich ein Meisterwerk.

Brunt 15 Kenner - P - 2780 - 7. April 2022 - 20:21 #

Inscryption bekommt von mir ganz klar eine Wertung von 10 !

Superkeks 10 Kommunikator - P - 406 - 7. April 2022 - 21:47 #

Erst einmal ein großes Lob für diese textlichen Zusammenfassungen, die sich wirklich durch die Bank interessant lesen und einen Mehrwert bieten. Mullins' Spiele heben sich wirklich aus dem Einheitsbrei hervor, Inscryption ganz besonders. Möge er sich seine Phantasie noch lange erhalten.

Calmon 13 Koop-Gamer - P - 1667 - 9. April 2022 - 10:42 #

Ich bin über die Osterfeiertage bei meinen Eltern und dachte es wäre ein cooles Spiel für mein Macbook. Aber leider ist das Spiel - entgegen eurem Steckbrief - PC only.
Edit: Gerade nochmal tiefer gegraben, es gibt einen MacOS Beta Branch auf steam. Also wird wohl gerade sehr aktiv daran gearbeitet.

paschalis 30 Pro-Gamer - - 237384 - 9. April 2022 - 13:19 #

Ich habe den Release für MacOS und Linux aus dem Steckbrief entfernt, danke für den Hinweis.

Calmon 13 Koop-Gamer - P - 1667 - 12. April 2022 - 23:36 #

Ich habe die letzten Tage fleissig die Beta Mac Version getestet und kann sagen: ausser etwas lag in einem menu hatte ich 0 Probleme. Das Spiel + der Endlos Mod Mode lief alles fehlerfrei. Wer die linux/mac beta ebenfalls testen möchte: einfach auf steam rechts click in der library -> properties -> beta -> und den code 'mealwormsigil' eingeben.

SupArai 24 Trolljäger - P - 50857 - 9. April 2022 - 12:54 #

Les' ich dann mal nicht, plane Inscrytion (weiter) zu spielen. ;-)

Maverick 33 AAA-Veteran - - 831914 - 10. April 2022 - 12:48 #

Da ich Inscryption mir demnächst mal selbst anschauen möchte, habe ich nach der Spoiler-Warnung mit dem Lesen des Reports aufgehört. Wird dann zu gegebener Zeit nachgeholt. ;)