Gewagt, brutal, überraschend

Wolfenstein - The New Order Preview

Agent Blazkowicz ist wieder da. Diesmal aber haben die Nazis den Krieg gewonnen und er muss der Armee der Finsternis und ihren High-Tech-Waffen mit Entschlossenheit und jeder Menge dicker Wummen entgegentreten. Wir verraten euch, weshalb uns die ersten Spielstunden Spaß machten, uns aber dennoch mit einem unwohlen Gefühl zurücklassen.
Benjamin Braun 24. Februar 2014 - 17:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Über 30 Jahre ist es her, seitdem Computerspieler den Namen Wolfenstein das erste Mal hörten. Seitdem gab es mehr als eine Handvoll Spiele, die sich der Thematik annahmen. Es ging immer darum, die Welt vor den Nazi-Schergen zu retten, die in den Spielen auch gerne mal Okkultes erforschten – und natürlich an einer Reihe von Superwaffen und „Supersoldaten“ arbeiteten, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Das war wenigstens in den Shooter-Umsetzungen der Reihe fast immer ein Ein-Mann-Job, woran sich mit dem neuesten Teil Wolfenstein - The New Order auch nichts Wesentliches ändern wird. Eines aber ist ganz anders in diesem Setting: Die Nazis haben den Krieg gegen die Alliierten für sich entschieden und überziehen die ganze Welt mit ihrer Schreckensherrschaft. Aber die letzte Hoffnung auf Freiheit endet eben erst dann, wenn B.J. Blazkowicz nicht mehr in den Kampf eingreifen kann. Und der ist im Jahr 1960 zu allem bereit – und bestens gerüstet, um selbst Roboterkampfhunde und fiese SS-Männer mit Elektrowaffen niederzumähen.

Blazkowicz ist zurück
Blazkowicz schart im Kampf Verbündete um sich. Die meisten Missionen erledigten wir bislang aber im Alleingang.
Noch ist der Zweite Weltkrieg in vollem Gange, als wir uns mit einer Bomberstaffel einer Festung an der Küste des heutigen Polens nähern. Es ist das Jahr 1946 und B.J. Blazkowicz' Einsatzziel könnte formal nicht einfacher sein: Töte General Wilhelm Strasse, besser bekannt als General Totenkopf. Es hängt viel vom Erfolg der Mission ab, denn seine mechanischen Soldaten, die in früheren Serienteilen auch mal Übersoldaten hießen, könnten den Nazis womöglich den „Endsieg“ einbringen. Obwohl wir auf unserem Weg über den Strand gleich dutzendweise die Verteidigungsbunker ausräuchern und hunderte Nazi-Soldaten über den Haufen schießen, kann General Totenkopf doch noch fliehen.

Immerhin kommt Blazkowicz mit dem Leben davon, wenn auch gerade so. Sein komatöser Zustand dauert lange an und nur ab und zu hat er in den 15 langen Jahren seines Siechtums einen hellen Moment. Handlungsunfähig muss er in der Nervenheilanstalt in Polen zuschauen, wie SS-Leute immer wieder Menschen gegen ihren Willen von dort verschleppen, um sie ihrer Maschinerie des Wahnsinns zuzuführen. Dass die Nazis plötzlich auch über Schwester Anja herfallen, holt Blazkowicz schließlich endgültig aus seinem Schlaf. Was sich anfühlt wie ein böser Alptraum, ist real: Die Nazis haben den Krieg gewonnen und selbst die USA unterjocht. Das kann Haudegen Blazkowicz natürlich nicht auf sich sitzen lassen...

Zäher EinstiegWolfenstein - The New Order ist sehr bemüht darum, den Spieler möglichst tief in sein Setting einzuführen und eine Welt der Kontraste zu erschaffen. Die Prologmission im Jahr 1946 ist so umfangreich, dass man fast gar nicht mehr damit rechnet, dass der Hauptteil des Spiels 14 Jahre später angesiedelt ist. Mitreißend ist der Einstieg den Entwicklern allerdings nicht gelungen. Das Tutorial in einem Flugzeug wirkt breit ausgewalzt, immer wieder lauschen wir minutenlang den Worten des Captains, während wir uns nur in den paar Quadratmetern des Cockpits bewegen können. Wir können zwar beobachten, wie unsere Bomberstaffel draußen nach und nach von der deutschen Luftwaffe auseinander genommen wird, aber trotz zahlreicher Explosionen und mächtigem Sound langweilt uns das Gebotene. Da ballern wir zwar auch mal mit dem MG an der Front des Bombers auf die Düsenjets der Nazis, deren Triebwerke selbstverständlich einen böse rot leuchtenden Schweif produzieren, ein packender Einstieg sieht aber gewiss anders aus. Da helfen auch die vielen Rendersequenzen wenig, die Blazkowicz vor dem Einsatz bei einem fröhlichen Barbecue zeigen oder während des Einsatzes die Besprechung mit seinen Mitstreitern.

Im späteren Verlauf der ersten drei Kapitel der von uns gespielten PC-Version, die uns etwa zweieinhalb Stunden für einen Durchgang beschäftigten, ändert sich das zwar zaghaft, aber kontinuierlich. Hier und dort sorgen geskriptete Sequenzen nach Call of Duty-Vorbild für Überraschungsmomente und reichlich Knalleffekt. Allerdings schwankt das Spiel bei der Inszenierung mit Skriptevents und reihenweise Zwischensequenzen teils sehr stark zwischen dramaturgisch aufbrausend und der Qualität von C-Movie-Agententhrillern aus den 60er und 70er Jahren. Da wird eine Autoverfolgungsjagd mit einem Nazisoldat auf der Kühlerhaube regelrecht zum Trashfestival. Immerhin: Mit der Zeit wird es kurzweiliger, und die anfängliche Leere wird zunehmend mit einer ereignisreichen Inszenierung ersetzt. Und es gibt schöne Momente für Serienfans: Wenn wir in der ersten Festung an der polnischen Küste angekommen sind, wähnen wir uns regelrecht im guten alten „Castle Wolfenstein“.


Verkehrte GeschichteDas Setting Zweiter Weltkrieg, in dem wir auf Seiten der Alliierten gegen die Nazis in die Schlacht ziehen, ist an sich nichts Neues. Gehen wir zehn, fünfzehn Jahre in der Zeit zurück, ist es sogar genau das, was gefühlt fast jeder Shooter bot. Der Unterschied in Wolfenstein besteht allerdings darin, dass hier nicht einfach die D-Day-Invasion oder der Kampf gegen die deutschen Truppen während der Ardennenoffensive nachgespielt wird. Stattdessen skizziert Entwickler MachineGames ein Szenario, in dem die Nazis den Krieg gewonnen haben und jede Hoffnung auf eine freie Welt aussichtslos scheint – also ein ähnlicher Ansatz, wie ihn Robert Harris in seinem Roman Vaterland verfolgt. Eine Vorstellung, die gerade in Deutschland nicht ohne Grund einem absoluten Tabubruch gleichkommt. Noch entscheidender ist jedoch der Unterschied, dass die Ideologie der Nazis nicht etwa ausgeblendet wird, wie es die meisten anderen Zweiter-Weltkrieg-Shooter tun. In The New Order mit dem Abtransport von Juden oder verächtlichen Experimenten der Nazis am Menschen konfrontiert zu werden, ist keine leicht verdauliche Kost.

Viele Szenen dienen ganz bewusst dazu, die Spieler mit der Grausamkeit und dem widerlichen Menschenbild der Nazis zu schockieren. Die Comic-esque überzeichneten Bösewichte und ihr Rassenwahn erweisen sich aber selbst in der deutschen Fassung teils als kontraproduktiv, da das Gezeigte oft entweder zu viel
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oder zu wenig Distanz aufbaut und dadurch das Historische immer wieder unfreiwillig relativiert oder gar verharmlost. Das gilt auch für Szenen, die genauso gut auch in anderen Szenarios vorkommen könnten. So werden wir von General Totenkopf in einem Raum eingesperrt, in dem die Wände immer näher kommen. Dass wir erst wenige Minuten zuvor aus einer Verbrennungskammer für Menschen fliehen konnten, dürfte bei jedem halbwegs Geschichtskundigen ein Gefühl der Abscheu erzeugen. Aber das neue Wolfenstein lässt nicht locker: Als blinder Passagier an Bord eines Zugs der Nazi-Elite spielt Oberstleutnant Engel (dabei handelt es sich übrigens um eine Frau) ein Kartenspiel mit uns, bei dem wir ihr jeweils unsere Präferenz zwischen zwei Karten nennen sollen. Es beginnt noch harmlos mit einem Auge und einem Mund, gefolgt von einem Schmetterling und einer Blume. Das dritte Kartenset zeigt, verbunden mit Engels Frage, welchen Anblick wir abscheulicher finden, jedoch eine Spinne und menschliche Totenschädel. Hier schockieren die Entwickler aber nicht bloß, sondern zwingen den Spieler förmlich dazu, sich für die Spinne zu entscheiden, um unsere Tarnung nicht auffliegen zu lassen.
Die Nazis haben wieder eine ganze Reihe von Superwaffen wie diesen Roboter am Start. Sie verfügen auch über Roboterhunde und "mechanische Soldaten", die Serienkenner als "Übersoldaten" kennengelernt haben.

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