Gläserne Gedankenwelt

Remember Me Preview

Datenschutz wird in Social Networks nicht allzu groß geschrieben. In Capcoms Zukunftsvision Remember Me kursieren selbst menschliche Erinnerungen im Netz, werden skrupellos gehandelt und manipuliert. Wir haben als Rebellin Nilin Gedanken gelesen und verändert, aber auch viel gekämpft und den Schauplatz Neo-Paris kletternd erkundet.
Benjamin Braun 6. Mai 2013 - 11:24 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Erinnerungen, so könnte man meinen, sind so etwas wie die letzte Zufluchtsstätte der Menschen und etwas, das sie noch nicht vollends mit anderen in sozialen Netzwerken teilen. Im Jahr 2084 ist das anders. Der Konzern Memorize hat eine Technik entwickelt, mit der die Gedanken und Erinnerungen ausgelesen und als Datenpakete durch das World Wide Web geschickt werden können. Was für manche vielleicht nach einer tollen Erfindung klingt, hat tiefschwarze Schattenseiten, denn Memorize handelt mit Erinnerungen und ist vor allem auch in der Lage, sie aus dem Gedächtnis ihrer Besitzer zu löschen. Und es gibt Abhängige, süchtig nach immer neuen Fremderinnerungen, die irgendwann vergessen, wer sie wirklich sind. Doch es regt sich Widerstand in Neo-Paris, dem Schauplatz von Capcoms Action-Adventure Remember Me – und der verfügt über die vielleicht mächtigste Waffe im Kampf gegen den Missbrauch: die Erinnerungsjägerin Nilin. Wir sind mit ihr in die Schlacht gegen den Cyberkonzern gezogen, haben Gedanken manipuliert und uns mit den Mächtigen der bis in die letzte Synapse vernetzten Welt angelegt.

Gedankenfreiheit mal andersScience-Fiction-Szenarios entführen uns oft in eine ferne Zeitepoche, auf fremde Planeten oder gar in andere Galaxien. In Remember Me bleiben wir auf der Erde und reisen gerade mal rund 70 Jahre in die Zukunft. Wir befinden uns in Neo-Paris, einer gleichsam fortschrittlichen wie düsteren Vision der französischen Metropole. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich weiter geöffnet, als es heute schon der Fall ist: Im Geschäftsviertel beherbergen monumentale Wolkenkratzer die Bessergestellten der Gesellschaft, die sich in ihren fast klinisch rein wirkenden Büros und Wohnungen vom Abschaum in den Slums rund um die Stadt abgrenzen. Auch hier blinken die Reklametafeln in allen Gassen, doch sind es dort nicht die von Modeläden und Designerclubs, sondern die von Pfandleihern und schäbigen Bordellen.

Zu Beginn befinden wir uns allerdings an einem anderen Ort, einer Art Forschungslabor, an dem wir mit Fragen nach unserer Identität gelöchert werden. Viel mehr, als dass wir Nilin heißen und eine Frau sind, wissen wir allerdings nicht.  Wir leisten den Anweisungen der Wissenschaftler in einer stark an Rocksteadys Batman-Spiele erinnernden, begrenzt interaktiven Sequenz Folge. Wir reihen uns bereitwillig in eine Schlange scheinbar willenloser Menschen ein, die darauf warten, in einer seltsamen Apparatur Platz zu nehmen, die all ihre Erinnerungen endgültig löscht.

Was aus ihnen wird, erfahren wir erst später: Sind alle Erinnerungen gelöscht, werden sie zu sogenannten Leapern, Kreaturen, denen jede Menschlichkeit abhandengekommen zu sein scheint, und die am Rande der Stadt mit allen Mitteln ums Überleben kämpfen müssen. Doch jemand namens Edge meint es offenbar gut mit Nilin und ermöglicht ihr die Flucht aus dem mysteriösen Komplex. Ist er ein Freund oder treibt ihn reiner Selbstzweck an? Wie sich schnell herausstellt, soll Nilin nämlich ihre Fähigkeiten als ehemalige Gedankenjägerin für die Rebellen im Untergrund einsetzen, um die vom Konzern Memorize korrumpierte Regierung zu Fall zu bringen.

Die totale Erinnerung
Manchmal dienen die Erinnerungen als Infoquelle. Hier kennt der Charakter die Überwachungsbereiche der Drohnen, die wir dann innerhalb der Spielwelt erkennen (weiße Lichtkegel).
Nach ihrer Flucht nimmt Nilin Kontakt zu den Rebellen in den Slums auf, die mit Namen wie Kopfschmerz-Tommy eher an einen schlechten Gewerkschaftsfilm erinnern. Doch ihr Ziel ist ernst zu nehmen, ihr Handeln außerhalb des Einflussbereichs der Regierung nicht zu unterschätzen. Bei der Wahl ihrer Mittel kennen sie allerdings genauso wenig Skrupel wie der Memorize-Konzern selbst. Sie wollen den auserkorenen Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen: Gedankendiebstahl.

Mithilfe eines Handschuhs kann unsere Heldin nämlich Zugriff auf eine Art Gedankenmodul im Nacken der Bewohner von Neo-Paris nehmen und so wertvolle Informationen für den Widerstand beschaffen. Aber auch die Erinnerungen von Verbündeten können helfen: Charakter "Bad Request" kennt zum Beispiel den schnellsten Weg zum Unterschlupf der Rebellen und weiß genau, wo die Suchkegel der Polizeidrohnen hinleuchten. Diese Informationen kann Nilin auf ihrem Weg dann in Echtzeit sehen und so der Entdeckung entgehen. Und mehr als das: Nilin ist auch in der Lage, Erinnerungen auszulesen und diese zu manipulieren. Das Ganze nennt sich Erinnerungs-Remix, wobei Nilin die Erinnerung in Echtzeit erlebt und an bestimmten Punkten Veränderungen hervorrufen kann. Dabei seht ihr eine Szene ablaufen, die ihr jederzeit vor- und zurückspulen könnt. Wenn ihr achtgebt, erkennt ihr durch orangefarbene Grafikeffekte, wo sich mögliche "Erinnerungsfehler" befinden.

Auf gut Deutsch heißt das: Diese Stellen lasse
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n sich verändern, woraufhin die Erinnerung anders abläuft und – hoffentlich – zum gewünschten alternativen Ende führt. Wir haben erst eine dieser Szenen selbst erlebt und fanden sie sehr atmosphärisch, spielerisch jedoch nicht sonderlich ergiebig: Es lief auf reines Finden aller Erinnerungsfehler der Szene hinaus. Wir können uns aber gut vorstellen, dass man in späteren Sequenzen die richtigen auswählen muss – doch das ist Spekulation, und auch, ob das dann zum reinen Trial-and-error verkommt, oder man auch durch scharfes Nachdenken zum Ziel kommt. Natürlich hat der Erinnerungs-Remix auch Auswirkung auf die Wirklichkeit (spielmechanisch müsst ihr ihn sowieso erfolgreich abschließen): Wenn etwa ein euch feindlich gesinnter Memorize-Mitarbeiter sich plötzlich daran "erinnert", dass ein ihm nahestehender Mensch durch die Schuld von Memorize ums Leben kam – was gar nicht stimmt –, mag er euch unverhoffter Weise helfen. Eine wirklich sehr schöne Idee, sehr passend zum Spielthema, aber wie gesagt: Aktuell noch nicht wirklich für uns in der Qualität einschätzbar.
Nilin kann Erinnerungen auch "remixen" indem sie bestimmte Objekte manipuliert und so den Verlauf der Erinnerung ändert.
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