Crusader Kings 3 Preview+

Noch mehr RPG-Elemente

Hagen Gehritz / 14. Mai 2020 - 17:46 — vor 2 Wochen aktualisiert
Steckbrief
LinuxMacOSPC
Strategie
Globalstrategie
01.09.2020
Link
GMG (€): 39,99 (STEAM), 35,99 (Premium)

Teaser

In der Mittelalter-Strategie von Paradox rollenspielt ihr einen Herrscher. Ihr intrigiert und kämpft, um eure Macht zu mehren. Neben Titeln und Land spielt eure Dynastie nun eine entscheidendere Rolle.
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Ich erinnere mich an einen Trailer für Crusader Kings 2, der gut vermittelte, was die Globalstrategie-Reihe von Paradox von deren Geschwistern wie Hearts of Iron unterscheidet: Der Film zeigte die spröden Landkarten und Herrscherporträts, die auch der Spieler sieht. Doch der Sprecher erzählte die Geschichte hinter der Fassade: Es war einmal ein König, den alle für vom Teufel besessen hielten. Er focht mit schwindenden Truppen in Spanien gegen eine muslimische Armee. Dafür sandte ihm der Papst Geld. Das investierte der König clever in einen Attentäter für seinen gegen ihn intrigierenden Bruder (mit dessen Frau er schlief). Sein Ruf war als Besessener sowieso ruiniert. Er erbte die Länder seines Bruder und die mächtige Armee, die ihm aus der Patsche half. Und wenn er nicht gestorben ist, dann war vielleicht eine Mod installiert, denn auch die Herrscher in Crusader Kings gehen den Weg alles Irdischen.

Das ist, was auch Crusader Kings 3 besonders macht: Die von Paradox gewohnten komplexen Systeme der Weltsimulation drehen sich hier vor allem um die Interaktion von Personen mit Talenten und Charaktereigenschaften. Die feste Spielfigur gibt der Strategie etwas Rollenspiel. Aber was bringt Crusader Kings 3 im Vergleich zum Vorgänger neues und schafft es Entwickler Paradox, mit der Fortsetzung Neulinge besser ins Boot zu holen? Davon konnte ich mir im Rahmen eines digitalen Events einen Eindruck verschaffen. Im Zuge dessen hatte ich mehrere Tage Zugriff auf eine englische Vorabversion von Crusader Kings 3. Die Grafiken der Vorabversionen waren übrigens noch nicht final.
Mit einer guten Partie steigt die Chance auf Nachkommen mit positiven Eigenschaften.
 

Zum Glauben (er)finden

Eines der großen neuen Features von Crusader Kings 3 ist die Option, eine eigene Konfession zu gründen. Ihr könnt aus einer großen Auswahl an Doktrinen drei nach belieben vermischen (sofern ihr denn genug Religiosität angesammelt habt) und einen eigenen Namen sowie die Selbstbezeichnung der Glaubensgemeinde festlegen. Wenn es nur eure Familie und treuen Vasallen sind, die zunächst mit euch konvertieren, ist der Eifer der kleinen Gemeinde noch sehr hoch und sie breitet sich schneller aus. Wenn eine Konfession jedoch größer wird, steigt die Chance für Häresien und Schismen und ihr müsst den Eifer neu anfachen. Den eigenen Fantasie-Glauben in die Welt zu tragen wird damit ein neues der Ziele in Crusader Kings 3, das ihr euch selbst stecken könnt – klassische Siegbedingungen gibt es weiterhin nicht.

Weitere Neuerungen vertiefen den Rollenspielaspekt der Reihe noch weiter. Zum einen gibt es nun Stress als Faktor. Stress steigt unter anderem, wenn ihr Entscheidungen trefft, die Charaktereigenschaften eures Alter Egos zuwider laufen – etwa wenn ihr als Geizhals eine Lokalrunde ausgebt. Niedriger Stress kann sich in Effekten manifestieren, die etwas Positives haben. Das höchste Stresslevel drei aber macht Wahnsinn wahrscheinlicher oder führt zu problematischen Verarbeitungsmechanismen wie den Drang, Geheimnisse an Freunde zu verraten. Außerdem wurde das Lebensart-System ausgebaut. Sich auf eines der fünf Talente Diplomatie, Krieg, Verwaltung, Intrige oder Belesenheit festzulegen gibt euch nicht nur einen Bonus, sondern eröffnet euch drei kleine Skilltrees für das Talent. Beides zusammen soll die Bindung zur Spielfigur vertiefen, wie mir Executive Producer Linda Tiger im Interview verriet. Das überarbeitete Lebensart-System ist sogar ihr liebstes neues Feature in Crusader Kings 3.
Die Herzogin wählt die intrigante Lebensart. Später wird sie Spionage-Meisterin für den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs.
 

Zum Ruhm der Dynastie

Euer Stammbaum nimmt nun ebenfalls eine größere Rolle ein. Denn mit großen Taten sammelt eure Figur nun auch Ruhm, der auf die ganze Blutlinie abfärbt. Der Kopf der Dynastie kann diesen in Boni für die gesamte Sippschaft eintauschen. Das heißt zum einen, dass innerfamiliär um den Platz als Oberhaupt gerungen wird und es durchaus ein Ärgernis sein kann, wenn ein großer Konkurrent aus dem eigenen Clan ebenfalls in den Genuss der dynastischen Boni kommt. Wie Tiger im Interview erklärt, verspricht sich Paradox durch das System für die Spieler auch mehr Langzeitmotivation, weil die Errungenschaften der einzelnen Herrscher mehr und mehr in der Dynastie kulminieren.

Ich könnte noch Seiten um Seiten mit allen möglichen weiteren Mechaniken und Regelanpassungen von Crusader Kings 3 füllen. Und das ist keine Übertreibung, ich habe es am eigenen Leib erfahren. Im neu gestalteten Tutorial als petty king auf Irland (von Fans liebevoll "Noob Island" genannt) führt euch eine Parade an Texttafeln durch alle grundlegenden Aspekte des Spiels. Ich folgte so etwa einer Stunde Anweisung um Anweisung, wo ich was zu klicken hätte und schlug dazwischen markierte Begriffe des CK-Jargons als handliche Tooltips nach, um mit meinen kaum vorhandenen Kenntnissen mit Crusader Kings 2 durchzusteigen.

Wie Tiger mir erklärt, war das Tutorial eine große Herausforderung, weil man sich bewusst dagegen entschieden hat, den Spieler am Anfang aus vielen Funktionen auszusperren. Ich kann es nachvollziehen, zu lange gewisse Aspekte des Spiels abzuschalten könnte dadurch am Anfang die ganze Faszination für die Wechselwirkungen der Systeme verbergen. Der Haken an dem gewählten Weg ist jedoch, dass die Erklärung am Anfang recht gedrängt über einem ausgeschüttet wird. Dabei wurden aber durchaus einige Komplexe zunächst ausgeklammert, die durch kontextuell erscheinende Hinweise im Laufe einer Partie näher gebracht werden.
Neben politischen Gebilden und Konfessionsgebieten gibt es noch die Kulturräume. Als mächtigster Herrscher oder Herrscherin einer Kultur könnt ihr die Entstehung einer einzelnen Kulturtechnik beschleunigen – etwa Münzprägung.


Schauwerte und Umfang

Die schickere Präsentation von Crusader Kings 3 fällt direkt ins Auge, wenn das Spiel startet: Die Landkarte ist eine auf einem massiven Holztisch ausgebreitete Stoffkarte und sobald ihr weit genug reinzoomt, ist das nicht wahnsinnig detailreiche Gelände nett anzusehen. Die 3D-Modelle der Herrscher und Günstlinge und Co. sind eine deutliche Verbesserung, aber auch hier keine Augenweide. Im Zweifel weiß ich nicht, ob mir ein in der Dynastie vererbtes kräftiges Kinn, wie es Paradox verspricht, groß auffallen würde. Denn das eigentliche Gameplay findet immer noch in den zahlreichen Menüs statt und der Blick wandert eben zu Zahlen und Strings und den schön sprechenden Icons, die in der Vorstellung zum Leben erwachen. Ebenfalls ein großer Komfortbonus ist das neue Hinweismenü, dass anzeigt, wenn Probleme eurer Aufmerksamkeit bedürfen und euch mit einem Klick zur entsprechenden Oberfläche bringt.

Vom Umfang her ist klar, dass Crusader Kings 3 im Basisspiel nicht eins zu eins die ganzen Inhalte auffahren wird, die der über Jahre mit etlichen DLCs gewachsene Vorgänger bietet. So kann eure Kampagne ab dem Jahr 867 starten (also nicht so früh wie in Crusader Kings 2 inklusive Charlemange-DLC) und alle Fraktionen der Karten sollen spielbar sein, mit Ausnahme des Papstes und jenen mit Staatsform Theokratie und Republik. Auch ein Inventar und Handel (und damit auch die Seidenstraße) werden im Basisspiel noch nicht enthalten sein. Dennoch machte Crusader Kings 3 auf mich nicht den Eindruck, dass aggressiv für die kommenden DLC die Schere beim Grundpaket angesetzt wurde.

Autor: Hagen Gehritz

 
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Meinung: Hagen Gehritz

In meinen Stunden mit Crusader Kings 3 habe ich viel über Menüs gebrütet und mich durch Tooltip-Schlangen gewühlt und auch kaum an der Oberfläche gekratzt. Teil 3 wird wieder ein Spiel, das mit seinen etlichen kleinen Variablen und Stellschrauben spannende Entscheidungen eröffnet und interessante, überraschende und auch komische Situationen erschafft, die das Kopfkino ankurbeln. Und das ist es, was Anhänger des Vorgängers auch im dritten Teil wieder für zahllose Stunden als Herzog, Khan oder Kaiser an den Bildschirm fesseln wird – auch wenn einige Features wie Handel oder Republiken als Staatsform nicht im Grundspiel enthalten sein werden.

Die Präsentation ist im Bereich der Karte und der Herrscherporträts ansprechender geworden, aber das Gameplay spielt sich letztlich in den vielen Menüs ab - auch eine Schlacht ist trotz aller Einflussfaktoren im Grunde nur ein runtertickender Balken. Das Hinweis-System ist ein großer Komfortgewinn, es verhindert aber nicht, dass ich manche selten gebrauchte Funktion erst einmal im Wust der Fenster wiederfinden muss. Für Neulinge wie mich wurde Crusader Kings 3 definitiv zugänglicher gestaltet, aber der Einstieg ist trocken wie das  Wälzen von (immerhin interessanten) Wikipedia-Artikeln.
Crusader Kings 3
Vorläufiges Pro & Contra
  • Komplexe Simulation von Welt und Figuren
  • Dynastie-Effekte und eigene Religionen
  • Komfortables Hinweis-System
  • Viele Hebel für Anpassung einer neuen Partie
  • Trotz schicker Herrschporträts recht viel Menüs und wenig Aktion auf der Spielkarte
  • Langes Tutorial etwas erschlagend
  • Menüführung teils zu verschachtelt
Aktuelle Einschätzung
Crusader Kings 3 ist keine Revolution, unterstreicht aber mit Neuerungen den RPG-Flair des auf die Herrschenden fokussierten Spielprinzips. Es bleibt vor allem ein Menüspiel und die Einführung holt Einsteiger besser ab, auch wenn es recht trocken geschieht. Zudem erweckt die gespielte Fassung nicht den Eindruck sich zu viel für kommende DLCs aufzuheben.
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Hagen Gehritz 14. Mai 2020 - 17:46 — vor 2 Wochen aktualisiert
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