Spiele-Archäologie von mrkhfloppy

Spiele-Check: Dead Tomb – (K)ein durchschnittliches Retro-Adventure

Switch XOne NES
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8. Februar 2024 - 11:12 — vor 2 Wochen zuletzt aktualisiert
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Heute zahlen wir auf Christian Schmidts These ein, dass hinter wirklich jedem Spiel – von der lieblos dahin geschluderten Lizenzgurke bis hin zum frechen Map-Pack – eine Geschichte steckt, die sich zu erzählen lohnt. Auf den ersten Blick scheint Dead Tomb wie das nächste Retro-Adventure vom Pixel-Fließband, das mit Blick auf die Kindheitserinnerungen alternder SpielerInnen maßgeschneidert wurde. Nur dass das Spiel bereits drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat und erst durch eine Videokassette vor dem „Aussterben“ bewahrt wurde.

Es war einmal in Kanada
Von 1990 bis 2006 betrieb das heute noch existierende Telekommunikationsunternehmen Vidéotron das analoge Kabel-TV-System Vidéoway, das vor allem im Raum Quebec (später auch im Vereinigten Königreich) zu Hochzeiten etwa 300.000 zahlende Kunden für sich gewinnen konnte. Neben dem eigentlichen Fernsehprogramm konnten Zahlungswillige damit allerlei interaktive (On-Demand-)Dienste nutzen, etwa zum Versenden von Nachrichten, der Zahlung von Rechnungen oder dem Finden der großen Liebe auf der hauseigenen Dating-Plattform. Pixel-Freunde konnten zudem auf eine Bibliothek von etwa 50 Videospielen zugreifen; darunter Portierungen bekannter Spiele wie Q*Bert und Burger Time.

Rund zehn Jahre nach dem Start des Vidéoway-Systems wurde 2000 dessen Vertrieb offiziell eingestellt und 2006 schließlich alle Dienste vom Netz genommen. Und darin liegt aus der heutigen Perspektive auch die Crux des Systems – zumindest aus Sicht der (besonders enthusiastischen) SpielehistorikerInnen und Fans. Selbst wenn man heute noch an einen der rar gesäten Receiver gelangt – Vidéotron gab diese seinerzeit nur auf Leihbasis außer Haus – vermag man kaum mehr als einen schwarzen Bildschirm samt Fehlermeldung auf die entstaubte Röhre zaubern. Und weil die Spiele niemals in physischer Form erhältlich waren, schlummern selbige dieser Tage bestenfalls noch im Kellerarchiv des Herstellers. Unter den verloren gegangenen Pixel-Erzeugnissen befand sich lange Zeit auch das Plattform-exklusive Temporel Inc., ein klassisches Adventure mit Verben-Steuerung.

Das dieser Verlust der Vergangenheit angehört, ist einem Fan zu verdanken, der auf Basis eines VHS-Mitschnitts das komplette Spiel rekonstruierte und es anschließend im Jahr 2015 als frei verfügbare Flash-Version im Internet veröffentlichte. Wenngleich „nur“ in französischer Sprache. Aber hier endet die Geschichte noch nicht. Im Jahr 2021 erschien das Adventure unter dem Namen Dead Tomb erstmals in Modulform (mit englischen Texten) im Rahmen einer Limited-Games-Run-Kampagne für das NES und ColecoVision. Und diese vermutlich finale Reinkarnation des Pixel-Kleinods wurde dieser Tage für die Nintendo Switch und Xbox Series X|S portiert und steht somit erstmals einem breiten Publikum zur Verfügung. Diese drei Jahrzehnte alte Einladung konnten wir schlicht nicht ausschlagen.
Dank der gemopsten Pyramidenspitze konnten wir einen Parkplatz erster Klasse ergattern.
Gestrandet bei den Pharaonen
Dead Tomb ist kein Pseudo-Retro-Titel, der unter seiner 8-Bit-Haube einen aktuellen Grafikmotor mit modernen Annehmlichkeiten versteckt. Nein, dieses Adventure schleudert euch über 30 Jahre in die Vergangenheit zurück und lässt euch die originale Spielerfahrung (erneut) erleben. Was für gewöhnlich wie eine Drohung in Sachen Schwierigkeitsgrad und Komfort klingt, entpuppt sich in diesem Fall jedoch als harmloser Spaziergang auf der Memory Lane. Das Vidéoway System bot gemäß seiner Zielgruppe in erster Linie familienfreundliche und gewaltlose Unterhaltung und diesem Mantra ordnete sich auch Temporel Inc. unter.

In dem Spiel mimt ihr einen Forscher, der in einer Art Raumgleiter durch die Zeit reist und neue Erkenntnisse für seine Auftraggeber sammelt. Nun ist euch aber der Saft ausgegangen und ein unfreiwilliger Tankstop im alten Ägypten steht an oberster Stelle der neuen Tagesagenda. Nach einer etwas holprigen Landung erwacht ihr im Inneren einer Pyramide und damit ist die Bühne für das bevorstehende Abenteuer auch schon vollends aufbereitet. Ihr durchkämmt auf der Suche nach einem mächtigen Kristall Kammer für Kammer die alten Gemäuer, um am Ende mit voller Schubkraft wieder in die Zukunft zu reisen.
Pixel-Grafik und Verbenliste – klassischer kann ein Adventure in den 90ern nicht sein.
Benutze Messer, öffne Tür
Ihr bewegt den Pixel-Forscher per Steuerkreuz durch die stimmungsvolle Szenerie und gelangt an entsprechenden Hotspots per Knopfdruck in die Verbenliste im unteren Drittel des Bildschirms. Insgesamt stehen euch zwölf Befehle zur Verfügung, darunter die Klassiker Schauen, Benutzen und Öffnen, aber auch eher obskure Tätigkeiten wie Gießen und Kosten. Letztere benötigt ihr dann auch an nur einer einzigen Stelle im Spiel. Die Rätselketten sind so kurzweilig wie logisch und sollten für niemanden eine ernsthafte Hürde darstellen. Ausgenommen davon sind vielleicht die Aufgaben, die die wiederholte Ausführung der gleichen Aktion zur Lösung erfordern. Zum Beispiel das mehrmalige Ziehen, bevor sich ein Nagel aus der antiken Wand löst.

Da der Protagonist sein Handeln weder kommentiert noch Selbstgespräche führt und euch im gesamten Spielverlauf keine Menschenseele begegnet, entfällt jegliche Form des Dialogs und die üblichen, damit verknüpften Spielmechaniken. Lediglich die giftige Fauna gibt ein mitunter tödliches Stelldichein. Einen Tastendruck später steht ihr aber bereits wieder in der zuletzt genutzten Tür und könnt euer Vorhaben überdenken. Solltet ihr dies über Nacht tun, empfiehlt es sich die auf Schriftrollen vermerkten Passwörter zu notieren. Einen echten Spielstand gibt es nämlich nicht. Das ist jedoch nicht weiter schlimm, denn nach spätestens zwei Stunden sollte der Abspann über den Bildschirm flimmern. Neben dem niedrigen Schwierigkeitsgrad ist die kurze Spieldauer sicherlich auch den technischen Gegebenheiten des Vidéoway geschuldet, das die Spiele seinerzeit erst durch das Fernsehkabel saugen und im knapp bemessenen Speicher (8 Kibibytes plus 256 Kibibytes Video-RAM) unterbringen musste.
Auch für Zeitreisende ist noch kein Kraut gegen Giftschlangen gewachsen.
Fazit
Offengestanden fällt es mir schwer, das (harte) Urteil über Dead Tomb zu sprechen. Das Genre der Point-and-Click-Adventures erlebte in den 1990er Jahren getrieben durch Firmen wie LucasArts und Sierra On-Line seine Blütezeit und gegenüber diesen Giganten kann das kanadische Kleinod schlicht nicht bestehen. Doch auch für sich genommen weiß das Spiel nur in wenigen Augenblicken zu glänzen. Die Rätsel sind weder fordernd noch kreativ und die Szenerie um Zeitreisen und das alte Ägypten nicht mehr als ein bloßer Aufhänger für eine zweistündige MacGuffin-Suche. Mitunter durchquert man sogar reihenweise leere Räume, als ob der Hersteller „Ladezeiten“ kaschieren wollte.

Und doch hat sich seinerzeit ein einzelner Entwickler die Mühe gemacht, das Spiel auf Basis einer VHS-Aufzeichnung von Grund auf nach zu programmieren. Man muss dem Spiel zugutehalten, dass es im Prinzip nicht viel falsch, aber eben auch nichts Bemerkenswertes macht. Im Rahmen seiner Möglichkeiten kann man dem Titel sogar den Willen zur Inszenierung zugestehen. Das stimmige Intro, der thematische Chiptune-Soundrack und die nett gepixelten Räume und Grafiken beim Raumwechsel versprühen durchaus ihren Charme und tragen das Geschehen auf dem Bildschirm bis zu einem gewissen Grad.
  • Einzelspiel für Nintendo Switch, Xbox Series X|S, NES und ColecoVision
  • Point-and-Click-Adventure
  • Für Einsteiger und Fortgeschrittene
  • Erhältlich seit 26.1.2024
  • In einem Satz: Ein Adventure-Liebesbrief nicht für jedermann.

Video:

Hagen Gehritz Redakteur - P - 169081 - 8. Februar 2024 - 11:13 #

Da sage auch ich danke für den ungewöhnlichen Check mit historischem Abriss!

Glond2601 12 Trollwächter - P - 953 - 8. Februar 2024 - 11:23 #

Danke für den Check und den Hintergrund. Was Fans nicht alles machen ;)

Drapondur 30 Pro-Gamer - - 161309 - 8. Februar 2024 - 15:20 #

Coole Sache. Danke für den Check!

Flooraimer 15 Kenner - P - 3052 - 8. Februar 2024 - 15:44 #

Spannender Check :). Danke Floppy.

Jürgen 27 Spiele-Experte - 87213 - 8. Februar 2024 - 16:03 #

Ich liebe Hintergrundgeschichten. Danke dafür!

Noodles 26 Spiele-Kenner - P - 74801 - 8. Februar 2024 - 16:09 #

Interessante Geschichte, uninteressantes Spiel. ;)

Ganon 27 Spiele-Experte - - 83519 - 9. Februar 2024 - 14:39 #

Genau, und interessanter Check!

Olphas 26 Spiele-Kenner - - 66850 - 8. Februar 2024 - 16:42 #

Das Spiel interessiert mich nicht, aber der Check war trotzdem superinteressant!

Rainman 25 Platin-Gamer - - 55812 - 8. Februar 2024 - 17:15 #

Beim Teaserbild hatte ich einen Moment lang auf eine Art Dungeon Crawler gehofft. ;)

Sehr schöner Check. Danke!

Flooraimer 15 Kenner - P - 3052 - 8. Februar 2024 - 18:42 #

Dann gings nicht nur mir so :). Aber Adventures sind ja auch was feines.

mrkhfloppy 22 Motivator - 35624 - 8. Februar 2024 - 19:02 #

Das tut mir leid, ich wollte da keine falschen Hoffnungen wecken. Die Bilder beim Szenenwechsel sind leider die einzigen, die zumindest das Minimum an Aufforderungscharakter versprühen, das ein Teaserbild braucht. Das Packungs-Artwork ist in meinen Augen nicht besonders gelungen und alle anderen Screenshots (die Röhren-Blende kaschiert hier ja einiges) würden aufgrund der Größe des Vorschaubilds auf der Startseite an den demografischen Gegebenheiten von GG scheitern:)

Admiral Anger 27 Spiele-Experte - P - 83306 - 8. Februar 2024 - 18:36 #

Super Artikel, v.a. die Einordnung fand ich sehr interessant.
Sieht eigentlich ganz schick aus, aber ich gehe wahrscheinlich eher Full Circle und schaue mir am Ende ein YT-LP zu dem mühsam von VHS neugebauten Spiel an. ;)

mrkhfloppy 22 Motivator - 35624 - 8. Februar 2024 - 19:04 #

Ich hätte von dir mehr erwartet. Du kommst doch aus Klein-Paris, da sollte dir dein Französisch doch gleich die Tür zum "Original" Fan-Flash aufstoßen.

Admiral Anger 27 Spiele-Experte - P - 83306 - 9. Februar 2024 - 17:58 #

"Arthur est un perroquet" und "Eh boum! C'est le choc" sind leider die einzigen Sachen, die aus der Schulzeit hängengeblieben sind. Und selbst da musste ich jetzt erstmal die Schreibweise googlen. ;)
---
P.S.: Schlimm, dass ich jetzt sogar noch mehr gelernt habe. "Klein-Paris" war mir tatsächlich nicht geläufig.

Noodles 26 Spiele-Kenner - P - 74801 - 9. Februar 2024 - 20:39 #

Ihr hattet anscheinend dasselbe Französisch-Buch wie wir, denn mir ist auch "Arthur est un perroquet" im Gedächtnis geblieben. :D

mrkhfloppy 22 Motivator - 35624 - 9. Februar 2024 - 20:44 #

Der Klassiker: Etudes Françaises - Découvertes

Noodles 26 Spiele-Kenner - P - 74801 - 9. Februar 2024 - 20:46 #

Ja, das war es, grad mal gegooglet und wiedererkannt. :D

Harry67 20 Gold-Gamer - - 24067 - 10. Februar 2024 - 9:20 #

Danke für den informativen Artikel. Ein richtiger Spieleexot. Toll!

TheLastToKnow 29 Meinungsführer - - 123947 - 10. Februar 2024 - 9:38 #

Sehr spannender Check, der mir wieder ein Stück unnützes Adventure-Wissen geschenkt hat. Vielen Dank :)

Deklest 13 Koop-Gamer - 1449 - 10. Februar 2024 - 12:43 #

Wenn die ganzen Hintergrundinfos zu einem Spiel interessanter sind, als das Spiel selber. Ein sehr schöner Check mit einem bemerkenswerten historischen Hintergrund. Vielen Dank dafür.

StefanH 26 Spiele-Kenner - - 65035 - 10. Februar 2024 - 14:00 #

Der Trailer ist ja ganz nett, aber das ist nicht ganz meine Art von Adventures. Danke für den Check!

Alain 24 Trolljäger - P - 47185 - 11. Februar 2024 - 14:06 #

Absolute Kudos an die Preservisten und die Ausgräber solcher Besonderheiten - und dann noch einen Artikel darüber.

Patorikku 17 Shapeshifter - P - 7015 - 11. Februar 2024 - 17:15 #

Denke eher man muss dieses Spiel mit "seinesgleichen" vergleichen, also z.B. mit Shadowgate oder Maniac Mansion auf dem NES, hab beide Titel damals jedenfalls geliebt. Dass man es nun auch auf Switch und Xbox spielen kann ist eher der Tatsache geschuldet, dass nicht mehr jeder Gamer noch ein funktionierendes NES angeschlossen hat und man das Spiel so einer großen Gruppe zugänglich machen will. Für NES-Point'n'Click-Fans der 80/90er würde ich eine Empfehlung aussprechen.

mrkhfloppy 22 Motivator - 35624 - 11. Februar 2024 - 18:55 #

Ich sagte ja, nicht für jedermann. Aussagen der Art "für Plattform X nicht schlecht" sind ja immer auch ein klein wenig vergiftet, aber ich versteh' schon deinen Punkt. Ich kenne Manic Mansion nur dem Leumund nach, aber wenn das in inhaltlicher Gänze auf dem NES umgesetzt wurde, würde es schon einen riesigen Schatten auf Dead Tomb werfen. Jedoch wäre das auch der falsche Vergleich, denn wir müssten das Vidéoway als Basis daher nehmen. Aber das wird aus verschiedenen und naheliegenden Gründen schwierig. Angefangen bei den wenigen veröffentlichten Spielen bis hin dass ich keine Ahnung habe, was die Kiste abzubilden im Stande war.

TheRaffer 23 Langzeituser - P - 40051 - 13. Februar 2024 - 12:49 #

Danke für den Check :)

Mitarbeit
Adventure
3
Leo Brophy
01.01.2021 (NES) • 26.01.2024 (Switch, Xbox One)
0.0
NESSwitchXOne