Alter Ego trifft Fighting Fantasy

Jörgspielt: The Life and Suffering of Sir Brante in Times of the Fall of the Blessed Arknian Empire
Teil der Exklusiv-Serie Jörgspielt

PC XOne Xbox X PS4 PS5
Bild von Jörg Langer
Jörg Langer 441038 EXP - Chefredakteur,R10,S10,A10,J9
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14. Februar 2022 - 0:58 — vor 19 Wochen zuletzt aktualisiert

Teaser

Gestatten, mein Name ist Jorgos Brante. Hier geht es um mein Leiden in mehreren Inkarnationen, wobei ich es gar nicht als Leiden beschreiben würde. Sondern als vergnüglichen Kampf gegen das Schicksal.
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Vor elf Monaten erschien es schon für PC, letzten Donnerstag ist The Life and Suffering of Sir Brante in Times of the Fall of the Blessed Arknian Empire auch für Xbox und Playstation inkarniert. "15 Stunden für ein einziges Playthrough", wie es die zugehörige Presseagentur Gamepress behauptet, ist zwar krass übertrieben, außer vielleicht für Leute mit ausgeprägter Lese- und Englisch-Schwäche. Aber ich habe etwa elf Stunden voller Vergnügen für zwei Durchgänge mit vorzeitigem Scheitern und einen dritten, nun ja, erfolgreichen gebraucht.

Das narrative Rollenspiel entstand beim russischen Studio Sever (im westsibirischen Tomsk ansässig) mit Crowdfunding-Hilfe, und ich finde es schade, es bislang verpasst gehabt zu haben. Es ist eine intelligente Mischung aus dem Klassiker Alter Ego und typischen Fighting-Fantasy-Spielbüchern (aber ohne jegliches Würfeln). Es diskutiert einerseits philosophische Fragen und stellt mich andererseits vor die Wahl, ob ich es als Geschichtenhörer erleben möchte oder als Spieler, der vor allem auf Werte und Resultate achtet, um bestimmte Ziele zu erreichen. Ich rate stark zu letzterem, zumindest nach dem ersten Durchgang.

Dummerweise eignet sich The Life And Suffering of Sir Brante einerseits fantastisch für eine "Was ich erlebt habe"-Nacherzählung wie beim Bannerlord-Jörgspielt neulich, andererseits besteht es ja nur aus Story, und ich möchte euch das Vergnügen des eigenen Spielens und Entdeckens nicht zerstören, sollten euch diese Zeilen Lust auf Sir Brante machen. Darum deute ich nur einige Vorkommnisse aus meinen drei Durchgängen an, und komme dann zur Spielmechanik.
Das Spiel besteht aus fünf unterschiedlich langen Kapiteln. Ab Kapitel 3 ist ein Game Over möglich, wenn ihr das vierte Mal sterbt, oder ihr keines der Ziele von Kapitel 4 schafft.
Mein Leiden als Jorgos Brante
In meinem ersten Leben wuchs ich als Jorgos Brante auf, als bürgerlicher Sohn des Mantel-Adligen Robert Brante, zusammen mit dessen proto-adligen Sohn Stephan, Roberts bürgerlichen Frau (und meiner Mutter) Lydia und deren Tochter aus erster Ehe, Gloria. Nach mir gebar Lydia einen weiteren bürgerlichen Sohn, Nathan. Denn in jener Welt hat ein jeder Mensch sein Los zu tragen: Als Arknier oder Mensch, als Adliger oder Geistlicher oder eben als niederer Bürgerlicher. Die Zwillingsgötter, so heißt es, wollen keine Veränderung; die Adligen sollen für immer herrschen und die Bürgerlichen sollen ihnen für immer dienen und leiden. Dafür darf ein jeder, der kein schlimmes Verbrechen begeht, drei geringere (aber gleichwohl echte) Tode sterben, erst der vierte ist der endgültige – dann entscheidet sich, ob seine Seele am Fuße des großen Silberbraums auf ewig leiden muss oder aber aufsteigen darf in dessen Krone. Interessanterweise führen Todesurteile durch Richter sofort zum wahren Tod, ebenso ein Tod im hohen Alter.

Diese Ausgangssituation ist in jedem Leben gleich, aber ob die Familie Brante an den in ihr gespiegelten Widersprüchen der Welt zerbricht oder beisammen bleibt, ob sie dem Wunsch meines Großvaters Gregor Brante folgend zu den Schwert-Adligen aufsteigt (und somit fortan ihren Adelsstand vererbt), das liegt an mir und meinen Entscheidungen. Ich kann nicht verhindern, dass Gregor meine Mutter und Schwester wie Dienstboten behandelt, aber ich kann entscheiden, wie ich mich dazu verhalte. Überlebe ich lange genug, beeinflusse ich sogar, wie es meiner Heimatstadt Anizotte in der Südprovinz ergeht, ja dem ganzen Arknischen Imperium.

So versuchte ich in meinem ersten Leben, die Familie zusammenzuhalten und dennoch die Ambition des Patriarchen Gregors zu erfüllen, also die Familie aufsteigen zu sehen: Nach Kindheit und Jugend zog ich im Alter von 17 Jahren als Bürgerlicher in die ferne Hauptstadt Eterna, wo ich wunschgemäß die Universität besuchte. Trotz der zahlreichen aufkommenden Konflikte – Bürgerliche gegen Adlige, menschliche Adlige gegen den Uradel der Arknier, Neuer gegen Alter Glaube –, schaffte ich es, meine Ausbildung zum Richter abzuschließen und in den Mantel-Adel aufgenommen zu werden. Ich kehrte nach Hause zurück und wurde prompt zu  ständigen Entscheidungen gezwungen zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen meinen Ambitionen und der Reputation der Brante-Familie.

Komischerweise spielten Frauen keine große Rolle in meinem ersten Leben: Gloria verzieh mir nicht, dass ich im Zweifel die Familienehre über ihr Wohl stellte. Eine gewisse Sophia rettete ich zwar mit meinem ersten geringen Tod vor ihrem eigenen, und ich begegnete ihr auch noch einige Male, aber dann verlor ich sie für immer aus den Augen. Die Studentin Jeanne tauchte nur kurz in meinem Leben auf, denn sie entschloss sich, Priesterin zu werden. Jahre später traf ich sie wieder, sie war Inquisitorin, ich war Richter, es endete im Streit. Und die wunderschöne arknische Adlige Octavia Milanidas, Tochter des Herrschers der Südprovinz, machte mich zu ihrem menschlichen Gespielen, aber das brachte mir irgendwie auch nur Ärger.

Ich wünschte, ich könnte euch berichten, dass ich als Jorgos Brante ansonsten ein erfülltes Leben hatte. Und tatsächlich wurde ich als Beschützer der Bürgerlichen bekannt und hätte beinahe Fürst Otton, Befehlshaber einer Imperialen Legion und ein mörderischer Sadist, den Prozess gemacht. Doch der ständige Zwist in der Brante-Familie führte zu ihrem völligen Verfall, und statt den Prozess, dem ich alles andere untergeordnet hatte, zu gewinnen, fehlte mir am Ende die Unterstützung und ich musste das Beweismaterial vor den Augen Ottons verbrennen. Diese Schmach überlebte ich nicht lange.
Alle Personen, Gruppierungen und Strömungen werden auf einer Skala von entweder -5 bis +5 oder 1 bis 10 eingeordnet, jederzeit abrufbar über die Lesezeichen im Buch (wie auch Ziele und persönliche Attribute). Hier habe ich das Verhältnis zu Gloria um 1 verbessert.
Mein Leiden als Secundus Brante
In meinem zweiten Versuch, als "Secundus Brante", wusste ich schon, was ich anders machen wollte, sodass die Ereignisse meiner Kindheit und Jugend pfeilschnell an mir vorbeizogen. Ich überwarf mich diesmal nicht mit dem gestrengen Gregor Brante (der mich beim ersten Versuch gleich beim ersten Aufeinandertreffen totprügelte, ein geringer Tod, der mir später schmerzlich als weitere Chance gefehlt hatte). Ich ging abermals zur Universität, aber dieses Mal brachte mich das Zusammentreffen mit Jeanne auf den Gedanken, Priester zu werden. Dies gelang mir, obwohl mich meine Fähigkeiten nicht unbedingt dafür prädestinierten.

Als Inquisitor kehrte ich in meine Heimatstadt zurück und wurde bald in ihre Intrigen und Machtkämpfe vermittelt. Es rächte ich, dass ich erst spät in meinem Studium beschlossen hatte, von Richter auf Priester umzusatteln, mir fehlten schlicht die Voraussetzungen bei Überredungskunst und Theologie, um erfolgreich als Inquisitor zu wirken. Ich wurde zum Schild des Neuen Glaubens, doch obwohl ich nicht nur die Rechte der Neugläubigen vertrat, sondern nach altem Brauch eine Hexe, die ein Dorf hatte ergrünen lassen, verbrennen ließ, schwächte mein Wirken die Inquisition so sehr, dass am Ende dem abtrünnigen Patriarchen Cassius kein Kirchenprozess gemacht werden konnte. 

Wieder stand ich am Ende von Akt 4 mit leeren Händen dar, hatte kein Ziel erreicht, und wieder war meine Familie zerbrochen. Wieder starb ich, bevor ich die Revolte erlebte, die nach Kindheit, Jugend, Studium und Friendenszeit den letzten Akt darstellt.
Die statische Karte zeigt die Spielwelt, ihr reist aber nicht wirklich in ihr herum, sondern befindet euch, fest vorgegeben, in den Städten Anizotte beziehungsweise Eterna.

Mein Leiden als Rom Brante
Im dritten Leben hieß ich "Rom Brante" – und ging mit einer gehörigen Vorerfahrung ans Werk. Ich wusste, dass ich meine Attribute maximieren musste beziehungsweise diejenigen, die ich in meiner Karriere brauchen würde. Und ich wusste, dass ich immer einen Vorrat an WIllenskraft benötigte, um wirklich gute Entscheidungen zu treffen. Ich schlug wieder den Pfad des Richters ein (ich wollte kein Bürgerlicher bleiben, was auch möglich gewesen wäre). Dieses Mal ging ich vorsichtiger zu Werke, verlor bei meinem Streben nach Gerechtigkeit nie meine Karriere als Richter aus den Augen – da mich sonst die herrschenden Kräfte stürzen würden –, hielt meine Familie zusammen und mehrte beständig deren Reputation und Reichtum. Doch als Mutter auf dem Sterbebett lag, traf ich eine Wahl, die zwar die Familie rettete – uns aber für immer vom Aufstieg in den Erbadel ausschloss, worauf ich doch emsig hingearbeitet hatte! Es lag an einer einzigen, von mir falsch verstandenen Entscheidung, die "richtige" hätte ich ebenso wählen können.

Das war besonders schade, weil ich doch den Ruf der Familie erst kurz vor diesem Ereignis dadurch bewahrt hatte, dass ich meinen langjährigen Freund Tommas Guerro trotz unseres Treueschwurs verriet! Und obwohl ich es dieses Mal schaffte, Tommas' Peiniger, Fürst Otton, zu besiegen. Den nachfolgenden Aufstand hatte ich nicht gewollt, doch ich schwang mich zu seinem Führer auf und schaffte es tatsächlich, die Stadt zu einen und gegen den Ansturm der imperialen Legion zu verteidigen. Doch am Ende war der Sieg nicht von Bestand – und ich stand schließlich erneut vor den Zwillingsgöttern, nach meinem wahren Tod. Dieses Mal aber sagte ich ihnen stolz, dass mein Leben Veränderung gebracht und die Welt besser zurückgelassen habe, als ich sie vorgefunden hatte. Und sie gestatteten meiner Seele den Aufstieg in die Krone des Silberbaums. Zumal ich ihnen, noch lebend, einen wichtigen Tipp gegeben hatte, der mir nur deshalb eingefallen war, weil mein Bruder Nathan in diesem Leben zum... aber das könnt ihr selbst herausfinden, wenn ihr es richtig anpackt.

Wenn ihr euch Setting und Zusammenhänge von The Life and Suffering of Sir Brante selbst erschließen wollt, so könnt ihr nun aufhören zu lesen. Es folgen noch einige spoilerarme Anmerkungen zu den Mechaniken von The Life and Suffering of Sir Brante und natürlich meine Einschätzung.
In dieser optionalen Episode seht ihr links die Vorbedingung und rechts die Resultate für die  aktuell ausgewählte Aktion "Parieren". So funktioniert das gesamte Spiel.

Das Spiel The Life and Suffering of Sir Brante
TLaSoSBiTotFotBAE, so der abgekürzte Titel, ist ein leselastiges Vergnügen. Außer umblätternden Seiten, den Porträts der 31 Charaktere (plus Hauptfigur), den öfters  wiederverwendeten Zeichnungen auf der rechten Seite sowie einer Karte des Imperiums gibt es keine Grafiken im Spiel. Zwischen den Akten wird eine kurze animierte Cutscene abgespielt, die zumindest bei meiner Version nicht synchronisiert war, sondern auf Russisch erschallte. Die englischen Texte sind nicht gerade literarisch, aber dennoch gut geschrieben. Überhaupt vergisst man schnell, dass man nur Text vor sich hat, denn man wird bald in die etwas skurrile, aber dennoch glaubwürdige Welt hineingezogen, wozu auch die schöne Musik und einige Soundeffekte ihren Teil beitragen. Stimmen erklingen in den Dialogen nie.

Die Spielwelt befindet sich in einem "magischen Spätmittelalter". Die Herrenrasse der blauhäutigen Arknier steht oben in der Machtpyramide und stellt den Imperator und andere wichtige Adelsfamilien. Dann kommt der menschliche Erbadel, der viel zahlreicher ist als der arknische, danach der Verdienstadel (wer sich in Armee oder Verwaltung bewährt, kann auf Lebenszeit aufsteigen), dann die Kirche, und darunter die Masse der überwiegend  armen, teils aber auch reichen Bürgerlichen, die auch das Fußvolk des imperialen Heeres stellt.

Manche Menschen sind magisch begabt und werden als Hexer oder Hexen verfolgt, selbst wenn sie Gutes tun. Priester hingegen dürfen zaubern, wobei sie ein Silberplättchen schmelzen. Beim "geringen Tod" verschwindet die Leiche binnen Augenblicken und taucht in der Familengruft oder in einer öffentlichen Kirche wieder auf. Es gibt strenge Gesetze und akribische Rechtsprechung, aber bislang bekamen die Adligen immer Recht, wenn sie sich mit einem Bürgerlichen stritten – just dies beginnt sich während der Handlung zu ändern. Und auch die Gewissheit des Alten Glaubens, dass die Zwillingsgötter, die sich durch die Wiedererweckungen und Co. ganz handfest in der Welt manifestieren, jedem Menschen bei Geburt ein Los zuteilen, das dieser zu erfüllen habe, gerät ins Wanken.

The Life and Suffering of Sir Brante besteht aus einer ganz überwiegend linearen Abfolge von Ereignissen, in denen ich jeweils mehrere Handlungsmöglichkeiten habe – außer, mir fehlen die Voraussetzungen dafür (mindestens eine Aktion ist immer möglich). In Kindheit und Jugend habe ich unterschiedliche Attribute, die sich dann in der Zeit des Studiums zu neuen addieren, die mir von da an das restliche Leben lang bleiben und sich weiter verbessern lassen. Zudem gibt es die "Willenskraft", die quasi die Energie für bestimmte Handlungen darstellt, sie wird durch Benutzung verbraucht.

Durch meine Handlungen steigere oder senke ich mein Verhältnis zu anderen Figuren oder verdiene mir bessere Attribute oder – und darüber funktioniert das Spiel intern, statt den gewaltigsten Entscheidungsbaum in der Geschichte der Computerspiele aufzubauen – bestimmte "Zustände". Diese können mich betreffen oder andere Personen, es sind quasi Marker, die frühere Ergebnisse festhalten. Zwei Beispiele: Nur wenn ich den Status "Beschützer der Bürgerlichen" habe, neben anderen Vorbedingungen, darf ich den bösen Sir Otton anklagen, was zudem leichter geht, wenn ich auch den Status "Beweise gegen Sir Otton" aktivieren konnte.

Und nur wenn ich sowohl in der Kindheit "Fechtstunden mit Vater" hatte als auch in der Jugend den "Pfad des Adligen" beschritt, kann ich meinen Turnierkampf im Studium Vater widmen und gewinnen – sofern ich außerdem auch noch genügend Attributspunkte in "Tapferkeit" besitze, beeinflusst von zahlreichen früheren Entscheidungen. Was mir das bringt? Neben dem Erfolg an sich, der mir am Ende meines Lebens noch mal angezeigt wird, auch ein Gesprächsthema bei einem Fest, womit ich meiner Familie eine erkleckliche Rufsteigerung verschaffen kann.
Um am Ende von Kapitel 3 den Turniersieg zu schaffen, müsst ihr euch nicht nur für die richtige Profession entscheiden, sondern in Kapitel 1 und w die Weichen richtig stellen.

Es gibt dutzende solcher "Zustände", damit schaffen es die Entwickler, trotz der wirklich gewaltig vielen Entscheidungsmöglichkeiten das Spiel zusammenzuhalten und – mit wenigen Ausnahmen – auch ein kohärentes Erlebnis zu bewerkstelligen. Nur  selten merkt man, dass manche Texte bewusst unscharf geschrieben wurden, um zu mehreren möglichen Vorgeschichten der aktuellen Situation zu passen. Echte "Ähem, also, Moment mal..."-Momente bleiben rar.

Wirklich alles im der Spielwelt wird als Zahlenwert auf einer 1-bis-10-Achse dargestellt. Die Ordnung, der Wohlstand und die Zufriedenheit in der Provinz. Die Macht von Kirche und die Stärke des Glaubensschismas. Der Reichtum eurer Familie, ihr Zusammenhalt. Und so weiter, und so fort. Für manche Ziele benötigt ihr neben festen Vorbedingungen auf eurer Seite zwar hohe, aber nicht höchste Werte. Ich weiß, das klingt alles furchtbar kompliziert, ist es aber gar nicht, nach dem ersten erfolglosen Durchgang habt ihr das Prinzip verstanden.

Ihr seht  zu jeder Handlungsoption, was ihre Vorbedingungen sind und was ihre exakten Ergebnisse. Das ist ziemlich wichtig, da ihr sonst nur raten könnt, wieso manche Aktionen nicht gehen, und was die Auswirkungen sein werden. Sollte bei euch, wie bei mir auf der Xbox, nach einem Wechsel der Konsole in den Standby-Modus diese Anzeige plötzlich fehlen, hilft es, das Spiel per Xbox-Menü zu beenden und neu zu starten (oder notfalls den Konsolenstecker zu ziehen). Ihr könnt diese Hilfe auch absichtlich abstellen, aber dann agiert ihr quasi im Blindflug – erfolgreiches Spielen ist dann kaum möglich, ich rate euch nicht dazu.

Euch wird nämlich zu Beginn jedes Kapitels auch gesagt, welche Ziele und besonderen Leistungen ihr darin  erreichen könnt, und was die Vorbedingungen dafür sind. Etliche davon schließen sich gegenseitig aus, aber auch ansonsten sind sie nicht leicht zu schaffen, trotz der genauen Anzeige. Also ist einiges an Planung nötig, um sie zu erreichen.
Das Spiel zeigt euch bereits am Kapitelbeginn an, welche Kapitelenden und sonstigen Leistungen erreichbar sind, und mit welchen Voraussetzungen. Nur so könnt ihr gezielt auf sie hinspielen. In Kapitel 4 erhaltet ihr sogar mittendrin eine Erinnerung an die Ziele.

Spielzeit und Wiederspielwert
Ich spielte etwa vier bis fünf Stunden bis zu meinem Scheitern am Ende von Kapitel 4. Dann machte ich mich an einen zweiten Durchgang, wobei ich mehrmals neu startete, um die Kindheit "optimal" zu spielen, ansonsten aber bis weit in Kapitel 3 hinein fast alles wegklickte, weil ich es schon kannte, um so schnell wie möglich zur nächsten Entscheidung zu kommen. Nach etwa drei Stunden scheiterte ich erneut, aber eben dieses Mal in der Priester-Handlung. Bei meinem dritten und "erfolgreichen" Durchgang versuchte ich mich erneut als Richter, klickte noch mehr Texte weg, weil ich sie schon kannte, und war nach dreieinhalb Stunden am Ende von Kapitel 5. Lustigerweise kommt dann, ganz ähnlich wie beim gestern durchgespielten Total War Warhammer 3, eine längliche Rekapitulation meiner wichtigsten Leistungen. 

Euch erwarten, vergisst man viele kleine Entscheidungen und die Jagd nach bestimmten Leistungen, die immer gleichen ersten beiden Kapitel. In der Mitte des dritten Kapitels, nach etwa zwei Fünfteln der Gesamt-Spielzeit entscheidet ihr euch dann für einen von drei Wegen: Richter, Priester (Inquisitor) oder Bürgerlicher.

Das Kapitel 4 (das längste der fünf) erzählt dann entsprechend eine eigene Geschichte, auch wenn sich einige Ereignisse, nämlich die in eurer Familie, exakt gleichen. Manche schon bekannte Geschehnisse seht ihr aus anderem Blickwinkel, und manche Charaktere, die vielleicht beim "Richter" kaum vorkamen, spielen dann beim "Priester" plötzlich eine viel größere Rolle. Das fand ich sehr reizvoll. Kapitel 5 ist dann wieder für alle Berufe dasselbe, wobei ihr je nach Laufbahn andere Optionen und Ziele habt.

Da es bei Richter und Priester zwei gegensätzliche "Laufbahnen" gibt, was beim bürgerlichen Pfad genauso sein dürfte, erwarten euch quasi sechs Hauptpfade durchs Spiel, oder auf der Metaebene: fünf Gründe für abermaliges Durchspielen. Zudem triggern bestimmte "Zustände" oder Werte eigene kleine Episoden, so dass ihr auch beim wiederholten Durchspielen neben viel Bekanntem das eine oder andere Neue erleben werdet. Genau genommen gibt es auch noch mehr Pfade, da es in Kapitel 4 und 5 diverse mögliche Kapitelenden gibt, von denen sich immer nur eines erreichen lässt per Durchgang.

Ich ärgere mich zum Beispiel ein wenig, im dritten Durchgang ein womöglich "besseres" Spielende ganz knapp verpasst zu haben, am Ende war der Wert bei einer Vorbedingung um 1 zu klein. Da könnte ich nun einfach an den Start des fünften Kapitels zurück (außer einem Instant-Autosave gibt es nur die Kapitelanfänge als Wiedereinsprungspunkte), dann wäre das eine Sache von einer halben Stunde. Außerdem hätte ich Lust, auch den Priester-Pfad zu einem glücklichen Ende zu führen, da könnte ich zeitsparend mit Kapitel 3 neu starten. Und dann noch den bürgerlichen Pfad, den ich noch gar nicht kenne. Aber für den sollte ich wohl wegen einer bestimmten Entscheidung noch mal in die Kindheit zurück, und das wäre mir dann aktuell doch zu viel des Guten...

Kurzum: Wer auf narrative Erlebnisse steht, sollte sich dieses Indie-Juwel mit seiner besonderen Stimmung unbedingt ansehen. Und glaubt mir, es ist mehr Spiel enthalten, als es zunächst scheinen mag.
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Jörg Langer Chefredakteur - P - 441038 - 14. Februar 2022 - 0:58 #

Viel Spaß beim Lesen!

RoT 20 Gold-Gamer - P - 21057 - 14. Februar 2022 - 1:19 #

Sieht erstmal erfrischend anders aus, ich lese mich mal ein bisserl ein und schaue, was sich dahinter verbitgt :D

euph 29 Meinungsführer - P - 115134 - 14. Februar 2022 - 1:54 #

Liest sich interessant, kommt mal auf die Wunschliste

Claus 31 Gamer-Veteran - - 346474 - 14. Februar 2022 - 2:12 #

Das hat schon mal Neugierig auf mehr gemacht.
Spielbücher als reales Buch als auch als Computer-Umsetzung haben mir schon seit kühnster Frindheit am Herzen gelegen, um es mit den Schulzes aus Tim & Struppi zu sagen.

rofen 15 Kenner - P - 2765 - 16. Februar 2022 - 21:27 #

Na, das hast Du ja gefickt eingeschädelt ... ;-)

ds1979 17 Shapeshifter - - 8752 - 14. Februar 2022 - 8:01 #

Nettes "Spiel" aber warum sollte man ein modernes Fighting Fantasy Buch am TV\Monitor lesen? Besonders wenn es akutelle gute Bücher wie Reiter der schwarzen Sonne gibt?

Jörg Langer Chefredakteur - P - 441038 - 14. Februar 2022 - 9:25 #

Vor der Dachzeile aufgehört zu lesen? Da findest du deine Antwort :-)

ds1979 17 Shapeshifter - - 8752 - 14. Februar 2022 - 10:21 #

Selbstverständlich habe ich den gesamten Text gelesen und gleich geschaut was der Spass aktuell kostet. Den aktuellen Preis (wahrscheinlich bin ich Gamepass verwöhnt) würde ich dafür jedoch nicht löhnen. Im nexten Sale für nen 10.:)

Jörg Langer Chefredakteur - P - 441038 - 14. Februar 2022 - 10:31 #

Aber wieso stellst du dann die Frage? Für dich als Spielbuch-Kenner sollte doch klar sein, dass das Spiel einges macht, was ein Spielbuch so gar nicht leisten kann. Ich nenne einfach mal Vielschichtigkeit (Familie, Kapitelziele), Komplexität (32 Charaktere! Dutzende Zustände und weitere Statuswerte) und die Musik.

Ich denke, du würdest großen Spaß haben damit :-)

Jürgen 26 Spiele-Kenner - P - 67246 - 14. Februar 2022 - 13:41 #

Gerade mal geschaut. Reiter der schwarzen Sonne kostet 19,95. Warum möchtest Du hierfür nur einen Zehner zahlen?

ds1979 17 Shapeshifter - - 8752 - 14. Februar 2022 - 20:17 #

Mhm mein persönliches Problem war das ich mich auf den FF Aspekt versteift habe. Dabei wäre der Vergleich mit King of the Dragon Pass hier viel eher angebracht. Die physische Version von RDS war mir sogar 30 Euro wert ( mit extra Würfel und Soundtrack). Wie ich schon schrieb seitdem ich dem GP habe bewerte ich Spiele automatisch anders, besonders wenn sie rein digital sind. Da trägt halt bereits die MS-Strategie Früchte;)

Hendrik 27 Spiele-Experte - P - 90005 - 14. Februar 2022 - 8:14 #

Das klingt sehr interessant, danke für deine Eindrücke. Ich werde es mir mal ansehen.

Shake_s_beer 17 Shapeshifter - - 7032 - 14. Februar 2022 - 9:02 #

Interessant. Spielbücher mochte ich vor allem als Kind sehr gerne, danach habe ich mich damit nicht mehr so beschäftigt. Danke für das Jörgspielt! :)

Danywilde 30 Pro-Gamer - - 133098 - 14. Februar 2022 - 9:56 #

Das liest sich wirklich interessant und könnte was für gemeinsame Spieleabende auf der Couch sein.

TheRaffer 22 Motivator - - 34143 - 14. Februar 2022 - 17:32 #

Schick, das ist mal ein überraschender Tipp. Schaue ich mir gerne genauer an, auch wenn ich befürchte, dass mir das Spiel schnell zu frustig wird. ;)

Slaytanic 25 Platin-Gamer - - 60312 - 14. Februar 2022 - 20:22 #

Nach dem Lesen habe ich es mal auf meine Steam Wunschliste gesetzt.

Peter Verdi 17 Shapeshifter - - 6187 - 14. Februar 2022 - 22:11 #

Ui, das hatte ich ja gar nicht auf dem Schirm - hört sich ganz nach meiner Kragenweite an, also hab ich mir's mal gleich für die PS5 geholt. Danke für den Tipp von links außen!

paschalis 30 Pro-Gamer - - 221686 - 16. Februar 2022 - 16:47 #

Schöner Artikel zu einem interessanten Spiel. Ich kann es mir auch gut auf der Switch und für Handy vorstellen, vielleicht kommen Umsetzungen dafür noch. Auf letzteren dürfte es allerdings schwierig sein, einen anständigen Preis erzielen zu können.

Die ersten beiden Kapitel sind übrigens auf Steam und GOG als Demo spielbar.

Sever
101XP
04.03.2021 (PC) • 10.02.2022 (Playstation 4, Playstation 5, Xbox One, Xbox Series X)
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