PM: Frauen im Gaming: Empathie ist wichtiger als das eigene Ego – Linda Rendel, Producerin bei Ubisoft Düsseldorf (Microsoft Xbox Wire)

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7. April 2021 - 17:30
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HINWEIS: DIES IST EINE PRESSEMITTEILUNG, KEINE REDAKTIONELLE NEWS

Gaming wird immer vielseitiger, diverser und auch weiblicher! Anlässlich des Women‘s History Month widmet Xbox den ganzen März inspirierenden Entwicklerinnen, Redakteurinnen, Streamerinnen und weitere Frauen, die einzigartige Einblicke in ihren Job geben. Zwar ist der Women’s History Month mittlerweile vorbei, doch das ist kein Grund, die Interviewreihe zu beenden – schließlich gibt es so viele, faszinierende Frauen, die jeden Tag einen unersetzlichen Beitrag für die Spieleindustrie leisten. Dieses Mal sprechen wir mit Linda Rendel, Producerin bei Ubisoft Düsseldorf, die an Spielen wie Die Siedler Online, Beyond Medusa’s Gate und Prince of Persia: The Dagger of Time mitgearbeitet hat. In diesem Interview erfährst Du mehr zu Lindas Werdegang, ihrer Motivation und dem Beruf Videospiel-Producer*in.

Hey Linda, Dein Weg hat Dich vom Studium Englischer Literatur in die Spieleentwicklung geführt. Jetzt arbeitest Du als Producerin erfolgreich bei Ubisoft Düsseldorf. Wie kam es zu diesem Kurswechsel?

Bei mir hat die Faszination für Videospiele schon in der Kindheit angefangen. Mein Großvater war bereits sehr Gaming-begeistert und hat oft an seinem PC herumgeschraubt – so waren Spiele schon immer ein Teil von mir. Aber gerade in der Schul- und Studienzeit war mir einfach nicht bewusst, dass Arbeiten in der Videospiel-Industrie ein echter Karriereweg sein kann – es fehlte einfach an Sichtbarkeit und ich stellte mir die Hürden wahnsinnig hoch vor. Während meines Masters besuchte schließlich ein Ubisoft-Producer unsere Uni und hielt einen Vortrag, über seinen Beruf. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass dieses Jobprofil zu mir passen könnte und ich diesen Weg gehen will. Begonnen habe ich mit einem Praktikum bei einem kleinen Entwicklerstudio für Lernspiele. Da ich insbesondere an den Management-Aufgaben dort sehr viel Spaß hatte, hat sich mein Wunsch verfestigt, Producerin zu werden. Nach dem Praktikum begann ich, mich deutschlandweit bei Studios zu bewerben – hatte aber leider keinen Erfolg. Um mehr über die Branche zu lernen, besuchte ich in dieser Zeit viele Branchen-Konferenzen und sprach vor Ort mit verschiedensten Leuten aus der Industrie – das hat ungemein geholfen! Und eines Tages nach einem entmutigenden Bewerbungsgespräch (lacht) bekam ich einen Anruf von einem Konferenz-Kontakt, der bei Ubisoft Deutschland arbeitete und mich für eine Producer-Stelle wollte. Und bis heute bin ich sehr glücklich, nie aufgegeben zu haben!

Viele junge Leute wollen in der Spieleentwicklung arbeiten. War der Einstieg in einem großen Entwicklerstudio so, wie Du ihn Dir vorgestellt hattest oder gab es Überraschungen?

Natürlich hatte ich schon ein paar Erfahrungen aus meinem Praktikum, jedoch war ich überrascht, wie viel Vertrauen mir von Anfang an entgegengebracht wurde. Man wurde sofort ins Team integriert und ich konnte so viele Fragen stellen, wie ich wollte. Ich hätte gedacht, dass ich als quasi Quereinsteigerin größere Hürden hätte überwinden müssen.

Was sind die Hauptaufgaben einer Producerin und wie gestaltet sich Dein Arbeitsalltag?

Ich glaube über die Aufgaben von Producer*innen könnte man einen ganzen Tag reden. (lacht) Wie man vielleicht schon herausgehört hat, sind Management und Kommunikation extrem wichtig. Aktuell arbeiten wir an einem Assassin‘s Creed VR-Spiel für Oculus, bei dem ich für die Technologie-Teams hauptverantwortlich bin. Bei einer Spieleentwicklung gibt es immer verschiedene Component-Teams, bei denen jedes sein eigenes Spezialgebiet hat. Es gibt Teams wie Gameplay, Technologie, Qualitätssicherung und vieles mehr. Diesen Teams wiederum ist jeweils ein*e Producer*in zugeordnet. In Rücksprache mit ihren Teams entwerfen diese Producer*innen gemeinsam eine große Roadmap, auf der festgelegt wird, wo wir mit unserem Projekt langfristig hinwollen. Anschließend wird diese Planung wieder in zweiwöchige Sprints unterteilt. Und wir Producer*innen sind in diesem gesamten Prozess das Sprachrohr der Teams. Wir kümmern uns um die interne Kommunikation, haben aber auch ständig Kontakt zu den Producer*innen der anderen Teams. Bei uns laufen die Fäden zusammen und wir erhalten über den gemeinsamen Austausch einen Überblick, wo das Projekt steht und wo wir nachbessern müssen. Wichtig ist immer, dass wir einen Arbeits- und Managementstil finden, der für alle Teams und Mitarbeiter*innen gut funktioniert.

Was macht für Dich als Producerin das Fundament eines guten Spielkonzepts aus?

Ich glaube, jede*r Producer*in würde darauf eine ganz persönliche Antwort finden. Es gibt nicht den einen Königsweg, der zu einem guten Spiel führt – hier muss jede*r für sich selbst herausfinden, welcher Weg am besten für das Projekt aber auch das Team passt. Für mich ist es mit am wichtigsten, dass wir alle immer an die Menschen denken, für die wir ein Spiel entwickeln. Das neue Spiel soll ein gutes Gefühl in ihnen auslösen und im Idealfall ihr Leben bereichern. Ich glaube ein empathischer Ansatz ist ganz wichtig, um nicht aus den Augen zu verlieren, woran die Spieler*innen Freude haben. Denn Videospiele können das Leben eines Menschen unheimlich bereichern – das vergisst man im Arbeitsalltag manchmal.

Die Gaming-Branche war immer schon männerdominiert – auch auf Seiten der Entwicklung. Hattest Du mit Vorurteilen zu kämpfen? – und ist das heute noch immer so?

Ich persönlich glaube nicht, dass es Vorurteile mir gegenüber wegen meines Geschlechts gab – manchmal merkt man sowas natürlich auch nicht direkt. Aber da mein Team mir direkt großes Vertrauen entgegengebracht hat, hatte ich von Beginn an ein sehr gutes Gefühl. Ich sehe aber auch, dass es in anderen Bereichen der Spieleentwicklung ganz anders ist. Hier gibt es viele verschiedene Erfahrungen, da sind natürlich auch einige negative dabei – was ich sehr absurd finde. Wenn man auf die Ursprünge der Spieleentwicklungen zurückschaut – zum Beispiel in der Netflix-Doku Highscore – dann sieht man, dass die Videospielindustrie eine sehr inklusive Branche war, in der Frauen selbstverständlich toleriert und respektiert wurden. Erst durch spätere Marketing-Entscheidungen und die Ausdefinierung von Männern als primäre Zielgruppe entwickelte sich eine Gaming-Kultur, in der Frauen keinen Platz zu haben schienen.

Mittlerweile gibt es aber zum Glück neue Zahlen, die belegen, dass genauso viele Frauen wie Männer Videospiele spielen. Das ist inzwischen auch bei den meisten großen Studios angekommen, die nun verstärkt darauf achten, vielfältige Spiele zu entwickeln, die für eine Vielzahl von Personengruppen interessant sind. Ich hoffe, auf diesem Wege wird auch mit dem Klischee aufgeräumt, die Videospielindustrie sei nur etwas für Männer. Denn sie ist ein wahnsinnig interessanter Karriereweg und die Branche kann nur davon profitieren, wenn mehr diverse Menschen ihren einzigartigen Standpunkt in kommende Spiele einbringen.

Seit Jahren schon zeichnet sich ein Trend ab und der Wunsch nach mehr Diversität und Inklusion innerhalb der Branche, aber auch darüber hinaus, wird größer: Stellst Du diesen Trend auch in Videospielen fest?

Auf jeden Fall! Besonders Indie-Studios brechen schon seit geraumer Zeit aus stereotypischen Spielkonzepten aus und experimentieren mit frischen, unkonventionellen Ideen. Aktuell wird dieser Trend auch bei großen Studios immer deutlicher. Auch große Publisher erkennen jetzt, dass sie mit komplexeren und diverseren Geschichten ein größeres Publikum ansprechen können. Hier befinden wir uns auf einem guten Weg. Ein schöner Nebeneffekt dieser Entwicklung ist, dass Indie-Studios und größere Studios enger aneinandergerückt sind. Es findet ein reger Wissensaustausch zu Themen wie Diversität statt. Große Entwickler-Studios profitieren von der Expertise und Authentizität, die Indie-Entwickler*innen bereits in diversem Storytelling und Gameplay gesammelt haben. Im Gegenzug kommen kleinere Indie-Studios auf uns zu und stellen ihre Fragen. So erhalten sie Einblicke in Finanzierung, Förderung, Management und Marketing größerer Projekte. Ich finde diese Entwicklung sehr schön, da es schließlich eine große Leidenschaft ist, die uns alle verbindet.

Gibt es weibliche Vorbilder, die Du bewunderst? Entwicklerinnen, Lieblingsspielfiguren, Künstlerinnen – ganz egal!

Die ersten Jahre, war es für mich völlig normal, einen männlichen Charakter zu spielen – ich kannte es nicht anders. Bis dann schließlich Lara Croft um die Ecke kam! (lacht) Sie hat mich als junges Mädchen extrem beeindruckt. Ich fand es unglaublich cool wie stark und unabhängig sie war. Sie erlebte so viele Abenteuer, bewies Mut, forschte als Archäologin und löste Rätsel – noch heute habe ich Figuren von ihr im Bücherregal stehen. Dass sie vom Marketing als sexy Spielfigur für eher männliche Spieler konzipiert war, habe ich gar nicht wirklich mitbekommen – wahrscheinlich war ich dafür zu jung. (lacht) Durch Lara Croft verstand ich zum ersten Mal, wie toll es sein kann, eine Figur zu spielen, von der ich mich tatsächlich repräsentiert fühle.

In der Branche selbst gibt es wahnsinnig viele inspirierende Menschen – da würde es mir schwerfallen, eine konkrete als Vorbild zu erwählen. Es gab überall Inspiration: In meinem Team, in meiner Familie und in meinem Freundeskreis. Gerade auch beim #FemDevsMeetup – das ich mitorganisiere – habe ich viele engagierte und wahnsinnig inspirierende Frauen kennengelernt. Ihre Unterstützung und der Support in der Gruppe geben mir ein wirklich gutes Gefühl, aus dem ich viel Kraft und Inspiration für meine eigene Arbeit ziehe.

Mit Deinem Engagement für mehr Diversität in der Branche hast Du unter anderem den Deutschen Entwicklerpreis gewonnen. Welche Möglichkeiten gibt es für Frauen in der deutschen Gaming-Branche sich auszutauschen und warum ist Networking für sie besonders wichtig?

Gemeinsamer Austausch und Networking unter Frauen ist deshalb so wichtig, weil wir eine höhere Sichtbarkeit für unsere Arbeit erreichen wollen. Nur so können wir Nachwuchstalente erreichen und ihnen zeigen, dass die Branche ein echter Karriereweg ist – auch für Frauen! Ich denke, dass gerade weil die Sichtbarkeit von Frauen und weiblichen Vorbildern lange Zeit fehlte, sich weniger junge Frauen für eine Karriere im Gaming entscheiden. Ich habe vor einigen Jahren das #FemDevsMeetup gegründet, um einen Ort zu schaffen, an dem sich alle Frauen der Branche über ihre gemachten Erfahrungen austauschen und organisieren können. Auf diesem Weg wollen wir auch Newcomerinnen unterstützen und ihnen helfen, Fuß zu fassen.

Aber Networking ist auch schon in der Bewerbungsphase wichtig, um mehr über die Branche und den angestrebten Beruf zu lernen. Aus diesem Grund bieten wir auch Portfolio-Reviews oder verschiedene Insider-Talks zur Branche an. Hier gibt es nicht nur viele nützliche Tipps, man knüpft auch die ersten Kontakte.

Welche Ratschläge würdest Du angehenden Entwicklerinnen und generell Frauen, die im Gaming Fuß fassen wollen, mit auf den Weg geben?

Jeder Mensch ist unterschiedlich, daher kann auch der Weg zum Ziel immer anders aussehen. Mir hat es geholfen, persönliche Kontakte auf Konferenzen zu knüpfen. So konnte ich zum Beispiel direkt bei Personaler*innen wertvolles Feedback zu meiner Bewerbung und meinem Portfolio einholen – das muss aber nicht für jede*n Einzelne*n der richtige Weg sein. Was immer hilft ist, sich so viel wie möglich über die Abläufe der Spieleentwicklung zu informieren, um die internen Prozesse zu verstehen, die im Hintergrund eines neuen Spiels stattfinden.

Eine weitere fantastische Möglichkeit, um mehr über die Spielentwicklung zu lernen, sind Game Jams. Hier treffen sich die verschiedensten Leute aus der Branche für ein Wochenende und entwickeln gemeinsam kleine Spiele. Ein Game Jam ist also quasi wie ein kurzer Crashkurs für alle, die die Branche kennenlernen wollen. Aufgrund der kleinen Teams und der kurzen Zeit lernt man all die verschiedenen Entwicklungsstadien eines Spiels kennen, schnuppert in die unterschiedlichen Berufsfelder hinein und hat am Ende ein tolles Vorzeigeprojekt für das eigene Portfolio, auf das man wirklich stolz sein kann. Ganz wichtig ist dabei, dass Game Jams meistens auf Englisch stattfinden. Man sollte also immer bereit sein, mehrsprachig zu arbeiten und sich auch mit internationalem Teamwork wohlfühlen.

Wer noch zur Schule geht, kann auch schon früher erste Praxiserfahrungen sammeln. Es gibt außerdem fantastische Förderprogramme wie den Future Career Day oder dieUbisoft Gaming School. Mit Hilfe dieser Programme lernen Schüler*innen zwischen 14 und 17 Jahren direkt von den Profis, wie sie in der Spielebranche Fuß fassen können. In dem insgesamt fünftägigen Workshop werden die Grundlagen der Spielentwicklung vermittelt, ehe das erlernte Wissen in praktischen Team-Aufgaben vertieft wird. Bestimmt gibt es ein vergleichbares Programm auch bei Euch in der Nähe!

Wenn Du 3 Wünsche für die Zukunft der Gaming-Branche erfüllen könntest, welche wären es?

Ich würde mir wünschen, dass Diversität schon bei der Teambildung als positiver Einfluss mehr mitbedacht wird. Vielfallt kann nicht nur die Videospielindustrie und ihre Produkte voranbringen, sie bringt uns auch persönlich weiter.

Außerdem sollten wir uns jederzeit bewusst sein, dass wir eine Vorbildfunktion ausfüllen. Deshalb sollten wir mit positivem Beispiel vorangehen und unsere Mitmenschen respektieren. Ich persönlich denke, dass für eine gute Arbeit Empathie wichtiger ist als das eigene Ego.

Ich wünsche mir, dass sich die Beteiligten – insbesondere in neuen Teams – zusammensetzen und darüber sprechen, was für eine Arbeitskultur sie leben wollen. Das umfasst wichtige Themen wie Wertevorstellungen, Feedback-Kultur, den Umgang mit Kritik und vieles mehr. Es ist wichtig, dass man sich bewusst Zeit für diese Themen nimmt und nicht direkt in einen Entwicklermodus umschaltet, in dem nur das Produkt im Fokus steht. Das Team und die Zusammenarbeit sind mindestens genauso wichtig.

Wir danken Linda für die Zeit und den faszinierenden Einblick in ihren Beruf.

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