Ich habe Dinge gesehen...

Jörgspielt: Observer System Redux, aber eigentlich geht's um Blade Runner
Teil der Exklusiv-Serie Jörgspielt

PC Xbox X PS5
Bild von Jörg Langer
Jörg Langer 421813 EXP - Chefredakteur,R10,S10,C10,A10,J9
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8. Februar 2021 - 0:25 — vor 9 Wochen zuletzt aktualisiert

Teaser

Was mit Wasteland 3 als Spielabsicht begann, führte zu einer posthumen Begegnung in einem anderen Spiel – und einem Nostalgie-Flash zurück in die Zeit von nächtlichen Brettspiel-Partys und VHS-Videos.
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Fiery the angels fellStrahlend feurig stürzten die Engel

Deep thunder rolled ‘round their shoresTiefer Donner rollte um ihre Küsten

Burning with the fires of OrcBrennend mit den Feuern von Ork.

 

Wem diese Zeilen nichts sagen, ist leider nicht würdig, dieses Jörgspielt zu lesen. Sorry, wirklich nicht böse gemeint, nächstes Mal dann wieder, und tschüs!

 

Wer sie allerdings als die berühmten Zeilen von Roy Batty erkennt, dem Replikanten, der kurz vor dem Ende seines künstlichen Übermenschenlebens, das nur vier Jahre dauern kann, versucht, eben dieses doch zu verlängern, mit äußerster Schläue und Brutalität, während er vom Freelancer-Detektiv Rick Deckard gejagt wird und schließlich seinerseits diesen jagt, und ihm am Ende das Leben rettet, Minuten, bevor er selbst seine künstliche Seele aushaucht, der kann vielleicht verstehen, wie ich zu Observer System Redux gekommen bin.

 

Denn Roy Batty wurde in Blade Runner (1982) vom Niederländer Rutger Hauer gespielt, der die zitierten Zeilen Regisseur Ridley Scott selbst vorgeschlagen hatte für die Eingangsszene seines Charakters. Und er spielte den Replikanten-Anführer so überzeugend anderweltlich, gnadenlos, nobel und unendlich cool, dass er trotz deutlich weniger Screentime zum zweiten Hauptdarsteller neben Harrison Ford wurde, der den Deckard mimte. Ach was, er war der Star des Films!
 

Roy Batty schaut den Schöpfer seiner Augen recht durchdringend an.

 

Ich hatte Blade Runner eines Wintertags zirka 1986, irgendwann am frühen Morgen nach einer langen Brettspiel-Partie Civilization, als frisch aus England importierte O-Ton-VHS-Kassette geguckt und tags darauf gleich noch einmal so ziemlich alle Szenen mit Roy Batty einzeln und immer wieder. Von “Fiery the Angels fell” bis “Like Tears in the rain – time to die.” Mittels Standbildfunktion (für die Magnetbänder gar nicht mal so gesund und nie wirklich stehend) erzeugte ich kurzzeitige „Screenshots“, um mir das spöttische Lächeln Hauers in Ruhe anzusehen. Ganz klar: Der Film und dieser seinem Schicksal trotzende Replikant hatten mich berührt.

 

In der Folge wurde es meine selbstgewählte Aufgabe, alle Filme mit Rutger Hauer aufzuspüren, egal ob in den Prospekten von Video-Händlern oder im Schullandheim auf englischen Kanalinseln. Ich musste erkennen, dass Rutger Hauer in ziemlich vielen Trashfilmen mitgespielt hat und als Hauptdarsteller in ganz wenigen guten –­ die Lass-uns-Beulenpest-Leichen-aufs-Katapult-laden-und-danach-noch-eine-Sexszene-bringen-Söldnerfabel Flesh&Blood und die Teenie-Fantasy-Ritterromanze Ladyhawke (Der Tag des Falken) gefallen mir noch mit am besten, aber sein zweitbester Film nach Blade Runner war natürlich Hitcher – der Highway-Killer von 1986.

 

Meiner Begeisterung für Rutger Hauer und Roy Batty taten die vielen Trash-Rollen keinen Abbruch. Alle von Hauers Filmen habe ich bis heute nicht gesehen, der letzte war glaube ich 2011 The Heineken Kidnapping, aber es sind auch einfach zu viele. Aber immer und immer wieder kam ich zu Blade Runner zurück, in der Ur-Videofassung, in der Final-Cut-Fassung, in der Kinofassung, in der Director’s-Cut-Version. Mit Shining-Ende oder Aufzugtür, mit Harrison-Erzählstimme oder „pur“, mit Einhornszene oder ohne. Auf Video, auf DVD, auf Blu-ray und gestreamt. Auf Röhrenfernseher, LCD-Screen oder auch im Freilichtkino (natürlich nachts und bei Regen!). Im Juli 2019 verstarb der bis zuletzt aktive Schauspieler Hauer in seiner niederländischen Heimat.
 

Im tatsächlichen Spiel sieht man den Helden (rechts, mit Rudger-Hauer-Textur) eigentlich nur mal im Auto-Rückspiegel und so.

 

Als ich heute Wasteland 3 weiterspielen wollte, kam ich im Xbox-Series-S-Menü eher zufällig auf Observer System Redux und dachte mir, ach, schauste da mal rein, hatten wir doch unlängst in einer eShop-Selection-Folge, und ist ja auch von Bloober, wie aktuell The Medium.

 

Und was lese ich kurz nach Starten des Spiels? „In memory of Rutger Hauer“. Und wen sehe ich im Intro? Einen digitalisierten Rutger Hauer. Und wen höre ich als Stimme des von mir gespielten Helden? Rutger Hauer! Seine Beteiligung am 2017 erschienenen Observer, zu dem Ende letzten Jahres die Nextgen-Fassung System Redux erschien, war mir glatt verborgen geblieben. Nun war ich angefixt!

 

Observer System Redux beginnt auch gleich mit einer Szene, die mich sofort an eine ähnliche aus Blade Runner erinnert: Ich sitze als Cop in einem Auto, draußen starkregnet es, ein paar Lichter glänzen, Menschen irren herum. Gut, das Ganze spielt nicht im Los Angeles des Jahres 2019 (bei Erscheinen von Blade Runner noch fast vier Jahrzehnte in der Zukunft), sondern im Krakau des Jahres 2084. Als „fünfte Republik“ ist ausgerechnet Polen eine der wenigen überlebenden Nationen nach dem dritten Weltkrieg („der Dezimierung“). Noch immer lassen sich tapfere Soldaten an der „großen Mauer“ zusammenschießen, um die vom Konzern Chiron gelenkte „Republik“ gegen die „östlichen Horden“ zu verteidigen. Aber das Setting ist wirklich sehr, sehr Blade-Runner-esk, auch wenn meine Berufsbezeichnung nicht „Bladerunner“, sondern „Observer“ ist, ein augmentierter Cyberpunk-Detektiv, der sich in die Erinnerungen von Menschen einhacken kann.
 

Als mich gerade meine Vorgesetzte per Video-Call zu einem Auftrag schicken will, drängelt sich ein anderer Anrufer dazwischen: Mein Sohn Adam, zu dem ich wohl schon sehr lange keinen Kontakt mehr hatte. Als nächstes versetzt mich das Spiel in ein heruntergekommenes Appartement-Haus, das an Abgefucktheit locker das von Ridley Scott kunstvoll zur Wasserschaden-Schrottimmobilie umdekorierte Bradbury Building aus dem Finale von Blade Runner aussticht.

 

Ich betrete eine Wohnung, finde eine kopflose Leiche (Schockmoment), schalte mich durch zwei von drei augmentierten Sichtmodi durch, mit denen ich entweder elektronische Geräte, biologische Spuren oder schlichtweg im Dunkeln sehen kann. So inspiziere ich den Tatort, durch den ich mich ansonsten frei in der Egosicht bewege. Außer bei meinem ersten Versuch, wo mich ein Bug immobil macht und fast zur Verzweiflung treibt. Kann ja mal passieren! Oder dass bei einer Nextgen-Fassung das Quick Resume auf Series S nicht funktioniert, sondern nur zu einem schwarzen Bildschirm führt. Kein Problem, wirklich nicht. Die Probleme liegen anderswo.

 

Ich gebe zu, ich habe mehr als eine Fassung von Blade Runner (und sonstigen Hauer-Filmen) gekauft...

 

Denn ähnlich wie die Engel in dem von Roy Batty wohl absichtlich falsch zitierten Gedicht von William Blake aus America: A Prophecy (dort heißt es nämlich eigentlich: "Fiery the angels rose, and as they rose deep thunder rolled. Around their shores: indignant burning with the fires of Orc.") stürzte schon wenige Viertelstunden später meine Motivation aus den Himmeln in die tiefste Höllenglut. Oder, ein klein bisschen weniger dramatisch formuliert: Langeweile vertrieb mir jeglichen Spaß.

 

Im Wesentlichen geht es im Cyberspace-Horror-Adventure Observer System Redux darum, in ein und demselben Appartement-Komplex mit den fast nie (und wenn, dann nur sehr seltend lebend) zu sehenden Bewohnern hinter ihren Türen zu sprechen, herumzulaufen, durch nicht zu entziffernde Albtraum-Szenen zu irren, mal was mitzunehmen, sich mal zu ducken, weiterzulaufen, den Detektivmodus einzuschalten, und vor allem viele Türen und Schränke aufzumachen, fast so akribisch umständlich wie in dem in dieser Disziplin (wenngleich in keiner einzigen anderen) führenden Shenmue 3.

 

Gut, ganz nett: Man muss mehrmals auf Mini-Röhrenfernseher schauen in einem Albtraum, um den richtigen Weg aus einer Endlosschleife zu finden. Die Grafik ist gelungen. Und ein paar Schocker-Momente gibt es auch. Im Gegensatz zu Waffen, die gibt es nicht – weglaufen oder sich verstecken ist also die einzige Chance, die man in den ganz wenigen „Actionszenen“ hat. Ich bin via Albtraum auch mal in einem Gefängnis unterwegs oder via Cyberspace in einem „Wald“. Aber in Wahrheit verlasse ich das (insgesamt erstaunlich wenig beängstigende) Gebäude wohl erst kurz vor Schluss, um noch kurz Fang-mich-nicht mit einem Mutanten zu spielen.

 

Gäääääääääääääähn.
 

Rutger Hauer im 2011er Kinofilm Die Heineken-Entführung.

 

Aber immerhin: Ich habe noch mal fast drei Stunden mit der posthumen Stimme von Rutger Hauer verbracht. Und die war gut. Kann ja der Synchronsprecher nichts dafür, wenn das Spiel eine stimmungsvoll aussehende Schlaftablette ist.

 

Und ich bin Bloober Team dankbar: Nur aufgrund meiner heutigen Spielerfahrung habe ich beschlossen, mir demnächst zum, keine Ahnung, 25. Mal, vermutlich, das optische Vorbild für Observer und unzählige andere Spiele und Filme noch mal anzusehen. Und zwar, sollte ich noch einen VHS-Rekorder auftreiben, mittels der Original-Kassette, mit der vor über 30 Jahren meine Blade-Runner-Leidenschaft und Rutger-Hauer-Verehrung begann.

 

All those… moments… will be lost in time… NICHT!
 

Video:

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