In die Krise, aus der Krise

Entwickler in der Corona-Krise: Fragen an King Art Games aus Bremen

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Benjamin Braun 420664 EXP - Freier Redakteur,R10,S10,C10,A10,J10
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14. Juni 2020 - 9:00 — vor 51 Wochen zuletzt aktualisiert

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Die Corona-Krise hat auch Spieleentwickler vor eine völlig neue Situation gestellt. Im Kurzinterview verrät Studioleiter Jan Theysen, wie die Pandemie die Arbeit bei King Art Games beeinflusst.
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Bezogen auf meinen Beruf hat sich für mich als Freelancer in der Corona-Krise nur wenig verändert. Lediglich die seit Ende Februar reihenweise abgesagten Anspielevents zeigten deutlich, dass andere Zeiten angebrochen waren. Gerade für Festangestellte, die ansonsten täglich ins Büro fahren, oder auch Berufstätige mit Kindern änderte sich erheblich mehr. Und auch Firmen mussten schnell und angemessen reagieren, darunter etliche Spielestudios in Deutschland.

Ich habe kürzlich die Gelegenheit genutzt, mit drei davon über die Auswirkungen des Covid-19-Virus auf ihre Arbeit zu sprechen und sie auch nach den möglichen Langzeitkonsequenzen der Corona-Krise zu befragen. Konkret konnte ich mit Vertretern von RockFishGames, Deck13 und King Art Games sprechen . Diesmal steht Jan Theysen im Zentrum dieses Kurzinterviews, die ihr aktuelles Strategie-Spiel Iron Harvest auf Konsole zwar verschieben mussten, bei der PC-Version aber weiterhin im Plan für dieses Jahr sind.

Benjamin Braun: Die Covid-19-Pandemie hat Lebensalltag und Arbeit aller verändert. Wie haben sich die Einschränkungen auf eure Arbeit ausgewirkt?
 
Jan Theysen: Die größte Umstellung ist, dass wir jetzt seit fast drei Monaten im Homeoffice sind. Uns kam dabei zu Gute, dass wir schon zuvor Mitarbeitern erlaubt haben, von zuhause zu arbeiten. Es gab also bereits eine gewisse Infrastruktur. Es ist dennoch eine technische Herausforderung, weil wir in der Gamesbranche natürlich mit ganz anderen Datenmengen arbeiten als andere Branchen. Unsere Projekte werden schnell viele hundert Gigabyte groß und können deswegen nicht mal eben schnell hin- und hergeschoben werden.
 
Benjamin Braun: Inwieweit erschwert die flächendeckende Arbeit im Homeoffice eure Arbeit? Kann man aus der Not gar eine Tugend machen und in der neuen Situation bestimmte, sonst eher langwierige Prozesse sogar irgendwie effizienter gestalten? Was ist zum Beispiel mit Team-Besprechungen, sind die via Discord, Skype oder sonst was weniger ergiebig oder gar fruchtbarer als sonst?
 
Jan Theysen: Wir haben schon vor Corona im Studio ein Chat-System für die Kommunikation benutzt. Das hat sich in Zeiten von Homeoffice natürlich verstärkt. Wir machen außerdem die täglichen Stand-Up-Meetings und alle sonstigen großen und kleinen Besprechungen über Microsoft Teams. Das kann Meetings vor Ort nicht ganz ersetzen, funktioniert aber nicht schlecht.
 
Am meisten fehlt uns der Flurfunk, das Beisammensein im Büro und allgemein das Miteinander. Wir haben Brettspiel- und Tabletop Rollenspielgruppen, Wein-Wednesdays, gehen zusammen Essen und verbringen normalerweise viel Zeit miteinander. Das fehlt schon. Insbesondere, wenn Mitarbeiter von außerhalb oder vielleicht sogar anderen Ländern kommen und wenige andere soziale Kontakte in Bremen haben. Ganz ungünstig ist auch, in der Corona-Zeit neu angefangen zu haben und die meisten Kollegen nur als Stimme zu kennen.
 
Der einzig positive Aspekt in Sachen Workflow ist die Erkenntnis, dass mehr Homeoffice durchaus möglich ist und die Produktivität darunter nicht leiden muss. Außerdem wird einigen Mitarbeitern deutlich, wieviel Zeit sie täglich auf dem Weg zur Arbeit verlieren. Ich gehe schon davon aus, dass mehr Mitarbeiter das Angebot nutzen werden und auch nach Corona den einen oder anderen Wochentag zuhause bleiben.
 
Benjamin Braun: Wieviele Mitarbeiter hat King Art aktuell und wie groß ist der Anteil derer, die aus dem Home Office heraus arbeiten? Und wie groß war der Anteil mit Homeoffice vor Corona?
 
Jan Theysen: Von unseren rund 70 Mitarbeitern haben nur eine Handvoll im Büro gearbeitet, die aus verschiedenen Gründen nicht zuhause arbeiten konnten. Wir sind dieses Wochenende [über Pfingsten, Anm. des Autors] in ein neues, größeres Büro gezogen und ich gehe davon aus dass sich die Situation über den Juni bei uns wieder mehr oder weniger normalisieren wird und deutlich mehr Leute vom Büro aus als von zuhause arbeiten.
 
Benjamin Braun: Es gab in Corona-Zeiten zwar ein paar meist kürzere Verschiebungen von Spielen, aber nur selten gingen welche mehr als eine Woche später als geplant an den Start. Sind Spielestudios quasi immun oder werden wir die wahren Dimensionen der Krise erst in Richtung Weihnachtsgeschäft erleben?
 
Jan Theysen: Als technologie-affine Branche sind wir vielleicht einfach besser darauf vorbereitet, rein digital und remote zu arbeiten. Wir haben ja auch schon vor der Krise mit vielen externen Dienstleistern überall auf der Welt zusammengearbeitet. Die schwerwiegenderen Probleme in unserer Branche scheinen momentan weniger in der Entwicklung als viel mehr in der (physischen) Produktion und Vermarktung zu liegen. Es ist selbst unter optimalen Bedingungen schwer, zum selben Zeitpunkt weltweit Millionen Spiele-Boxen in Regalen von Einzelhändlern stehen zu haben. Corona macht das fast unmöglich. Die meisten prominenten Verzögerungen dürften also eher mit den Bereichen zu tun gehabt haben, die sich nicht digital abwickeln lassen.
 
Benjamin Braun: Ihr arbeitet derzeit an Iron Harvest. Rechnest du mit einer Verzögerung durch Corona oder seid ihr weiterhin innerhalb eures Zeitplans?
 
Jan Theysen: Was die PC Version angeht, liegen wir im Zeitplan. Die Konsolen-Versionen haben wir vor einigen Tagen auf das erste Quartal 2021 verschoben. Bei Konsolen-Versionen von Spielen gibt es deutlich mehr bewegliche Teile und da hat es coronabedingt etwas gequietscht. Für die Vermarktung von Konsolen-Spielen ist außerdem die physische Distribution noch deutlich wichtiger als auf dem PC, weswegen wir uns letztlich für eine Verschiebung entschieden haben.
 
Insgesamt kann man sagen, dass wir in den verschiedenen Abteilungen irgendwo zwischen 80% und 100% der Leistungsfähigkeit von vor Corona liegen. Die meisten Verzögerungen ließen sich deswegen abfangen.

Benjamin Braun: Was haben bei euch die Corona-Lockerungen bewirkt? Ist inzwischen wieder mehr oder weniger alles beim Alten?
 
Jan Theysen: Nein, bei uns nicht. Wir haben unseren Mitarbeitern für Juni frei gestellt, ob und wenn ja wann und wie oft sie vom Büro aus arbeiten möchten. Viele haben junge Kinder und mit der Betreuung sieht es hier und da noch nicht rosig aus. Einige wollen auch abwarten, wie sich die Zahlen durch die Lockerungen entwickeln. Mitte des Monats wissen wir mehr.

Benjamin Braun: Ist die Corona-Krise aus deiner Sicht eher für kleinere oder eher für die größeren Spieleschmieden eine größere Herausforderung?
 
Jan Theysen: Ich glaube tendenziell, dass die Corona-Krise für kleine Entwickler eventuell die größere Umstellung war. In kleinen Teams ist man viel mehr direkte Kommunikation gewohnt, häufig sitzen alle in einem Raum und jeder weiß, was der andere gerade tut. In größeren Firmen ist heute schon vieles deutlich dezentraler und digitaler gelöst. Wenn Ubisoft an einem Assassin's-Creed-Teil arbeitet, sind da um die 10 Studios von überall auf der Welt dran beteiligt. Wenn da jemand einen Videocall mit Leuten aus Frankreich, Kanada und China hat, ist ihr oder ihm vermutlich relativ egal, ob die Gesprächsteilnehmer in ihren Büros oder zuhause sitzen.
 
Die großen Entwickler haben allerdings den Nachteil, dass bei ihnen viel mehr in der nicht-digitalen Welt stattfindet. Physische Versionen ihrer Spiele, Collector’s Editions, Messe-Auftritte, Journalistenevents, Reisen rund um den Globus – alles Dinge, die sich Indies normalerweise eh nicht leisten (können). Für all diese Dinge müssen Wege gefunden werden sie trotz Corona zu machen oder es müssen Alternativen entwickelt werden.
 
Insofern würde ich sagen, dass sowohl kleine als auch große Entwickler Herausforderungen haben, nur sind es halt unterschiedliche.


Ein Kurzinterview zum selben Thema mit Michael Schade von RockFishGames findet ihr hier, Jan Klose von Deck13  hat sich an dieser Stelle bereits geäußert.
FreundHein 15 Kenner - P - 3748 - 14. Juni 2020 - 10:09 #

Vielen Dank für dieses Interview und die anderen beiden auch. Finde den kleinen Einblick in eine andere Branche sehr interessant und auch den Abgleich mit meiner Branche bzw. meinem Arbeitgeber.

Olphas 24 Trolljäger - - 61098 - 14. Juni 2020 - 10:22 #

Das mit den neuen Kollegen in dieser Zeit haben wir auch. Ein Praktikant (für 6 Monate) hat genau an dem Tag angefangen, als wir geschlossen ins Homeoffice gewechselt sind. Ich glaub wir haben ihn trotzdem ganz gut integrieren können aber ... das muss sich ja wirklich blöd anfühlen.

Danywilde 24 Trolljäger - - 113059 - 14. Juni 2020 - 18:25 #

Ja, da fällt die Integration noch mal schwerer.

zfpru 18 Doppel-Voter - P - 10594 - 14. Juni 2020 - 20:09 #

Da sind qualifizierte Kräfte gefordert, die gleich den Job des Helpdesk mit übernehmen.

Maverick 30 Pro-Gamer - - 611758 - 14. Juni 2020 - 10:32 #

Danke für die interessante Interview-Serie. ;)

Slaytanic 24 Trolljäger - - 58766 - 14. Juni 2020 - 16:37 #

Den Danksagungen schliesse ich mich mit an.

Benjamin Braun Freier Redakteur - 420664 - 14. Juni 2020 - 17:52 #

Danke, aber der Dank gilt vor allem Michael und den beiden Jans, die so bereitwillig und schnell auf meine Fragen geantwortet haben. Das ist ja nun nicht selbstverständlich. Und zudem waren die Antworten der drei imo wirklich spannend und aufschlussreich.

Danywilde 24 Trolljäger - - 113059 - 14. Juni 2020 - 18:25 #

Absolut!

Slaytanic 24 Trolljäger - - 58766 - 14. Juni 2020 - 18:38 #

Ja, das stimmt.

euph 28 Endgamer - P - 105106 - 14. Juni 2020 - 14:12 #

Von mir auch ein weiterer Dank für die Interviews

Labrador Nelson 30 Pro-Gamer - - 197478 - 14. Juni 2020 - 15:10 #

Thx für die Interviews!

Ganon 24 Trolljäger - P - 64137 - 14. Juni 2020 - 19:14 #

Ich erkenne vieles aus meinem eigenen Firmenumfeld wieder. Das war wirklich eine spannende Interview-Serie.

angelan 14 Komm-Experte - P - 2378 - 15. Juni 2020 - 7:00 #

Super Interview wieder.

TheRaffer 21 Motivator - - 29169 - 15. Juni 2020 - 12:51 #

Wenn ich das so lese, ist mir die Firma direkt sympathisch. So einige der sozialen Aktivitäten würden der Horde hier auch mal gut tun...

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