Knut Gollert über iPad und Kids

Zukunftssichere Kinder Meinung

Es ist fast genau 30 Jahre her, da wurde Knut Gollert von Computerspielen nachhaltig versaut. Er kam nicht mehr davon los. Versucht sogar seit Jahrzehnten, damit Geld zu verdienen. Mit zwei kleinen Kindern stellt sich ihm nun die Frage: Will er auch deren Zukunft damit prägen? Oh ja! Ganz unverantwortungslos.
Knut Gollert 14. Mai 2011 - 10:40 — vor 8 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Kleinpockersdorf, 20. Mai 2027. Lars-Gerhardt ist gestern 18 geworden. Und begießt das mit seinen Kumpels erst einmal kräftig. Zwei Fässer "Turbo", diese moderne Pantsche aus Bier, Kokos-Schnaps und Thüringer Kali-Lauge ist zur Zeit der Hit in Europa. Doch Lars-Gerhardt hat ein Problem. Ein Akzeptanz-Problem. Denn ihm fehlt das technische Verständnis im Umgang mit moderner Technik. Selbstverständlich kann er Unterhaltungselektronik und Computer bedienen, aber er ist nicht mit ihnen verwachsen, wie alle anderen Gleichaltrigen. Seine Eltern hatten nie einen Computer. Seinen ersten Digitalkontakt hatte er erst mit 10, als er von einem Freund ein altes iPad 3 geschenkt bekam. Das er vor seinen Eltern verstecken musste. Er hat Schreiben erst in der Schule gelernt und tippt auf der Tastatur mit einem Finger. Er wird belächelt. Und ersäuft seinen Frust jetzt mit "Turbo".

Moderne Technik auf der Krabbeldecke

Muss diese Zukunft sein? Ich sage: NEIN! Um die Entwicklung unserer (auch zukünftigen) Kinder nicht zu beeinträchtigen, gehört moderne Elektronik schon auf die Krabbeldecke. Neben Klapper, Schnuller und Gummi-Ente muss ein iPad liegen, oder ein entsprechendes Pendant. Damit sind die Kinder frühzeitig gewappnet im Überlebenskampf unserer digital dominierten Welt. Das sichert ihre Zukunft!

Ja, ich weiß, das ist eine gewagte These, die natürlich auch neue Verantwortlichkeiten für die Erzieher mit sich bringt. Aber der Kontakt mit der Elektronik-Maschinerie des 21. Jahrhunderts lässt sich sowieso nicht vermeiden. Die Generation der ersten Computerfreaks, die den C64 angehimmelt und eigene Resetschalter gebaut haben, ist längst Papa. Android- und iOS-Phones sind Normalität, Filme streamt man sich heute vom Rechner, und Musik spielen auch nur noch die wenigsten von einer CD ab. Das kriegen Kinder natürlich mit. Und in die Hände. Dank den heute gängigen Touch-Displays fällt zudem eine der großen Hürden, an denen die noch nicht mal Sprechen könnenden Racker scheiterten: die Bedienung.

Stellte vor zehn Jahren die kognitive Schere zwischen Bildschirm und Bedienelementen jeden Dreijährigen noch vor eine unüberwindbare Hürde -- Maus und Tastatur können sinnvoll erst ab zirka sechs Jahren eingesetzt werden -- fällt diese Anforderung jetzt einfach weg. Patschen können auch Babys. Und wenn dabei etwas Lustiges passiert, was dem pummeligen Zwerg auch noch gefällt, ist Mamas iPad in wenigen Zügen erkundet und vor allem vereinnahmt.

Ist das gut für mein Kind?

Die Frage, die sich nun stellt: Ist das gut für mein Kind? Darf es das? Die Antwort kann zur Zeit keiner geben, da Studien fehlen. Aber brauchen wir die überhaupt? Muss so etwas untersucht werden? In einem Artikel des Spiegel (Nr. 19/2011) wurden auch Wissenschaftler dazu befragt. Gabriele Haug-Schnabel, Verhaltensbiologin, bezeichnet die iPad-Spielerei als "...recht arme Erfahrung, verglichen damit, wie Kinder sonst lernen". Ihr Hebel ist die mangelnde Fantasie, die Apps vom Mini-User einfordern. Das Kind drückt auf etwas und es passiert etwas. Etwas vorgegebenes. Das Kind kann es nicht ändern. Da sage ich: Na und? Wenn ich meinem Sohn eine Trommel hinstelle, haut der drauf. Es macht Bumm! Kann er auch nicht ändern. Klar, er probiert das Draufhauen mit allem Möglichen. Mal macht es mehr Bumm, mal weniger. Aber im Grunde ist es doch das gleiche: Der Programmierer einer App lässt ein Bellen abspielen, wenn der Hund gepatscht wird. Und der Trommeldesigner hat dafür gesorgt, dass es Bumm macht, wenn man auf das große runde Ding haut.

Das Entscheidende: Welche Apps kommen aufs Touch-Spielzeug?
Im Endeffekt bleibt die Verantwortung wie immer an den Eltern kleben. Denn das Entscheidende ist: Welche Apps kommen auf das Touch-Spielzeug? Erreichbar sind sie nach kurzer Zeit für das Kind nämlich alle. Extrem schnell ist die Bedienung gelernt. Keine App in einer noch so versteckten Gruppe ist vor den Kinderhänden sicher. Das sollte man ernsthaft bedenken, denn ein Dead Space muss nicht unbedingt von einem Dreijährigen gespielt werden. Hier funktioniert aber der Selbstschutz ganz hervorragend. Denn die kleinen Menschen unterscheiden sehr wohl, was ihnen gefällt, und was nicht. Ein Klick auf Papas Tower Defense ist nur für wenige Sekunden spannend. Sie verstehen das nicht und drücken es fast umgehend wieder weg. Offenbar fungiert Unverständnis als Schutzmechanismus. Vollautomatisch. Klasse!

Englisch-Kurs oder Fernsehen?

Ich zwinge meine Kinder ganz bestimmt nicht, mit dem iPad zu spielen. Aber es unterhält sie doch gerne mal für einige Minuten, und ich kann mir ehrlich gesagt keinen besseren Einstieg in die Welt der digitalen Unterhaltung vorstellen. Damit muss man heute ja früh genug anfangen. Damit man den Zug nicht verpasst. Genau wie mit Fremdsprachen. Da gibt es sogar Mütter, die mit ihren volldeutschen Babys, die noch nicht mal lallen können, in Englisch-Kurse rennen, um dort mit einem Native-Speaker lustige Lieder zu singen. Das garantiert den Kids ganz sicher das beste Englisch-Abi aller Zeiten. Bei uns zu Hause gibt es auch nur noch Mandarinen, weil China so extrem wichtig geworden ist. Das rettet meinen Söhnen sicher die Zukunft. Haha!

Das Fernsehen sollte man sowieso komplett weglassen.
Aber zurück zum Thema: Wie Fernsehen, das generell erst ab drei Jahren eine kleine Sandmann-Rolle spielen sollte, muss sicher auch die Spielerei mit Winz-Computern einen zeitlich begrenzten Rahmen erleben. Das ist ja generell nicht so schwer, da man die Winz-Computer ruckzuck dem Wirkungsbereich des Nachwuchses entziehen kann. Zum Beispiel auf einem Schrank parken. "Geh raus, spielen!" Mit der Glotze geht das eher nicht. Die kann und sollte man sowieso komplett weglassen. Ich habe zum Beispiel geschätzte 689 Folgen des KiKa-Sandmanns mitgeschnitten, verdigitalisiert und aufs iPad gestopft. Schön, weil man weder zeitlich noch räumlich an das Flimmerbrett (ehemals Flimmerkiste) gebunden ist. Den abendlichen Sandwerfer gibt es nur noch vom iPad. TV ist in meinen Augen so ungefähr das Schlimmste, was man Kindern antun kann. Denn es macht und ist viel zu bequem, nie interaktiv und mit schlimmer Werbung vollgestopft. Nachher wollen die Kids noch Nutella essen und Fußball spielen. Gott bewahre!

Ich hasse Fernsehen. Ich hasse den Grand Prix. Ich mag kindertaugliche Apps.

Euer Knut Gollert

Abfuehrung

Kommentare nicht sichtbar (40)