Heinrich Lenhardt fragt:

Wieviel 3D braucht der Spielspaß? Meinung

Seit grauer Computerspiele-Vorzeit berichtet Heinrich Lenhardt über unser liebstes Hobby. Happy-Computer, Power Play, PC Player, PC Xtreme und Buffed waren nur einige seiner bisherigen Wirkungsstätten. Heutzutage residiert er an der kanadischen Westküste und bedenkt GamersGlobal mit Meinungsausbrüchen per Flaschenpost-Zustellung.
Heinrich Lenhardt 29. Januar 2011 - 21:23 — vor 8 Jahren aktualisiert
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Die stets nach verkaufsfördernden Features scharrende Videospieleindustrie hat räumliche 3D-Grafik als  technisches Modemätzchen entdeckt. Sony ist zum Beispiel der Meinung, dass Zocker sich unbedingt einen neuen Bravia-3D-Fernseher kaufen sollten, und dann mit einer Spezialbrille vorm Bildschirm sitzend darauf zu warten, dass vernünftige PS3-Spiele erscheinen, welche diese Technologie auch ausnutzen. Dabei kann man sich Kopfschmerzen erheblich einfacher mit billigem Rotwein einhandeln.
 
Abkehr vom Erfolgsrezept
 
Dass auch Nintendo dem 3D-Rausch erliegt, stimmt verwunderlich
Dass auch Nintendo mit seinem neuen Mobilspiel-System 3DS dem 3D-Rausch erliegt, stimmt verwunderlich. Im letzten Jahrzehnt ist die Firma sehr erfolgreich damit gewesen, grafischen Gimmicks eine geringe Bedeutung einzuräumen. DS und Wii waren zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung schon veraltet, was die Grafikpower betrifft. Das Erfolgsrezept waren neue Ideen zur Interaktion zwischen Spieler und Gerät. Ein zweiter Bildschirm, ein Touchscreen, ein Bewegungssensor – und natürlich eine Handvoll guter Spiele, welche die Faszination des Eingabemediums wecken. Die dürfen dann auch gerne etwas simpler sein, wie uns die Verkaufszahlen von Nintendogs oder die Beliebtheit von Wii Sports gezeigt haben.
 
Ein 3D-Bildschirm, der ganz ohne Zusatzbrille optisch das Gehirn täuscht, ist eine coole Sache. Aber wo sind da bessere Interaktion und mehr Spielspaß? Ist das nicht genau die Art von grafischem Firlefanz, der beim Nintendo-Management reflexartiges Naserümpfen auslösen sollte? Die Leute, die immer noch behaupten, dass eine Heimkonsole nicht wirklich HD-Grafik braucht (… nehme doch mal einer dem Iwata seinen alten Schwarzweiß-Röhrenfernseher weg!), preisen die Segnungen von „echtem 3D“. Den ersten Trailern nach zu schließen, bedeutet dies vor allem, dass eine Menge Objekte effekthascherisch Richtung Spieler ragen werden; eine aus der Geschichte der 3D-Kinofilme bekannte Unsitte.
 
Aus der Tiefe des batterieverzehrenden Raumes
 
Wie gut und gründlich die Spielemacher den 3D-Bildschirm ausnutzen werden, bleibt auch deshalb abzuwarten, weil man sich nicht darauf verlassen kann, dass dieser vom Betrachter überhaupt genutzt wird. Mit einem Regler lässt sich die Tiefe des 3D-Effekts regulieren oder auch ganz abschalten. Sehr sinnvoll, um Sichtprobleme korrigieren zu können, aber zugleich eine Design-Innovationsbremse, denn jede Spielsituation muss sich aufgrund der Abschalt-Option auch ohne plastische 3D-Darstellung überblicken lassen. Mal abgesehen davon, dass ein nicht ganz kleiner Prozentsatz der Bevölkerung das 3D aufgrund von Augenfehlern eh nicht wahrnehmen kann. Angesichts der nach Nintendo-Maßstäben lausigen Batterielaufzeiten bei aktiviertem 3D-Bildschirm (nach Eigenangaben 3 bis 5 Stunden) sehe ich mich schon aus reiner Energiespar-Verzweiflung regelmäßig auf den 3D-Effekt verzichten.
 
Ich sehe mich aus Energiespar-Verzweiflung auf 3D verzichten
Und dann war da noch der zusätzliche Rechenaufwand, den die 3D-Ebenen verursachen. Theoretisch kann das Display 800 x 240 Pixel darstellen, aber pro Auge ist es dann halt nur eine Grafikauflösung von 400 x 240. Ein aktueller iPod Touch mit Retina-Display bringt 960 x 640 Pixel auf derselben 3,5-Zoll-Bildschirmgröße unter. Das ist beim Apple-Gerät kein 3D-Bildschirm, aber durch die Pixeldichte wirken Grafiken scharf und plastisch. Und das bei wirklich allen neuen Spielen, weil im Gegensatz zum 3DS nichts vom User weggeregelt werden kann. Was Sony mit seinem „Next Generation Portable“-System vorhat, ist auch recht ansehnlich: Ein großzügiger 5-inch-OLED-Bildschirm mit 960 x 544 Pixeln – klingt für mich wesentlich ansprechender als die Futzi-Auflösung des 3DS.
 
Viele alte neue Spiele
 
Apropos „neue Spiele“: Als sich in den Neunzigern in PC-Steckplätzen die ersten „Beschleuniger-Zusatzkarten“ breit machten und eine neue Konsolengeneration an die Startlöcher ging, brach der erste 3D-Spielewahn aus. Egal ob mehr (Super Mario 64) oder weniger (Bubsy 3D) berühmte Jump-and-Runs oder blonde Sprite-Helden (Duke Nukem 3D): Das Sprengen der Spielwelt-Zweidimensionalität veränderte auch Steuerungsprinzipien und Spielgefühl nachhaltig. Weniger bahnbrechend lesen sich die ersten Veröffentlichungslisten fürs Nintendo 3DS – mit mehr Remakes, als Nintendo lieb sein kann: Legend of Zelda -- Ocarina of Time 3D, The Sims 3D, Mario Kart 3D, PES 2011 3D, Street Fighter IV 3D… und das neu klingende Rayman 3D ist dann auch nur eine Konvertierung des 1999-Titels Rayman 2. Reicht uns das, um auf ein neues Gerät mit recht teurer Software umzusteigen? Mit Schaudern erinnert man sich an frühe DS-Titel, bei denen viele Publisher einfach GBA-Spiele adaptierten und mit ein paar Touchscreen-Rubbel-Minigames anreicherten.
 
Vielleicht bin ich einfach nur in dem Alterssegment gelandet, bei dem jede technologische Neuerung mit großem Argwohn betrachtet wird („Braucht wirklich jemand dieses neumodische Zeugs? Mein original Game Boy von 1989 tut’s doch noch!“). Aber während ich vor der Markteinführung von Wii und DS ein neugieriges Prickeln ob der neuen Steuerungskonzepte verspürte, entwickle ich gerade enorme 3D-Begeisterungsresistenz. Deshalb kann mir Sony auch keinen entsprechend ausstaffierten Fernseher verkaufen, aber womöglich den PSP-Nachfolger NPG. Denn dessen Neuerungen wirken auf mich Spielgenuss-dienlicher als der 3D-Schnickschnack. Der Touchscreen auf dem NPG-Rücken sorgt dafür, dass die Finger nicht zu viel vom Geschehen auf dem Bildschirm verdecken und erlauben witzige neue Steuerungsansätze wie bei Little Deviants. Gleichzeitig gibt es physische Knöpfe und zwei Analogsticks, um für alle Kontrollanforderungen gerüstet zu sein.
 
Angst vor der Smartphone-Zukunft?
 
Die Mobilspiele-Zukunft dürfte ohnehin weniger von 3DS und PSP2 geprägt werden
Die Mobilspiele-Zukunft dürfte ohnehin weniger von 3DS und PSP2, sondern verstärkt von Smartphone-Herstellern geprägt werden. iPhone, iPod Touch, Android- und Windows-7-Handys haben genug drauf, um Gelegenheitsspieler gut zu unterhalten; gerade auf dem iPhone spielen sich auch immer ambitioniertere Titel wie Infinity Blade ab. Sony hat die Zeichen der Zeit erkannt und mit der Playstation Suite eine Art Spieleplattform-Standard zunächst für Android-Handys ab Version 2.3 angekündigt.
 
Als Spieler profitieren wir von dieser wuchernden Artenvielfalt: 2011 dürfte – dank der neuen Gerätschaften von Sony und Nintendo – zum bisher spannendsten Jahr für Unterwegs-Vergnügungsapparate werden. Apple und Sony sind die Firmen in diesem Marktsegment, deren Ankündigungen ich am spannendsten finde. Und wer weiß: Vielleicht braucht’s einfach nur eins, zwei exklusive 3DS-Überspiele und den noch ausstehenden NPG-Preisschock, damit ich wieder reumütig ins Nintendo-Fanboy-Lager zurück kehre.

Auf welches Handheld-Pferd werdet ihr setzen?

Euer Heinrich Lenhardt

Abfuehrung

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