Harald Fränkel forscht:

Starcraft 2 für Dummies Meinung

Alle daddeln Starcraft 2. Und warum? Weil selbst die weltbeste Spieleseite spinnt und eine 9.5-Wertung raushaut. Ist Wings of Liberty wirklich so gut? Harald Fränkel startete nach „Kinder quälen mit Retrospielen“ seinen nächsten Reality Check. Er bestach einen Actionfan, der sich das neue Blizzard-Werk reinpfeifen musste.
Harald Fränkel 6. August 2010 - 21:27 — vor 9 Jahren aktualisiert
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Wie heißt es so schön? Der Agrarökonom verweigert die Zuführung nicht identifizierter Substanzen zu Nahrungszwecken. Oder auf gut Deutsch: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Ich habe einen guten Freund, für den diese Redewendung erfunden wurde. Er ist Action- und Sportfan, manchmal gönnt er sich ein Rollenspiel – aber Echtzeitstrategie? Um sich zu berauschen, kommt für ihn vieles in die Tüte, aber garantiert nix, bei dem man denken muss. Waldemars (Name v.d. Redaktion nicht geändert) einzige und bisher letzte Erfahrungen mit dem Genre liegen so lange zurück, dass er nicht mal mehr weiß, ob sie auf Warcraft 1 oder 2 beruhen. Schon damals erwies er sich dabei als so hohl, man hätte ihn glatt als doppelten Boden an einen Zauberer verkaufen können.
 
Erste Hürde: CD-Key
 
Herr Ballermann war also das perfekte Versuchskaninchen für die Realitätsprüfung, ob eine 9.5-von-10-Wertung hält, was sie verspricht. Ob Starcraft 2 tatsächlich so brillant ist, dass es selbst Genrefremdlinge bespaßt. Um mir die Freude zu bescheren, Synapsenbremse Waldemar heulen zu sehen, musste ich ihn natürlich bestechen. Ich bot ihm Sex mit meiner Freundin an, er willigte ein. Das war's mir wert! Aufblasen musste er sie allerdings selber. Belohnt wurde ich bereits direkt nach der Online-Registrierung, als mein Bekannter verwirrt „Hä? Das ist doch die Verkaufsfassung, warum steht da, dass ich nur eine Probierversion habe?“ stammelte. Mein Kumpel hatte doch tatsächlich den falschen Code eingeben. Ja, den ebenfalls in der Packung befindlichen CD-Key für die Schnupperversion! HAHAHA, wie dämlich kann man sein?      
 
Journalistisches Waterloo
 
Ach pfeif drauf, dieses Drumherumgefasele von einem „Bekannten“, der zu doof für Strategiespiele ist, geht mir auf den Senkel. Viel zu kompliziert. Ich geb's zu, ICH bin Waldemar. Okay, ihr werdet mich wegen meines Zweitnamens jetzt hänseln (aka dissen) bis zum jüngsten Tag, ich kriege nach dem Geständnis zum Probeversion-Waterloo als Spielejournalist künftig keine Aufträge mehr, und ich muss jämmerlich verhungern. Aber wenigstens wird damit klar: Ich habe A) für den Reality Check genau die richtige Person auserkoren, eine totale Hohlfrucht nämlich, und B) mein journalistisches Verantwortungsgefühl über meinen guten Ruf gestellt. Ungeschönt wallraffmäßig zu informieren ist einfach meine Pflicht! Anlass war der Kommentar eines Lesers unter dem GamersGlobal-Test: Herr 3GoldeneRegeln, „alles andere als ein Held im RTS-Genre“, wollte wissen, ob Starcraft 2 für Einsteiger geeignet ist. Wer könnte das besser beantworten als ein Dödel wie ich?        
 
Einmal Chicken Wings of Liberty mit Freedom Fries, bitte!
Die Voraussetzungen, dass mir der Titel gefallen würde, waren ausnehmend schlecht. Weil ich wirklich ein Banause bin. Sorry, aber beim Untertitel Wings of Liberty kann ich immer nur an gebratene Hähnchenflügel American Style denken. „Mmmmh, lecker, einmal Chicken Wings of Liberty mit Freedom Fries, bitte!“ Trotzdem: Man fühlt sich als Neuling bei Starcraft 2 sofort wie ein geiler Hengst. Eine scharfe Frauenstimme haucht euch im Tutorial ständig Dinge wie „Gut gemacht!“ und „Gute Arbeit!“ ins Ohr. So was höre ich sonst nur, wenn ich für 1,99 Euro pro Minute telefoniere. Selbst die Bezeichnung des Versager-Schwierigkeitsgrades stärkt das Selbstbewusstsein. "Moderat" klingt eben besser vieeel besser als "leicht"! „WAS? Du spielst nicht auf der einfachsten Stufe?“, fragte meine (echte) Freundin verdutzt, als sie mir kurz über die Schulter schaute. „Tztztz, natürlich NICHT, was denkst DU denn, Schatz?“, erwiderte ich empört. 
 
Dumm klickt gut?
 
Ich möchte gar nicht verhehlen, dass es bei den bislang zehn bewältigten Missionen der Kampagne vereinzelt zu leichten Irritationen kam. Herr Harald Waldemar von und zu Dummelsdorf Fränkel ist mutmaßlich der einzige Mensch der Welt, der seine eigenen Weltraumbaufahrzeuge (WBF) abknallt. Also bitte, bei der unsagbar schwierigen dritten Mission kann das schon mal passieren! Für die, die es noch nicht so weit geschafft haben wie ich: Hier müsst ihr euch bis zur Evakuierung verteidigen, was nicht multitaskingfähigen Menschen bisweilen Panik und Hektik beschert. Weil ich gerade eine Kampftruppe markiert hatte, zu einem WBF wechseln wollte und es dabei mit der linken Maustaste anklickte, kam es zu dem kaum erwähnenswerten Unfall. Glaub ich jedenfalls. Ähem.                
 
Die Mauer muss weg!
 
Tröstlich zu erfahren war es dank des GG-Tests, dass sich offensichtlich nicht nur meine Heinzelmännchen hin und wieder zwischen den von ihnen gebauten Versorgungsdepots oder sonstwo einmauern. Zum Glück lassen sich besagte Lagerhallen im Boden versenken, damit die kleinen WBF-Blödiane wieder in die Freiheit finden. Profis behaupten gern, dass Blizzard die Gebäude unter anderem bewusst so designt hat, damit das Spiel noch mehr taktische Tiefe bietet – weil E-Sportler es sich ab und zunutze machen, den Feind zu blockieren, blasülzlaberblub. Das ist natürlich kompletter Nerd-Unfug! In Wahrheit fiel die Entscheidung nach der Qualitätsprüfung mit Schimpansen. „Wenn die bei der QA versagen, sehen Flachzangen wie dieser Fränkel erst recht kein Land, dagegen müssen wir was unternehmen!“, hieß es bestimmt während eines Meetings.
Während ich Held Jim Raynor bei seinem Abenteuer begleitete, geschahen weitere seltsame Dinge. Ich ertappte mich etwa hin und wieder dabei, frisch gebaute Einheiten zu vermissen, obwohl sich diese Sekunden zuvor einsatzbereit gemeldet hatten. Der Held vom Erdbeerfeld brauchte schlappe acht Missionen, um mitzukriegen, woran das lag: Man kann nämlich von den Kasernen aus Wegpunkte setzen, was die Herren Marines & Co. veranlasst, sich sofort nach Fertigstellung dorthin zu bewegen. Offensichtlich hatte ich das irgendwann versehentlich getan. Was bin ich stolz, höchstselbst zu dieser Erkenntnis gelangt zu sein! Und wie stolz werde ich erst sein, falls ich jemals herausfinde, wie das beabsichtigt geht! Viel wichtiger ist aber dieser Punkt: Starcraft 2 verzeiht blutigen Anfängern viele Fehler und Peinlichkeiten. Es war also sogar mir möglich, ohne große Frusterlebnisse gut in der Story voranzukommen.
 
Ui! Spezialfähigkeiten! Ui!
 
Summa summarum hat mein Perle-vor-die Sau-werfen-Test also eindeutig ergeben, dass Wings of Liberty selbst Strategiespielhassern reichlich Spaß macht. Na ja, den Multiplayermodus möchte ich ausnehmen. Dort gibt es Ligen unterschiedlicher Güteklasse. Die servieren euch angeblich Gegner, die ungefähr eure Spielstärke haben (stellt euch an dieser Stelle ein wahnsinniges Lachen vor). Eingeteilt sind die Ligen in Bronze, Silber, Gold, Platin und Diamant. Diamant entspricht Champions League. Bronze bedeutet, dass ihr scheiße seid. Ich hab noch eins drunter angefangen, in der Übungsliga. Meinereiner baute also lustig vor sich hin und stieß ein ums andere mal ein begeistertes „Ui!“ aus. Als ich alter Mann ohne Hilfe meines Zivis herausfand, wie man einen Thor baut zum Beispiel. Minuten später stellte ich sogar fest, dass manche Einheiten über Spezialfähigkeiten verfügen. Soll mal noch einer behaupten, ich hätte keine schnelle Auffassungsgabe.
 
Schaffe, schaffe, Häusle baue
 
Die vielen Möglichkeiten im Multiplayermodus machten mich sehr glücklich. Für 14 Minuten und 55 Sekunden. Dann kamen von links oben lauter fiese Viecher. „WBF!!!“, brüllte ich erschrocken. Verzeihung, hab mich vertan, ich brüllte natürlich nicht „WBF!!!“, sondern „WTF!!!“ Warum? Weil die gemeinen Kerle einfach alles kaputt machten! Ultralisken hießen die größten Monster des hinterhältigen Mobs, glaub ich. Es müssen so um die 38.483 Stück gewesen sein. Konnte leider nicht schnell genug gucken, weil nach exakt 14 Sekunden später, also bei 15:09 Minuten, alles vorbei war. Lag's vielleicht daran, dass ich Hornochse zu diesem Zeitpunkt noch immer jedes Gebäude einzeln hochgezogen habe? Konnte ICH doch nicht wissen, dass man den WBF-Spackos bei gedrückter Shift-Taste befehlen kann, ganze Produktionsketten abzuarbeiten! Mannmannmann, es gibt Dinge, die sind so was von blamabel, von denen würde ich niemals hier berichten.             
 
Mein ganz persönlicher Starcraft 2-Test hatte weitreichende Folgen. Zum einen musste ich aus meinem GamersGlobal-Profil den Satz „Ich würde eher Angela Merkel befummeln, als ein Strategiespiel anzufassen!“ löschen (demnächst möchte ich auch mein Adventure-Trauma angehen). Zum anderen hat mich der Ehrgeiz
In zwei bis drei Tagen bin ich stark genug, Lee Jae-Dong aus Korea herauszufordern!
gepackt. Jetzt wo diese Kolumne fertig ist, werde ich mich weiter durch die Einzelspielerkampagne von Wings of Liberty kämpfen, um anschließend wie ein Gedopter den Multiplayer-Part zu trainieren. Ich denke, in zwei bis drei Tagen bin ich stark genug, Lee Jae-Dong aus Korea herauszufordern und vernichtend zu schlagen! Muss mir nur noch überlegen, bei was. Ich liebäugele mit Armdrücken.
 
In diesem Sinne: schönes Leben noch!
 
Euer Harald Fränkel
 
PS: Ich habe einen Wunsch für Starcraft 3. Bitte, liebe Blizzard-Leute, druckt den CD-Key der Probeversion nicht noch einmal dreimal so groß ab wie den der Vollversion! So was kann Existenzen ruinieren! 
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