Dr. Harald Fränkel empfiehlt:

Spielend lernen Meinung

Kinder brauchen mehr Medienkompetenz, betonen diverse Schlaubischlümpfe immer wieder. „Blödsinn! Das erkennen Sie spätestens, wenn der dreijährige Zweikäsehoch das Passwort für die Pornosammlung Ihres PCs gecrackt hat“, entgegnet Harald Fränkel. Nachholbedarf in Sachen Medienkompetenz, so unser Kolumnist, haben eher Mama und Papa.
Harald Fränkel 27. April 2010 - 23:51 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Ich fühle mich zurzeit extrem verfolgt – und das hat leider nichts mit meinem stagnierenden Twitter-Account zu tun. Es ist vielmehr eine Idee, die mich sozusagen stalkt: der Vorschlag einiger Weisen, Computer- und Videospiele mögen zu Lehrzwecken in der Schule eingesetzt werden. Oder täuscht mich mein paranoides Gefühl, dass Meldungen dieser Art jüngst stärker zugenommen haben als Jojo-Königin Kirstie Ally? „Führt ein eigenes Schulfach Computerspiele ein!“, fordern manche ja sogar. „Geile Idee!“ erwidere ich enthusiastisch und hänge sogar noch ein paar Ausrufezeichen extra an: !!!!!! 
 
Aushilfsleerkörper
 
Ich glaube, ihren Anfang genommen hat die neue deutsche Forderungswelle nach digitaler Bildungspolitik ungefähr, als unsere ehrenwerten Volksvertreter Spiele plötzlich nicht mehr sooo dolle schlimm fanden und parteienübergreifend die Worte „Wir“, „waren“, „nie“, „für“, „pauschale“ „Verbote“, „viel“, „wichtiger“, „ist“, „die“, „Vermittlung“, „von“ und „Medienkompetenz“ für sich entdeckten. Hm … das muss, lasst mich kurz nachdenken, ein paar Wochen vor der Bundestagswahl gewesen sein. Ob da irgendein Zusammenhang besteht? Wie auch immer, mein Vorschlag wäre, in der Grundschule das Fach Heimat- und Sachkunde zu streichen, weil das eh irgendwie so adolfig klingt. Stattdessen gibt’s Computer- und Videospielkunde!
 
Wenn das der Herr Professor Pfeiffer liest, lacht er sich tot
Natürlich müsste man professioneller rangehen als einige Schulmeister, die schon einfach mal ohne Lehrplanänderung damit angefangen haben. So zwangen Pädagogen in Oberhausen ein paar Jugendliche, während des Geschichtsunterrichts Napoleon: Total War mit geschätzten zwei bis drei Bildern pro Sekunde zu daddeln – pfeift euch diese menschenunwürdige Ruckelorgie (siehe ZDF-Mediathek) unbedingt mal rein! Hallo, noch nie was von Kindheitstraumata gehört, ihr Aushilfsleerkörper?
 
Britische Pädagogen haben indes in Zusammenarbeit mit der Polizei Neun- bis Elfjährigen coole Szenen aus Grand Theft Auto 4 gezeigt, um sie vor Gewalttaten abzuhalten. Wenn das der Herr Professor Pfeiffer liest, lacht er sich tot. Was ich übrigens... toll fände... weil das Leben ja so ernst ist und ich jedem Menschen und auch dem Führer des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersaschen gelegentliche Erheiterung wünsche.
 
Shooter: pädagogisch wertvoll
 
Positiv erwähnen muss ich besonders das Lehrer-Handbuch Digitale Spiele im Klassenzimmer, das in seiner Liste „kommerzieller Spiele mit Lernnutzen“ das gute alte World of Warcraft anpreist. Es fördere gemeinschaftliches Lernen, heißt es. Wow, WoW in der Schule, wie geil ist das denn? Ist da überhaupt noch eine Steigerung drin? Eine Runde Heroin für alle in der großen Pause, zur Drogenprävention? 3D Sexvilla: Everlust im Biologieunterricht, zwecks Aufklärung? Schließlich sollte die Jugend frühzeitig lernen, dass man Flaschen nicht nur in den Recyclingautomaten schieben kann!
 
Gut finde ich ferner, dass die Pädagogenfibel auch den Shooter America's Army auf der Liste hat. Der „mögliche pädagogische Nutzen“ liege hier beim „Militärtraining“. Ich als Nichtswisser hielte es glatt für anmaßend, den Fachleuten hier zu widersprechen. Zugegeben, als ich den Shooter der US-Armee in dem Handbuch entdeckte, habe ich ein bisschen geschwankt, ob der Leitfaden nicht vielleicht doch eine Satire ist. Um ehrlich zu sein, schwankte ich sogar sehr stark, ungefähr so wie David Hasselhoff, wenn er einen Burger mampft. Ich fand's extrem unglaubwürdig. Halllooo? Das wäre ja, als würde ein Spielehersteller behaupten, dass er keine Anleitungen mehr in die Packung legt, weil er die Umwelt schützen will! Na gut, ganz so unglaubwürdig vielleicht `doch nicht. Aber kann es wirklich sein, dass jemand einen Ego-Shooter für pädagogisch wertvoll hält? Zum Glück währte meine Unsicherheit nur Sekunden. Ich gelangte zu der Erkenntnis, dass ein Militärtraining ja wirklich was fürs Leben lehrt. Wie wir alle wissen, kann jeder Computerspieler mit 17 oder 18 die gelernten Taktiken im Ernstfall praktisch anwenden. Und sich, was in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht unwesentlich ist, vorher sogar den Mitgliedsbeitrag für den Schützenverein sparen.
 
Modern Warfare 2 im Sportunterricht
 
Meiner Meinung nach sollte das Kultusministerium bei der Gelegenheit gleich den Sportunterricht zeitgemäßer gestalten. „Modern, moderner, Modern Warfare 2“ könnte das Motto lauten, wenn die Behörde den Trainingskurs des Spiels 1:1 in allen deutschen Lehreinrichtungen nachbauen lässt, wie bereits in der Rütli-Schule Berlin-Neukölln geschehen. Antiquiertes Zirkeltraining go home! Wer den Parcour unter 30 Sekunden schafft, kriegt nicht nur das Achievement „Grubenarbeiter“, sondern eine Ehrenurkunde obendrauf.        
 
Computerspiele in der Schule würden noch einen weiteren Vorteil mit sich bringen. Weil die in Bildungsstätten dahinvegetierenden Beamten es ungewöhnlich gut drauf haben, ihren Schützlingen jeden Spaß zu vermiesen nämlich. Was zur Folge haben könnte, dass das faule Zockerpack in seiner Freizeit nicht mehr ständig vor dem Monitor oder Fernseher abhängt, sondern sich angewidert anderem Zeitvertreib zuwendet. Sport zum Beispiel. Oder Grillpartys. Am besten im Ersticken jeglicher Freude sind bekanntlich die Deutschlehrer, weil die ja immer alles interpretieren müssen. Wenn im Jahr 2019 das Fach Computer- und Videospielkunde an deutschen Schulen eingeführt würde, käme es sicher zu solchen oder ähnlichen Dialogen:
 
Lehrer: Schmidt, analysieren Sie den Beginn von God of War 5! Gehen Sie vor allem auf den Zusammenhang zwischen der Darstellung der Hauptfigur und seiner Familie ein, und untersuchen Sie, welche Funktion die Erzählweise und die grafisch-stilistischen Besonderheiten haben!   
 
Schüler: Noja … God of War 5 ist halt voll phatt! Blut, Eingeweide, blanke Wirbelsäule, GEWAAAAAALT, GEIIIIIIIIIIIIL!
 
Lehrer: Nein, Schmidt, 6 setzen! Es ist so: Wie alle God of War-Spiele weckt auch diese Erzählung die Neigung vieler Interpreten nach religiöser oder psychologischer Deutung. Besonders beliebt ist es, das Spiel als Ausdruck von Kratos' Vater-Komplex zu deuten. Neben der psychologischen Deutung erfreuen sich auch soziologische Interpretationen großer Beliebtheit, welche die Familie in God of War 5 als Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse begreifen, sülz laber schmarr und so weiter und so fort.
 
Kafkas Fantasy-Drama
 
Oh Mann, ich fühle mich gerade an meine Schulzeit erinnert, als mir mein Deutschlehrer Franz Kafkas Verwandlung madig gemacht hat. Ich hielt die Erzählung zunächst einfach nur für ein verflucht geiles Fantasy-Drama. Als mir Herr Pädagoge dann aber mit seinem Vaterkomplex-Blablub daherkam, platzte meine Illusion wie eine Seifenblase. Ihr entschuldigt mich mich bitte kurz, ich muss...

 
... kurze Unterbrechung ...
 
 
Romanes Eunt Domus! Römer, geht nach Hause!
So, bin zurück! Wo waren wir? Ach ja: Vielleicht sind die Heranwachsenden vom dauernden Zwangsspielen, das ihnen letzten Endes ihr Hobby nimmt, wirklich so genervt, dass sie in ihrer Freizeit wieder mehr an die frische Luft gehen, um was gemeinsam zu unternehmen. Komasaufen, Omas wegen ihrer Handtaschen zusammenzuschlagen, am Bahnhofsstrich stehen, auf Bäume klettern, so was. Dann fallen endlich auch wieder mehr Kids von Bäumen, sodass uns erschütternde Meldungen erspart bleiben, wonach die Unfälle in diesem Bereich um 50 Prozent zurückgegangen sind. Die Zahl derer, die sich bei Videospielen verletzen, ist indes 60 Prozent gestiegen. Ich glaube, Katzen, die vom schwungvoll geschlonzten Wii-Controller erschlagen wurden, sind in der Statistik noch gar nicht drin!
 
Hach, ich freu mich schon, wenn die heutige verwahrloste Jugend sich wegen eines an sich sehr schönen Hobbys fürchterlich abrackern muss. Während ich, der auf seinem Auto einen Aufkleber „Abi 1990“ zur Schau trägt, faul auf dem Sofa liegt. Am Ende kommt vielleicht sogar irgendein Schwachmat auf die Idee, Spiele wie Zelda oder Final Fantasy auf Lateinisch zu übersetzen (http://www.gamersglobal.de/news/20838 ), das wäre mal hart, harharhar. Obwohl … neee, so durchgeknallt kann niemand sein. „Romanes Eunt Domus!“ – „Römer, geht nach Hause!“, kann ich dazu als Inhaber des Großen Latrinums nur sagen.
 
Macht das Schule?
 
Doch nun Spott beiseite: Wirklich klasse finde ich das Konzept der Computerspielschule in Leipzig. Kinder, die dorthin wollen, zahlen einen Euro Eintritt. Tanzen sie aber mit Mama und/oder Papa an, ist das Angebot kostenlos. Genau das stellt für mich den Knackpunkt dar, und ich behaupte dreist: In vielen oder gar in den meisten Fällen haben Eltern mehr Nachholbedarf in Sachen Medienkompetenz als ihre Sprösslinge, die in diese Welt der Einsen und Nullen hinein geboren wurden. Ohnehin sollte man die Erwachsenen mehr in die Pflicht nehmen – dann würde unser strenges Jugendschutzgesetz eventuell sogar funktionieren.  
 
In diesem Sinne: schönes Leben noch!
 
Euer Harald Fränkel  
 
 

Abfuehrung

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