Harald Fränkel will es wissen:

Spiele-Weltrekord? Null Problemo! Meinung

Harald Fränkel hat gefühlt 73 Jahre lang den Leserbriefonkel von PC Action gegeben und ist für seine teils bitterbösen Glossen berüchtigt. Für uns hat er sich ein Spiel erneut vorgenommen, das einst für Geistlosigkeit und Joystick-Verschrottung stand. Wer keine Bäume pflanzen kann, will wenigstens einen Weltrekord aufstellen...
Harald Fränkel 17. September 2009 - 16:27 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Ich habe noch kein Haus gebaut, keinen Baum gepflanzt und noch kein Kind gezeugt. Zudem ahnend, dass der sozialkritische Einfluss als Journalist für Spiele wohl gemeinhin kaum reicht, um irgendwann den Pulitzer-Preis einzutüten, dachte ich neulich in einem Anfall von Mittellebenskrise: Mannomann, tu doch einmal etwas Bedeutendes! Das Welthungerproblem lösen, ein Heilmittel gegen Aids finden, einen neuen Plattenvertrag für Jimi Blue Ochsenknecht verhindern, eine Kolumne für GamersGlobal schreiben – so was eben.
 
Während ich noch sinnierte, wie man das Robbenschlachten in Kanada, die Kriege weltweit oder die CSU in Bayern verbieten könnte (wie wäre es, künftig nur noch „hochwertige“ Parteien zu fördern, knickknack, ihr versteht?), fiel mein Blick auf ein Buch. Ein Buch mit der Aufschrift Guinness World Records 2009: Gamer's Edition. Ich wog ausgiebig zwischen meinen hehren Zielen und meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten ab. Erst nach zwei Sekunden des harten innerlichen Diskutierens und Ringens kristallisierte sich ganz langsam heraus: Du kannst eh nur eins, du Penner, zocken nämlich – deine Lehrer hatten damals also doch Recht.
 
Entschluss gefasst!
 
Wie auch immer, mein Entschluss stand fest: Ich würde einen Spiele-Weltrekord aufstellen, meinen Namen anschließend im Buch der Bücher lesen können, die Rechte an meiner Biografie verticken, schweinereich werden und ein 18-jähriges Top-Model mit großen Brüsten heiraten.
 
Blieb die Qual der Wahl. Welchen Weltrekord sollte ich vernichten, zerstören, pulverisieren? Zugegeben, der des Amerikaners Tom Duncan schien als Einstieg doch etwas zeitaufwändig, der gute Mann ist quasi Weltrekord-Weltrekordler und wird auf der Internetseite Twingalaxies.com mit rund 6.000 Bestleistungen bei diversen Spielen geführt. Na ja, um den Knilch kümmere ich mich nächste Woche. Wenn ich zwischen Mittagessen und Abendbrot mal ein bisschen Luft habe.
 
Auswahl des Spiels
 
Myst in 3 Minuten und 17 Sekunden? ... derartige Quickies wären mir echt zu billig!
Was gibt’s noch für Möglichkeiten? Vielleicht Splinter Cell: Chaos Theorie schnellstmöglich auf dem Schwierigkeitsgrad „Experte“ durchspielen? Um den Rekord zu brechen also in weniger als einer Stunde, 16 Minuten und 34 Sekunden? Oder The Secret of Monkey Island binnen 39 Minuten? Portal in weniger als einer Viertelstunde? Myst in drei Minuten und 17 Sekunden? Das sind ordentliche Ergebnisse, aber derartige Quickies wären mir echt zu billig. Außerdem bliebe am Ende des Tages nur wieder dieser fade „Och menno, Spiele sind viel kurz fürs Geld“-Nachgeschmack. Gerade die spielerisch begnadeten Pro-Gamer dieser Elektroseite kennen das ja.
 
Während meiner weiteren Recherche stieß ich auf einen Weltrekord, für den man gar nichts tun muss. Sammlerweltrekord lautet das Zauberwort! Den hält ein gewisser René Meyer aus Leipzig. Ha, ich bin seit Jahrzehnten Spiele-Sammler! René Meyer? Who the fuck is René Meyer? „Dieses Würstchen wird vor mir im Staub liegen, kriechen und winseln!“, brüllte ich triumphierend, als ich den zu schlagenden Wert 600 las, „das ist ja L-Ä-C-H-E-R-L-I-C-H!“. Oh … einen Moment … ach so, bei diesem Sammlerweltrekord geht’s gar nicht um Spiele?! Sondern um die entsprechende Zahl an Computern und Konsolen … äh … vergesst bitte, was ich geschrieben habe, uiuiui ist mir das jetzt peinlich … dumdidum … DA! HINTER EUCH! EIN DREIKÖPFIGER AFFE!        
 
Dann doch Plan B

Okay, dann Plan B. Der folgt meiner Theorie, dass es gar nicht darauf ankommt, eine Bestleistung zu vollbringen, um es ins Guinness-Buch zu schaffen. Die simplere Variante: Mach einfach etwas, was kein anderer tun würde, und schon bist du der Beste darin. Mach also etwas komplett Schwachsinniges! Ein Flugzeug essen zum Beispiel. Ach, gab’s auch schon? Mann, dann eben 42,195 Kilometer am Stück rennen, eine Frau zum Bundeskanzler wählen, erregt unter Hella von Sinnen liegen (und überleben), World of Warcraft gut finden, wasweißdennichverdammtnochmal.
 
Für mich jedenfalls lautete die Lösung: Decathlon von Activision. Welcher Vollhorst würde sich wohl im 21. Jahrhundert noch ein C64-Zehnkampf-Spiel von anno 1983 antun, bei dem es einzig darum geht, wie ein Geisteskranker möglichst schnell an einem Joystick herumzurubbeln? Bei einer Grafik, die diese Bezeichnung nur unwesentlich mehr verdient als das Gedöns, das eine heutige Wii auf den Fernseher erbricht, äh, zaubert! Bloß eines dusseligen Eintrags ins Buch der Rekorde wegen? Wer bitte ist so beknackt wie ich? Wer denn bitte? Na gut, Fred Bugmann aus Brasilien. Dessen Decathlon-Rekord vom 25. August 2008 liegt bei 10.605 Punkten. Mist. Wäre ja auch zu schön gewesen, hätte es zu meinem Lieblingsspiel aller Zeiten noch keinen Eintrag gegeben.     
 
Doch ich nehme die Herausforderung an. Ich war jahrelang ungeschlagener Decathlon-Athlet! Die virtuelle Reinkarnation von Daley Thompson!!! Der ungekrönte König des urzeitlichen E-Sports!!!!! Niemand, aber auch niemand konnte mich schlagen, niemand in diesem Universum, also keiner in der ganzen Luschener Straße, Hausnummern 101 bis 107, damals in Dudelsdorf.
 
Hallo? Ich habe im zarten Alter von 13 Jahren so ausgiebig Competition-Pro-Sticks vergewaltigt, dass mein rechter Unterarm dicker  war als mein Oberschenkel! Was wurde ich gehänselt, weil ich meine pubertären Hormone nicht im Griff zu haben schien. "Wenn du bei ,Was bin ich?' wärst und deine typische Handbewegung ausführst, denkt jeder nur an Hausbesuche bei alten, dicken und sehr haarigen Männern“, pflegte Banknachbar Uwe in der Schule stets zu mir zu sagen. Um ein infernalisches „MUAHAHAHA!“ anzuhängen. Hoffentlich hat er seine Segelohren immer noch. Der blöde Streber. 
 
Der Weltrekord naht

Doch zurück in die Zukunft: Bald werde ich meinen Weltrekord haben. Nur zehn Disziplinen bei Decathlon und ich ernte den verdienten Ruhm. Einmal durchspielen, fertig, basta, Obstsalat! Ich bin doch nicht so dämlich wie diese anderen Spackos, die mehrere Stunden für so einen Scheiß investieren. Diese Speedrunner und anderen Verrückten! Diese Armleuchter!

Rund drei Tage, 24 Liter Schweiß und 37 Muskelkrämpfe später wurde mir einiges klar. Zum Beispiel, dass mein Ehrgeiz krankhaft ist und Kinderkriegen nicht so weh tun kann wie ein virtueller 400-Meter-Lauf. Und dass die von der Freundin angerufenen, weiß gewandeten Männer mit den modischen Schnürjacken gar nicht mal so leicht abzuwimmeln sind. Ich bin ganz ruhig! GANZ RUHIG! HÖREN SIE NICHT! 

Außerdem erkannte ich, zwar nach wie vor keine Ahnung vom Tuten, dafür aber von Blasen zu haben.
 
Als ich am Ende am Ende war, standen dürre 10.155 Punkte auf meinem Zettel. Ist da nicht mehr drin? Bin ich die 100 Meter früher nicht mühelos unter zehn Sekunden gelaufen? Ach egal, die Reise in die nostalgisch verklärte Vergangenheit war's dem alten Mann schon wert. Und eines meiner größenwahnsinnigen Ziele habe ich erreicht: Die Geschichte meines traurigen Versagens ist auf GamersGlobal gelandet – als "Kolumne". Hihi!

Übrigens mein Erstlingswerk hier, ich bitte um Milde. Jetzt muss ich weiter trainieren. Ich werde es schaffen, Tschakaaa! Euch allen noch ein schönes Leben!

Euer Harald Fränkel

Harald@Twitter
Abfuehrung

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