Roland Austinat traut sich:

"Spiele sind zu billig!" Meinung

Spieletester-Veteran Roland Austinat hat nachgerechnet: Computer- und Videospiele seien in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich teurer geworden, fast alles andere aber schon. Als Argument fürs Raubkopieren lässt Roland hohe Spielepreise gleich gar nicht gelten. Sicherlich keine Kolumne, die jeder gerne lesen wird. Aber lest sie.
Roland Austinat 25. November 2009 - 15:54 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Erinnnert sich noch jemand an das Gezeter, als Activision Blizzard ankündigte, den Verkaufspreis für Call of Duty: Modern Warfare 2 anzuheben? Wie viele Spieler deswegen den Actiontitel boykottieren wollten? Das waren scheinbar alles leere Worte, denn unlängst legte das Spiel den erfolgreichsten Verkaufsstart eines Videospiels überhaupt hin: knapp 5 Millionen Stück am ersten Tag, bezogen auf die USA und England. Und das trotz eines Preises von 60 Dollar beziehungsweise 150 Dollar für die Prestige Edition mit "Nachtsichtgerät". Nun ja. Oh, und dann gab es auch noch die "Hardened Edition" für 80 Dollar, ausgeliefert in einer Blechschachtel inklusive eines Mini-Art-Books und eines Gutscheins zum Herunterladen des allerersten Call of Duty. Die verkauften sich ebenfalls nicht schlecht.
 
Im Zuge des MW2-Starts schlug auch Microsofts Entscheidung hohe Wellen, Heerscharen von Raubkopieren den Zugang zum Konsolen-Onlinedienst Xbox Live zu sperren. Denn etliche Schlaumeier waren schon lange vor dem Verkaufsstart mit einer geknackten Version des Spiels online unterwegs beziehungsweise meldeten per Xbox Live ihre Fortschritte der Einzelspieler-Kampagne. Tja, dumm gelaufen, liebe Raubkopierer. In einschlägigen Foren kochte erst einmal die Wut hoch: Wie kann Microsoft als ein Milliardenunternehmen so etwas tun? Haben die nicht genug Geld und andere Sorgen? Und was sind schon ein paar Spiele, die man aus dem Internet herunter lädt, brennt und auf einer gehackten Konsole spielt? Und überhaupt, wer kann sich so viele gute Spiele überhaupt leisten? Was machen Arbeitslose, die über nur über ein geringes Einkommen verfügen? Kein Witz, solche Kommentare gab und gibt es dutzendfach. Ich habe für keines davon Verständnis.
 
Verbraucherindex contra Spielepreise
 
Computer- und Videospiele sind seit den 80ern erstaunlich preisstabil
Also, die Spielepreise. Abgesehen davon, dass ich Klagen von Raubkopierern kein Mitleid schenke, lohnt sich ein Blick zurück. Zwischen 1991 und 2008 hat der deutsche Verbraucherpreisindex knapp 30 Prozent zugelegt (Quelle: Statistisches Bundesamt). Doch wenn wir etwa in eine Ausgabe der Video Games von 1991 schauen, kostete laut einer Anzeige das Rollenspiel Final Fantasy Legend 76 Mark. Für den Ur-GameBoy, wohl gemerkt. Wie sieht es heute aus? Amazon bietet diverse Final-Fantasy-Teile für das heutzutage vergleichbare Mobilsystem Nintendo DS entweder fürs gleiche Geld oder überwiegend deutlich billiger an: Zwischen 20 und 36 Euro müssen Rollenspieler pro Spiel berappen. Tatsächlich sind Computer- und Videospiele schon seit den 80er Jahren erstaunlich preisstabil: Ich erinnere mich etwa daran, im Jahr 1984 das Action-Adventure Pitfall 2 für das Atari-2600-System gekauft zu haben -- für 120 Mark, also rund 60 Euro. Wenn das keine Preisstabilität ist, was dann? Demgegenüber sind die Preise für andere Unterhaltungsformen wie Bücher oder einen Kinobesuch deutlich in die Höhe geschnellt.
 
Kaum noch schlechte Spiele
 
Natürlich ist es ärgerlich, 50 Euro für ein Schrottspiel auszugeben. Allerdings sind die Zeiten, in denen es solche Titel in rauen Mengen in die Regale geschafft haben, so gut wie vorbei. Durch ausgiebigste Berichterstattung in Online- und Printmedien muss heute niemand mehr die Katze im Sack kaufen. Auch Demo-Versionen geben einen prächtigen Einblick in das Spielvergnügen. Und wer darauf verzichten kann, alle Spiele sofort zum Verkaufsstart anzugehen, den erwarten beim Online-Kauf per Steam oder Good Old Games wahre Schnäppchen. So gab es letztes Wochenende via Steam zum Beispiel den gerade mal ein Jahr alten Taktik-Shooter "Frontlines: Fuel of War" für 7,49 Dollar -- billiger geht's kaum noch.
 
Manche Spieler fordern schon seit langem, auch den Preis für brandneue Spiele zu senken, weil dann mehr Leute zugreifen würden. Grober Unfug. Denn Entwicklerstatistiken der letzten Wochen zeigen, dass selbst iPod-Spiele kräftig geklaut werden -- und das bei Preisen von oft nicht mal 5 Euro. Dem gegenüber stehen bei Konsolen- und PC-Spielen kräftig gestiegen Entwicklungskosten: Wo früher eine Million viel Geld war, stecken Entwickler heute oft zweistellige Millionenbeträge in einen Titel, und dann noch einmal einen dicken Batzen in dessen Vermarktung. Geht das nicht billiger? Tja, in Zeiten der High Definition will halt niemand oder kaum jemand zweidimensionale Strichmännchen lenken, sondern so lebensecht wie nur möglich gegen böse Buben kämpfen. Und prompt werden für das Erstellen solcher neumodisch "Assets" genannten Komponenten wie Charaktere, Levels, Waffen und Bedienoberflächen mehr Mitarbeiter benötigt. Die müssen auch irgendwie Miete, Auto und Lebensmittel bezahlen -- erwähnten wir die gestiegenen Verbraucherpreise?
 
Einfach mal eines weniger kaufen
 
Vielleicht sollten wir uns mit dem Gedanken anfreunden, 5 oder 10 Euro mehr pro Spiel auszugeben
Ganz ehrlich: Wer sich nicht alle Top-Spiele leisten kann, kauft sich halt mal eins weniger. Oder nicht sofort am ersten Tag, denn fast alle Spiele kosten schon nach einem halben Jahr dramatisch weniger. Schlechter sind sie deswegen nicht geworden. Vielleicht sollten wir uns auch mit dem Gedanken anfreunden, 5 bis 10 Euro mehr für ein Spiel auszugeben. Denn wie gesagt, so gut wie alle anderen Dinge im Leben sind in den letzten 30 Jahren teurer geworden. Warum sollten es Spiele mit deutlich gestiegenen Produktionskosten nicht auch werden? Mit dem Argument "Die Hersteller machen immer noch viel Kohle, wenn sie fünf Millionen Modern Warfare oder Die Sims verkaufen!" kann mir keiner mehr kommen. Sonst würden wir keine Nachrichten wie die der letzten Woche hören, in der ausgerechnet Electronic Arts das Entwicklerhaus Pandemic (Star Wars: Battlefront, Mercenaries, Destroy all Humans) dicht gemacht hat. Und das war nur ein Teil der insgesamt 1500 Angestellten, die Electronic Arts auf die Straße setzt. Vier Wochen vor Heiligabend.

Euer Roland Austinat
Abfuehrung

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