Mick Schnelle kritisiert:

Schöne neue vernetzte Welt Meinung

Ärgert ihr euch auch zunehmend über den immer stärker um sich greifenden Entwickler-Wahn, sämtliche Produkte mit "Community-Features" zu versehen? Erfolge, exakte Spielzeiten, Statistiken: Das alles ist dank Steam und Co. längst für jedermann online einsehbar. Mick Schnelle spricht sich gegen den gläsernen Spieler aus.
Mick Schnelle 22. Juli 2010 - 23:01 — vor 8 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Das Böse lauert manchmal im Vertrauten und schlägt gerne dann zu, wenn wir es nicht vermuten. München an einem schönen Julitag, viertel nach zehn. Zeit für eine Pause. Nein, kein knoppriges Waffelplätzchen mit Schokofüllung versüßt mir die wohlverdiente Erholung, sondern eine Runde Bejeweled 2 auf dem iPhone.  Ein Laster, dem ich schon seit Jahren fröne und das ich bis an mein Lebensende wohl auch nicht mehr loswerde. Ha, ein neuer Highscore. Der moderne Redakteur freut sich auch über Kleinigkeiten und will mit seinen flinken Tippfingern gleich -- eitel wie er ist -- die eigenen Initialen eingeben, doch was ist das? Wie kommt das Facebook-Logo auf mein bislang Social-Community-freies Hightech-Telefon aus chinesischer Fabrikation und wieso sollte ich meinen Highscore gleich all meinen "Freunden" mitteilen wollen? Damit gleich jeder weiß, der Schnelle arbeitet gerade nicht und versenkt stattdessen lieber bunte Kügelchen? Gerade noch rechtzeitig breche ich ab und verhindere so, dass meine Geschäftskontakte michdemnächst mit "Na, wieder Kügelchen verschoben?" empfangen.

Die Social-Gaming-Hölle

So lang die Einleitung, so ernst ist mir dieses auf den ersten Blick völlig harmlose Thema. Denn so langsam aber sicher wird mir diese ganze Verlinkung, die so schleichend um sich greift, unheimlich. Es sind ja nicht nur diese ganzen Social-Gaming-Community-Dinger, die stets und ständig all meine Handlungen dem Rest der Welt mitteilen wollen. Das Problem reicht ja viel tiefer. Man stelle sich meinen Schreck vor, als ICQ sich letztens eben mal so mit meinen Facebook-Account kurzschließen wollte, um fröhlich Adressen und aktivierte Kontakte auszutauschen.
Vor meinen Augen erscheinen Orwell'sche Szenarien, die ich bereits 1984 hinter mir gelassen zu haben glaubte.

Was mich dabei am meisten nervt: Diese Datenkraken, die alle mein Leben auf so wunderbare Weise verknüpfen, sind mittlerweile omnipräsent. Wer Facebookspiele spielt, darf sich nicht wundern, wenn genau so was passiert. Das ist auch mir bewusst, da erwarte ich es ja. Aber wenn ein renommierter Spiele-Hersteller wie ausgerechnet Blizzard eine Kooperation mit eben jener Facebook-Krake eingeht (laut Pressemitteilung "to enhance the social gaming experience"), um kurz darauf bekannt zu geben, alle Wold-of-Warcraft- und Starcraft-2-Spieler im Forum nur noch mit vollständigem Klarnamen zu listen, dann erscheinen sicherlich nicht nur vor meinen Augen Orwell’sche Szenarien, die ich bereits 1984 hinter mir gelassen zu haben glaubte. Nun gut, dank massiver Proteste (und der öffentlichen Demontage des armen Mitarbeiters, der so dumm war, zur Demonstration der "Harmlosigkeit" seinen echten Namen preiszugeben)  ist dieses närrische Treiben genauso schnell wieder aufgegeben worden. Aber man braucht nicht sonderlich paranoid zu sein, um die Befürchtung zu haben, dass das nur der erste Schritt in die falsche Richtung war. Denn Blizzard führt seit einiger Zeit ja nicht aus lauter Menschenfreundlichkeit alle Accounts egal ob WoW, Starcraft oder Diablo auf dem Battlenet zusammen. Kaum ein Browserspiel, das mich nicht mit Twitter und anderen Segnungen der digitalen Welt vermodeln will. Und spätestens, wenn Google, die Mutter aller Datensammler, die Drohung wahr macht, eine eigene Spieleplattform zu etablieren, werden wir alle uns noch wundern.

Meine Festplatte gehört mir

Und von diesen Verknüpfungen sind ja mittlerweile auch schon Solospiele betroffen. Electronic Arts betreibt mit Dragon Age - Origins und Mass Effect 2 doch bereits die Integration von Solospielen ins Internet hinein. Noch nicht ganz soweit, aber auf demselben Weg dorthin, befindet sich Ubisoft. Und ganz weit vorn dabei: Steam. Jedes über Steam verkaufte Spiel bietet spezielle "Erfolge", die freigespielt werde können und für alle Freunde einsehbar sind. Gleiches gilt natürlich für Xbox- und PS3-Netzwerke. Kurz: Alles was mit Spielen zu tun hat, wird verknüpft, und zwar mit allem anderen. Ich halte es für keine besonders gewagte Aussage, dass spätestens in fünf Jahren alles, und zwar wirklich alles, miteinander verbunden sein wird. Egal ob Spielen, Einkaufen, Bankkontenverwaltung oder Filme gucken. Und das macht mir wirklich Angst.  Und wir werden tatsächlich zum gläsernen Spieler, schlimmer noch: zum gläsernen Konsumenten, dessen Aktionen für so ziemlich jeden Zweck fröhlich protokoliert und ausgewertet werden können. Ohne unser Wissen oder unsere Zustimmung. Und spätestens dann haben wir keine Kontrolle mehr, was mit diesen Daten geschieht. Da muss noch nicht mal zwangsläufig böser Wille dahinterstecken.

Im echten Leben ist ja auch nicht alles verbunden. Jeder von uns hat Freundes- und Bekanntenkreise, die sich nicht überschneiden. Und das aus gutem Grund. Es gibt Lebensbereiche, die gehören einfach nicht zusammen. Und ich möchte nicht, dass beispielsweise all meine Kunden wissen, was ich wann wo spiele, wie lange und womöglich noch mit wem. Welche DLCs ich gekauft habe, welchen Ladescreen ich am längsten angeguckt habe etc. Zumindest für Solospiele sollte gelten: Meine Festplatte gehört mir, was ich hier zocke, geht niemanden was an. Ich will nicht vermeintliche "Erfolge" mit Menschen teilen, die Facebook großspurig "Freunde" nennt. Ich will nicht Blizzard meinen Lebenslauf offenbaren, nur weil ich Starcraft 2 spiele und ehrlich gesagt will ich gar keine Daten von mir preisgeben, nur weil ich am PC sitze. Ist das heutzutage wirklich schon zu viel verlangt?

Euer Mick Schnelle

Abfuehrung

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