Reggie Fils-Aimé: Ein falsches Gamer-Idol Meinung

Fehlgeleitete Heldenverehrung

Benjamin Braun / 23. Februar 2019 - 20:18 — vor 3 Wochen aktualisiert
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    Konzernmanager als Gamer-Idol? Das geht mal überhaupt nicht. Es sind die mutigen Spieleschaffenden, die unsere Anerkennung verdienen, nicht die hochbezahlten Erfüllungsgehilfen.
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    Es ist eine geraume Zeit her, dass ich mich zu den aktuellsten Ereignissen im Gaming-Bereich in einer solchen Form geäußert habe. Damals war ich noch interner Mitarbeiter von GamersGlobal, mittlerweile bin ich seit meinem freiwilligen Abgang als Freelancer in der Branche aktiv. Die große Schockmeldung dieser Tage war natürlich die bezüglich Reggie Fils-Aimé, der als COO bei Nintendo of America Mitte April aufhört. Mich persönlich haben die Reaktionen auf diesen Abschied schon etwas verwundert. Nicht so sehr, weil Manager großer Konzerne ja einen generell sehr sympathischen Eindruck hinterlassen, Ferdinand Piëch und Co. waren doch schließlich immer der Inbegriff von Identifikationspotenzial und Sympathie-Werten, wie nur Bundeskanzlerin Angela Merkel sie je erreicht hat. Nun, jedenfalls in den ersten Jahren ihrer Kanzlerschaft, in der sie selbst die Umfragewerte ihres Außenministers überflügelte. Gut, man soll ja nicht schlecht über Tote reden, aber den "Gwido" Westerwelle in Bezug auf die Umfragewerte zu überflügeln, war wohl in etwa genau schwierig, wie im Filmgeschäft sympathischer zu erscheinen als Harvey Weinstein nach der Aufdeckung seiner "Heldentaten".

    Reggie Fils-Aimé jedenfalls, ein Mann, den ich aus nächster Nähe, persönlich mit ihm sprechen konnte ich leider nie, zum ersten Mal auf der E3 2012 erlebt habe. Es war die letzte reguläre Nintendo-PK dieser Art. Denn während Nintendo bis zu diesem Jahr so etwas wie die Abschluss-PK der großen Publisher unmittelbar vor der Eröffnung der Messe in LA zelebrierte, wurde sie danach durch eine spezielle Ausgabe der ins Netz gestreamten Direct-Konferenzen ersetzt. Was hatte der gute Reggie auf der damaligen E3-PK gemacht? Nun, er stand auf der Bühne und stammelte rum, was denn die WiiU und Nintendo Land, der Starttitel, der jeder Konsole beilag, ausmachen würde. Ich hatte ja zunächst Zweifel daran, dass mein Jetlag heftiger sein könnte, als befürchtet. Aber als mir dann auch im Nachhinein verschiedene Mitarbeiter von Nintendo recht unverhohlen sagten, dass das, was die WiiU oder auch Nintendo Land könnte, nicht gut vermittelt worden wären, hatte mich dann schon etwas beruhigt. Klar ist, dass Fils-Aimé die verfehlte Nintendo-Politik bei der WiiU genauso mitgetragen hat, wie es Don Mattrick seinerzeit im Vorfeld der Einführung der Xbox One tat. Fils-Aimé mögen gewisse Peinlichkeiten wie bei Mattrick damals erspart geblieben sein. Aber ob einer von ihnen damals im Vorfeld intern seine Bedenken bezüglich der Konzeption geäußert haben mag oder nicht, haben doch beide in ihrer Rolle als Manager die Vorgabe der Konzernführung nach außen mitgetragen. Das ist kein Vorwurf, es ist ihr Job. Nur genau deshalb ergibt es keinen Sinn, den einen dafür persönlich zu verteufeln, den anderen hingegen persönlich zu feiern.

    Es ist ja schön, dass die Amis den guten Reggie, der definitiv Erfolge als Manager von Pizza Hut, Bierbrauereien und anderem vorzuweisen hat, ehrwürdig als Reggienator bezeichnen möchten. Aber dieser Mann, egal, ob der einem nun persönlich sympathisch ist oder nicht, war doch noch nie ein Messias oder etwas in der Art. Es mag ja sein, dass er Nintendos Philosophie, in Bezug auf Nordamerika, verändert hat, und das abseits der WiiU auch gewinnbringend. Nur wie schlecht sah es denn für Nintendo in Nordamerika aus, wo "Nintendo" bereits vor zig Jahren nahezu ein Synonym für Spielekonsolen (insbesondere im Handheldbereich) war, wie es in Deutschland Tempo für Papiertaschentücher ist?

    Ich habe rein gar nichts gegen Heldenverehrung, auch, wenn ich sie nicht in jedem Fall nachvollziehen kann. Aber bei meiner Art der Heldenverehrung geht es nicht um austauschbare Personen, um Managerposten, die vielleicht schlechter hätte besetzt sein können, sondern (im Gaming-Bereich) um Entwickler, die keinesfalls wegzudenken sind. Hätte es Gothic ohne Piranha Bytes, Leute wie Björn Pankratz oder Michael Hoge gegeben? Wäre die Civilization-Reihe ohne Sid Meier denkbar gewesen, jetzt mal unabhängig davon, wie viel Sid Meier heute noch mit der Reihe zu tun haben mag. Nintendo aber würde es auch ohne Reggie Fils-Aimé geben, in Japan, in Europa, überall.

    Und weshalb war Reggie Fils-Aimé für Nintendo 13 Jahre aktiv? Weil er ein Überzeugungstäter war, oder doch eher, weil Nintendo einem erfolgreichen Manager ein Angebot gemacht hat, das man nicht ablehnen kann? Kann man unterschiedlich einschätzen, für mich ist es allerdings eher letzteres. Das ist nicht verkehrt, ich würde es womöglich genauso machen. Ist ja nun nicht so, als wenn Reggie Fils-Aimé 2003 bei der NSA, einem Ölkonzern oder sonst wem angeheuert hätte, wo persönliche Überzeugungen wohl viel stärker in den Hintergrund hätten treten müssen. Aber trotzdem: er mag für Nintendo wichtig gewesen sein und hatte den COO-Posten deshalb auch nicht grundlos mehr als 13 Jahre inne. Aber er ist und bleibt ein Manager. Auch 13 Jahre bei Nintendo machen ihn nicht zum Überzeugungstäter, zur Nintendo-Ikone, zum enthusiastischen Spieler, zu einem Gamer-Kameraden, wie ihn – aber das gehört eben zur heutigen Vermarktung namhafter Persönlichkeiten in der Spieleindustrie dazu – auch Xbox-Größen wie Larry Hryb nicht wirklich verkörpern.

    Nein, vielleicht entspricht auch all das, was sie tun, ihrer innersten Überzeugung. Aber diese Einschätzung ist ähnlich blauäugig wie die, dass sich am Ende immer das Gute durchsetzt – was auch immer das Gute auch genau sein mag. Wird sich ohne Reggie Fils-Aimé groß etwas verändern? Nein, Nintendo of America hat zwar eine gewisse Eigenständigkeit, aber die wegweisenden Ansagen kommen auch in Zukunft aus Kyoto und von nirgendwo sonst. Auch sein Nachfolger würde ein WiiU-Desaster eben letztlich genauso mittragen, wie es aktuell beim Erfolg der Switch der Fall ist.

    Ich sage das als jemand, dem absolut bewusst ist, dass heute schon die wenigstens Leute wissen, wer ich eigentlich bin, aber wenn der Name Reggie Fils-Aimé in 30 Jahren noch nachhallen sollte, dann nur, weil irgendjemand das so wollte. Oder wisst ihr noch, wer im Jahr 1999 (und das ist bloß 20 Jahre her) dem VW-Konzern vorstand? Ich bezweifle nicht, dass Reggie Fils-Aimé wichtig für Nintendo of America war und erst recht bestreite ich nicht, dass er gute Arbeit gemacht hätte. Aber wenn Gamer Helden haben und verehren sollten, dann bitte Spieleschaffende, die Innovatives, Einzigartiges, Zeitloses erschaffen. Aber doch keine Konzernmanager, die allenfalls indirekt etwas für die Spieler erreicht haben,  letztlich aber doch nur dem Erfolg eines Unternehmens verpflichtet sind.
     
    Euer Benjamin
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      Benjamin Braun 23. Februar 2019 - 20:18 — vor 3 Wochen aktualisiert

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