Roland Austinat in den Wolken

OnLive: Schöne neue Welt Meinung

Vor einem Monat ist in USA der Spielestreaming-Service OnLive gestartet. Roland Austinat war und ist dabei, berichtet von seinen Erfahrungen und wagt einen Ausblick auf die Brave New World des Computerspielens. Lest die Kolumne besser nicht, falls ihr euch kürzlich einen neuen Spiele-PC gekauft oder selbst gebastelt habt...
Roland Austinat 8. August 2010 - 14:01 — vor 8 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Der Lieblingsfeind aller PC-Spieler? Ganz klar, Spielkonsolen wie Microsofts Xbox 360 und Sonys PlayStation 3, vielleicht auch noch Nintendos Wii. Denn mit der Tatsache, dass PC-Spiele im US-Einzelhandel sowie in weiten Teilen der restlichen Welt nur noch ein Nischendasein fristen, konnte ich bislang mühelos meine Leser in Deutschland gegen mich aufbringen. Dort zählt das Schrauben, Installieren und Basteln am heimischen PC immer noch mehr als das Einschalten einer Konsole. Dabei ist mein Herz für alle Systeme offen -- netto verbringe ich nicht zuletzt dank etlicher MMOs noch immer mehr Zeit am PC als an der Spielkonsole. Aber wenn ich die Wahl habe, nehme ich tendenziell doch lieber bequem vor dem Fernseher Platz und das Gamepad in die Hand.
 
Niedergang hochgezüchteter PC-Boliden
 
Bereit für den nächsten Zankapfel? Mit OnLive ging hier in den USA vor gut einem Monat ein Online-Spieledienst an den Start, der den Niedergang hoch gezüchteter PC-Boliden noch beschleunigen könnte. OnLives Erfinder versprechen, dass damit neueste Spiele ohne 3D-Karte flüssig laufen sollen. Die Kunden des Dienstes verbinden sich dazu per 6-MBit-Breitband-Internet (oder schneller) mit dem nächstgelegenen OnLive-Rechenzentrum, in dem derzeit rund zwei Dutzend Spiele bereitstehen: Titel wie Lego Harry Potter: Year 1-4, Assassin's Creed 2, Splinter Cell: Conviction, Just Cause 2 und Borderlands. Die steuert man von PC oder Mac quasi fern, die Grafik wird vom OnLive-Computer dann über einen Kompressionsrechner und das Internet auf den heimischen Monitor gestreamt. Deswegen benötigt euer PC keinerlei 3D-Grafikfähigkeiten. Geplant, doch noch Zukunftsmusik ist zudem die "OnLive-Konsole" -- eine kleine Schachtel, die zwischen Router und Fernseher Platz nimmt. Richtig, dann braucht man zum Spielen gar keinen PC mehr.
 
Wie sicher viele von euch habe auch ich mich gefragt: Kann die Nummer klappen? Verderben mir bei schnellen Shootern und Rennspielen nicht Lag-Verzögerungen den Spielspaß? Und wie pixelig ist die HD-Auflösung 720p (1280 mal 720 Bildpunkte) zusammen mit Kompressionsartefakten wirklich? Der Reihe nach: OnLive funktioniert. Sowohl auf meinem Spiele-PC als auch meinem zwei Jahre MacBook mit integrierter Chipsatz-Grafik. Lag ist so gut wie nicht zu spüren, selbst Borderlands und Unreal Tournament 3 sausen nur so über den Bildschirm. Allerdings: In einem Action-Adventure wie Splinter Cell: Conviction und Assassin's Creed 2 verwischen Menüs und Grafikdetails gelegentlich schon ein wenig, wenn viele Feinheiten schnell und gleichzeitig dargestellt werden wollen.
 
Ein Segen für die Spielehersteller
 
Für Spielehersteller ist OnLive ein echter Segen: Keine Raubkopierer mehr, keine Verluste durch Gebrauchtverkäufe. Endkunden müssen sich ihrerseits nicht mit ewigen PC-Aufrüstungen herumschlagen, bekommen immer die aktuellsten Versionen und speichern ihre Spielstände direkt auf dem Server ab. Hat der Dienst also wirklich keinen Haken, von der nicht immer ganz messerscharfen Grafik abgesehen? Nun, zum einen will OnLive nach einem derzeit kostenfreien ersten Jahr auch eine monatliche Grundgebühr verlangen. Damit könnten brandneue Titel teurer als im Laden werden -- das wäre ein Unding! OnLive-Chef Steve Perlman kündigte dann auch unlängst an, dass man ausgewählte OnLive-Spiele beziehungsweise -Demos auch ohne Grundgebühr nutzen könne -- dann aber auf die Community-Features wie Freundeslisten, Nachrichten und das Speichern von Videoclips besonders spektakulärer Spielszenen verzichten müsse.
 
Ihr erwerbt für euer Geld lediglich ein Nutzungsrecht am Spiel
Zum anderen -- und das stört mich persönlich am meisten -- bekommt man für rund fünf 5 bis 60 Dollar weder eine physische noch eine digitale Kopie eines Spiels: Ihr erwerbt für euer Geld lediglich ein Nutzungsrecht am Spiel. So wie bei einem Kinobesuch, von dem einem lediglich eine Eintrittskarte bleibt. Oder bei einer Fernsehserie, wobei man die immerhin noch privat mitschneiden kann. Obendrein verspricht OnLive keine ewige Zugriffsmöglichkeit auf derartig erworbene Titel, sondern garantiert derzeit nur drei Jahre Unterstützung. Das klingt auf den ersten Blick schlimmer, als es ist. Denn mal ehrlich: Spielt ihr alle Spiele nach ihrem Kauf mehrere Jahre lang? Wer hat da noch Zeit für frischen Nachschub? Sicher, über Valves Online-Dienst Steam erworbene Titel kann ich immer noch daheim sichern, doch wie sieht es bei MMOs aus? Wenn Blizzard eines Tages die Server von World of WarCraft abschaltet, heißt es: Außer Spaß und Spesen nichts gewesen.
 
Die Konkurrenz schläft nicht
 
Eins ist sicher: Bekommt OnLive die Kinderkrankheiten Grafikqualität und Preisstruktur einmal in den Griff, besitzt der Dienst das Potenzial, den Spielemarkt gewaltig umzukrempeln. Davon gehen auch Designer-Veteranen wie David Perry und Louis Castle aus. Perry arbeitet mit Gaikai an einem direkten Konkurrenten zu OnLive, während Castles InstantAction noch den Download auf die heimische Festplatte voraussetzt -- jedoch soll man noch während desselben losspielen können.

Ob mir diese Entwicklung gefällt, weiß ich nicht so recht. Schließlich halte ich noch immer gerne eine Schachtel in der Hand, auch wenn darin selten mehr als eine DVD und ein dünnes, schwarzweiß gedrucktes Installationsheftchen stecken. Wie geht es euch?
 
Herzliche Grüße aus der Zukunft,
 
Euer Roland Austinat

Abfuehrung

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