Anatol Locker fordert:

Neue Textadventures, bitte! Meinung

Jahrelang haben wir nur unsere Finger bewegt. Anatol Locker findet, es wird wieder Zeit, wieder Kopf und Phantasie zu trainieren. Dabei baut er auf die Erfahrung eines bereits langen Spieleredakteurslebens: Anatol begann in erinnerungsverklärten Happy-Computer- und PowerPlay-Zeiten seine Karriere.
Anatol Locker 14. August 2009 - 10:06 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
 
Ich habe eine Schwäche für gut geschriebene Geschichten. Was ich daran mag, sind die Bilder, die beim Lesen in meinem Kopf entstehen. Etwas altmodisch, zugegeben. Aber schließlich staube ich auch vierteljährlich meine Magnetic-Scrolls-  und Infocom-Sammlung ab.

Wie, lieber spielebegeisterter 14jähriger Leser, das sagt dir nichts mehr? Kein Problem, denn beide Firmen gab es schon nicht mehr, bevor du das erste Spiel gedaddelt hast: Das letzte Lebenszeichen von Magnetic Scrolls verbuchte die Spielewelt 1990, vorher kamen einige der genialsten Grafikadventures der Spielegeschichte von ihr, namentlich Guild of Thieves, The Pawn und Jinxter - mehr davon auf www.mschronicles.com.  Infocom beendete in Wahrheit schon 1986, als sie von Activision übernommen wurde, ihr glorreiches Dasein, das zu zwei Dutzend hochklassiger Textadventures (etwa Zork, Suspended, Enchanter, Stationfall, Lurking Horror, Wishbringer, Deadline, Bureaucracy oder Hitchhikers Guide to the Galaxy) geführt hatte. Sie wollten ja unbedingt eine Profi-Datenbank namens Cornerstone programmieren. Selbst schuld.

Zwei Worte statt einem Mausklick

Die Monkey Island Special Edition löste bei mir nostalgische Glücksgefühle aus.
Nun warte ich darauf -- wahrscheinlich als einziger Deutscher --, die Textadventure-Dokumentation „Get Lamp“ (http://www.getlamp.com) endlich bestellen zu können. Schon der Titel ist eine Hommage an die lange Zeit nur zwei Worte "verstehenden" Parser früher Adventures -- Mausbedienung gab’s in Textadventures keine. Ich habe sogar den Multi-Interpreter Frotz (http://frotz.sourceforge.net) fürs iPhone installiert, auch wenn die Geschichten auf dem virtuellen Keyboard, seien wir mal ehrlich, völlig unspielbar sind. Und dass Monkey Island kürzlich als Special Edition wiedererschien (siehe auch den Test auf GamersGlobal), löste bei mir nostalgische Glücksgefühle aus. Vielleicht können wir ja auf weitere Adventure-Highlights hoffen, die neu aufgelegt werden.
 
Ihr seht schon: Ich hoffe inständig auf eine kleine Renaissance dieses stark vernachlässigten Genres.  Die große Chance besteht nicht darin, alte Rätsel in neuen Gewand aufzulegen; das macht unter anderem der Hamburger Publisher dtp seit Jahren äußerst routiniert, das perfektionieren Teams wie Daedalic bei The Whispered World. Alles schön und gut, aber der Charme besteht für mich darin, neue, aufregende, durchdachte und witzige Geschichten für Erwachsene erzählt zu bekommen. Und zwar in bester „Stummfilm-Manier“. Da vermisst man auch nach zehn Minuten den Ton nicht mehr und konzentriert sich auf die Handlung.

Interactive Fiction
 
Wenigstens international stehe ich nicht alleine da mit meinem seltsamen Begehren (und falls es doch der eine oder andere von euch teilt, lasst es mich in den Kommentaren wissen!): Seit 15 Jahren schreiben Interactive-Fiction-Autoren mit irrem Aufwand gut gemachte Textadventures. Manche Spiele sind über hundert Räume groß und halten den Spieler über Tage beschäftigt.  Wer macht sich diese blödsinnige Mühe? Es sind wieder mal die reinen Enthusiasten, die sich für ihre Geschichten Tage und Nächte um die Ohren schlagen. 

Und ich muss sagen: Ihre Stories werden von Jahr zu Jahr besser, charmanter, ausgefeilter, poetischer. Im seltensten Fall geht es um Klischees, wie wir sie aus unzähligen Spielen sind: („Nur du kannst die Welt retten“ oder „Nur du kannst die Prinzessin retten“ oder „Nur du kannst die Mutanten zersägen“).
 
Nein, diese Geschichten sind subtiler. Sie spucken dir ein kleines Häppchen der Geschichte hin und lassen dich dann im Leeren stehen. Währenddessen spinnt dein Hirn, das unterbewusst immer die Story lösen will, die Geschichte in jeder erdenklichen Weise weiter. Dass es nun Stoffe gibt, in der es um Beziehungen, Menschen und Gefühle geht, macht mir mehr Spaß als mit der nächsten Superwumme Mutanten zu zerbröseln… (obwohl das auch seinen Charme entwickeln kann). Auch Grafikadventures können dagegen nicht anstinken: Was auf dem Bildschirm konkret abgebildet wird, lässt eben keinen Raum mehr für die eigene Phantasie.
 
Die Besten gibt’s kostenlos
 
Sämtliche Nominees des Jahres 2008 passen in ein 65-MByte-Zip.
Die Creme de la Creme des Genres findet Ihr beim „Annual Interactive Fiction Award“: Einmal pro Jahr beurteilt eine internationale Jury die eingereichten Spiele und zeichnet die besten aus. Alle Spiele gibt’s kostenlos, Interpreter und Files ebenso (http://www.ifcomp.org). Jedes Jahr entdecke ich dabei Perlen, die früher als Vollpreisspiele gehandelt worden wären.  Und auch wenn man ein wenig herumsuchen muss, und den Interpreter installieren (übrigens: sämtliche Nominees des Jahres 2008 passen komplett in ein 65-MByte-Zip), die Mühe lohnt sich! Einige besonders interessante Vertreter davon möchte ich euch vorstellen:

Lost Pig, in dem ein Ork ein verlorenes Schwein einfangen muss, erinnert stark an Zork, besitzt gute Rätsel und bringt mich mit seinem Sprachwitz immer noch zum Gackern. 
 
Oder 9:05, ein unglaublich fieses Krimiadventure: Die ersten dreißig Spielzüge denkst du, deine Spielfigur habe nur grausam verpennt und müsse dringend zu einer Präsentation – bis Du die Leiche unterm Bett entdeckst…

Everybody Dies ist eine klassische amerikanische Slackerstory, sie gehört in die Riege „Truman Capote für Spieler“ - und ist exzellent geschrieben.

Slap that fish ist Monty Python pur. In einem idiotischen Boxkampf tritt man gegen Welle für Welle aufziehender Fische an. 
 
Auch an den Infocom-Klassikern „vergreifen“ sich die IF-Macher. Across the Stars ist eine gute Mischung aus Starcross und Planetfall. Die vielleicht schwerste Adventure-Trilogie aller Zeiten (Sorcerer und Co.) nimmt Deadlineenchanter zum Vorbild, und in Act of Murder erstehen Krimifälle á la Deadline wieder auf.

Klar, Englisch muss man draufhaben, aber mit ein wenig Intuition und Google Translate schafft man auch schwere Brocken. Wer gute Englischkenntnisse und keine Angst von nacktem Text hat, sollte diese Schmankerl unbedingt ausprobieren. 
 
Und für die nächste Kolumne verspreche ich: Sie wird nicht nostalgisch. Es kommen keine obskuren Spiele drin vor, die älter sind als 10 Jahre. Und sie haben nichts mit Text zu tun. Versprochen. 
 
Euer Anatol Locker


Links zu Interactive-Fiction-Spielen

Zusätzliche Plattformversionen zu den im Text erwähnten Spielen 9:05 und Lost Pig:

9:05 (Flash)     9:05 (JavaScript)     9:05 (Windows)

Lost Pig (Flash)     Lost Pig (JavaScript)


Auch noch empfehlenswert ist Suveh Nux, ein Spiel über einen Zauberlehrling mit einem cleveren Magiesystem und darauf basierenden Puzzles:    Suveh Nux (Flash)     Suveh Nux (JavaScript)

Gun Mute ist ein text-basiertes Shoot-em-up. Kein Witz!     Gun Mute (Windows)

Photopia und Rameses kommen beide praktisch ohne Puzzles aus und sind dadurch gute Spiele für Einsteiger:    Photopia (JavaScript)     Rameses (JavaScript)

 



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