Lenhardt leistet Widerstand

Multiplayer-Missionierung Meinung

Black Ops 2 ist da, im Frühjahr folgt Starcraft 2 HotS. Sowas spielt man nur wegen Multiplayer, richtig? Von wegen: Viele Spieler sind immun gegen die immer aufdringlicheren Versuche, sie zur Online-Zeitversenkung zu bekehren. Spieleveteran Heinrich Lenhardt ruft zur Dienstverweigerung auf und prangert das Nr.1-Multiplayer-Übel an.
Heinrich Lenhardt 16. November 2012 - 14:33 — vor 6 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Call of Duty - Black Ops 2 ab 19,99 € bei Green Man Gaming kaufen.
Call of Duty - Black Ops 2 ab 14,99 € bei Amazon.de kaufen.
Missionarische Überzeugungsversuche aller Art lösen bei mir reflexartig Skepsiswallungen und Trotzphasen aus. Egal, ob man mich zu bestimmten Religionen, politischen Weltanschauungen oder Fußballvereinen bekehren will – der Altersstarrsinn die Lebenserfahrung meldet sich argwöhnisch zu Wort und lässt durch Verschränkung der Arme Widerstandsbereitschaft signalisieren. Auf der Lästigkeitsskala kommen dabei manche Spielemacher den Zeugen Jehovas beunruhigend nahe, denn anscheinend sollen wir alle zu seligen Multiplayer-Fans konvertiert werden. Statt die stattliche Zahl von Solospielern als Anlass dafür zu nehmen, mehr Aufwand in Kampagnen, Story und Missionen zu stecken, ziehen einige Entwickler den originellen Trugschluss, dass man die Einzelgänger einfach nur hartnäckiger überreden muss. Tenor: "Wir wissen, was gut für dich ist: Multiplayer!".
 
Vor rund einem Jahr habe ich den Multiplayer-Wahn zuletzt beklagt, durch neue Zitate und Daten wurde das Thema frisch angefacht. So sagte der Black Ops 2-Design-Director David Vonderhaar auf einer Presseveranstaltung, dass es eine Menge Leute gibt, die in Call of Duty nie im Multiplayer-Part spielen. Dass sie es nicht tun, das "bugs the shit out of us", was ich mal vornehm als "geht uns gewaltig auf den Keks" übersetzen würde. Mit dieser Mentalität ist er nicht alleine: Blizzards oberster Spieldesigner und WoW-Miterfinder Rob Pardo äußerte gegenüber Gamesindustry.biz sein Empfinden, dass große "AAA"-Einzelspielertitel eine aussterbende Art seien. Das haben wir nun davon, dass ihm letztes Jahr niemand Skyrim zu Weihnachten geschenkt hat!
 
Die Hälfte der Starcraft-2-Käufer spielt nur soloBemerkenswert sind einige Daten, die Penny Arcade Report im Oktober veröffentlichte. Darin wird enthüllt, dass "über die Hälfte" der Gears  of War-User niemals mit der Xbox-360-Serie online geht. Und wer hätte gedacht, dass selbst beim PC-Strategiehit Starcraft 2 etwa die Hälfte der Käufer nur die Story-Kampagne anfasst und den berühmten Multiplayer-Bereich schlichtweg ignoriert? Und das bei einem Titel, der als Inbegriff von Online-Wettkämpfen gilt; bei dem man also vermuten könnte, dass er primär wegen der Multiplayer-Komponente gekauft wird. "Das mag bedeuten, dass wir besser darin sein könnten, die Leute zum Multiplayer-Spiel zu ermutigen", zieht Blizzard-PR-Sprecher Bob Colayco daraus seine Lehren. Die Lehre könnte aber auch ganz im Gegenteil sein, dass man sich mehr um jenen beträchtlichen Teil der Kundschaft kümmern sollte, der glücklich und zufrieden damit ist, alleine vor sich hin zu daddeln. Es ist ja schön, dass die Spielemacher so viele Energien in die Bekehrung von Multiplayer-Muffeln stecken. Die schweigende Mehrheit der Solohelden hätte mehr davon, wenn zusätzliche Ressourcen in Qualität und Umfang des Einzelspieler-Erlebnisses fließen würden.
 
Da mögen Vonderhaar und sein Team noch so viele schlaflose Nächte damit verbringen, Umerziehungsversuche für Solo-Bevorzuger auszuhecken...
Bleiben wir mal bei Call of Duty, einer Serie, deren chaotischen Story-Bemühungen ich etwa seit Modern Warfare nicht mehr so ganz folgen kann. Die könnte doch von einem aufgebesserten Drehbuch-Budget oder ein paar Stunden mehr Kampagnenlaufzeit durchaus profitieren. Die Feature-Prioritäten sieht Activision aber offensichtlich im Multiplayer-Bereich: So erlaubt bei Black Ops 2 eine eingebaute Shoutcast-Funktion, Videos von Online-Partien live zu streamen. Also ein weiteres Bonbon für versierte Online-Spieler mit üppigen Mengen an zu vernichtender Freizeit, das an Leuten wie mir vorbeigeht. Da mögen Vonderhaar und sein Team noch so viele schlaflose Nächte damit verbringen, Umerziehungsversuche für Solo-Bevorzuger auszuhecken – wir werden uns nicht über Nacht in eSport-Aspiranten verwandeln oder eine Laufbahn im mittleren Clan-Dienst anstreben! Denn Multiplayer funktioniert nur im Zusammenhang mit anderen menschlichen Spielern, und die sind und bleiben ein schwer kontrollierbares Problem.

Der Ton stört die MusikDamit wären wir beim Hauptübel, das aus meiner Sicht gegen Multiplayer spricht. Dass der Ton einer Community das Spielerlebnis verleiden kann, wissen wir wohl alle aus erster Hand. Die noch vorm Stimmbruch stehenden fluchenden Früchtchen, denen Mutti mal den Mund mit Seife auswaschen sollte, haben längst zur Verbannung meines Xbox-Live-Headsets in die hinterste Ecke des Elektrokleinteile-Schränkchens geführt. Flüche, Beleidigungen, Rüpelhaftigkeiten von Spielern (egal ob in getippter oder gesprochener Form) können Spielspaß und Motivation nachhaltiger killen als jedes Online-Lag. Das ist nun wirklich kein Branchengeheimnis: So kündigte Halo 4-Produzentin Kiki Wolfkill (alleine für ihren Namen sollte sie Gamerscore-Punkte kriegen) an, dass "sexistisches Verhalten" und andere Beleidigungen im neuen Xbox-360-Shooter nicht geduldet werden. Als Höchststrafe droht sie eine lebenslange Sperre im Xbox-Live-Netzwerk an. Klingt gut, hilft nur in Maßen. Denn wie oft werden verletzende Verbalinjurien überhaupt gemeldet? Will man sich wirklich den Aufwand antun? "Ich wollte nur eine halbe Stunde Spaß haben und soll nun ein Formular ausfüllen, um einen Deppen anzuschwärzen" – klingt das nach einem unterhaltsamen Abend? Die meisten Spieler reagieren doch eher damit, dass sie ab einem gewissen Punkt, je nach persönlicher Hautdicke, einfach nicht mehr mit Wildfremden online spielen.
 
Einen Wackelpudding an die Wand zu nageln ist leichter, als die Qualität der menschlichen Kommunikation in Online-Spielen zu kontrollieren. Denn je nach Server und Uhrzeit können die Mitspieler angenehm, unauffällig oder unerträglich sein – es ist soziales Zocker-Roulette. Kein Schimpfwort-Filter dieser Welt kommt gegen den geistlosen Irrsinn an, der in jedem MMO-General-Chat getippt werden kann. Brauchen wir womöglich eine Altersbarriere? "Es kann gefährlich sein, Jugendlichen ein Sendungsinstrument zu geben" meint Kiki Wolfkill und erntet damit bestätigendes Nicken nicht nur von den Spielern, die seit sich seit dem Start von World of Warcraft Erwachsenen-Server wünschen. Nur kommen wir mit solchen Vorurteilen nicht weiter, denn Alter schützt nicht vor schlechtem Benehmen: Wohlerzogene Teenager gibt's ebenso wie Ü30-Rüpel.
 
Rassistische oder sexistische Töne sind nicht der einzige Weg, wie eine Community andere Spieler vergraulen kann. Einer der Gründe, warum Funcoms MMO The Secret World kommerziell floppte, ist nach meiner sehr subjektiven Einschätzung der unkontrollierte Enthusiasmus seines harten Fan-Kerns. In den ersten Tagen nach dem offiziellen Launch war zumindest auf meinem US-Server der Chat oft von Community-Mitgliedern bevölkert, die das Spiel offensichtlich schon von Beta-Tests her kannten. Eine solche leidenschaftliche Spielerbasis ist eigentlich der Traum jedes Community Managers. Dummerweise war der Secret-World-Fanclub so fanatisch, dass im General Chat geäußerte Fragen oder Kritikpunkte oft ebenso schnell wie schroff abgebürstet wurden. Wer mit den ungewöhnlichen Puzzles oder dem Skill-System nicht klar kam, der sei einfach zu dumm, um die Genialität des Spiels ausreichend zu würdigen. Dieses Beleidigen von "Uneingeweihten" erzeugte eine feindselige Stimmung, wie wohl kann man sich in so einer Community fühlen?
 
Abwesenheit menschlicher Störfaktoren
Multiplayer ist das Beste - wir müssen den Ungläubigen lediglich seine Schönheit mit einem Dampfhammer einbläuen.
Mit diesen Beispielen will ich verdeutlichen, dass die Abwesenheit von anderen menschlichen "Störfaktoren" ein Vorzug von Solo-Spielerlebnissen ist, der sich durch keine Überredungskunst oder Online-Tutorial-Flut der Welt weghobeln lässt. Wenn Mehrspieler-Freuden das einzig Wahre sind, warum knickt Blizzard dann nicht die Kampagne bei Starcraft 2 oder spart sich Activision die Story von Black Ops 2? Weil die Verantwortlichen sehr genau wissen, dass die Verkaufszahlen ohne Solo-Content einbrechen würden. Also erspart uns bitte Belehrungsversuche à la "Multipla
Anzeige
yer ist das Beste - wir müssen den Ungläubigen lediglich seine Schönheit mit einem Dampfhammer einbläuen."
 
Ich spiele ja durchaus auch 100prozentige Online-Titel wie Guild Wars 2 oder League of Legends, bei denen das ganze Spieldesign darauf basiert, dass andere Leute durch meine Spielwelt flitzen - und das ist gut so. Warum hält Rob Pardo aber die Grabrede auf 100prozentige Solospiele? Muss an jedes Actionspiel verzweifelt eine Multiplayer-Komponente angeflanscht werden? Hat Mass Effect 3 durch die Hinzufügung seines Online-Koop-Modus ernsthaft an Qualität und Verkäufen gewonnen? Muss wirklich jeder versuchen, die Lebensdauer seines Spiels durch Multiplayer-Modi auf hunderte von Stunden auszudehnen, damit ich ja keine Zeit mehr habe, auch mal Titel der Konkurrenz auszuprobieren? Merke: Nur weil ein Spieler keinen großen Lustgewinn aus dem Wettstreit mit anderen Leuten ziehen kann, ist er nicht behindert oder therapiebedürftig. Er hat einfach mehr Spaß an Solisten-Content.

Oder wie seht ihr das?

Euer Heinrich Lenhardt
Abfuehrung
Userwertung
7.9
Registriere dich, um Spiele zu bewerten.
Action
Egoshooter
ab 18
18
Treyarch Invention
Activision
12.11.2012
Link
PCPS3WiiU360XOne
Screenshots
Videos
Mehr zum Thema
Artikel
News
Heinrich Lenhardt 16. November 2012 - 14:33 — vor 6 Jahren aktualisiert

Kommentare nicht sichtbar (274)