Anatol Locker meint:

"Leckere Spielehäppchen" Meinung

Anatol Locker schreibt schon seit erinnerungsverklärten PowerPlay-Zeiten über Computerspiele. Aber er ist nicht auf 8 Bit stehengeblieben, sondern weiß auch die Freuden moderner Spieleplattformen zu schätzen. Weshalb ihm gerade das iPhone gut gefällt, verrät er euch hier.
Anatol Locker 19. September 2009 - 17:45 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Früher lagen für diesen Zweck DS oder PSP auf meinem Nachttisch.
So, es ist 23:30, der letzte Artikel ist fertig. Ich habe noch keine Lust, ins Bett zu gehen, will noch etwas daddeln. Aber nur eine halbe Stunde, denn morgen muss ich früh raus. Rollenspiele oder Team-Shooter fallen da schon mal automatisch aus. Die Konsole bleibt kalt -- sonst komme ich nicht vor 3 Uhr ins Bett. Früher lagen für diesen Zweck Nintendo DS oder Sony PSP auf meinem Nachttisch. Inzwischen greife ich fürs „Spielehäppchen zwischendurch“ lieber zum iPhone.  Komme mir keiner mit „Das sind ja nur Casual Games“: Die Qualität der Spiele ist teilweise exzellent. Die Bandbreite reicht mittlerweile weit über Sudoku oder Minesweeper-Klone hinaus. Viele Spiele kommen in Sachen Komplexität bereits an ausgewachsene DS-Module heran. 
 
Tschüss Hemmschwelle
 
Aber darum geht es mir ja gar nicht. Es geht darum, eine halbe Stunde mit maximalem Lustgewinn stilvoll zu verplempern. In dieser Disziplin -- so finde ich -- kommt derzeit nichts ans iPhone heran. Mit einem Telefon hat das Gerät nur noch rudimentär zu tun. Für mich ist es eine nahezu perfekte Mischung aus Internetmaschine plus Spielekonsole.
 
Dabei war Apples Einstieg in die Spielewelt ein Desaster. „Apple Pippin“, 1995 auf der E3 vorgestellt, verschwand zu Recht im Orkus der Gaminghistorie. Und Macs waren nie ein Synonym für Qualitätsspiele. Windows-Nutzer verdrehten die Augen, wenn Mac-Fanboys von Marathon oder Myst salbaderten. Da gab’s nun wirklich Besseres. 

Doch dann kamen iPhone, iPod touch und der App-Store. Damit sank die Hemmschwelle, schnell ein Spiel für 79 Cent zu ziehen, gegen Null. Langsam erreicht Apple einen Status bei den tragbaren Spielekonsolen, der Nintendo und Sonys Produktmanagern Sorgenfalten auf die Stirn treiben sollte. Weit über eine Millarde App-Downloads soll es bereits gegeben haben, darunter waren viele Spiele...
 
 
Die Rückkehr der Hobbyprogrammierer

Apple sahnt hier den Ruhm ab, der anderen geschuldet ist.
Allerdings sahnt Apple hier den Ruhm ab, der anderen geschuldet ist. Und zwar Hobbyprogrammierern, die alleine oder in kleinen Teams kleine, aber feine Apps austüfteln. Die mit neuen Ideen die GPS-, Bewegungs- und Tilt-Sensoren nutzen. Die Spielecommunities clever vernetzen. Und völlig neue Spielideen ausprobieren. 
Was derzeit im App-Store passiert, erinnert mich an Heimcomputer-Zeiten, bevor das Wort „Industrie“ in „Spieleindustrie“ dominierte: Mit einer guten Idee, einem iPod touch und einen Developer Kit für 100 Euro kann man mit einem Spiel Geld verdienen. Zumindest theoretisch, denn wer unter ferner lief geführt wird, wird auch nicht downgeloadet. Dennoch können sich tolle Spielkonzepte durchsetzen.

Doch für große Spielefirmen laufen Apps derzeit noch weitgehend unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. Damit, bekam ich auf der Gamecom mehrfach zu hören, könne man kein Geld verdienen.  Für die Spielemajors stimmt vor allem die Preisstruktur nicht: Viele Programme sind im App-Store umsonst oder in einer Light-Version zu haben. Die meisten Games kosten 79 Cent, aufwändigere Produktionen liegen bei 2,39 Euro. Electronic Arts, Taito und UBI-Soft wollen jedoch um die 5 Euro für iPhone-Spiele sehen. 
 
Große Augen in Japan

Und wie sieht’s bei den Handheld-Platzhirschen aus Nintendo und Sony aus? Ich befürchte, die Verantwortlichen in Japan haben gerade erst verstanden, was für ein Tsunami sie zu überrollen droht.  Nintendo versucht seit einem Jahr, seinen DSi-Shop zum Leben zu erwecken. Hier mischen sich gute Ansätze mit bösen Enttäuschungen: Manche Spiele sind nett (die Art-Serie), andere bestenfalls eine Technikdemo (Wario Ware: Snapped!). Und wie man ein No-Brainer-Spiel wie „Dr. Mario“ so versaubeuteln kann, dass es unspielbar wird, gehört zu den großen Rätseln der Menschheit. Erst jetzt kommt Nintendo auf die Idee, mit Klassikern wie „Final Fantasy“ gegenzusteuern. So richtig kommt der Online-Laden bislang nicht in Schwung.

Und  Sony? Kündigte „Minis“ für die PSP an, die einem ganz ähnlichen Konzept folgen. Hier gab es außer einigen Ankündigungen aber bislang noch nichts zu sehen. Wann die Sony-Apps in Deutschland erscheinen, steht noch in den Sternen. Weshalb Kaufwillige dann auch zurzeit wohl lieber zum iPod touch als zur PSP greifen. Und vielleicht auch lieber als zur PSP Go, wenn sie dann in einigen Wochen erscheint.
 
Ohne Fans kein Erfolg

Ich prognostiziere mal: In fünf Jahren laden wir alle Konsolenspiele aus dem Netz. Wer sich heute nicht um Apps kümmert, verpasst den Zug, der die Spieleindustrie aus der Nerdecke in die Popultur befördern kann. Solange Nintendo und Sony sich nicht den kleinen Programmierstudios öffnen, machen andere das Geschäft. Und sacken die Publicity ein. Ganz wie bei MP3-Playern, die ja nicht etwa Apple erfunden hat, bei denen lange Zeit firmen wie Sony oder Creative führend waren. Und die heute trotzdem nur noch „iPods“ heißen.  

Eigentlich ist das ein Treppenwitz der Computergeschichte: Ausgerechnet ein autoritär geprägter Laden wie Apple lässt die Freiheit der Hobbyprogrammierer auferstehen. Stärkt die Independent-Szene. Verwischt die Grenzen zwischen "Machern" und "Konsumenten". Bevor mir vorgeworfen wird, Apple-Fan zu sein: Die schwächeln anderswo. So ist die Flut an Apps kaum noch zu überblicken, der Freigabeprozess mit seinen willkürlichen Ablehnungen (oft mit der Begründung, eine App wolle nur eine Kernfunktion des iPhone kopieren) zutiefst fragwürdig -- und von der, nun ja, beschränkten Akkuleistung meines iPhone reden wir besser nicht. 

Wobei: vielleicht liegt‘s aber auch daran, dass es permanent in Gebrauch ist. Auch um 23:30, wenn ich noch eine halbe Stunde spielen will.

Euer Anatol Locker

Abfuehrung

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