Lasst mich bitte allein Meinung
Teil der Exklusiv-Serie Die Hengst-Chroniken

Die Hengst-Chroniken #21

Michael Hengst / 29. November 2020 - 18:02 — vor 6 Wochen aktualisiert

Teaser

Dass Spieleveteran und GamersGlobal-Kolumnist Michael Hengst gerne spielt, dürfte niemanden überraschen. Allerdings ist er dabei am liebsten ganz allein im Keller statt massiv multiplayernd.
Dieser Premium-Inhalt ist für kurze Zeit frei für alle, als Teil unserer aktuellen Premium-Beispiele. Infos zum Fairness-Abo und GamersGlobal Premium gibt es hier.
Anfuehrung
Dieser Inhalt wäre ohne die Premium-User nicht finanzierbar. Doch wir brauchen dringend mehr Unterstützer: Hilf auch du mit!
Ich gebe zu, ich bin der Archetyp eines Computerspielers. Zumindest so, wie ihn die klassischen Mainstream-Medien gerne beschreiben – übergewichtig, sozial weitestgehend inkompatibel, sportliche Aktivitäten weitestgehend ablehnend, vornehmlich im Keller und am liebsten im Schein der Monitore sitzend. Mehr Konsolen als Freunde, überschaubare Freizeit und ein Faible für Junk-Food – das aber immerhin selbstgekocht. Vor die Wahl gestellt, einen Urlaub am Strand oder in Hyrule zu verbringen, ziehe ich Hyrule allemal vor. Gar keine Frage!

Aber bei aller Begeisterung für Spiele und elektronische Unterhaltung: Ich bin kein großer Fan von Multiplayer-Spielen. Um genauer zu sein: von Massive Multiplayer Online Spielen. Kooperativ oder kompetitiv spielt dabei eigentlich keine Rolle. Ob EVE, League of Legends oder World of Warcraft – die Kronjuwelen der Multiplayer-Fraktion gehen mir am digitalen Allerwertesten vorbei. Selbst viele vergleichsweise "kleinere" Titel wie Battlefield und Co. sorgen bei mir maximal für ein Schulterzucken. Und bitte, ich will auch keine Online-Varianten beliebter Klassiker. Final Fantasy Online, Dragon Quest-Multiplayer: grauenhaft. Schon in der Frühzeit der Spiele hatte das Wort "Online" eher abschreckende Wirkung. Ich erinnere mich mit Schrecken an Ultima Online.

Es gibt für mich viele Gründe, um Online-Spiele einen großen Bogen zu machen. Aber vielleicht ist es auch einfach nur ein Jugendtrauma: Schon zu Schulzeiten fand ich Mannschaftssportarten doof. Ob Völker-, Fuß-, Hand,- oder Basketball, das war nicht mein Ding. Als Solist blühte ich hingegen auf. Ich war ziemlich gut im Schwimmen und im Judo- und Jiu-Jitsu-Verein. Mano-a-mano gegen einen übermächtig wirkenden Gegner oder die Kraft der Elemente, das war mein Ding!

Gruppendynamik war mir eher ein Gräuel. Ein möglicherweise psychologisches Defizit, das bis heute auf meine Online-Abneigung nachwirkt. Doch vielleicht gibt es darüber hinaus schlicht technische Gründe? Die digitale Infrastruktur macht so manches Multiplayer-Match zum virtuellen Hindernislauf. Während bei mir die Leitung dank Glasfaser sehr passabel ist, hat ein potenzieller Mitstreiter aus der sibirischen Tundra möglicherweise Schwierigkeiten, bei einem gemeinsamen Raid oder einer Quest eine stabile Verbindung zu halten. Und allzu oft verabschiedet sich die halbe Truppe vor einem Endgegner, den wir nur gemeinsam legen können. Weil die Leitung schlapp macht, versteht sich.

Vielleicht finde ich es auch nur zu mühsam, über Datumsgrenzen und Zeitzonen hinweg einen gemeinsamen Spieltermin zu finden? Möglicherweise habe ich auch keine Lust auf den kommunikativen Sittenverfall – wenn ich mir die Kommentare in einige Foren so ansehe oder Diskussionen bei einem Onlinespiel beobachte, zweifele ich am Geisteszustand großer Teile unserer Spezies. Möglicherweise bin ich aber auch schlichtweg nicht mehr fit genug und meine altersschwachen Reflexe prädestinieren mich nur noch zum Frag-Futter. Da schleiche ich doch lieber allein durch virtuelle Welten!
Bei den Erinnerungen an die Bomberman-Sessions in der Power-Play-Redaktion wird mir warm ums Herz.


Nicht falsch verstehen: Lokales Multiplayer finde ich toll. Wenn ich im Angesicht des Gegners die Schadenfreude, den bitteren Geschmack der Niederlage oder den Triumph sehen, schmecken und spüren kann. Bei den Erinnerungen an die Bomberman-Sessions in der Power Play-Redaktion wird mir warm ums Herz. Oder Gauntlet-Bingen am Automaten. Unvergessen sind auch M.U.L.E.-Matches an der heimischen Konsole. Nie vergessen werde ich die Populous-Gefechte gegen Heini und Peter Molyneux oder die Streetfighter-Prügeleien am SNES auf der Messe. Wir haben getobt vor Begeisterung! Von hitzigen Mario Kart- oder F-Zero-Rennen ganz zu schweigen. Aber alle diese Spiele haben im lokalen Multiplayer Spaß gemacht. Ohne "Massiv". Und ohne Mob.

Generell sind Einzelspieler-Spiele die besseren Games, wenn auch nicht zwingend erfolgreicheren. Denn es gibt da das egoistische Element des singulären Weltenretters: Ich bin der Held. Allein! Ich muss das Zepter, die Krone oder die Prinzessin, den Sieg oder die Belohnung nicht mit einer Horde Mitstreiter, die ich vielleicht nicht einmal persönlich kenne, teilen. Wenn ich auf dem Siegertreppchen stehe, habe ich das ganz allein geschafft. Wenn nicht, ist es halt meine Schuld. Und vor allem: Ich kann die Welt so oft retten, wie ich will und vor allem dann, wann es meine eigenen Termine zulassen. Zwischendrin auf Pause drücken, mir einen Kaffee holen, aufs Klo spazieren oder meiner Frau das Abendessen machen, das alles ist kein Problem. Schließlich lasse ich keine Kollegen im Raid allein.

Von dem Ego-Trip mal abgesehen, sind in der Regel die Geschichten in Einzelspieler-Spielen vielschichtiger, interessanter und spannender. Multiplayer-Universen scheitern oft am detaillierten Drama. Es reicht mir nicht, ein großartiges, aber praktisch inhaltsleeres Universum zu betreten. Mir ist eine gut geschriebene, ausgefeilte und packende Backstory lieber als ein universales Framework für Hobbyisten. Eine Hintergrundgeschichte mit Helden und NPCs, die das Wort Charakter nicht ad absurdum führen. So fühle ich die Tragik eines Sylvandos in Dragon Quest 11, trauere mit Cloud um Aeris und zittere mit Joel und Ellie. Eine Karen aus Kansas, die als Elf durch World of Warcraft tingelt, ist mir hingegen reichlich egal.

Just in diesem Punkt stoßen Singleplayer-Titel aber oft auf Probleme. Abwechslung, großartige Aufgaben, interessante Figuren, ein packendes Umfeld, emotionale Trigger. Im narrativen Bereich trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Trotzdem: Ich wage zu behaupten, dass SP-Spiele die deutlich besseren Karten haben, wenn es um narratives Design, das Transportieren toller Geschichten und die damit einhergehenden Emotionen geht. In MMORPGs schreiben die Spieler ihre Story halt selbst.
Außerdem ist mir die technische Abhängigkeit bei einem MMO suspekt – was, wenn der Hersteller die Server abschaltet?


Die meisten MMOs fokussieren sich im Design außerdem auf einen per se langweiligen Aspekt des Spielens, das Grinden. Es geht nicht um Story-Progression, das Entdecken neuer Gebiete, das Lösen von Rätseln, die Bindung zu anderen Figuren. Es geht nur um das Sammeln. Natürlich gibt es dieses Element auch in Singleplayer-Titeln, es ist aber fast nie der Hauptzweck. Bei den meistens MMOs bleibt aber außer Grinding nicht wirklich viel übrig.

Außerdem ist mir die technische Abhängigkeit bei einem MMO suspekt – was, wenn der Hersteller die Server abschaltet, wie es beispielsweise bei Star Wars Galaxies geschehen ist? Wenn die digitale Infrastruktur des Entwicklers dem Ansturm nicht gewachsen ist, steht auch mehr Frust als Lust an der Tagesordnung. Im Gegenteil kann es aber auch passieren, dass sich nur eine Handvoll Spieler in der Welt einfindet und aus dem ersten „M“ in MMO ein „mickrig“ wird. Von den bereits genannten Verbindungsproblemen und den daraus resultierenden Spieleschwierigkeiten mal abgesehen.

Immer wieder wird dann gerne mit der sozialen Komponente gewedelt: Da haben sich doch in Azeroth lebenslange Freundschaften gebildet! Es wird virtuell und real geheiratet, man trifft sich zur Online-Tanzstunde, und so weiter. Außerdem soll das ganze gemeinsame Spielen die Sozialkompetenz fördern. Ich behaupte, die paar Ausnahmen bestätigen kaum die Regel. Was ist mit all den toxischen Trolls? Politischen Idioten, die Spiele als Plattform für ihr Geschrei nutzen? Was mit Cheatern, die das Spielvergnügen für den Rest kaputtmachen? Natürlich versuchen die Hersteller dagegen zu steuern. Aber oft genug ohne Erfolg.

Beruflich bedingte Faszination hin, technologisches Interesse her: Der Altersstarrsinn siegt! Ich spiele lieber alleine und führe weiterhin das Dasein eines Spiele-Eremiten. Irgendetwas sagt mir, dass wir viele sind...
Abfuehrung
Anzeige
Inhaltsverzeichnis
    Michael Hengst 29. November 2020 - 18:02 — vor 6 Wochen aktualisiert
    Um über diesen Inhalt mitzudiskutieren (aktuell 95 Kommentare), benötigst du ein Premium-Abo.