Jörg Langer ist ein...

Kinectegal Meinung

Fröhliche, schöne, sportliche Menschen hüpfen in stylishen, weitläufigen Wohnzimmern umher: Willkommen in der neuen Zeitrechnung! Maus, Gamepad und Tasten waren gestern, heute hat die Zukunft der interaktiven Unterhaltungsindustrie begonnen. Macht Platz, verschiebt eure Möbel, baut an, denn ab jetzt gilt: "Du bist der Controller!"
Jörg Langer 10. November 2010 - 17:36 — vor 8 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
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Ich bin ziemlich genau das, was man einen Early Adopter nennt, zumindest bei elektronischen Spielzeugen. Ich bin ein Technikaffiner, ein Gadget-Liebhaber. Kein Wunder, dass mich die erste Präsentation von Kinect, damals noch Project Natal genannt, auf der E3 2009 zwar professionell nur sehr vorsichtige Begeisterung äußern ließ, mich privat aber faszinierte: Was die Playstation 2 mit der EyeCamera nur notdürftig simuliert hatte, was der Wii erst seit MotionPlus halbwegs gelingt, sollte nun wirklich umgesetzt werden: echte Bewegungssteuerung, sogar im Raum, sogar mit Gesichts- und Spracherkennung. Grandios!

Seit heute ist nun Kinect in Deutschland erhältlich. Und ich finde das Gerät rein technologisch immer noch faszinierend. Doch ein durchschlagender Erfolg wird es aus meiner Sicht nicht werden. Denn dazu müssten (neben einigen Bedienungs-Kinderkrankheiten, die vor allem an der frühen Software liegen dürften) gleich mehrere Probleme bewältigt werden.

1. Problem: Ist dein Zimmer zu klein, bist du zu schwach

Ich frage mich ernsthaft, ob Microsoft vielleicht nicht einfach der Bilderwelt von Nintendo aufgesessen ist. Denn die in der Wii-Werbung gezeigten Wohnzimmer (die immer enorm großzügig, lichtdurchflutet und vor allem von nutzlosem Tand wie Tischen befreit sind) gibt es so doch überhaupt nicht! Oder vielleicht gibt es sie ja, im fernen Amerika: Außerhalb der Metropolen hat dort die Mittelklasse oft ein eigenes Häuschen, da mag genug Platz sein für Kinect. Wieviel Platz? 1,80 bis 3 Meter, den Angaben der bisherigen Spiele zufolge. Ihr habt richtig gelesen: Um etwa den Launchtitel Kinect Sports zu zweit zu spielen, werden allen Ernstes bis zu 3 Meter Abstand zum Kinect-Sensor gefordert.

Unser privates Wohnzimmer ist vergleichsweise luftig eingerichtet. Und dennoch: Um 3 Meter Abstand zu Kinect herzustellen (drumherum sollte ja auch noch Platz sein, sonst führt ein Rückwärtsschritt ins Krankenhaus), müsste ich folgendes tun: Erstens, einen kleinen, rollbaren Glastisch zur Seite pusten. Piece of Cake, mache ich gerne! Zweitens, ein ziemlich massives Sofa nach hinten wuchten, um den Platz zwischen Bücherregal und Couch zusätzlich zu nutzen. Drittens, denn dummerweise hat unser Sofa eine L-Form und schiebt sich darum an einer Seite sehr weit in den Raum hinein: Ich müsste den Fernseher ein gutes Stück nach links rücken. Dort wiederum käme er dann aber bald in Konflikt mit einem weiteren Regal, sodass ich, viertens, dieses abmontieren müsste. Fünftens müsste ich das Ganze noch irgendwie meiner Frau erklären. Wisst ihr was? Ich glaube, ich muss zuhause ohne Kinect auskommen.

Die Nintendo-Microsoft-Wohnzimmer mag es geben, die Frage ist, wo und in welcher Anzahl? Darum ist meine Prognose: Die Verkaufszahlen von Kinect werden sich kongruent zur Durchschnittswohnungsgröße im jeweiligen Land entwickeln. Das ist schön für Microsoft Amerika, das ist nicht schön für Microsoft Deutschland, und das ist katastrophal für Microsoft UK.

2. Problem: 150 Euro ist nicht das beste Angebot

Ich bin sicher, Kinect ist für das, was es an Skelett- und Bewegungs- und Spracherkennung bietet, unglaublich günstig (siehe dazu auch diese News). Aber im Bezugssystem "Peripherie für Videospielkonsolen" sind 150 Euro verdammt teuer. Machen wir mal einen Preisvergleich: Ein Wii Sports Resort Pack Bundle kostet mich aktuell 190 Euro bei Amazon.de, darin enthalten sind ein Controller mit MotionPlus, ein Nunchuck-Controller, natürlich die eigentliche Konsole und die Spiele Wii Sports sowie Sports Resort. Aus Vergleichbarkeitsgründen wird nun noch ein zusätzlicher Remote-Plus-Controller addiert, der den Gesamtpreis kräftig auf 240 Euro erhöht.

Nehmen wir nun das für den Rumhüpf-Zweck fast identische Angebot aus  PS3-Move-Bundle (345 Euro), einem weiteren Move Controller (50 Euro) plus Sports Champions (40 Euro), so müssen wir fast das Doppelte ausgeben, nämlich 435 Euro. Klar, wir vergessen für diesen Vergleich, dass die PS3 ein klein wenig mehr kann als die Wii. Dem gegenüber kommt das Xbox 360 4GB Kinect Bundle mit Kinect Adventures (290 Euro), dem wir noch Kinect Sports zuschlagen (40 Euro) auf rund 330 Euro, liegt also etwa in der Mitte. Doch wir sind hier von einem für Microsoft günstigen Fall ausgegangen: dem Neuerwerb und der Absicht, zu zweit gleichzeitig zu spielen. Das erzeugt nämlich bei Kinect keine Extrakosten.

Häufiger dürfte aber der Fall sein, dass sich vorhandene Konsolenbesitzer überlegen, eine Bewegungssteuerung  nachzurüsten. Dann sieht der Zweikampf zwischen den beiden neuen Fuchtelsystemen ganz anders aus: 150 Euro für Kinect (nebst Kinect Adventures), 40 Euro für Kinect Sports = 190 Euro. Move Starter Pack + zweiter Controller + Sports Champion = 170 Euro. Doch 1,2 Millionen Europäer besitzen bereits eine Sony EyeCam für PS3, sie kommen deswegen mit 130 Euro aus. Vielleicht beginnt der EyeCam-Besitzer aber auch erstmal mit nur einem Controller. Dann beträgt seine Einstiegshürde nur 50 Euro. Meine Prognose: Für 150 Euro wird sich Kinect nur schleppend verkaufen in Deutschland, und zu Ostern 2011 senkt Microsoft den Preis auf 99 Euro.

3. Problem: Insbesondere Casual Gamer schauen auf den Preis

Wie wir gerade gesehen haben, bleibt Wii das denkbar preiswerteste Angebot, um in das Thema Bewegungssteuerung komplett neu einzusteigen. Wir dürfen gleichzeitig vermuten, dass vor allem Gelegenheitsspieler stark auf den Preis schauen. Sie dürften zudem wesentlich impulsgetriebener kaufen -- das ist nichts Schlimmes oder Abwertendes, sondern heißt einfach, dass sie eine Kaufentscheidung beim Stöbern im Laden (oder im Internetshop) treffen, statt schon mit fester Kaufabsicht für ein bestimmtes Produkt zu kommen. So, wie ich Hosen kaufe, ich bin sozusagen ein Gelegenheitshosenkäufer. Auch das spricht entschieden für die Wii: Gelegenheitsspieler sind beim Thema Games keine Technikfanatiker, sonst würden sie längst auf einem PC mit neuer Grafikkarte spielen. Ergo ist meine Prognose: Games-Einsteiger werden auch in Zukunft bevorzugt zur Wii greifen, wenn sie vor dem Fernseher herumhampeln möchten. Sie ist einfach günstiger, und für etwas, das man nur ab und an macht, investiert man nicht soviel Geld wie in ein regelmäßig ausgeübtes Hobby.

4. Problem: Kinect ignoriert die Core Gamer

Nintendo besetzt den Casual-Markt und ist im Core-Bereich schwach, Sony hingegen ist sowohl im Core als auch im Casual/Party-Bereich zuhause. Und die Xbox 360 ist bislang als Core-Gamer-Konsole bekannt. Dass nun Microsoft versucht, ganz verstärkt die Casuals anzusprechen, ist eine völlig logische Strategie. Microsoft muss auch nicht befürchten, sich mit Kinect die Core Gamer abspenstig zu machen: So lange die weiterhin ihr Gears of War 3, Halo 3, Assassin's Creed Brotherhood, Black Ops bekommen, ist alles okay.

Aber wie will Microsoft denn die Casual Gamer erreichen? Gelegenheitsspieler erreicht man über den Preis, über Werbung und über Mundpropaganda. Hat Kinect einen attraktiven Preis? Nein, siehe oben. Bekommt Kinect genug Werbung? Ja, falls die kommunizierten weltweit 500 Millionen Dollar fürs Marketing auch ausgegeben werden. Aber Mundpropaganda? Da bin ich mir nicht so sicher. Denn Mundpropaganda läuft prinzipiell so ab: Ein Opinion Leader erzählt seinen Freunden von Dingen, die er gut findet. Weil der Opinion Leader den Ruf hat, sich in diesem Thema auszukennen besitzt er eine hohe Glaubwürdigkeit. Werden also die Opinion Leader Kinect empfehlen?

Die meisten Auskenner bei der Thematik Games dürften per Definition regelmäßige Spieler sein. Ein Mensch, der noch nie eine Konsole besessen hat, kauft meistens nicht plötzlich das oben geschilderte 330-Euro-Kinect-Paket, und fängt dann an, seine Freunde zu missionieren. Sehr viel wahrscheinlicher wäre doch, als Beispiel, folgendes Szenario: Ein Pärchen, er (A) Gelegenheitsspieler, sie (B) gar keine Computerspielerin, besucht das befreundete Paar C+D (C ist Core Gamer, D ambivalent). C hat sich eben Kinect gekauft, weil er damit endlich mal D vor die Mattscheibe bekommt, außerdem fasziniert ihn die Technik. A und B sind nach anfänglicher Skepsis von "diesem Spielezeug" im allgemeinen und von Kinect im besonderen angenehm überrascht, könnten sich vorstellen, so etwas auch zuhause zu haben. Die Kinect-Welle gerät ins Rollen...

Das Doofe an dieser wunderschönen Geschichte: Sie wird nicht eintreten. Denn Core Gamer C wird sich Kinect gar nicht kaufen. Nur um mit D ab und zu herumzufuchteln? Keine Chance! Würde Kinect jedoch auch ihm Angebote machen, wie es sie für Playstation Move bereits gibt (Heavy Rain, Resident Evil 5, mehrere Actiontitel folgen im Frühjahr 2011) --  er hätte zwei Gründe, sich Kinect zuzulegen: Für sich selbst und als Anlass, mit der Partnerin mal etwas zusammen zu spielen. Zwei Gründe führen leichter zur Kaufentscheidung als einer.

5. Die Leute wollen beim Spielen sitzen

Wer sagt denn eigentlich, dass sich die offensichtlich anvisierten Gelegenheitsspieler im Wohnzimmer sportlich betätigen wollen? Denn das kann ich nach sechs Stunden Kinectbeschäftigung am Stück (natürlich mit Sitzpausen, aber doch überwiegend im Stehen und immer wieder mich bewegend) sagen: Das ist echt anstrengend! Alle Launchtitel, auch die heute neu in die Redaktion gekommenen wie Konamis Dance Revolution, sind Körperertüchtigungsveranstaltungen, auch wenn da ein Sonic auf irgendeinem Schwebebrett steht. Gehen die Leute nicht lieber radfahren oder "in den Sport", wenn sie Sport treiben wollen? Sind wirklich Heimtrainer, Bauchweg-Wundergeräte und die Wii-Waage das Vorbild von Kinect? Falls ja, so könnte der fortschrittliche Bewegungssensor schnell unterm Bett landen.

Es mag ja sein, dass Tanzspiele geradezu perfekt für Kinect umsetzbar sind, dass Tanzspiele noch nie besser waren. Ich finde Tanzspiele das Letzte, man kann mich damit jagen. Und ich wage zu behaupten: Die meisten Spieler, ob Casual oder Core, ob bei einem Browserspiel oder bei Black Ops, wollen beim Daddeln nicht Kalorien verbrennen oder fitter werden, sie wollen sich entspannen, Spaß haben. Das geht im Sitzen besser. Schade nur, dass Kinect im Sitzen nicht so gut zu funktionieren scheint. Die allermeisten Wii-Spiele hingegen, auch solche mit Bewegungssteuerung, lassen sich wunderbar im Sitzen spielen, beispielsweise Zelda Twilight Princess. Oder Resident Evil für Move: Auch hier sitze ich auf meinen vier Buchstaben und benutze nur die Arme für die Bewegungssteuerung. Wenn das noch jemand Microsoft und den für Kinect produzierenden Herstellern sagt, gibt's vielleicht auch mal gescheite Spiele dafür.

Wieso nicht ein RPG mit Mimik-Erkennung?


Es wäre so einfach: Eins, zwei Launch-Spiele oder Patches zu erhältlichen Spielen, bei denen man mit der Fingerpistole schießt oder per Armschwung Granaten wirft. Oder ein Rollenspiel, bei dem die NPCs auf die eigene Mimik reagieren. Oder ein per Gamepad gesteuertes Rennspiel, das leichtes Drehen des Kopfes in Kameraschwenks umsetzt -- mehr bräuchte es doch gar nicht, um den Core Gamern zu demonstrieren: Du musst zwar nicht, aber du könntest, denn du bist uns wichtig! Doch Microsoft unternimmt nicht einmal den Versuch. Stattdessen könnten, so hören wir nun, mit der zweiten Welle der Kinect-Titel "Hybridspiele" erscheinen, bei denen die Gamepad-Steuerung um Gesten erweitert werden kann.

In seiner jetzigen Form dürfte Kinect die meisten Leute, die sich stärker für Spiele interessieren, kalt lassen. Also wird es keine nennenswerte Mundpropaganda geben, und auch das (für ihr Hobby immer locker sitzende) Portemonnaie der Core Gamer wird überwiegend geschlossen bleiben. Microsoft hat es falsch gemacht: Statt die Core Gamer über Technikfaszination und vereinzelte Spiele-Angebote ins Boot zu holen und erst danach die Hauptzielgruppe der Casuals und Familien anzusprechen, werden die Core Gamer als komplett unwichtig behandelt. Irgendwann bekommen auch sie passende Spiele. Oder vielleicht auch nicht.

Ich kritisiere übrigens bewusst nicht, dass Kinect "keine Tasten hat". Dieses von Sony gebetsmühlenartig wiederholte Faktum scheint mir zwar tatsächlich ein Hemmnis für Core Games darzustellen, aber was weiß denn ich, auf was die Entwickler in aller Welt noch kommen werden? Ein Heavy Rain mag mit Kinect möglich sein, und das ist für mich ganz klar ein Core Game. Und, wie gesagt, Hybridspiele könnten die Tastenproblematik lösen -- wobei es dann wohl einen Zusatzcontroller geben müsste, der Xbox-Controller ist schlicht zu schwer für den einhändigen Betrieb. Mit einem Zusatzcontroller jedoch dürfte sich Microsoft sehr schwer tun, da er wie ein Eingeständnis wirken würde, dass die Kinect-Vision nicht aufgeht.

Wie dem auch sei: Angesichts der "Core Gamer raus"-Strategie und eingedenk der Hürden "hoher Preis" und "großer Platzbedarf" sehe ich den dauerhaften Erfolg von Kinect als sehr fraglich an. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren in der Zukunft, und zwar am liebsten durch Kinect-Spiele, bei denen ich mehr sein darf als ein hüpfender Hampelmann. Doch bis dahin gehöre ich mit Sicherheit nicht zu den Kinectimals. Sondern zu den "Kinectegals": Mir ist Kinect erst mal egal.

Euer Jörg Langer

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