Jagged Remake – hört auf mit dem Mist! Meinung

Die Hengst-Chroniken, Folge 1

Michael Hengst / 7. April 2019 - 19:00 — vor 6 Wochen aktualisiert
Steckbrief
LinuxMacOSPC
Strategie
Rundentaktik
16
Sir-Tech
01.01.1999
Amazon (€): 9,99 (), 49,99 (PC), 10,70 (), 35,89 ()
GMG (€): 4,99 (STEAM), 4,49 (Premium), 19,99 (STEAM), 17,99 (Premium)
PowerPlay-Veteran Michael Hengst liebt Klassiker und hasst es, wenn Spielefirmen alte Namen zu schnellem Geld machen wollen. Am Beispiel von Jagged Alliance zeigt er auf, dass dies meist schiefgeht.
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Liebe Spielehersteller: Nicht jede beliebte Spiele-Marke aus der Frühsteinzeit der Computerspiele braucht auf Biegen und Brechen ein Remake, einen Reboot oder eine hastig gemachte Fortsetzung. Ich kann ja Publisher verstehen, die aus dem herzigen Verkaufsschlager von gestern auch heute noch Kapital schlagen wollen. Aber dabei vergessen sie leider oft, dass – und das gilt insbesondere für heiß geliebte Klassiker – die Symbiose aus Spielvergnügen, Zeitgeist, Genialität und Qualität sich nicht zwingend beliebig oft wiederholen lässt.

Ja, es gibt Ausnahmen, aber in der Regel bleiben den digitalen Neulingen außer dem Namen nur enttäuschte Fans – die neuen Titel werden den Erwartungen nicht gerecht. Somit erreicht der Hersteller genau das Gegenteil: Statt einer starken alten Marke frisches Leben einzuhauchen, wird diese auf dem Altar der Geldmacherei gnadenlos geopfert und zu Tode veröffentlicht.
Wie man Fans über Jahre hinweg verprellen kann, zeigt die Serie Jagged Alliance.

Eines der besten Beispiele dafür, wie man Fans über Jahre hinweg verprellen kann, zeigt die Serie, die aus dem PC-Oldie Jagged Alliance entstand. Das ist ein Klassiker, wie er im Buche steht: Von Ian und Linda Currie im Jahr 1991 ersonnen, 1995 das erste Mal erschienen. Technisch schon damals nicht zwingend auf der Höhe des Machbaren, aber spielerisch brillant und mit viel, viel Herz gemacht, erobert Jagged Alliance sich schnell eine solide Fan-Basis.
 

Finaler Aufstieg zum Olymp

Den finalen Aufstieg in den Olymp der Klassiker und einen festen Platz in meiner persönlichen „Die besten Spiele aller Zeiten“-Liste sicherte sich Publisher/Entwickler Sirtech mit dem zweiten Teil der Reihe von 1999, Jagged Alliance 2. Der furiose Mix aus Taktik, Rollenspiel und Wirtschaftssimulation heimste in der Fachpresse jede Menge Höchstwertungen ab: Power Play vergab in der Ausgabe Mai 1999 satte 90 Punkte, die GameStar 88, die Computer Gaming World 90 und das Computer Games Magazin die volle Punktzahl von 5 Sternen. Absolut verdient! Für viele Experten und Fans zählt zudem die K.I. des Spiels auch heute noch zu einer der Besten, die es jemals in einem Computerspiel gegeben hat. 

Leider hinkte Jagged Alliance 2 in Punkto Grafik und Sound ein wenig dem Mitbewerb hinterher. Auch fehlte es an den nötigen Marketing-Muskeln, und Sir-Tech (lange vor Jagged Alliance durch die Dungeon-Crawler-Serie Wizardry bekannt) geriet zur Jahrtausendwende ins Trudeln. 1998 wurde das US-Office geschlossen, drei Jahre später das kanadische Studio. Der Niedergang der Marke Jagged Alliance begann.
 

Rechte-Karussell 

Die Jagd nach dem schnellen Geld setzte ein.
Bereits Jagged Alliance 2 wurde nicht mehr von Sirtech selbst veröffentlicht – sondern von Talon Soft. Jagged Alliance 2: Unfinished Business erschien unter dem Interplay-Label. Sirtech verkaufte dann die Rechte an Jagged Alliance im Jahr 2002 an Strategy First in Montreal. Und die Jagd nach dem schnellen Geld setzte ein – um jeden Preis.

Der erste Titel von Strategy First war Jagged Alliance 2: Wildfire – im Grunde keine Neuentwicklung, sondern nur eine Modifikation des Klassikers. Doch galten bei den Fans viele Änderungen als Verschlimmbesserung. Mit fatalen Folgen: Die Wertungen purzelten in den Keller, und auch der „Entwickler“ des Spieles (i-Deal Games Studio) stritt sich öffentlich mit Strategy First um ausstehende Zahlungen und Vertragsbruch. Bereits im Jahr 2004 meldete Strategy First dann ebenfalls Insolvenz an.

Die geplanten Jagged Alliance 3D und Jagged Alliance 3 wurden (glücklicherweise?) niemals fertiggestellt und die Assets und Rechte wurden von der Silverstar Holding Ltd., mit Sitz auf den Bermuda Inseln, übernommen. Derweil hatte I-Deal eine neue Version von Wildfire (Version 6) für den deutschen Distributor Zuxxez/TopWare Interactive AG erstellt. 
 

Marsch Richtung Sterbebett

2010 gaben die gamigo AG und die bitComposer Games auf der GamesCom bekannt, an einem MMORPG mit dem Namen Jagged Alliance Online zu arbeiten, das im Jahr 2012 erscheinen sollte – Entwickelt wurde das Spiel von dem Wiener Studio Cliffhanger Productions und ging im Jahr 2012 in die Beta. Heute gibt es das Spiel immer noch auf Steam, mit dem Zusatz Reloaded und durchwachsenen Kritiken.

Mit Back in Action wollte dann bitComposer ein zusätzliches Standalone-Spiel, basierend auf Jagged Alliance 2 entwickeln, um von der Marke zu profitieren. Das ging gründlich in die Hose. So schrieb Alex Cushing in seinem Test für die Webseite armchairempire.com: „Back In Action ist und wird wahrscheinlich noch viele Jahre lang das ultimative Lehrbuchbeispiel dafür sein, wie man beim Versuch, ein klassisches Franchise ,neu zu starten‘, komplett scheitern kann.“ Heute sind bitComposer und Cliffhanger Productions pleite. 
 
Jetzt können es nur die Fans richten...
Jetzt können es nur die Fans richten – wenn schon jeder Rechte-Inhaber die Marke in den Sand setzt, sollten es Fanboys doch besser machen – so argumentierte der dänische Entwickler Full Control, akquirierte die Titel-Rechte und sammelte im Rahmen einer Kickstarter-Kampagne für Jagged Alliance - Flashback 368.614 US-Dollar ein. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Fans immer noch fest an die Marke glauben, und hoffen, einen würdigen Nachfolger zu bekommen.

Leider zeigte sich, dass 368.000 Dollar viel zu wenig Geld ist, um heute nur ansatzweise die Qualität des Originals zu erreichen. Ein Reality-Check auch für die Fans. Mit einem so kleinen Budget ist heute keine Entwicklung in dieser Größenordnung zu stemmen. Von dem Umbau mit einer modernen Technik mal abgesehen. So schrieb GameStar-Redakteur Stefan Köhler unter der Überschrift „Aus der Traum“ treffend folgenden Satz: „Was bleibt ist ein Spiel, das dem Namen nicht gerecht werden kann und bei dem man sich fragen muss, warum sich das kleine Team von Full Control überhaupt auf diesen Deal eingelassen hat.“
 

Wut im Bauch

Das neueste Spiel mit dem berühmten Namen im Titel ist Jagged Alliance: Rage! – von THQ Nordic, dem Publisher, der sich gerade wie ein Staubsauger Entwickler und Marken en gros einverleibt. Immerhin spinnt Jagged Alliance: Rage! zumindest die Geschichte des Originals ein bisschen weiter und holt sogar einige der alten Spielfiguren aus dem Ruhestand zurück. So eine Art digitale Version der Expendables. Und schraubt damit natürlich die Erwartungshaltung weiter nach oben. 

Trotz der Rentner-Crew kann leider auch der jüngste Spross der Reihe dem Klassiker nicht das Wasser reichen und entpuppt sich im Härtetest als taktischer und spielmechanischer Rohrkrepierer. So zeigte sich GamersGlobal-Kollege Rüdiger Steidle in seinem Testbericht auch wenig gnädig, mäkelte über deutliche konzeptionelle Schwächen, die hakelige Bedienung, das umständliche Lootsystem und technische Fehlleistungen und wurde angesichts der insgesamt recht schwachen Leistung deutlich: „Aber das Spiel heißt nun mal Jagged Alliance, und so bin ich gleich mehrfach enttäuscht.“ 

Auch die Spieler zeigen deutlich ihren Unmut und nehmen angesichts der mäßigen Neufassung kein Blatt vor den Mund. GG-User und Serienfan PraetorCreech bringt es mit seinem Kommentar auf den Punkt: „Ich verbinde mit dem Namen Jagged Alliance heute nur noch eine dicke Kaufwarnung. Anscheinend auch dieses Mal wieder. Schade, denn mit Teil 1 und 2 verbinde ich ganz viele tolle Erinnerungen...“. 
  
Dabei hat gerade THQ Nordic tatsächlich das entwicklerische Potential und die finanziellen Eier, der Marke wieder zu neuem Glanz zu verhelfen und endlich die spielerischen Fußstapfen auszufüllen, die seit über 20 Jahren offenbar für jede Firma zu groß waren. Traut Euch!
Robert Sirotek wollte die Marke zurückkaufen, aber THQ Nordic war nicht interessiert.

Und vielleicht macht sich auch jemand mal die Mühe und fragt die Curries, wie sie es geschafft haben, einen so geliebten Klassiker auf die Beine zu stellen! Ian wollte ja mal sein Lebenswerk mit einem Reboot krönen, hatte aber niemals die Gelegenheit. Und sogar Robert Sirotek (ehemaliger Chef von Sirtech) wollte die Marke zurückkaufen. Allerdings war, nach seiner Aussage, THQ Nordic nicht daran interessiert. 

Also: Entweder ihr macht mal wieder ein richtiges Jagged Alliance. Oder ihr lasst die Marke bitte in Ruhe sterben. Ich kann es echt nicht mehr sehen.   

Euer Michael Hengst
Abfuehrung
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Michael Hengst 7. April 2019 - 19:00 — vor 6 Wochen aktualisiert

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