Ist hier Politik im Spiel? Meinung
Teil der Exklusiv-Serie Die Hengst-Chroniken

Die Hengst-Chroniken #18

Michael Hengst / 30. August 2020 - 7:00 — vor 7 Wochen aktualisiert

Teaser

Entwickler sollen Politik aus ihren Spielen raushalten? Die ist doch schon längst drin, denkt sich Michael Hengst. Eine Kolumne über Spiele als Spiegel der Gesellschaft.
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Anfuehrung
Dieser Kolumne ging ein kleines Streitgespräch voraus. Im Kern ging es bei der Diskussion um mehrere grundlegende Aspekte des Spieldesigns und sie nahm dann eine doch ziemlich überraschende Wendung. So meinte ein Kollege, ihm sei seine Zeit zu schade, sich mit schlechten Inhalten zu beschäftigen. Er bevorzuge intellektuell ansprechende, ausschließlich (seiner Meinung nach) hervorragende Spiele und mediale Inhalte als Wegweiser für solides Spieldesign. Ich hingegen bin der vehementen Überzeugung, dass ein möglichst breites mediales Spektrum zum Rüstzeug dazugehört und zitiere hier immer gerne die Aussagen von Noah Falstein und Bob Bates anlässlich einer Tagung, die da sinngemäß lautet: Ein guter Spieldesigner liest gute, aber auch schlechte Bücher, schaut tolle Filme und Serien ebenso gerne wie miese und spielt grottige Spiele genauso wie Wertungssieger.

Nur durch das breit gefächerte Spektrum bekommt man ein Gespür für Qualität, funktionierende Plots und solide Mechaniken, beziehungsweise entwickelt einen Kompass für mögliche narrative Knaller und solide Spielelemente. So gewappnet quäl(t)e ich mich durch die SchleFaZ dieser Welt, "vergnügte" mich mit Spielen der unteren Wertungsgruppe und las populäre Bücher, wie die meiner Meinung nach mehr als fragwürdige Fifty Shades of Grey-Trilogie. Skepsis hin, falsches Frauenbild her: Das Buch hat bis Ende 2019 nahezu 35 Millionen Kopien verkauft. Also muss die Autorin irgendwas richtig gemacht haben. Auch ein Candy Crush gehört zum Pflichtkatalog, genauso wie Paper Mario, das neue Call of Duty oder die aktuelle Indie-Katastrophe. Natürlich wird die Auswahl durch die Fülle an Neuerscheinungen und den Mangel der eigenen Zeit eingeschränkt – aber ich bleibe dabei: Man sollte seinen Elfenbeinturm immer wieder verlassen und sich die Hände schmutzig machen.
Man sollte seinen Elfenbeinturm immer wieder verlassen und sich die Hände schmutzig machen


Dies ist allerdings nicht mein heutiges Thema. Im Rahmen der hitzigen Diskussion kamen wir zu dem Punkt der persönlichen Vorlieben und welche Spiele wir besonders mögen. Der Kollege meinte, er würde ein gewisses Strategiespiel nie anfassen, weil es a) kriegsverherrlichend sei, b) eine falsche politische Botschaft vermittele und c) die Grauen eines Krieges nicht deutlich zeige und nur auf ein paar bunte Fahnen reduziere. Eine ähnliche Debatte folgte dann zu einem immens populären 3D-Shooter. Mich erinnerte die Argumentation vor allem an die unsägliche Killerspieldebatte. Vor allem aber sah ich das als zu einseitige Sichtweise. Letztendlich führte die Diskussion zu einer anderen Thematik: Wie viel Politik steckt in Spielen? Sind Spiele überhaupt politisch? Sollten Spiele politisch sein? Immerhin geht es doch um Unterhaltung, oder?

Die Frage an sich kann wohl mit "Ja" beantwortet werden. Natürlich sind nicht alle Titel politisch und fallen in die reine Unterhaltungs-Kategorie. So kann ich zum Beispiel bei Pac Man partout keine unterschwelligen politischen Tendenzen sehen. Aber was ist mit Titeln wie Sim City, Balance of Power, Civilization und der Tropico-Serie? Sind Far Cry 5 oder Modern Warfare politisch? Meiner Ansicht nach ganz sicher sogar! Aber verursachen Spiele wie Panzer Corps eine verschwurbelte und weichgespülte Sicht auf den Zweiten Weltkrieg? Darauf kann ich im Brustton der Überzeugung mit "Nein" antworten. Wenn ich knorrige Strategieperlen mit historischem Hintergrund spiele, werde ich genauso wenig zum Kriegstreiber, wie Grand Theft Auto mich zum manisch-aggressiven Drogendealer macht, der auf offener Straße Leute verdrischt. Tatsache ist aber, dass viele Spiele, und zwar über Genregrenzen hinweg, schon lange mehr oder minder unterschwellig politisch sind. Sowohl in den Szenarios wie im Narrativ oder der Optik.


Spiele werden heute sogar als Propaganda-Instrument genutzt, um Hass-Botschaften zu verbreiten oder dienen als Rekrutierungshilfe für lokale Streitkräfte. Doch das ist nur die Spitze des politisierten Eisbergs. Der Professor Ian Bogost des Georgia Institutes of Technology schrieb in seinem Buch Persuasive Games (ISBN-10: 9780262514880)  "...Spiele können grundlegende Einstellungen und Überzeugungen über die Welt stören und verändern, was zu einem möglicherweise bedeutenden langfristigen sozialen Wandel führen kann." Ist das wirklich so, verändern Spiele den Blick auf die Welt? Was ich sehe, ist (wie in anderen Medien auch) sehr oft ein Spiegelbild der aktuellen Weltlage. Through the Darkest of Times stemmt sich gegen den wiederaufkeimenden Nationalismus, Bury me, my love versetzt den Spieler in die Rolle eines syrischen Flüchtlings auf dem Weg nach Europa, Papers Please ist das spielerisch-bürokratische Abbild eines totalitären Staates. Die Orwell-Reihe von Osmotic setzt sich kritisch mit dem Thema Überwachung auseinander. In den 1980er Jahren, zur Zeit des kalten Krieges, hatten dann Spiele mit geopolitischem Tenor Hochkonjunktur. In den 2000ern war es vor allem der angeblich allgegenwärtige Terror, der Einzug in die Spielewelt fand. Ich bin überzeugt, dass in nicht allzu ferner Zukunft Pandemien und vor allem ökologische Themen eine spielerische Renaissance erleben werden. Nicht umsonst hat Plague Inc. von der aktuellen Covid-19- Situation profitiert. Von The Division 2 ganz zu schweigen, wobei die Entwickler ja einen politischen Gedanken ihres Spieles vehement abstreiten.

Was mich zur nächsten Frage bringt: "Sollten Spiele politisch sein?" Knappe Antwort: Unbedingt! Wie eingangs gesagt, nicht alle Titel, aber politisch motivierte Spiele sind wichtig und notwendig, allein um den gesellschaftlichen Diskurs anzukurbeln. Ob es aber immer eine optisch geschmacklose Plattitüde, wie die berüchtigte Flughafen-Szene in Modern Warfare 2 sein muss, um eine Botschaft zu transportieren, darüber kann und sollte man streiten.
Die ach so progressive und liberale Spielerschaft verharrt manchmal doch noch in den Werten des 19. Jahrhunderts


Kein Fan bin ich von der Aussage, dass nur intellektuelle Polit-Perlen wie Democracy 3 als spielerische Wegweiser für eine bessere Welt stehen. Es dürfen und sollten auch andere Spiele mal Flagge zeigen. Das Problem: Viele traditionelle und erfolgreiche Titel folgen einem eher klassischen und im Grunde sehr konservativen Weltbild. Es geht um Problemlösung per Gewalt, Eroberung, Dominanz in einem patriarchal geprägten Weltbild. Progression in Punkto Design, Szenario oder Besetzung wird per virtuellem Shitstorm gerne mal niedergeknüppelt oder als übertriebene politische Korrektheit und Zielgruppen-Fishing verteufelt. Der Protagonist ist eine Frau, gehört zur LGBTQ+-Bewegung oder ist Teil einer anderen ethnischen Gruppierung? Schon steht die im Grunde konservative Spielerschar Spalier und drischt auf Entwickler und Designer ein. Ich stelle mir gerade den Aufschrei vor, wenn das nächste Mal bei Nintendo statt dem dicken Klempner mal ein Super Mario Sisters erscheinen würde. Mario mit Möpsen statt Schnurrbart – der Untergang des Abendlandes? Wohl kaum. Die ach so progressive und liberale Spielerschaft verharrt manchmal doch noch in den Werten des 19. Jahrhunderts.

Ich würde deshalb nicht so weit gehen wie Ian Bogost und einen langfristigen sozialen Wandel durch spielerisch aufgearbeitete politische Themen sehen. Dazu ist das Spielerlebnis nach meiner Auffassung zu individuell und auch die (politischen) Folgen des Spielens sind noch zu unerforscht. Wechsle ich durch das Spielen von Power & Revolution meine politische Gesinnung und wähle plötzlich FDP statt der Grünen? Wird ein Nazi durch Through the Darkest of Times bekehrt? Das wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Ein noch so abstruses Weltbild, das durch das Umfeld und die Filterblase gefestigt wurde, wird sich durch ein Spiel kaum verändern lassen.

Aber es geht doch um Unterhaltung, oder? Natürlich sind Spiele in der Regel zur Zerstreuung da. Das sind Bücher, Filme, TV-Serien und Musik allerdings auch. Und auch diese Medien werden seit ihrer Erfindung mehr oder minder offen genutzt, um politisches Gedankengut zu transportieren. Sei es unverblümt propagandistisch als Druckwerk, Film oder Song, sei es schleichend unterschwellig im Lauf der Jahrzehnte. Warum sollten Spiele anders sein? Es handelt sich zwar um ein "Unterhaltungsmedium", aber das bedeutet nicht, dass es politisch neutral ist, sein sollte oder sein kann. Schon deswegen, weil Spiele von Menschen gemacht werden. Ändert sich die Gesellschaft und mit ihr die Menschen, ändern sich auch die Spiele. Bereits im Jahr 2015 schrieb Michael Peck in dem amerikanischen Polit-Magazin Politico "Spiele und Spieler spiegeln zwangsläufig die Werte ihrer Zeit wider. Wenn die Videospiele von heute voller Gewalt und frenetisch mit Hightech-Waffen ausgestattet sind, so liegt das in der Natur der Gesellschaft, die sie geschaffen hat." Recht hat er...
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Michael Hengst 30. August 2020 - 7:00 — vor 7 Wochen aktualisiert
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