Heinrich Lenhardt und die PS4

Höchste Generationszeit Meinung

Die Spielkonsole ist tot, es lebe die Spielkonsole: Laut Sony wurden in den ersten 24 Stunden rund 1 Million PS4 in Nordamerika abgesetzt. Eine davon steht im Wohnzimmer von Heinrich Lenhardt, der sich angesichts des Zuwachses wie ein frisch gebackener Vater fühlt: erschöpft, mitunter leicht irritiert, aber letztendlich glücklich.
Heinrich Lenhardt 18. November 2013 - 13:59 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Die rationellen Schlauberger haben im Prinzip natürlich recht, wenn sie die Dummheit der Leute bekopfschütteln, welche sich eine neue Spielkonsole gleich am ersten Tag holen. Ein paar Monate sollte man doch warten, bis sich Angebot und Nachfrage austariert haben und es mehr lohnende Spiele gibt! Noch vernünftiger wäre es freilich, ein ganzes Jahr auszuharren, um von Bundles und Sonderangeboten zu profitieren. Oder gleich zwei bis drei Jahre lang Zurückhaltung üben, weil eine günstigere und kompaktere "Slim"-Version der Hardware doch nur eine Frage der Zeit sein kann... und so weiter, und so fort.
 
Wir Spieler wissen es freilich besser. Wir wollen nicht auf dem Sterbebett liegend bereuen, den Launch einer Konsolen-Generation ausgesessen zu haben. Was bedeuten schon ein paar hundert Euro mehr oder weniger auf dem Dispokredit angesichts des Emotionsspektrums einer Tag-1-Inbetriebnahme? Das erste Einschalten: Sitzen alle Kabel? Die Betriebsgeräusche, der Login, das Warten auf die Erholung des Online-Netzwerks... herrlich. Und so sehr man sich an suboptimalen Details der PlayStation 4 aufreiben kann, war es für mich insgesamt ein "Ich bereue nichts"-Erlebnis, am vergangenen Freitag früh aufzustehen, zum Fachgeschäft meiner Wahl zu marschieren und dort, ganz ohne Vorbestellung übrigens, meine PS4-Umverpackung in Empfang zu nehmen.
 
Generationsunterschied wird vorm Start des ersten Spiels deutlichInnerhalb von fünf Minuten nach dem allerersten Einschalten wird die Folgenschwere des Generationswechsels deutlich – und das schon vor dem Start des ersten Spiels. In Sachen User Interface macht die PS4 im Vergleich zum Vorgänger einen großen Schritt nach vorne. Sehr flott und komfortabel saust man durch die Menüebenen, auch wenn noch Raum für Verbesserung ist (eine Art zentraler "Installierte Spiele"-Folder wäre auf Dauer besser als der rasch wachsende Horizontal-Balken). Kleinigkeiten wie automatisch im Hintergrund laufende Betriebssystem-Updates, besser lesbare Menüschriften oder das Aufladen des Controllers auch im Schlaf-Modus der Konsole will ich nicht mehr missen. Die PS4-Hardware ist in jeder Hinsicht unaufdringlich, fügt sich dezent in die Wohnzimmer-Gerätelandschaft ein und läuft erfreulich leise.
 
So ziemlich alle coolen PS4-Features erfordern einen PSN-Login.
Der Fortschritt erfordert gewisse Opfer: HDMI ist die einzige Anschlussmöglichkeit, darüber müssen sich Besitzer älterer TV-Geräte im Klaren sein. Komponenten- oder sonstige Video-Ausgänge werden von der PS4 nicht unterstützt. Und mit der vorhandenen Bibliothek an PS3-Software weiß die neue Konsole nichts anzufangen. Nintendo ist derzeit der einzige große Hersteller, der bei seinen Spielekisten Abwärtskompatibilität pflegt. Modern ist die PS4 auch in der Hinsicht, dass man ohne Internet-Anbindung relativ wenig mit ihr machen kann. Klar, Disc rein schieben und offline spielen funktioniert – aber so ziemlich alle nachfolgend beschriebenen coolen Features erfordern einen PSN-Login.
 
Eigene Screenshots und Videoclips zu machen ist auf der PS4 bemerkenswert leicht: Mit der Share-Taste auf dem Controller komme ich zu einem simplen Zurechtschneide- und Upload-Menü, das Spiel wird derweil angehalten und kann an dem Punkt fortgesetzt werden, an dem ich es verlassen habe. Ein nicht zu unterschätzender Spaß ist es, anderen Leuten beim Live-Spielen zuzugucken:  Die Qualität der Video-Streams ist in Sachen Schärfe nicht perfekt, dafür gab's bislang keine Probleme mit Geschwindigkeit und Stabilität der Verbindung. Und ich darf auch selber "senden": Mikrofon anstöpseln, und schon kann der Vorspieler live kommentieren. Niedlich, wenn er/sie auch zu sehen ist, weil die als Zubehör erhältliche Eye-Kamera angeschlossen ist. Auf einmal wirkt Microsofts Beharren auf einer serienmäßig mitgelieferten Kamera (als Teil von Kinect) bei der Xbox One gar nicht mehr so exzentrisch.
 
Geheimtipp Resogun kostenlos ziehenAuch wer nur die nackte Konsole ohne ein Spiel erwirbt, hat einiges zu tun. In Nordamerika war Sony so clever, PSN-Codes für einen Monat Plus-Mitgliedschaft sowie 10 Dollar Gutschrift im Online-Store beizulegen. Den gelungenen Musik-Streaming-Dienst Music Unlimited darf man vier Wochen lang ausprobieren. Der Plus-Schnuppermonat ist mit zwei kostenlosen Download-Spielen verbunden. Die Puzzle-Plattform-Mischung Contrast habe ich nur kurz angespielt. Grafikstil und Spielidee wirken interessant: Mein Charakter kann sich auf Tastendruck in einen Schatten verwandeln und damit die Schatten anderer Objekte zur Navigation der Spielwelt nutzen. Wirkt soweit ganz nett, wenn auch nicht spektakulär – und ist parallel auch für PC erschienen. Die heimliche Killer-App ist vielmehr Resogun, ein neues Baller-Spektakel von Housemarque (Super Stardust HD). Nennen wir es mal eine moderne Defender-Interpretation mit Spielfeld-Krümmung à la Nebulus und abartigen Mengen an Dingen, die herumschwirren und bald explodieren. Bei aller Hektik ist die Spielbarkeit fantastisch und die Highscore-Jagd motivierend. Mit Plus ist Resogun ein kostenloser Download, ohne den Abo-Dienst würde es rund 15 Dollar kosten (immer noch ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis). Noch eine angenehme Überraschung: Wer schon die PS3-Spiele Sound Shapes und Flower auf seinem PSN-Account hat, darf die PS4-Versionen kostenlos downloaden.
 
Aber Moment mal, pusht Sony seinen gebührenpflichtigen Plus-Service vielleicht zu stark? Schließlich ist die Mitgliedschaft Voraussetzung für Online-Multiplayer-Freuden, was bei der PS3 noch nicht der Fall war. Aber nein, ich fühle mich nicht gegängelt. Das liegt sicher auch daran, dass ich ganz gut ohne Multiplayer-Geballer leben kann. Aber generell fühlt sich das Angebot fair an, weil viele Funktionen wie Bilder und Videos hochladen, Live-Streaming oder Video-Services wie Netflix auch ohne Mitgliedschaft zugänglich sind. Wenn die Bibliothek an Spielen weiter wächst, die ich als Plus-Abonnent kostenlos downloaden darf, lohnt sich die Mitgliedschaft – aber man kann auch ohne leben.
 
So gut mir Bedienung und Services gefallen, fallen doch schnell ein paar verbesserungswürdige Details auf. Um Bilder und Videoclips mit dem Rest der Welt zu teilen, muss ich einen Facebook- oder Twitter-Account nutzen. Videos werden nur in 1280x720-Auflösung mit offensichtlicher Komprimierung hochgeladen (Screenshots dafür in voller 1920x1080-Pracht). Viel schöner wäre es, wenn ich direkt Files in einen Cloud-Ordner hochladen und dann von PC & Co. downloaden könnte. Dass Sony hier nicht mit Microsoft (SkyDrive) kooperieren kann oder will, ist einleuchtend, aber es gibt ja auch Dropbox, Google & Co., die in dem Bereich sehr gute Lösungen anbieten. Zumindest für Plus-Mitglieder sollten doch ein paar GByte Cloud-Speicher locker drin sein? Etwas ärgerlich finde ich auch, dass Applikationen einschränken können, was denn nun als Video aufgenommen werden darf. Als ich letzten Abend die spektakuläre Endsequenz eines Killzone Shadow Fall-Kapitels hochladen wollte, konnte ich die Szene nicht im Share-Menü finden – war's ein Bug oder absichtliche Anti-Spoiler-Beschränkung des Spielentwicklers?
 
Killzone deutet Grafik-Generationswechsel anApropos Killzone: Als Grafik-Vorzeigespiel erfüllt der neue Shooter seinen Zweck – den verwechselt man nicht so schnell mit einem PS3-Spiel! Schon im zweiten Kapitel gibt's einige tolle Landschaftsaussichten; hohe Auflösung, Texturdetails und die Flüssigkeit des Spielablaufs bringen auf dem großen Wohnzimmer-Fernseher einfach Laune. Ich weiß, auf dem PC kann man seit Jahren in 1920x1080-Auflösung spielen, aber es ist einfach nicht dasselbe, wenn ich am Schreibtisch auf den (relativ) kleinen Monitor starre. Killzone nutzt auch die klickbare Touchscreen-Fläche des Controllers aus, durch Wischbewegung in eine von vier Richtungen ändere ich den Betriebsmodus meiner Begleiterdrohne. Die Steuerung ist so komplex, dass ich gerne mal zur Anleitung greifen würde, aber Pustekuchen: Der Trend zur Papierlosigkeit setzt sich fort, das teure Vollpreis-Spiel hat zwar noch eine Disc in der Packung, aber kein Handbuch. Eine Steuerungsübersicht ist lediglich auf der Rückseite des Cover-Einlegers gedruckt – eine schwer lesbare Zumutung.
 
Im Gegenzug die Download-Versionen um 20% billiger machen...
Liebe Spielebranche, wie wär's denn damit: Ein gedrucktes farbiges Handbuch wird wieder Bestandteil aller Disc-Spiele, die als physisches Produkt im Handel verkauft werden. Im Gegenzug macht ihr die Download-Versionen, bei denen ihr ein Vermögen an Produktionskosten spart, um 20 Prozent billiger. Die Vorteile der Disc-Version wie Tauschobjekt und Handbuch-Beigabe würden theoretisch den Mehrpreis rechtfertigen! Warum das praktisch keiner so macht, hat vermutlich gute kaufmännische Gründe, aber aus Anwendersicht musste es einmal angesprochen werden.
 
Der Letzte macht das Controller-Licht aus... aber wie?Kommen wir noch einmal zurück zum Controller. Der DualShock 4 ist wunderbar, eine vernünftige und behutsame Evolution des PS3-Gamepads. Ein wenig schwerer, aber gerade richtig. Ein wenig griffiger (Analogsticks und Schultertasten), die Verarbeitung wirkt vertrauenerweckend solide. Das neue Touchpad stört nicht und hat keinen negativen Einfluss auf die Ergonomie, für Spiele ergeben sich da bestimmt noch sinnvolle Einsatzmöglichkeiten.

Das merkwürdigste neue Controller-Feature ist das doch recht große, helle Leuchtelement unten, als hätte der DualShock eine LED-Taschenlampe verschluckt. Oder besser gesagt den Move-Controller, denn diese nicht dermaßen erfolgreiche Zusatzhardware soll das Feature ersetzen: Das Licht wird für die Koordination mit der Eye-Camera benötigt, aber auch wenn man diese nicht angeschlossen hat, lässt sich das Leuchten nicht abschalten oder zumindest dimmen. Und ja, das kann störend wirken. Selbst in meinem reifen Alter bin ich durchaus zu Couchpositionen in der Lage, bei denen gelegentlich das Controller-Licht auf dem Fernseher reflektiert wird – in einem dunklen Raum ist das unübersehbar. Kommt nicht häufig vor und ist kein großes Problem, aber es verwundert, dass im sonst so ausführlichen Einstellungsmenü keine Änderungsoptionen zu finden sind. Die Leuchte kann aber durchaus auch sinnvoll sein: Killzone Shadow Fall nutzt die Flexibilität bei der Lichtfarbe zur Da
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rstellung der Lebensenergie; je nach Gesundheitszustand werden meine Finger grün, orange oder rot angeleuchtet.

Guter ErsteindruckMein erster Eindruck von der Playstation 4 ist gut, das Potential ist immens. Doch auch wenn Killzone seine Momente hat: "Richtige" PS4-Spiele werden wir nicht vor 2014 sehen. Und wie das halt so ist, wenn man seine Konsole in der Launch-Woche haben muss: Die Auswahl an Spielen – sowohl im Händlerregal als auch im Online-Store – ist im Vergleich zum überschäumenden PS3-Angebot sehr überschaubar. Wer sich noch nicht sicher ist, hat keinen zwingenden Grund, jetzt schon zuzuschlagen, zumal Unentschlossene zumindest den Launch der Xbox One abwarten sollten. Aber wer sich schon auf eine baldige PS4-Anschaffung eingeschossen hat, wird diese nicht bereuen, möchte ich behaupten.

Ich bin jedenfalls angenehm überrascht, wie viel Spaß und Spannung eine neue Spielkonsolen-Generation bei mir noch auslösen kann – und das in einem Haushalt, der vom iPad über gängige Konsolen bis zum PC eigentlich schon mehr als genug Bespaßungsplattformen herumstehen hat.

Euer Heinrich Lenhardt

 
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29.11.2013
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Heinrich Lenhardt 18. November 2013 - 13:59 — vor 6 Jahren aktualisiert
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