Gothic: Liebe auf den zweiten Klick? Meinung
Teil der Exklusiv-Serie Fränkel spielt verrückt

Fränkel spielt verrückt #5

Harald Fränkel / 20. Mai 2020 - 12:36 — vor 2 Wochen aktualisiert
Steckbrief
PC
Action-RPG
12
Piranha Bytes
Jowood
15.03.2001
Amazon (€): 15,90 (), 11,98 ()
GMG (€): 8,19 (STEAM), 7,37 (Premium), 24,99 (PLAYFIRE), 22,49 (Premium), 16,79 (STEAM), 15,11 (Premium), 9,99 (STEAM), 8,99 (Premium), 9,99 (PLAYFIRE), 8,99 (Premium)

Teaser

Harald Fränkel gilt als großer Freund von Tierversuchen. In seiner neuen Dissertation erörtert er, wie es ist, anno 2020 zum ersten Mal Gothic zu spielen. Ein bestialisches Selbstexperiment!
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Anfuehrung
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Du bist keine Schönheit,
vor Arbeit ganz grau.
Du liebst dich ohne Schminke,
bist 'ne ehrliche Haut,
leider total verbaut –
aber gerade das macht dich aus.
Khorinis, ich komm' aus dir,
Khorinis, ich häng' an dir,
ohooo, Glück auf, Khorinis!

(Herbert Grönemeyer)

Ich liebe Gothic. Das beginnt bei der abwechslungsreichen Grafik. Lange dachte ich ja, dass kein Produkt dieser Welt mehr Brauntöne darstellen kann als die Brilliance Intensive Color Creme-Pflegeserie von Schwarzkopf. Die wartet immerhin mit Kaffeebraun, Dunkelbraun, Samtbraun, Rehbraun, Naturbraun und Mystischem Schokobraun auf. Doch dann durfte ich Gothic erleben, das Rollenspiel made in Bochum, und mein Irrglaube zerbarst.
 

Mit Gothic werden Träume wahr

Gothic spielen fühlt sich an, als würde man einen Urlaub in der Karibik buchen und in Duisburg stranden. Von einer derart trostlosen Optik träume ich, seit ich denken kann. Vor allem verehre ich die inspirierten Dialoge des zappendüsteren Rollenspiels, die mich authentische Fantasy-Atmosphäre inhalieren lassen. Ich nenne an dieser Stelle nur mal die drei stimmungsvollsten Gesprächsoptionen: „Alles klar, Alter?“, „Halt's Maul!“ und „Verpiss dich!“.

 
Meine Gemahlin fragt mich, ob ich GTA - Ruhrpott spiele.
Meine vorbeitrottende Gemahlin fragt mich gerade allen Ernstes, ob ich GTA - Ruhrpott spiele. Der Sound passe null zu einem mittelalterlichen RPG. Sie ist aber natürlich eine Kunstbanausin. Ich werde sie demnächst versehentlich vor einer Metzgerei anbinden und sehr schnell wegrennen.      

Gothic gilt verdientermaßen als Klassiker. Hauptsächlich wegen der Rätsel. Selbst Soulslikes-sind-zu-leicht-Heroen flehen beim grandiosen Gothic tränenüberströmt um Gnade. Was ist es für ein Quell der Freude, die erste Denksportaufgabe zu lösen, welche sich bereits nach wenigen Minuten wie die Eiger-Nordwand vor mir aufbaut! Die Frage aller Fragen lautet: Wie zur verdammten Misthölle hebe ich die verfickte, auf dem Scheißboden liegende Drecksfackel auf? Weil ich über einen Intelligenzquotienten von 235 verfüge, komme ich sehr schnell auf die Lösung. Vorsicht, die folgenden zwei Absätze enthalten Spoiler!

Klar, Gegenstände per Linksklick aufzunehmen, wäre ja viel zu einfach. Weil ich ein Genie bin, kommt mir nach 53 Minuten die Idee, den Optionen-Bildschirm als Joker anzurufen... äh aufzurufen. Aha, die linke Strg-Taste fungiert als Aktionstaste! Ich kräusele meine Lippen zum triumphalen Grinsen, drücke ... und stelle fest, dass sich noch immer nix tut.    

Während Batman im Film Justice League auf die Frage „Welche Superkräfte hast du noch gleich?“ mit „Ich bin reich!“ antwortet, pflege ich gemeinhin zu sagen: „Ich habe den schwarzen Gürtel in Goo-Geln!“ Lange Rede, kurzer Sinn: Ich nehme die Fackel, indem ich drauf gucke, die linke Strg- oder Maustaste halte und dann noch zusätzlich Pfeil nach oben drücke. Na, das war ja fast zu einfach.

  Warum ich erst jetzt Gothic zocke? Wer mir das eingebrockt hat? Ich möchte keine Namen nennen, schon aus Gründen des Datenschutzes, aber es war Ernst. Ernst Torday. Ernst Torday aus Erlangen. Ernst Torday aus Erlangen in Mittelfranken. Den kennen GamersGlobal-Leser als Labrador Nelson. Der miese Hund hatte in einer Rezension den spielbaren Prototypen des angekündigten Gothic Remakes verrissen, gleichzeitig das Original gefanboyt und die fränkelsche Neugierde geweckt. Es war an der Zeit, eine Lücke zu schließen. Berufliche Fortbildung und so, ihr kennt das.

Ich bin nicht so unprofessionell, die Grafik eines mittlerweile fast 20 Jahre alten Spiels abzukanzeln. Es ist letztlich ja auch nicht so schlimm, wie eingangs überspitzt dargestellt. Deshalb spare ich mir die Polemik, bleibe fair und bei der Wahrheit: Ich habe mir mit fünf Litern Anti-Corona-Desinfektionsmittel die Augen gespült, schon ging's wieder. Den Tipp gab mir der mächtigste und intelligenteste Mann der Welt. Nein, nicht Chuck Norris.   
 

Mein Gothic-Trauma

Wie gesagt: Gothic macht vor allem wegen der Rätsel so viel Spaß. Nur kurze Zeit nach dem Fackel-Puzzle muss mein Alter Ego die Gegenstände aus einer Truhe nehmen und anschließend eine Spitzhacke als erste Waffe ausrüsten. Ich möchte an dieser Stelle keinen Walkthrough zu dieser Mammutaufgabe schreiben, weil sich dann das Internet deinstallieren würde, um Speicher freizugeben. Deshalb die Kurzfassung: Ich muss 29.831 mal die Pfeiltasten drücken. Als hätte mich ein nordkoreanisches Gericht zu lebenslänglich Tetris verurteilt.  

Genau in diesem Moment fällt mir ein, dass ich doch schon mal vor Jahren zu einem Ausflug ins Minental von Khorinis aufgebrochen bin. Vor allem fällt mir ein, warum das Spiel damals nach einer Stunde von der Festplatte flog – in mir waren unerträgliche Gewaltphantasien erwacht. Ich führe sie mal nicht näher aus, weil diese Kolumne dann von der BPjM kassiert würde. Deshalb nur so viel: In meiner Phantasie ging es um die Entwickler und ein reichlich bestücktes Piranha-Becken.

Verdammt, jetzt ist mein Verdrängungsmechanismus abgestürzt. Mir kommen alle Tragödien des Jahres 2001 in den Sinn, darunter der Anschlag aufs World Trade Center, der Film Der Schuh des Manitu und – unangefochten auf Platz 1 in der Liste der ewigen Traumata – mein gescheiterter Versuch, in Gothic zu zaubern. Heute weiß ich, dass das ganz einfach geht: Mit Tab das Inventar aufrufen, 29.831 mal die Pfeiltasten drücken, bis eine Spruchrolle markiert ist, die linke Maustaste gedrückt halten, Pfeil nach oben, die angezeigte Ziffer merken, Inventar mit Esc schließen, gemerkte Zahl drücken, linke Maustaste und Pfeil nach oben drücken uuund!!! beide gedrückt halten. Nennt mich Einstein.

 
Der Held wird blind, sobald er eine Waffe zieht.
Eine weitere charmante Idee der Entwickler: Der Held wird blind, sobald er eine Waffe zieht. Nein, nicht so popelig blind wie Stevie Wonder! Es handelt sich um eine selektive, temporäre und elitäre Form von Blindheit. Unser Schützling kann dann weder am Boden liegende Gegenstände noch Kräuter sehen. Steckt er die Waffe weg, tauchen die Objekte wieder auf. Ich finde das derart faszinierend, dass ich oft stundenlang nichts anderes mache. Gegenstand weg, Gegenstand wieder da, Gegenstand weg, Gegenstand wieder da, Gegenstand weg, Gegenstand wieder da. Und so weiter und so fort. Der Effekt ist umwerfend. Die Ehrlich Brothers sollten ihn in ihr Programm aufnehmen.       

Gothic steckt voller Magie. Wenn ich einem Nichtspielercharakter ein Fläschchen mit Bier reiche, um mit ihm einen zu heben, verschwindet das Gefäß wie von Zauberhand während der Übergabe. Dann holt sie der NPC plötzlich aus seiner Jacke. Wobei: Es müsste Zauberfaust heißen. In Gothic existieren keine Hände. Alle ballen ständig die Fäuste. Das wirkt ein bisschen unentspannt, passt aber immerhin zur kernigen Sprache.

Null verstehe ich jene Versager, die Gothic vorwerfen, den Spieler zu oft sterben zu lassen. Ich bin kein Sup3r-Pr0-Sk1ll3r, habe aber trotzdem das erste Monster nach drei Versuchen niedergestreckt. Nur mit einer Spitzhacke. Vielleicht war es auch ein Löffel, ich entsinne mich nicht genau. Wir lieferten uns jedenfalls einen dreistündigen, erbitterten Kampf. Ich und das putzkige Nacktmull-Baby.

Fies war einzig ein blutiges Massaker im Wald. Der Wolf gewann, und das ist kein Witz, weil er auf einem Baum lauerte und sich von oben auf mich herabstürzte. Die feige Camper-Sau! Ansonsten war nur der Waran am Nordtor gemein. Das Monster am Staudamm. Die Minecrawler in der Alten Mine. Die Snapper. Mein RPG-Pro-Tipp: unbedingt das Talent "Speichern" skillen.     

  Die größte Herausforderung an Gothic ist, sich wegen Mud nicht zu suizidieren. Wer unter euch den Typen tatsächlich nicht kennt: Mud ist ein verdammter Stalker. Dieser Nichtspielercharakter kreuzt früh den Weg des Helden, läuft ihm ständig hinterher, unterbricht ihn immer wieder bei Dialogen und so ziemlich allen anderen Tätigkeiten. Kurz: Er hat den Charme einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung (lat.: B. Pankratz Inflammatio). Ich habe mit ihm Bogenschießen geübt.  

Aber: Gut 20 Jahre nach dem Erstkontakt habe ich Gothic doch noch verstanden, trotz der furchtbaren Ecken und Kanten. Was ich dem Spiel besonders anrechne: Es ist nicht so gewöhnlich wie viele andere RPGs, was ich ja in der Kolumne vom Vormonat (Fränkel spielt verrückt: Voll von der Rolle) angeprangert habe.
 

Der Teaser zum Remake

Abschließend ein paar Worte zum Gothic Teaser
Abschließend ein paar Worte zum Gothic Teaser: Ich mag angesichts eines Prototypen keine komplett düstere Zukunft malen wie der erwähnte User. Die Dialoge in der Demo sind allerdings in der Tat sterbenslangweilig, die penetranten Selbstgespräche des Helden unfreiwillig komisch. Der Mann im Teaser, es könnte sich genauso gut um den nächsten beliebig austauschbaren, bumsfidelen Bachelor-Kandidaten mit Fitnessstudio-Hintergrund handeln, kommentiert quasi jeden seiner Schritte.

„Mal sehen ... die lasse ich für den Moment mal hier“, sagt er und steckt seine Fackel in eine Halterung. Dann verstummt er ausnahmsweise kurz. Schade, ich hätte die Szene wortreich fortgesetzt: „Jetzt drehe ich mich um. Ich blicke auf eine Leiche. Sie hat ein Schwert im Rücken. Ich gehe zwei Schritte vor. Nun greife ich zum Heft der Klinge. Ich ziehe sie heraus. Dabei stöhne ich angestrengt. Das Blut spritzt. Blablablablub.“ Nun, vielleicht baut das spanische Entwicklerteam von THQ Nordic Barcelona das ja noch ein. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Was für ein Gothic gar nicht geht, ist die sonnige Happy-Hippo-Optik. Den Teaser zu spielen, fühlt sich an, als würde man Urlaub im Ruhrpott buchen und in der Karibik stranden. Das will kein Gothic-Fan dieser Welt!

Schönes Leben noch,
euer Harald Fränkel!
Abfuehrung
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Harald Fränkel 20. Mai 2020 - 12:36 — vor 2 Wochen aktualisiert
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