Die Kunst des Cam Pen Meinung
Teil der Exklusiv-Serie Fränkel spielt verrückt

Fränkel spielt verrückt #1

Harald Fränkel / 16. Januar 2020 - 14:41 — vor 2 Wochen aktualisiert
Inhaltsverzeichnis
    Fränkel spielt verrückt

    Teaser

    Willkommen zur neuen Kolumnenserie, Folge 1: Wer Camper in Ego-Shootern für unfair hält, hat ein Problem mit sich selbst – meint Harald Fränkel. Über Sportsgeist, Ehre und schlechte Verlierer.
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    Anfuehrung
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    Bis vor kurzem war ich bei Multiplayer-Shootern so peinlich schlecht, dass ich beschämt  unter dem Pseudonym Mahatma Gandhi spielte. Die anderen sollten glauben, ich sei Pazifist und würde absichtlich danebenschießen. In Battlefield war ich derart mies, dass ich mich nicht mal gedemütigt fühlte, wenn mich jemand messerte – aus Erleichterung, dass es in dem Spiel nicht auch noch Löffel gibt. In solchen Momenten setzte ich mich manchmal sogar dankbar ans Klavier und sang „Halleluja“ von Leonard Cohen
     

    eSportler hassen diesen Trick

    Früher, im vergangenen Jahrtausend, gewann ich noch Online-Partien in Quake 2. Den Orientierungssinn eines Nusshörnchens hatte ich schon damals, was die Suche nach Railgun, Quad Damage & Co. erschwerte. Dafür waren meine Reaktionszeiten wohl erheblich besser. Lange Rede, kurzer Sinn: Seit einigen Jahren spiele ich nicht schwach, sondern altersschwach. 

     
    Im Detail ist Cam Pen eine richtige Wissenschaft.
    Doch jetzt kommt die Rettung, eine neue taktische Spielweise, die unter anderem bei Call of Duty: Modern Warfare zu schnellen Erfolgen führt. Diese bahnbrechende Kampfkunst heißt Cam Pen. Das ist japanisch ( かん ぺん) und bedeutet  „Verstecken statt verrecken“.

    Die Technik des Cam Pen hilft nicht nur Versagern, sondern auch immobilen Senioren. Also allen, deren Schießkünste zum Schießen sind. Im Grunde geht es bei Cam Pen darum, sich zu verschanzen und Gegner aus dem Hinterhalt abzumurksen. Zugegeben, das klingt pillepalle, im Detail steckt aber eine Wissenschaft dahinter. Es beginnt schon bei den Grundlagen! Ich weiß zum Beispiel, dass Reiner Calmund als Kind oft beim Versteckspiel verloren hat, weil er hinter einem Baum stand.

    Jeder weiß, dass die GamersGlobal-Zielgruppe sehr, sehr alt ist. Es geht ihr ähnlich wie mir, der in der Klasse 1b neben einem Archäopteryx saß. Die Schlussfolgerung war klar: Ich versuche mich als Cam-Pen-Krieger und gebe mein daraus erwachsendes Geheimwissen an andere alte Säcke weiter. Ich verspreche euch, dass Cam Pen euer Leben verändern wird! Es wirkt wie ein Revitalift Filler mit Hyaluronsäure, ihr bringt selbst Call of Duty-Weltmeister zum Bluten, und es macht sogar die Zähne weißer! 
     

    Endlich Erfolgserlebnisse

    Was bin ich stolz, bereits in der dritten Team-Deathmatch-Partie nur ein einziges Mal gestorben zu sein! Weil ich mich, ohne es zu wissen, dort versteckt hatte, wo seit über 2.000 Jahren niemand mehr vorbeigekommen ist, nicht mal die Heiligen drei Könige. Deshalb war auch keines der teilnehmenden CoD-Kinder in der Lage, mich zu töten! Ha! Zu den Ahnen abgeritten bin ich, weil mir versehentlich eine Splittergranate rausrutschte. Upsi. 

      Später arbeitete ich mit Claymore-Sprengsätzen. Die Dinger platziert man frei im Level. Sie explodieren nur, wenn ihnen ein Feinddödel zu nahe kommt. Sprengsätze, die hinter geschlossenen Türen liegen, gehen übrigens besonders gerne in die Luft. Glücklicherweise lässt sich bei CoD schnell eine Fähigkeit freischalten, dank der man sogar zwei Claymores tragen kann. Wenn nun ein Raum zwei Türen hat, bedarf es nicht gerade einer Einstein'schen Genialität, eine solche Situation gewinnbringend zu nutzen.

    Nach meinem ersten Claymore-Erfolgserlebnis schrieb ich dem getöteten Feinddödel via Chat: „Da bist du wohl dumm gelaufen, was? MUHAHA!“ Ich gestehe, ich wurde fast ein bisschen horny. Diesmal war ich gar nicht gestorben, hatte aber einen Punkt erzielt! Die Erregung stieg noch, als ich realisierte, dass ich nicht mal schießen musste. Ich sparte Munition, aber nicht an Eigenlob.

    Während meines Praxistests stellte ich fürderhin fest, dass es nicht ratsam ist, das Alter Ego mit einem Raketenwerfer auszurüsten – gerade wenn man gerne an Fenstern lauert. Das Mauerwerk rund um die Fenster ist nämlich magnetisch. Es zieht Geschosse an. Aber pssst, das weiß kaum jemand! Ich empfehle Schrotflinte oder Sturmgewehr. Das sieht dann zwar auch bescheuert aus, wenn ihr die Mauer erschießt, man stirbt aber wenigstens nicht dabei. 
     

    Wichtiger als Reaktionen: der Nick

    Euer Nick muss Angst und Schrecken verbreiten!
    Entscheidend bei der Kunst Cam Pen ist die psychologische Kriegsführung. Nennt euch keinesfalls Mahatma Gandhi, euer Nick muss Angst und Schrecken verbreiten! Nicht schlecht wären Atomkrieg, Tempolimit, oder, noch furchteinflößender, Gr374 Thunb3r6. 

    Ich heiße jetzt [:CDU:]Super-Pro-Skiller2009-24/7-AKK47. Dieses Pseudonym lähmt die Gegner. Es sagt, dass ich einem Clan angehöre, mit zehn Jahren im besten Alter für einen Killerspielespieler bin, wegen meines Trainings nicht mal Zeit für Fridays for Future habe und die furchtbarste Waffe des Spiels benutze. Ich erwägte auch, als [:SPD:]ZitternWieEskenlaub aufzutreten. Aber damit fällt man bei der A/T-Quote (Abschüsse zu Tode) schnell unter 5 Prozent.   

    Wenn ihr bei Call of Duty mehr als nur einen Punkt schaffen wollt, solltet ihr bestimmte Spielmodi meiden. Bei „Abschuss bestätigt“ müsst ihr die Hundemarken der getöteten Feinde einsammeln. Ihr könnt also nicht durchgängig in einer Ecke oder einem Gebüsch hocken oder liegen, sondern seid gezwungen, immer wieder herumzulaufen. Träger des schwarzen Cam-Pen-Gürtels nennen diesen Kardinalfehler übrigens Cam Ping Mobil. 

    Saublöd wäre, „Herrschaft“ oder „Hauptquartier“ zu spielen, ohne es zu merken. Die theoretische Gefahr besteht, wenn ihr einen sogenannten 6-gegen-6-Moshpit startet. Dort wechseln die Modi von Runde zu Runde automatisch. Das Problem bei „Herrschaft“ oder „Hauptquartier“ ist, dass Abschüsse nebensächlich sind. Es gilt vor allem, bestimmte Punkte auf der Karte einzunehmen. Entsprechend sind bei „Herrschaft“ & Co. manche Stellen der Map verwaist. Wer so dämlich ist, sofort nach dem Spielstart im nächstbesten Versteck herumzulungern, wartet dann nicht nur auf Godot. Mir ist es natürlich nie passiert, innerhalb von zwei Stunden mehrfach „Herrschaft“ gezockt zu haben, ohne es zu merken. Ich kenne das Problem nur vom Freund eines Freundes.

     
    Quell der Freude: Nachrichten von Spielern, die nicht verlieren können.
     

    Wer braucht schon Beliebtheit?

    Cam Pen entpuppt sich ehrlicherweise auch sonst als ziemlich langweilig. Eigentlich ist es so öde, dass man genauso gut einem Faultier beim Schlafen zusehen könnte. Noch schnarchiger wäre nur, irgendwo als Paketbote umherzuirren und dabei ein Baby im Rucksack zu haben. Glücklicherweise geht es bei Cam Pen nicht um den direkten Spaß, sondern ums Meta-Erlebnis. Fachleute sprechen hier von „Trolling“. Wir haben das alle schon außerhalb der virtuellen Realität gemacht. Wer ist zum Beispiel noch nie absichtlich in die Strandburg eines Dreijährigen getreten? Eben!  

    Lasst euch nie einreden, dass ihr als Cam-Pen-Krieger ehrlos wärt und euch schämen solltet! Selbst wenn ihr auf der nach unten offenen Beliebtheitsskala noch hinter den Arschgeig-en und -innen in der Schule liegt, die immer „null gelernt und total versagt“ haben und weinend zusammenbrechen, um die Klassenarbeit (für Jüngere: Schulaufgabe) zwei Tage später mit Bestnote zurückzubekommen.

    Uns Cam-Pen-Krieger mag keiner, so what? E-Sport-Profis werden als Cheater beschimpft und oft sogar gekickt, wenn sie auf Public-Servern unterwegs sind. Warum? Weil der geistige Horizont der Plebejer nicht mal im Entferntesten ausreicht, sich den unglaublichen Skill nur v-o-r-z-u-s-t-e-l-l-e-n, der dank Cam Pen nun auch in euch lebt. Am Ende des Tages reicht es, wenn euch andere Menschen lieben. Ich zum Beispiel bekomme ständig Facebook-Anfragen von zauberhaften Frauen mit großen Brüsten, die ich weder annehme noch ablehne, sondern sammle, damit ich sie für immer und ewig in Listenform bewundern kann.    

      Wenn jemand gegen euch verliert und „Camper!“ krakeelt, dann schreibt „Ich hab dich auch lieb, Camping-Bussi auf Bauchi“ und versteht Beleidigungen und Wutausbrüche als Auszeichnung! Ich mache das bei meinem Lieblingsspiel NHL 20 so, wo sich manche Gegner nicht mal entblöden, Sprachnachrichten zu schicken. Zum Beispiel: „Junge, bei dir haben sie wohl auch die Nachgeburt großgezogen, wa?“ Hach, welch wunderbare Ehrerbietung – anbei noch ein paar weitere schöne Beispiele, die als Textmessages bei mir einschlugen. Hm, vielleicht sollte ich die CoD-Entwickler bitten, Eishockey-Tore ins Spiel einzubauen. Aus irgendeinem Grund treffe ich die viel besser ...  
     

    Die Wahrheit übers Camping

    Also: Im Grunde handelt es sich bei „Camper!“-Schreiern um ganz arme Würstchen! In der Psychologie kennt man das ähnliche Phänomen des sogenannten abwärtsgerichteten sozialen Vergleichs. Andere abwerten, um sich aufzuwerten. Daran, dass Cam Pen als Kampfstil in Multiplayer-Shootern möglich ist, sind nicht wir schuld, sondern allein die Hersteller!!! Sie ergreifen ja keine Maßnahmen, die der Fairness zuträglich wären, weil sie gar kein Interesse daran haben!!!!

      Die Wahrheit lautet: Die Hersteller wollen weder Anfänger noch Profis als Zielgruppe verprellen!!!!!!!!!! Anders lassen sich auch die Freischaltmechanismen für Fertigkeiten und Waffen nicht erklären!!!!!!!!!! Diese Fata-Morgana-Progression gaukelt Nixkönnern vor, sie würden sich verbessern – weil Profis aber sehr viel schneller vorankommen, werden diese im Vergleich zu den Noobs noch stärker!!!!!!!!!! Die Kluft wächst wie bei Arm und Reich!!!!!!!!!! Und Kill Cams haben nur Alibifunktion!!!!!!!!!!! Wer nicht gegen Camping-Anhänger ankommt, muss halt mehr trainieren!!!!!!!!!! 

    Verdammt, jetzt ist meine Ausrufezeichen-Taste kaputt111

    Im Fall von Call of Duty hat übrigens der Hersteller selbst die Cam-Pen-Technik beworben. Bei einer Meldung des Tages hieß es im Spiel zur Euphrates-Bridge-Map: „Zerbombte Häuser, zerstörte Busse und die baufällige Brücke bieten scheinbar endlose Plätze zum Verstecken.“ Eine weitere Ingame-Botschaft: „Ist verzögerte Befriedigung dein Ding? Dann pack eine Claymore in deinen Equipment-Slot. [...] Leg eine Claymore bei den Zielen, nahe der gegnerischen Spawn-Zonen oder an beliebten Sniper-Spots ab.“ Sir, jawohl, Sir1

    Wer von Campern in Ego-Shootern genervt ist, hat kein Problem mit Campern, sondern mit sich selbst. Menschen, die Sportsgeist leben, stehen doch über vermeintlich schändlichem Verhalten, oder? Ich glaube übrigens fest daran, dass nur einige wenige Spieler ständig „Mimimi!“ plärren – weil sie nicht verlieren können. Sie schreien nur sehr laut, wie man das aus dem Internet eben so kennt. Meine Erfahrung war, dass gute CoD-Spieler mich trotz Cam Pen regelmäßig drangekriegt haben. Diese Cheater11111111

    Mein Rekord nach etlichen peinlichen Negativwerten war letzten Endes übrigens ein Team Deathmatch mit der A/T-Quote 1,77. Ich hatte 16 Abschüsse bei 9 Toden. Ich kann allerdings nicht sagen, ob ich das wegen Cam Pen geschafft habe oder weil ich langsam Übung hatte. Ich litt nämlich schon ein paar Stündchen, bis Level 19.     

    Zum Abschluss noch ein brillanter Witz, selbst ausgedacht: Treffen sich zwei Camper. 

    Schönes Leben noch,

    Euer Harald Fränkel
     
    Abfuehrung
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      Harald Fränkel 16. Januar 2020 - 14:41 — vor 2 Wochen aktualisiert
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