Heinrich Lenhardt ist begeistert

Die hohe Kunst des Pfeifferns Meinung

Ein gewisser Kriminologe Pfeiffer sagt etwas Sinnloses zu einem Polizistenmord, und der Reporter glaubt es ihm. Und auch auf der heutigen Munich-Gaming-Konferenz wurden Diskussionsteilnehmer ernsthaft danach gefragt, was sie von dem "Zusammenhang" zwischen Hells Angels und Computerspielen halten. Heinrich Lenhardt geht der Sache nach.
Heinrich Lenhardt 24. März 2010 - 21:00 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Um diese Kolumne in ihrer ganzen revolutionären Neubewertung eines auf den ersten Blick ärgerlichen Vorgangs verstehen zu können, empfehlen wir vorab die interessierte Lektüre des kürzlich veröffentlichten Interviews der Frankfurter Rundschau mit Prof. Christian Pfeiffer sowie der entsprechenden News auf GamersGlobal.de. Wer ein anderes Interview mit Pfeiffer lesen möchte, wird auch bei GamersGlobal fündig.


Hauptberuflich ist Christian Pfeiffer eigentlich Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Beliebt und bekannt wurde er aber als Meister der staubtrockenen Realsatire, dem auch Reporter von relativ ehrwürdigen Medien wie der Frankfurter Rundschau auf den Leim gehen. Diese Tageszeitung wollte eigentlich ein Interview über „die Gefahr, die von [der Rocker-Bande] Hells Angels ausgeht“ führen. Doch dieser Schelm Pfeiffer, der Meister des Absurden, nutzte natürlich die Gelegenheit, um eine wunderbar phantasievolle Zusammenhang-Theorie zwischen Rockergewalt und Computerspielen unterzubringen.

Die Frankfurter Rundschau
 
Frankfurter Rundschau: Ist "Rocker" zu sein, heute eigentlich noch attraktiv?

Pfeiffer: … Wir beobachten da eine merkwürdige Existenzspaltung. Einerseits die bürgerliche Existenz zum Geldverdienen, andererseits eine "Freiheitsexistenz" zum Ausleben von Lust an Gewalt. Einer der ernsthaften Ursachenfaktor dafür ist, das viele junge Leute sich durch Computerspiele in Kampf-Rollen bewegen. Irgendwann will man das dann auch einmal real tun und nicht nur virtuell.
 
Am besten wäre es vielleicht gewesen, der Fragesteller hätte herzhaft gelacht.
Jetzt hätte man natürlich feststellen können, dass die Antwort wenig mit der Frage zu tun hat (der Reporter war wohl durch diverse Politiker-Interviews an so etwas gewöhnt). Oder mal nachfragen, worauf sich die abenteuerliche These stützt, dass junge Computerspieler durch ihre „Kampf-Rollen“ zur Mitgliedschaft in Rockerbanden getrieben werden. Am besten wäre es vielleicht gewesen, der Fragesteller hätte herzhaft gelacht und gesagt: „Herr Pfeiffer, Sie sind schon ein Scherzkeks. Als nächstes wollen Sie auch noch den Tabellenstand von Hertha BSC oder die griechischen Staatsfinanzen dafür verantwortlich machen, dass Leute zur Banden-Mitgliedschaft getrieben werden.“
 
Das alles hätte der Reporter fragen oder sagen können. Man nennt das kritischen Journalismus, der nicht alles einfach unangefochten stehen lässt, was ihm die blühende Phantasie von Amt- und Würdenträgern ins Aufnahmegerät diktieren will. Der Interviewer aber entschied sich für den affirmativen Fragestil von Firmenpostillen, bei denen der Angestellte den Chef interviewen darf:

Frankfurter Rundschau: Das kann dann zum Einstieg bei den Rocker-Gruppen führen?

Pfeiffer: Ja. Die Gewaltlust wird dann als Rocker demonstriert – durch entsprechende Kleidung, durch Bündnisse gegen andere Gruppen, durch Ausleben von Machokultur.
 
Äußerungen von absurder Schönheit
 
Also bitte: Wer gemütlich zuhause vor sich hin daddelt, gerät dadurch in einen solchen „Gewaltlust“-Rausch, dass er einen Mitgliedsantrag bei einer Realwelt-Rockergruppe stellen will? Ich glaube, man hätte dem gutgläubigen Reporter auch „Die Erde ist eine Scheibe“ sagen können und der hätte ehrfürchtig genickt.
 
Doch da dämmerte es mir: Pfeiffer ist kein verblendeter Eiferer, dem jede Wahrheitsdehnung recht ist, um seine abenteuerlich Thesen öffentlich rum zu posaunen. Es handelt sich bei ihm vielmehr um einen geistreichen Satiriker, dessen Äußerungen von einer derart absurden Schönheit sind, dass diesem Rhetorikstil einen eigenen Namen verleihen muss: „pfeiffern“.
 
Nachfolgend ein Dialog-Beispiel als Anregung für die Duden-Redaktion, der ich noch eins, zwei Auflagen gebe, bis sie sich der Aufnahme dieses Begriffs nicht mehr verschließen kann. „Pfeiffern“ ist eine Mischung aus abschweifen, flunkern und irritieren, bei dem ein Redner die abwegigsten Zusammenhänge herzustellen versucht, um seine Botschaft zu kommunizieren. Je weiter her geholt, desto besser: Der Fragesteller wird so verwirrt, dass er nicht nur seine ursprüngliche Frage vergisst, sondern auch kritiklos die Meinung des Befragten als seine eigene übernimmt.
 
So geht pfeiffern: Ein Beispiel

A: „Guten Tag, wieviel Uhr ist es bitte?“

B: „Von wegen! Immer mehr junge Leute bewegen sich durch Computerspiele in Kampf-Rollen. Das ist gar nicht gut.“

A: „Ach?“

B: „Irgendwann will man das dann auch einmal real tun und nicht nur virtuell.“

A: „Was denn? Sich bewegen? Ist doch gut, wenn die jungen Leute auch mal an die frische Luft gehen.“

B: „In einer Kampf-Rolle. Also sich kämpfend bewegen. Ganz real. Das kann dann zum Einstieg führen. Oder gar zum Ausstieg. Da wächst eine ganze Ein- und Aussteiger-Generation heran.“

A: „Was Sie nicht sagen…“

B: „Es gibt auch ein verstecktes Volk, das in den Bäumen lebt und mir bei Vollmond telepathische Botschaften sendet.“
 
A: „Verstecktes Volk. Notiert. Danke, vielen Dank!"
 
Wenn also das nächste Mal ein „Experte“ versucht, hochgradig absurde Verbindungen zwischen Computerspielen und allen Übeln dieser Welt herzustellen, dann nicht groß aufregen, sondern wissend lächeln. Wahrscheinlich sind wir nur wieder gepfeiffert worden.
 
Euer Heinrich Lenhardt
Abfuehrung

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