Jörg Langer über Frontal 21

Die alte Angst vor den Neuen Medien Meinung

Vor einigen Stunden sendete Frontal 21 einen Beitrag über Internet-Süchtige. Wen die Redaktion damit aber in Wahrheit meint, wurde schnell klar: Computerspieler, denen bei ihrem gefährlichen Hobby eigentlich nur noch Hartz IV und Katzen als letzte Freunde bleiben. Jörg Langer hat genau zugesehen.
Jörg Langer 5. August 2009 - 0:34 — vor 9 Jahren aktualisiert
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Lasst mich diese Kolumne einfach mal mit der Anmoderation von Frontal-21-Frontfrau Hilke Petersen beginnen:

"Es gibt sie längst, die Online-Süchtigen. 3 bis 7 Prozent aller Internet-Nutzer sollen es sein, nochmal soviele gelten als gefährdet. Bis zu 18 Stunden am Tag gefangen in Chats, bei YouTube, auf Sex-Seiten. Und immer mehr Jüngere, aber auch Erwachsene, vor allem in Online-Spielen. Sie werden zu Internet-Junkies, die sich irgendwann nicht mehr interessieren für die reale Welt. Bei Alkohol- und Heroin-Sucht ist das kaum anders. Über den virtuellen Stoff, der abhängig machen kann: Friedrich Kurz."

Und Redakteur Friedrich Kurz leitet den eigentlichen Beitag mit den folgenden düsteren Worten aus dem Off ein:
"Computerspielen bis zum Abwinken! Drei Tage und drei Nächte lang auf der Games Convention in Leipzig."
Ich könnte nun darüber spekulieren, ob Öffnungszeiten von zweimal bis 1 Uhr morgens und einmal bis 18 Uhr (und das auch nur in der "Community-Halle") wirklich als "nächtelang" durchgehen. Herr Kurz wäre vermutlich entsetzt, wenn er erführe, was auf normalen LAN-Partys so abgeht. Oder wie lange Jugendliche für gewöhnlich Diskos besuchen. Nächtelang am Telefon hängen. Oder in lauen Nächten an Lagerfeuern sitzen. Aber darum geht es mir nicht. Mir geht es um das seltsame Vorkommnis, dass innerhalb von 49 Sekunden aus einer Anmoderation, die über Internet-Sucht im allgemeinen zu sprechen vorgibt, ein weiterer anklagender Frontal-21-Angriff auf das Computerspiele-Hobby wird.

Ist die Sendung mittlerweile so verzweifelt ob ihrer womöglich vergreisenden Zuseherschaft, dass mit Gewalt jugendliche Protestseher zum Einschalten bewegt werden sollen ("Mal sehen, was Frontal 21 wieder Böses über uns berichtet!")? War zufällig Bildmaterial von der GC Online vorhanden, und daraus musste schnell etwas Aufwühlendes generiert werden?

Internet-Junkie Robert, Psychiater Bert, Sucht-Aussteiger Max

Viele spielen wochen-, monate-, jahrelang wie ferngesteuert.
Friedrich Kurz jedenfalls dräut mit schicksalsschwerer Stimme zu den GC-Online-Bildern (auf denen ganz normale Jugendliche auf Monitore schauen): "Viele spielen wochen-, monate-, jahrelang wie ferngesteuert. Als Suchtkrankheit wollen das die Spieleverkäufer jedoch keinesfalls sehen." Diese Aussage wird sogleich belegt von einem gewissen Daniel Belala, "Game Promoter" -- also keinesfalls von einem Spielehändler oder Vertreter eines Spiele-Publishers.

In der weiteren Folge des rund sechsminütigen Beitrags tritt auf: Robert. Robert ist ein 28jähriger World-of-Warcraft-Spieler, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. "5.000 Stunden verbrachte er in den letzten drei Jahren an seinem PC." Sagt Kurz. Das sind immerhin (aber eben auch nur) 5 Stunden am Tag -- wie viele der entsetzten Frontal-21-Zuschauer hängen wohl 3 bis 4 Stunden pro Tag vor der Glotze? Ich kann nur hoffen, dass Redakteur Kurz nicht erfährt, wieviele Stunden am Tag ein GamersGlobal-Redakteur am PC sitzt!  Internet-Junkie Robert wird übrigens in zwei von drei Einstellungen mit Zigarette in der Hand gezeigt. Klar, ein Süchtiger halt.

Der Psychiater Bert te Wildt von der Medizinischen Hochschule Hannover sagt kurz darauf keine falschen Dinge, sondern Nachdenkenswertes (siehe den Videomitschnitt, der unten verlinkt ist). Nur spricht er von internetabhängigen jungen Erwachsenen, nicht von Computerspielern. Da er aber zwischen Spiele-Junkie Robert und dem Hauptmenü von World of WarCraft - Wrath of the Lich King geschnitten ist (hier ein Dankeschön an Jürgen Tschiedel, der den Schnitt verantwortet hat), bezieht wohl jeder seine Aussage auf Spieler. Übrigens sind laut te Wildt bis zu 3 Prozent der User abhängig, woher die "3 bis 7 Prozent" aus der Anmoderation stammen, wird im Beitrag nicht erklärt. 

Ein anderer Online-Junkie, Max aus Magdeburg, wird von Kurz vorgestellt, nein, vorgeführt, mit den Worten:
"World of WarCraft statt Abitur. Freundin weg. Die Eltern abgemeldet. Zwei Katzen als letzte Freunde. Hartz IV"

Doch der Junkie schwört seinem Laster ab, will künftig keine Zeit mehr "damit" verbringen. Seit sechs Wochen ist er in psychiatrischer Behandlung gegen die Online-Sucht.

Ich glaube keine Sekunde daran, dass die beiden Zitierten typisch sind für WoW-Spieler
Ich will hier wirklich nicht auf den Zitierten herumhacken. Es bedarf Mut, sich zu seiner Online-Sucht zu bekennen, die bei Robert und Max tatsächlich vorzuliegen scheint. Aber wieso muss die Zigarette bei Robert sein? Doch vermutlich nur, weil der Frontal-21-Kameramann Orlando Wille das für ein passendes Bild hielt. Während Robert nur vor den kahlen Wänden seiner Hartz-IV-Behausung gezeigt wird, ist der "Aussteiger" Max dazu in der Lage, seine Katzen mit einem Stöckchen zu bespielen und in einer Grünanlage herumzulaufen. Zufall, oder muss hier verzweifelt ein Klischee bedient werden? Mir tut Robert leid ("Ich habe das Gefühl, überall schon zu spät zu sein."), ich freue mich ein wenig für Max, dass er einen Therapieplatz bekommen hat. Aber ich glaube keine Sekunde daran, dass die beiden Zitierten typisch sind für WoW-Spieler oder MMO-Fans im allgemeinen. Das aber deutet der gesamte Frontal-21-Beitrag an, und zwar keinesfalls leise.

Die Politik wird's richten: WoW ab 18!

Kommen wir zum Highlight des Beitrags: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), geht von Hunderttausenden von Online-Süchtigen aus und sagt:
"Wir müssen über Altersfreigaben diskutieren. Wenn ein Spiel wie World of WarCraft, das mit einem sehr hohen Abhängigkeitspotenzial verbunden ist, für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben ist, dann kann dies nicht sein. [...] Ich plädiere für 18 Jahre."
Klar. Weil einige Jugendliche süchtig werden (Wieviele eigentlich? Die "bis zu 3 Prozent" von Psychiater te Wildt bezogen sich auf alle Internet-Nutzer, explizit nannte er erwachsene Nutzer), muss man allen Jugendlichen WoW wegnehmen. Damit sie nicht lernen, dass virtuelle Welten tatsächlich einen Angriff auf die Freizeit darstellen können. Damit sie nicht lernen, damit umzugehen. Damit sie nicht die Fähigkeit erwerben, eine Balance zu finden zwischen Schule und virtuellen Welten. Oder zwischen Online-Freunden und Echtwelt-Kontakten.

Und wieso muss es sofort "ab 18" sein? Könnte man nicht auch "ab 16" fordern und zumindest älteren Jugendlichen attestieren, dass sie sich gegen die vermutete Suchtgefahr stemmen können? Man sieht es der ehrlich empörten Sabine Bätzing geradezu an: Würde es eine Altersfreigabe "ab 21" geben, sie würde dafür plädieren. Oder gleich für "ab 45". Denn warum sollte man als fürsorgliche SPD-Politkerin seine Schäfchen Mündigkeit mit den neuen Medien entwickeln lassen, wenn es doch auch Verbote tun?

Mich stört, nachdem mein erster Ärger verraucht ist, gar nicht so sehr der zigste tendentiöse Beitrag von Frontal 21 -- für die Verhältnisse des sich ewig kampfeslustig gebenden ZDF-Magazins war der Beitrag sogar relativ faktensicher, wenngleich in Bildwahl, Zitat-Platzierung und Kommentar nicht gerade objektiv. Mich stört viel mehr etwas, was das Nachrichtenmagazin Newsweek auf seinem aktuellen Titelblatt mit "Technophobia" beschreibt (Ausgabe vom 27.7.2009, "Technophobia: How Fear of New Science Holds Germany Back -- Wie die Angst vor neuen Wissenschaften Deutschland bremst") .

Es existiert eine Technik- und Technologiefeindlichkeit der Amt- und Würdenträger in Deutschland, die unserem Land nicht gut tut. Ob es die Angst vor Biogenetik ist oder die auf Unwissen basierende Abscheu vor Computerspielen. Statt auf der einen Seite wirtschaftliche Chancen zu nutzen und auf der anderen Seite den jungen Bürgern das Rüstzeug für die moderne Welt an die Hand zu geben, wird gemauert, verboten, angeklagt.

Lächerliche DNS-Filter, die angeblich Kinderpornographie-Seiten blockieren. Die ewige "Killerspiele"-Diskussion. Ursula von der Leyens neueste Phantasie, per Ordre De Mufti ein gutes Benehmen in Chaträumen herstellen zu können.

Was unsere Politiker nicht kennen, ist ihnen suspekt. Jegliche (real existierenden!) Negativindikatoren wie eben Online-Spielsucht werden aus dem Kontext und aus jeder Verhältnismäßigkeit gerissen, zur Massengefahr überhöht und für verbietenswert erklärt. Und was verboten ist, gibt es ja nicht mehr ("Dies kann nicht sein!" -- Bätzing). Problem gelöst.

Stehlt den Jugendlichen nicht die Medienkompetenz!

Niemand bestreitet, dass es Internet-Sucht gibt. Und auch der von Frontal 21 bewusst herausgegriffene und allein behandelte Aspekt "Online-Spielesucht" ist sicherlich ein Problem für Einzelne, und ein potenzielles Problem für viele. Aber genau darin liegt der feine Unterschied: Ein POTENZIELLES Problem ist kein zwangsläufig eintretendes Problem. Ganz im Gegenteil, ich hänge einer Denkhaltung an, die sich ungefähr so beschreiben lässt: "Lasst eure lieben Kleinen im Kindergarten sich die Schienbeine aufschürfen -- auf dass sie sich später auf dem Schulweg nicht das Genick brechen!"

Lasst eure lieben Kleinen im Kindergarten sich die Schienbeine aufschürfen...
Darum hänge ich auch der Meinung an, dass man Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen erlauben muss, sich mit neuen Medien zu beschäftigen. Damit sie Kompetenz darin erwerben, und auch, damit sie sich einen Schutzschild (gegen Spam, gegen Chat-Anmache und Beleidigungen, gegen das Süchtigmachende in manchen Spielen, gegen dreiste Werbung und Online-Abzocke) zulegen können. Dabei darf man selbstverständlich den Zwölfjährigen nicht mit denselben Inhalten konfrontieren wie den 22jährigen. Aber kategorisch für WoW "ab 18" zu fordern oder "Internetfilter" zu verlangen oder demnächst wohl (nach von der Leyens Willen) die Chatroom-Gedankenpolizei -- das zeugt von einem tiefen Misstrauen gegenüber der Intelligenz und der Lernfähigkeit der eigenen Bevölkerung.

Liebe Politker, liebe Über-Vierzigjährigen in Print und Fernsehen: Das Internet stoppt nicht an Deutschlands Landesgrenzen. Es kommt über Satellit und über Glasfasernetze und über die Telefonleitungen und über Funk. Und zwar überall hin. Hört endlich damit auf, immer nur die negativen Aspekte von Technologie, vom Internet, von Computerspielen herauszugreifen! Wer sich in der Welt von morgen behaupten will, darf nicht die Welt von gestern beschwören, als Wählscheibentelefone State-of-the-Art waren und sich über Jahrzehnte hinweg kaum verändert haben. Die Jugendlichen heute müssen sich innerhalb weniger Jahre vielfältigste Techniken aneignen und immer wieder dazulernen, um später im Beruf, im internationalen Wettbewerb, im Leben bestehen zu können. Computerspiele helfen ihnen dabei, insbesondere Online-Spiele!

Man hätte in Frontal 21 einen Beitrag zu Bildern von der GC Online auch wie folgt beenden können: "Erstmals rein auf Online-Spiele fokussiert, zog die Leipziger Messe über 40.000 Spielefans aller Alterstufen an. Wussten Sie übrigens, dass Deutschland der international wichtigste Produzent für Browser-Spiele ist?"

Frontal 21 hat sich für dieses Ende entschieden:
"In der Spielhölle der Leipziger Games Convention kommt Bätzings Vorschlag einer Altersbegrenzung gar nicht gut an. Die Gamer wollen weiterspielen. Ohne Rücksicht auf Verluste!"


Euer Jörg Langer


Besagten TV-Beitrag findet ihr unter anderem hier.
Abfuehrung

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