Harald Fränkel philosophiert:

Der Deutschland-Shooter Meinung

Wer angesichts der „Killerspiele“-Diskussion einen Ego-Shooter fordert, der im Deutschland der Gegenwart angesiedelt ist, muss nicht nur einen an der Waffel haben, sondern gleichzeitig einen Haschmich, Knall, Dachschaden, Stich und Vogel. Mindestens. Wir formulieren es vorsichtig: Harald Fränkel wurde per Saugglocke geboren...
Harald Fränkel 16. März 2010 - 18:47 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Ich bin stolz, Deutscher zu sein. ICH LIEBE DEUTSCHLAND!  Ich darf das so tollkühn formulieren, schließlich sind wir nicht nur Papst, sondern laut einer relativ aktuellen Studie der Strategieberatung Booz & Company trotz Weltwirtschaftskrise nach wie vor Innovations-Europameister. 

De-Mail für dich
 
Nehmen wir als Beispiel die Deutsche Post AG, die jetzt was gaaanz Tolles erfunden und auf der Computermesse CeBIT vorgestellt hat: eine Möglichkeit, Briefe übers Internet zu versenden! Ja, ich weiß, es klingt sehr futuristisch, fast nach H.G. Wells und seiner Zeitmaschine, aber Ende des Jahres soll man doch tatsächlich am heimischen Rechner Nachrichten schreiben und diese ohne Zeitverlust an einen Empfänger übermitteln können. Hallo, ist das nicht DER Hammer? Elektronische Briefe, da muss man erst mal drauf kommen! Mein Vorschlag wäre ja gewesen, jene bahnbrechende Erfindung „E-Mail“ zu nennen, wobei E für „Electronic“ und Mail für „Post“ stünde. Das Logistik-Unternehmen mit Sitz in Bonn hat sich aber für De-Mail entschieden. Auch gut. Das zeugt von Nationalstolz.
  
Ein Counter-Strike mit einer Karte  de_school fände sogar ich gewagt.
Womit ich beim Punkt wäre: Ich bin der Meinung, deutsche Entwickler sollten diesen Nationalstolz ebenfalls zeigen und Actiontitel machen, die in Deutschland spielen! Ehe jetzt einige CSU-Politiker und Öffentlich-rechtliches-Fernsehen-Gucker vor dem Bildschirm entrüstet mit einem Herzkranzgefäßkatarrh kollabieren: Ein Counter-Strike mit einer Karte de_school fände sogar ich gewagt.
 
Aber was spräche gegen einen Shooter, bei dem man im Rahmen eines fiktiven Szenarios die Invasion von E.T.s böser Verwandtschaft in authentisch nachgebildeten, deutschen Hochburgen wie Stuttgart, Dortmund, Essen, Mallorca oder Petting bei Traunstein bekämpft? Die Bundeswehr ist in heutigen Zeiten ohnehin fast arbeitslos, weil sie sich meist raushalten muss, und könnte darüber hinaus ein bisschen PR gebrauchen.
 
Wienerwald statt Burger-Schuppen
 
Weil man in unserer Heimat dieses Jahr eigentlich nur zwischen dem 11. Juni und 11. Juli mit der schwarz-rot-goldenen Fahne wedeln und sich wie ein Vollspack aufführen darf, ohne gleich ins rechte Licht gerückt zu werden, sei ausdrücklich betont: Es geht mir bei meinem Wunsch nicht um nationalistische Gedanken. In Wahrheit würde ich mir von einem Deutschland-Shooter einfach folgendes erhoffen: massig Atmosphäre. Der Gedanke, wie viel mehr Spannung in einem virtuellen good old Germany stecken könnte, kam mir kürzlich wieder, als ich mich durch den Wolverines!-Level von Modern Warfare 2 wurstelte. Es ist ja schon eindringlich, sich in einem amerikanischen Vorort der Gegenwart zu bewegen. Wie erst würde sich die Gänsehaut wölben, hätte ich deutsche Straßen, Verkehrsschilder, Werbung, Häuser und Autos vor Augen? Statt des Burger-Schuppens 'nen Wienerwald?
 
Mit Verlaub, auch ein GTA: Berlin-Neukölln, Fallout 4: Alle Münchner strahlen, Mirror's Edge: Über den Dächern von Frankfurt und Uncharted 3: The Allgaeuers strike back wären reizvoll. Die Idee, Resident Evil 6 nicht in Afrika, sondern in Oberneger bei Olpe stattfinden zu lassen … äh … nein, vergesst das besser wieder. Ein Schritt in die richtige Richtung stellt Scivelation, dar, das Ende 2010/Anfang 2011 erscheint. Für dieses Spiel soll es zumindest im Mehrspielermodus eine deutsche Map geben, während ihr euch in der Solokampagne durch London, Budapest, Moskau, Tokio, Bethlehem und Wien ballert – und Wien ist ja auch Deutschland, irgendwie. Ähem.
 
Gepflegter rasen
 
Für mich steht fest, dass Spiele an Atmosphäre gewinnen, sobald sie ein Szenario bieten, das ich gut kenne. Je vertrauter, desto besser! In meinem Fall stelle ich das auch bei anderen Medien fest. Vor einiger Zeit sah ich die Sendung Quiz Taxi auf Kabel eins, wobei das launige Rate-Fahrzeug durch Nürnberg tuckerte. Die Show war mir reichlich pillepalle. Ich fand es aber faszinierend, dass ich ständig versuchte, die mir bekannten Ecken der Frankenmetropole zu erspähen. Geht euch das im Fernsehen nicht auch so, wenn der Tatort in München oder Hamburg spielt?    
 
Deutsche Szenarien werden und würden gern angenommen, die Vergangenheit beweist es! So haben sich Autobahn Raser und dessen 5.353 Ableger aus dem Hause Davilex verkauft wie geschnitten Brot, obwohl sie unterirdischer gemacht waren als die Kölner U-Bahn. Okay, wenn ausgerechnet Holländer ein deutsches Autobahnspiel produzieren, kann man wohl nicht allzu viel erwarten. Das Ding blieb total unrealistisch, es kamen zum Beispiel keine auf der linken Spur parkende niederländische Wohnwagen vor.
Trotzdem: Für ein paar Minuten war es cool, sich virtuell in unserem Vaterland zu tummeln. Halt, Mutterland klingt politisch korrekter. Mann, immer diese Schere im Kopf, die tut saumäßig weh. Hierzulande darf man ja nicht mal die NPD Group gut finden, ohne sich schlecht zu fühlen.
 
Wiederkennung macht Freude
 
Apropos schlecht, dieses Adjektiv passt ziemlich genau auf Invasion Deutschland, das ebenfalls von Davilex stammte. Hier handelte es sich doch tatsächlich um einen Alien-Shooter in der Ich-Perspektive. Die größte Stärke, denn genau genommen gab es nur eine, war der Wiedererkennungswert. Hier durfte das gemeine Volk im Münchner Hofbräuhaus, Kölner Dom und am Brandenburger Tor morden. Wobei das dramatischer klingt als es ist, denn der Titel war schlicht Kinderkacki und USK 12. Wer sich ein Bild machen möchte, tue dies hier.

Aber, wie soll es anders sein, NATÜRLICH regte sich trotzdem jemand auf. Weil der Spieler im Reichtagsgebäude, im Plenarsaal des Bundestages, auf den Bundesadler schießen konnte, woraufhin dieser krächzte. Uiuiui! Schlimm schlimm! Stillos sei dies, hieß es, und Davilex flatterte eine Abmahnung, Unterlassungserklärung oder so in Haus. Dabei konnte man den Kram gar nicht ernst nehmen. Man denke allein an die künstliche Intelligenz der kleinen grünen Männchen, die sich ungefähr auf dem geistigen Niveau eines rechtsradikalen Skinheads bewegte.
 
Ach ja, einen hab ich noch, falls ein paar Leser aus Trier anwesend sein sollten: Fandet ihr es nicht auch genial, dass in Deus Ex: Invisible War unter anderem das Wahrzeichen der Stadt eine Rolle spielte, die Porta Nigra nämlich? Da seht ihr's, her mit den Spielen made about Germany!

Infinity Ward, please make a Call of Duty wiss fett blond German big mamas wiss stomach free shirts!
Tja, blöd an meinem innigen Wunsch ist halt, dass sich, vom German Truck Simulator abgesehen, höchstens ausländische Unternehmen trauen würden, ein Deutschlandspiel zu veröffentlichen. Amerikaner etwa. Die wiederum denken selbstverständlich eher an die Verkaufschancen im US-Markt. Trotzdem, ein Versuch ist es wert, falls zufällig die Herren von Infinity Ward mitlesen. Lodda Maddäus würde es so formulieren: Please make a Call of Duty: Germany-play and put in a German Audobahn wiss no Dembolimit, Balace Neuschwanstein, Rammstein music, Brodwerscht and definidely fett blond German big mamas wiss stomach free shirts! So you will also sell a lod in se states! I wish you many luck, nothing for ungood!
 
Deutschland vor!
 
Na ja, einfacher wäre es, würde sich eine deutsche Spieleschmiede der Sache annehmen. Ein paar gute haben wir ja. Ich will jetzt keine Namen nennen und damit eine dieser Firmen unter Druck setzen, aber CRYTEK KÖNNTE SICH SCHON MAL DARAN VERSUCHEN. Tja, was machen die stattdessen? Crysis 2 in New York. Wie einfallsreich. New York gab's ja noch nie in einem Spiel. Mann, Mann, Mann. 

„Ja ist der Fränkel denn jetzt komplett wahnsinnig?“, mögen einige fragen. Genau! Wie kann ich es wagen, Gewalt darstellende Spiele mit deutschem Szenario zu fordern? Wo das doch unserem blutrünstigen Ruf weiter schaden würde, sobald die Spatzen wieder von den Dächern pfeiffern, was in kranken Spielerhirnen so vorgeht. Wisst ihr was? Ich pfeiffer drauf! Ich kann nichts dafür und kann es garantiert auch durch Stillhalten nicht ändern, dass manche Pfeiffen nicht zwischen Spiel und Realität unterscheiden können/wollen und ständig polemisieren, statt sich zu sorgen, dass unser bestehendes Jugendschutzsystem einfach mal konsequent umgesetzt wird.
 
Leute, ich habe es satt, mich wegen meines Hobbys schlecht zu fühlen – wenn ich nicht offen sagen darf, dass mir als Erwachsener Ab-18-Unterhaltung Freude macht, platz ich irgendwann.„Killerspiele“ seien „abartig und gefährlich“ (siehe www.gamersglobal.de/news/19196) und müssen verboten werden, aber das Waffenrecht weiter zu verschärfen ist nicht nötig? Ne, is' klar. Doch verzaget nicht, denn es wird alles gut – wenn in Deutschland eines Tages Menschen am Ruder sind, die mit Spielen aufgewachsen sind. Ich glaube, das nennt sich natürliche Auslese. In diesem Sinne: schönes Leben noch!  
 
Euer Harald Fränkel
Abfuehrung

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