Knut Gollert über WoW Cataclysm:

"Das Tokio Hotel der Spielebranche" Meinung

Cataclysm, die dritte WoW-Erweiterung, ist gerade mal vier Tage alt, da hat das schöne Hobby "WoW-Meckern" schon wieder Hochkonjunktur. Irgendwie ist WoW das Tokio Hotel der Spielebranche: Viele hassen es einfach nur deswegen, weil es so erfolgreich ist. Knut Gollert, WoW-Spieler von Anfang an, seziert die WoW-Mecker-Fraktion genauer.
Knut Gollert 10. Dezember 2010 - 22:37 — vor 8 Jahren aktualisiert
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Erfolg hat bekanntlich immer zwei Seiten. Die glänzende Front und den kalten Popo, sozusagen. Mal überwiegt der Glanz, mal zeigt sich das Hinterteil deutlicher. Wie bei Tokio Hotel. Die waren (oder sind?) extrem erfolgreich, wurden regelrecht vergöttert. Aber ein nicht unerheblicher Teil der jugendlichen Bevölkerung empfand TH als abstoßend. Was nicht unbedingt an deren Musik liegt – ein paar Gitarrenriffs, von wem auch immer, sind meines Erachtens deutlich weniger schlimm als etwa das Backstreet-Boys-Gesäusel. Es liegt an dem riesenhaften Erfolg und der mangelnden Akzeptanz des selben.
 
World of Warcraft ist – ich bin jetzt mal gemein und wertungsfrei – das Tokio Hotel der Spielebranche. Es hat unglaublich viele Fans, mehr als jedes andere Online-Rollenspiel. Und ist eines der wenigen Spiele, über die ein ziemlich großer Teil von Menschen meckert. Menschen, die es teilweise wirklich hassen. Lustigerweise: manchmal sogar ungespielt. Es wird geschimpft und gezankt, beleidigt und gezickt, stellenweise wird das arme WoW sogar verbal massakriert. Kein anderes Spiel steht dermaßen im Fokus einer stets größer werdenden Mecker-Community. Die Frage ist: Warum? Was treibt Menschen dazu, ein Spiel in Grund und Boden zu reden? Welche Beweggründe haben sie? Welches Ziel? Ich versuche das im folgenden einmal ganz dilettantisch zu ergründen. Als einer, der von Psychologie wenig, von Spielen und WoW umso mehr Ahnung hat.
  
Der Neider
 
Die Neider sind die wohl größte Gruppe innerhalb der WoW-Mecker-Gemeinschaft. Und die harmloseste. Sie bedienen sich vor allem bekannter Klischees, denn sie kennen das Spiel nur vom Hörensagen oder von der 10-Tage-Testversion. Sie müssen andere Meckerer inhaltlich kopieren und sind nur in ihrer Wortwahl kreativ. Das macht sie zu leichten Opfern für alle, die mit harten Argumenten zurückschießen.

Aber durch die blanke zahlenlose Überlegenheit sind sie die wohl effektivste Waffe der WoW-Mecker-Fraktion. Ihre Beweggründe sind schnell umrissen: Sie spielen kein WoW, und das finden sie irgendwie doof. Entweder reicht das Geld nicht. Oder die Zeit. Oder Sie sind Fans anderer MMOs und neiden WoW den großen Erfolg. Das ist in etwa so, wie die Golf-Fahrer, die den Porsche vom Nachbarn belächeln. Ich persönlich kann das sehr gut verstehen. Aber ich mache weder den Porsche noch die Model-Freundin des Nachbarn schlecht. Das bringt nämlich nix. Hier heißt die Devise: Ausprobieren und wenn's gefällt, selbst besorgen. Beim Model des Nachbarn mag das nicht klappen, bei WoW aber ganz sicher. Und wem es dann nicht gefällt, weiß wenigstens endlich, warum.
  
Der Ex-Junkie
 
Der Ex-Junkie ist ein Überlebender. Er hat WoW überlebt. Er hat es exzessiv gespielt, 24/7. Er hat gejubelt und gelitten, es geliebt und gehasst. Er hat es gelebt. Und irgendwann hat er aufgehört. Aus vielfältigsten Gründen, es ging einfach nicht mehr. Er hat sich damals eingeredet, dass WoW sowieso bald tot ist. Ein kleiner Teil dieser Leute gehört heute zum harten Kern der Mecker-Community. Sie sind die Superschimpfer, denn sie sind in gewisser Weise eifersüchtig, fühlen sich von "ihrem" WoW betrogen. Wie kann es nur OHNE SIE weitermachen? Und womöglich noch weiter wachsen? Über die Jahre hat sich der Hass in sie hineingefressen wie Rost in einen alten Kahn. Ihr Ziel: WoW soll sterben! Warum? Weil sie es nicht alleine haben können.
 
Der Samariter
 
Er kennt World of Warcraft nicht, weiß aber um die Gefahren der MMO-Sucht.
Der Samariter schimpft nicht, er belehrt. Er kennt World of Warcraft nicht, weiß aber um die Gefahren der MMO-Sucht. Er ist der Fänger im WoW-Roggen. Er versucht, so viele Kinderlein wie möglich aus den Klauen der Online-Sucht zu befreien, vom Klippensprung zu bewahren. Seine Warnungen sind immer die selben: "…ich kenne jemanden, der hat wegen WoW nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern auch seine Familie verloren!" oder, weniger scharf, "...einer unserer Freunde war früher immer mit dabei. Seit er WoW spielt, ist er weg. Der geht nicht mal mit zum feiern…". Schön blöd, selber schuld, sage ich da. Das gleiche Problem haben Leute, die zu sehr in ihrer Arbeit oder in ihrem Sport aufgehen. Das ist natürlich nicht schön, und darum hat der Samariter irgendwo Recht. Aber er klärt nur halb auf. Er verdammt das Spiel. Er will, dass es aufhört. Und dafür wird er ausgelacht. Stattdessen sollte der Samariter vielleicht einen 5-Punkte-Plan zum gesunden Umgang mit MMOs schreiben.
 
Der Smarte
 
Der Smarte ist vor allem eines: Zu klug für dieses Spiel. Er kennt WoW selbstverständlich, gehörte zu den ersten, die in Vanilla Ragnaros und Nefarian gelegt haben (zwei der schwersten Bosse des "alten" WoW). Er hat es damals "nur nebenbei" gespielt und aufgehört, weil es schlicht zu anspruchslos wurde. Außerdem fand er es nie wirklich toll. Gegen Cataclysm führt er dieselben Argumente ins Feld wie gegen Wrath of the Lich King. Er meckert gegen WoW auf hohem Niveau, begründet alle Aussagen, interpunktiert korrekt. Das hilft etwas über sein Hauptmanko hinweg: Er hat im Grunde keine Ahnung. Weil er nicht (mehr) spielt und zu faul ist, zu recherchieren. Mit richtigen Infos nehmen ihm WoW-Fans schnell den Wind aus den Segeln. Sein Hauptziel hat er dennoch erreicht: Er sucht vor allem Aufmerksamkeit.
 
Der Vielspieler
 
Die Vielspieler sind die Meckerer, die man wirklich ernst nehmen darf. Auf der einen Seite. Auf der anderen nicht. Sie sind die Zocker-Götter, haben alles, was es gibt. Kennen den Unterschied zwischen einer PC-Engine und einer Turbo-Duo, haben Times of Lore mindestens vier mal durchgespielt und dabei nie auch nur einen einzigen Schlüssel zerbrochen. Und sie kennen, natürlich, auch WoW.

Allerdings haben sie verständlicherweise nur kurze Zeit im Spiel verbracht. Das ist umgekehrt ihr Hauptangriffspunkt: WoW bindet die Spieler dermaßen, dass sie für etwas anderes keine Zeit mehr haben, keine anderen Spiele mehr spielen. Und damit spielerisch verdummen. Das hat etwas Originelles und Einleuchtendes. Aber in Wirklichkeit sind die Vielspieler nur etwas sauer, dass sie ausgiebiges WoW-Spielern zeitlich einfach nicht hinkriegen. Am liebsten würden sie nämlich jedes Spiel – und damit auch jedes MMO – durchspielen. Ihr Ziel: Zur Diskussion anregen und hoffen, dass sie aus den Tiefen der Schlachtzug-Details in die Breite des Spielekanons geht. Denn dann können sie ihr allmächtiges Wissen wieder anbringen und sich stark profilieren.
 
Der "N00b"-Rufer

Mit 264er Gear die Instanzen mit 'Brain AFK' durchlaufen.
Eines liegt mir ganz besonders am Herzen: Die Möchtegern-Elitären mal zurecht stutzen, die schreien, WoW wäre ja viel zu einfach geworden (Fachterminus: "generft"), nur noch was für N00bs. Da wiederspreche ich jetzt mal im Catacylsm-Kontext ganz herzlich. Wer mal im Schattenhochland gequestet hat, weiß, wie "schwer" der normale Quest-Content für frische 84er oder 85er ist. Auch die Instanzen: In WotLK waren die heroischen Instanzen anfangs deutlich leichter, als jetzt die Heros. Auch wenn frische 80er damals auch Probleme hatten. Wer natürlich mit 264er Gear in diese Instanzen gegangen ist, konnte mit "Brain AFK" durchlaufen. In Cataclysm wird das mit Items ab Level 400 nicht anders sein. Aber zur Zeit sind die Dungeons schwer, stellenweise sehr schwer. Und das ist gut so. Das macht Spaß! Gerade gepaart mit den neuen Klassenmechaniken, die teilweise deutlich anspruchsvoller geworden sind -- man schaue sich nur das Mana-Intensive Heilen an. Wer diese Instanzen als zu leicht schimpft, spielt wie Gott oder kennt sie gar nicht.
 
So, damit hätten wir die wichtigsten Mecker-Persönlichkeiten umrissen. Natürlich gibt es noch die "normalen" Kritiker, die das Spiel regelmäßig spielen und denen ganz einfach das eine oder andere nicht gefällt. Das beklagen sie, ohne gleich ganz WoW infrage zu stellen. Sie sind aber seltsamerweise in der Unterzahl. Und jetzt könnt ihr ja auch mal eine Runde meckern. Über diesen Text hier zum Beispiel. Ich gehe dann mal Cataclysm durchspielen. Muss noch was zum Motzen finden!

Euer Knut Gollert
 
 

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