Reise ins Märchenland

The Rabbit's Apprentice Preview

Mit A Stitch in Time machte sich Matthias Kempke im Indie-Sektor einen Namen als Adventure-Entwickler. Nun ist er bei Daedalic und veröffentlicht im Mai sein zauberhaftes Märchenadventure. Es dreht sich um Zauberei und düstere Abgründe in einer scheinbar heilen Zeichentrick-Welt. Wir haben The Rabbit's Apprentice für euch angespielt.
Benjamin Braun 16. Februar 2013 - 19:47 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal. Daedalic hat das Spiel unterdessen in The Night of the Rabbit umbenannt.

Mit The Whispered World (GG-Test: 8.5) hatte sich Daedalic im März 2009 bereits einmal mit Erfolg an einem Märchen-Adventure versucht. Damals hatte die Hamburger Spieleschmiede Marco Hüllen, den Designer der geflüsterten Welt, in die eigenen Reihen aufgenommen und mit ihm gemeinsam das Projekt zum Abschluss gebracht. Bei Matthias Kempke ist ähnliches passiert. Den kennen Adventure-Spieler bereits durch seine klassischen Indie-Abenteuer What makes you tick und die Fortsetzung A Stitch in Time – nun setzt er bei den Deponia-Machern sein Märchen-Adventure The Rabbit's Apprentice - Im Bann des Zaroff um. Wir haben ausprobiert, ob dieses Spiel uns ähnlich verzaubern könnte wie das Abenteuer vom traurigen Clown Sadwick.

Ein letztes großes AbenteuerAh Schulferien! Schön war die Zeit, als wir noch mehr als sechs Wochen Freizeit am Stück hatten – viel Raum, um zu entspannen und vor allem um Abenteuer zu erleben. Besonders intensiv fällt der Taten- und Entdeckerdrang bei vielen dann aus, wenn sich die Ferien langsam dem Ende nähern, wenn frühes Aufstehen und Pflichterfüllung wieder unmittelbar bevorstehen. Nicht anders geht es Jerry Haselnuss in Daedalics neuem Adventure The Rabbit's Apprentice - Im Bann des Zaroff, der zwei Tage vor dem Ende der Schulferien noch ein letztes großes Abenteuer erleben möchte. Mit dem Rucksack auf dem Rücken und einem Lächeln im Gesicht macht er sich auf den Weg in den Wald, um zwischen Bäumen und Bächen die Unbeschwertheit der Kindheit zu genießen. Das ist viel spannender als die grauen Betonbauten der daneben liegenden Stadt – und selbst ein einfacher Stock kann zur großen Entdeckung werden. Nebenher sammelt Jerry Brombeeren für seine Mutter, die ihm das größte Stück vom Kuchen verspricht. Süßes Leben ist manchmal eben auch wörtlich zu nehmen.

Noch ahnt Jerry nicht, dass ihn schon bald weit mehr erwartet als nur eine kleine Entdeckungsreise im Wald, denn er erhält einen Brief, der ein sonderbares Eigenleben führt. Er stammt vom Marquis de Hoto, einem sprechenden Albino-Hasen, der dem kleinen Jungen seinen größten Traum erfüllen möchte: eine Ausbildung zum Zauberer. Da die Zeit in dieser Welt dafür zu knapp ist, öffnet er das Tor in eine von sprechenden Tieren bewohnte Parallelwelt. Na, wenn das mal keine Spielwiese für einen angehenden Zauberer ist! Der Empfang durch die fröhlichen Tiere und Fabelwesen in der Stadt Mauswald ist herzlich.

Aber wen wundert das? Hier herrscht kein Erfolgs- oder Zeitdruck, anstelle einer Uhr, wie wir sie kennen, zeigt die in Mauswald lediglich an, ob gerade Tag oder Nacht ist. Unter der farbenfrohen Idylle brodelt es aber bereits – und das liegt nicht daran, dass die Zwerge mit der Blausaftproduktion nicht mehr nachkommen oder die Radiosendung des Maulwurfmoderators nicht ausgestrahlt werden kann. Eine seltsame Krähenplage macht sich im Land breit und sie scheint nur der Vorläufer eines weitaus größeren Übels zu sein. Es dauert nicht lange, bis Jerry klar wird, dass der Marquis ihn nicht nur für seine Ausbildung zum Magier hierher geholt hat...

Zunehmend offenes Spieldesign
Anfangs in der Stadt Mauswald ist der Schauplatz noch übersichtlich und der Spielverlauf linear. Später öffnet sich The Rabbit's Apprentice zunehmend und wird komplexer.
Die Geschichte von Jeremias Haselnuss – oder kurz Jerry – beginnt vor seinem Haus. Wie für Adventures üblich, ist der erste Schauplatz noch relativ klein und lässt euch wenig Spielraum. Das ändert sich in Mauswald, wo ihr nach und nach weitere Teile des Umlands freischaltet. Anders als in vielen anderen Adventures werden die einzelnen Teile der Spielwelt aber nicht blockiert, sondern stehen euch im weiteren Verlauf weiterhin zur Erkundung zur Verfügung. Dennoch ist die Linearität in den ersten Spielstunden hoch, die Rätselketten bauen sehr stark aufeinander auf. Eine Aktion, bei der Jerry eine Tasse von einem derzeit inaktiven Radiomoderator erhält, steht beispielsweise erst dann zur Verfügung, wenn die Story die Aktion zulässt.

So offen wie das Rätseldesign in Monkey Island 2 - Le Chuck's Revenge ist das in The Rabbit's Apprentice erstmal nicht. Doch im Mittelteil orientiert sich Jerrys Abenteuer wieder deutlich stärker an diesem Designvorbild. Dann sind häufiger Aktionen in beliebiger Abfolge möglich, die dennoch stets vom großen Storyrahmen zusammengehalten werden. Also ganz ähnlich zu den Kartenteilen, die Guybrush Threepwood auf den Karibikinseln zusammensuchen muss. Damit die Spieler so leicht nicht den Überblick über die ganzen Aufgaben verlieren, soll es im fertigen Spiel ein Questlog geben, in dem alle wichtigen Details festgehalten werden. Das scheint uns in Anbetracht der steigenden Komplexität und eines vergleichsweise prall gefüllten Inventars sinnvoll.

Die Rätsel selbst zeigen sich eng mit der Spielwelt verwurzelt. Mal sollen wir einen diebischen Gnom fangen, mal eine Jungeule vor den Übergriffen einer riesigen Krähe retten. Später muss Jerry auch zu verschiedenen Tageszeiten aktiv werden, da sich manche der Aufgaben andernfalls nicht bewältigen lassen. Aufgrund d
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er anfänglichen, nicht zuletzt dem Storytelling geschuldeten Linearität wirkt manches aber auch etwas aufgesetzt. Herr Spitzweg ist zum Beispiel bereit, uns mit seinem Boot auf dem Fluss mitzunehmen, aber er benötigt noch einen Anker und ein Paddel, zudem muss ein Wels vertrieben werden, der den Weg versperrt. Kaum ist all das erledigt, wartet die nächste Hürde, als ein kleiner Junge am Fluss Wegzoll von uns verlangt. Wieso wir ihn nicht einfach zur Seite drücken oder ins Wasser werfen dürfen (typische Lösungsansätze unter kleinen Jungs, so scheint es uns), weiß nur der Rätseldesigner.

Nicht ganz so schön ist auch, dass hier und dort ohne Erklärung Wege einfach versperrt bleiben oder versteckte Trigger dafür sorgen, dass irgendwo jemand neues auftaucht. Bevor ihr diese Anmerkung aber falsch einordnet: Wer ein komplexeres und zunehmend offeneres Rätseldesign bevorzugt, kommt mit The Rabbit's Apprentice nach den bisherigen Eindrucken voll auf seine Kosten und stolpert nicht über unlogische Ungereimtheiten oder muss ständig nach etwas suchen, von dem er gar nichts wissen kann.
Die Krähen sind nur das erste Vorzeichen düsterer Zeiten, die Jerry und der Stadt Mauswald bevorstehen.
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