Gears of War in der Wüste

Spec Ops - The Line Preview

Bislang war der Titel etwas untergegangen, wenn er auf Messen direkt nach Bioshock Infinite gezeigt wurde. Doch das deutsche Studio Yager hat einen interessanten Gears-of-War-Klon in der Mache, der gleichzeitig an den Filmklassiger Apocalypse Now erinnert. Wir haben den 3rd-Person-Shooter mehrere Stunden lang probegespielt.
Jörg Langer 22. November 2011 - 18:19 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Das Voranschreiten der Klimaerwärmung wird fast nur noch von Fundamentalisten und Lobbygruppen (beziehungsweise den von diesen beauftragten Wissenschaftlern) bestritten, allenfalls über das Ausmaß des menschlichen Verschuldens daran herrscht noch keine Klarheit. Kein Wunder, dass die Populärkultur immer häufiger mit diesem Thema spielt, sei es Roland Emmerichs prätentiöser The Day After Tomorrow oder der aktuelle Film Hell (gemeint ist das Gegenteil von "dunkel", es ist tatsächlich ein deutscher Film und damit Titel). Auch zahlreiche Romane nehmen den Klimawandel oder, etwas breiter gefasst, die "Rache der Natur" (etwa in Der Schwarm) als Hintergrund oder Plotdevice. Da wollen die Computerspiele natürlich nicht hintanstehen! Vom deutschen Entwickler Yager kommt (vermutlich im Frühjahr 2012) ein Spiel, hinter dessen etwas sperrigen Namen Spec Ops - The Line ein interessanter Gears of War 3-Klon mit einigen ungewöhnlichen Ideen steckt.
 
Die Mutter aller Sandstürme
In der sehr nahen Zukunft: Sandstürme nie gekannten Ausmaßes suchen den Südosten der Arabischen Halbinsel heim, das Emirat Dubai wird am härtesten getroffen. Und Dubai, das ist vor allem Dubai-Stadt, Heimat einiger der luxuriösesten Hotels überhaupt, darunter das aus dem Wasser ragende Segel des Burj Al Arab (dem "Sieben-Sterne-Hotel") und das höchste Gebäude der Welt, das Burj Khalifa. Die Stürme schneiden das Emirat von der Außenwelt faktisch ab.
 
Die Vereinigten Staaten setzen das in der Region stationierte 33. Bataillon der US Armee zur Katastrophenhilfe in Bewegung, das trotz seines Spitznamens "Die Verdammten" prädestiniert dafür scheint: Unter seinem Anführer Colonel John Konrad wurde, so will es die Hintergrundstory, der meistdekorierte Kampfverband der US Armee nicht nur für seine Kampferfolge, sondern auch für humanitäre Einsätze berühmt. Konrad hat selbst darum gebeten, in Dubai beim Evakuieren der Zivilisten zu helfen, doch als die Sandstürme noch schlimmer werden, wird ihm der Abzug befohlen. Konrad schickt noch eine letzte Karawane mit Überlebenden los, dann wird er selbst mit seinen Truppen, etwa 1.000 Mann, vom bislang schlimmsten Sandsturm in Dubai eingeschlossen – jeglicher Kontakt reißt ab. Das Verteidigungsministerium schickt einige CIA-Agenten nach Dubai, doch auch von diesen hört es nichts mehr. Dubai wird sozusagen abgeschrieben von den USA und der Weltgemeinschaft.
 
Der Kontakt bricht ab
Sechs Monate verstreichen, da wird ein Funksignal von Colonel Konrad aus Dubai empfangen. Ein kleines Aufklärungsteam der Elitetruppe Delta wird losgeschickt, bestehend aus Captain Martin Walker (eurem Alter Ego) und zwei weiteren Soldaten. Sie sollen etwaige Überlebende finden und dann die Stadt wieder verlassen. Und so beginnt das Spiel. Wir laufen eine Sanddüne hoch und sehen in der Ferne Dubai, von dem allerdings nur noch die größten Hotels und Büro-Hochhäuser aus den riesenhaften Sanddünen schauen, die es unter sich begraben haben.
 
Das mit dem Überlebenden-Finden ist nicht sonderlich schwer: Schon bald sind wir in Feuergefechte mit bewaffneten Einheimischen verwickelt. Es stellt sich heraus, dass diese uns für Mitglieder der 33. halten – irgendwie scheinen sie etwas gegen unsere Waffenbrüder zu haben. Als wir schießend und Deckung nehmend immer weiter vordringen, geraten wir in eine Szenerie, wie wir sie aus Vietnamfilmen kennen: laute Rockmusik, amerikanische Flaggen, mit Totenköpfen bemalte Gemälde an den Wänden. Und ein Radiomoderator, der reichlich Seltsames faselt. Wir kommen an Hinrichtungsszenen vorbei, die Leichen tragen noch Tüten über ihrem Kopf. Und dann treffen wir auf die ersten Kameraden von der 33. – doch die sind unsere Kameraden nicht mehr...

Wo links und rechts nur Sand zu sehen ist, war vor wenigen Monaten noch der größte Teil von Dubai-Stadt.

Apokalypse im Herzen
der Finsternis [Spoiler!]
 
In einer Art Tempel mitten in Dubai werden gefallene Soldaten geehrt – fragt sich nur, von wem und wofür.
Bald stellt sich heraus, dass Colonel John Konrad durchgedreht sein muss, und mit ihm sein Battalion: Wieso genau, das konnten wir nicht herausfinden, aber es ist anzunehmen, dass es die Machtlosigkeit im Angesicht der Katastrophe war, die ihn verändert hat. Man müsse den Einheimischen Disziplin beibringen, denn ohne Disziplin droht das Chaos – das ist so ungefähr der Gedankengang, der ihn zu bewegen scheint. Zu schreiben, dass Konrad und Schergen die katastrophenbedingte Disziplinlosigkeit in Dubai ein wenig überkompensieren, wäre krass untertrieben: Mit blanker Waffe und nacktem Horror scheinen sie sich ihr eigenes Märchenreich des Wahnsinns geschaffen zu haben. So erklärt sich dann wohl auch der Titel des Spiels: Er steht für die Linie, die manche nicht überschreiten, andere hingegen schon.
 
Bald finden wir das ehemalige Command Team des Colonels, also seinen Stab, das gegen ihn rebellierte, weil seine Methoden zu brutal wurden. Er hat sie bei lebendigem Leibe verbrennen lassen. Ein andermal kommen wir an eine frühere Autobahnbrücke, von der zwei Gefangene herabhängen. Per Funk heißt uns Konrad, einen davon auszuwählen: Der eine habe Wasser gestohlen (ein Einheimischer), der andere nicht gut genug Wache gehalten (ein Solda
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t der 33.). Wen bestrafen wir mit dem Tode? Als wir uns für den Soldaten entscheiden, lobt uns Konrad. Aber seine Sympathie währt nur sehr kurz...
 
Wenn ihr findet, dass sich das alles schwer nach Francis Ford Coppolas Antikriegsfilm Apocalypse Now anhört, liegt ihr komplett richtig: Wie in diesem filmgewordenen Abstieg aus dem Vietnamkrieg in den Wahnsinn geht es um eine einst vorbildliche Truppe, die zu einem wahnwitzigen Mordhaufen degeneriert ist. Und so wie Colonel Kurtz im Film wendet sich auch Colonel John Konrad mit Vorliebe via Funk an seine Mitlebewesen, um seine Erkenntnisse und Philosophien zu verkünden, quasi direkt aus seinem Herz der Finsternis. Apropos: Letzteres Buch war die Vorlage für Apokalypse Now, auch wenn es im Kongo spielt und Kurtz dort Elfenbeinhändler ist. Der weltberühmte Autor: Joseph Conrad. Und wie der Held im Film muss auch der Held im Spiel letztlich nur eine Aufgabe erfüllen: den verrückten Colonel Konrad ausschalten. Der sitzt im fiktiven Burj Aurora, dem höchsten Gebäude der Stadt, und so ist schon nach wenigen Spielstunden klar, wohin uns unser Weg letztlich führen wird.
In Spec Ops gibt es keine außerirdischen Monstren. Alles Grauen geht von Menschen aus, die zu Monstren wurden.
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