Vom Feldherrntisch in den Graben

Ruse Preview

Taktik, List und Hintertücke – das sind die Zutaten von Ubisofts neuem Echtzeit-Strategiespiel, das sich mit konventionellen Mitteln aber auch einigen großen Neuerungen bei Strategiefans bewirbt. Wir haben eine weit fortgeschrittene Version angetestet und teilweise unangenehme Erfahrungen mit der KI gemacht: Sie war stärker als wir…
Jörg Langer 10. August 2010 - 21:23 — vor 8 Jahren aktualisiert
PC 360 PS3
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von Peter Einberger


Update: Nach neuesten Informationen wird Ruse auf Steam setzen statt auf den "Immer online"-Kopierschutz der letzten PC-Titel.

Echtzeit-Strategie ist nicht mehr das gefeierte Genre, das es in der Hochzeit von Command&Conquer, Age of Empires und Warcraft einmal war – darüber kann auch der Ausnahmetitel Starcraft 2 nicht hinwegtäuschen. Und diese Aussage bezieht sich auf die Paradeplattform der RTS, den PC – auf Konsolen ist das Genre gar nicht erst richtig angekommen, bis heute nicht. Echtzeit-Strategie auf Konsole, das verbinden viele mit hakeliger Steuerung und geringem Anspruch. Mit Ruse will Ubisoft nun gleich zwei Dinge schaffen: Das etwas ausgelutschte Genre ein Stück weit erneuern – und endlich die Konsolen-User auf den RTS-Pfad führen.
Die Strategiekarte ist bei Ruse in einem Kommandobunker, auf einem Tisch ausgebreitet.

Ruse spielt im Zweiten Weltkrieg, will aber keine beinharte Militärsimulation sein. Vielmehr geht es um den ständigen Wechsel zwischen RTS-Scharmützeln auf der einen und dem Verschieben größerer Truppenverbände auf dem jeweiligen Kriegsschauplatz auf der anderen Seite. Vor allem aber müsst ihr versuchen, euren Gegenspieler auszutricksen. Denn auch darum ging es im Zweiten Weltkrieg, nicht nur um Waffentechnik und Materialschlachten. Beispiel Nordafrika: Da ließ der deutsche General Rommel schon mal seine eher kläglichen Panzertruppen zur Siegesparade zweimal hintereinander durch die gleiche Ortschaft rollen, um eine größere Streitmacht vorzutäuschen. Sein britischer Gegenspieler Montgomery machte es genau andersrum: Er tarnte seine Panzer gerne mit Zeltplanen und Latten als Jeeps und Lkw, um die deutsche Luftaufklärung zu täuschen. Beide historisch verbürgten „Finten“ lassen sich spielmechanisch auch in Ruse (Englisch für „Finte“ oder „List“) nachstellen.
 
1942 bis 1945

Nach einem Prolog, der euch in sechs Missionen die Bedienung und die Besonderheiten des Spiels erklärt, beginnt die eigentliche Handlung. Ruse spielt in den Jahren 1942 bis 1945 in Nordafrika und später Europa (Italien, Fankreich, Holland, Belgien und Deutschland). In der Kampagne übernehmt ihr die Rolle von Major Joseph Sheridan, der euch als Identifikationsfigur dienen soll und folglich in zahlreichen Cutscenes vorkommt. Man mag diese Sequenzen als pathetisch empfinden oder als spannend, wir finden sie für ein Strategiespiel gut gemacht, auch wenn sie keine Chance gegen die Zwischensequenzen (ingame oder gerendert) von Starcraft 2 haben.

Minimap unnötig: Der stufenlose Zoom lässt euch eine Einheit von nah (links) oder das große Ganze betrachten (rechts).

Der Clou von Ruse ist die Gleichzeitigkeit des „großen Bildes“ und dem Einzelgefecht zwischen einigen Panzern. Wie bei keinem anderen Strategiespiel vorher (nur Supreme Commander ging ein wenig in diese Richtung) seid ihr ständig damit beschäftigt, die Kamera raus oder näher dran zu fahren -- und habt Spaß dabei! In der fernsten Zoomstufe seht ihr den ganzen aktuellen Kriegssektor, mit einer Kantenlänge von geschätzt 10 Kilometern. Und zwar auf einer Landkarte, die auf einem Tisch liegt, von Offizieren umgeben, inklusive Geräusche aus dem Kommandostand. Eure Streitkräfte und die entdeckten des Gegners werden als Figuren gezeigt, unter denen sich mehrere Jetons auftürmen, also farbige Scheiben – ganz wie im Brettspiel Axis & Allies. Davon gibt es im weitesten Zoom-Modus nur einige Gruppen, da benachbarte Regimenter zusammen gefasst werden.

Eine klasse Idee: So sieht man sofort die ungefähre Kräfteverteilung auf dem gesamten Schlachtfeld und außerdem, wie groß ein Einheitenstapel ist, und kann dennoch die Truppentypen auseinanderhalten. Ihr könnt direkt in diesem Überblicksmodus Befehle erteilen, und so mit wenigen Mausklicks oder Gamepad-Aktionen euer halbes Heer verschieben. Oder ihr zoomt etwas näher heran – dann fächern die Einheitenstapel auf, und ihr erkennt, dass ein Teil eurer Hauptarmee bei der Stadt X steht, der andere Teil hingegen näher an Ortschaft Y. Ihr zoomt weiter, und nun wird die ungefähre Formation der Truppen deutlich, aber immer noch in der leicht abstrakten Sicht mit Jetons. Erst ab etwa dem letzten Drittel des Kamerazooms werden die „Brettspiel-Figuren“ in einzelne Panzer, Infanterietrupps et cetera aufgeteilt – die ihr dann auch einzeln anwählen und steuern könnt. So platziert ihr Hinterhalte am Waldesrand oder positioniert eure Haubitzen genau links und rechts von einer Ortsdurchfahrt. Feindliche Truppen seht ihr ebenso, beziehungsweise nur als verschieden große Scheiben, wenn der genaue Truppentyp nicht feststeht. Ein geniales System, wie wir finden!

Ab dieser Zoomstufe seht ihr einzelne Panzer; ihr könnt natürlich auch noch weiter heran mit der Kamera.

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