Das Spiel ohne Ball

Pro Evolution Soccer 2012 Preview

Jedes Jahr aufs Neue entbrennt ein Kampf zwischen Anhängern von Pro Evolution Soccer und Fans von EAs FIFA-Reihe: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste (Fußballsim) im ganzen Land? FIFA haben wir schon ausgiebig probegespielt, jetzt war PES dran. Ob es den starken Eindruck des EA-Boliden überbieten kann?
Benjamin Braun 3. August 2011 - 17:17 — vor 8 Jahren aktualisiert
PES 2012 ab 5,50 € bei Amazon.de kaufen.
Pro Evolution Soccer genoss zu Playstation-2-Zeiten den Ruf der besten Fußballsimulation. Und das vollkommen zu Recht! Als der Wechsel auf die nächste Konsolengeneration mit Xbox 360 und Playstation 3 anstand, verlor die Serie technisch und zunehmend auch spielerisch Boden auf den Konkurrenten aus dem Hause Electronic Arts – die FIFA-Serie. Die Konsequenzen, die Konami aus dieser Entwicklung zog, mündeten in teils sehr radikalen Änderungen, die einerseits Spielbarkeit und Dynamik erhöhen und andererseits den Simulationscharakter stärker unterstreichen sollten. Damit kehrte die Reihe im vergangenen Jahr wieder in die Spur zurück; Pro Evolution Soccer 2012 soll das Prinzip nun perfektionieren. Wie wir euch bereits vor einigen Wochen berichteten, dürfte Electronic Arts mit FIFA 12 dieses Jahr ein echtes Pfund vorlegen. Ob Konami eine passende Antwort parat hat, konnten wir nun im Selbstversuch in der Redaktion herausfinden.

König Fußball regiert die Welt
Die Torhüter in PES 2012 (hier Iker Casillas) verhalten sich taktisch sehr clever und sind nicht übermächtig wie in FIFA.
Wir starten ins Spiel und wählen als erstes ein Exhibition Match, in dem wir mit dem FC Barcelona gegen den AC Mailand antreten. Wir verzichten auf jegliche Spielhilfe, und dann heißt es auch schon: Anstoß! Wir spielen einen Pass auf Barcas Mittelfeld-Regisseur Xavi, der mit einem Affenzahn am Spanier vorbei in Richtung Seitenaus rollt. Sofort merken wir wieder: Seit dem vergangenen Jahr müssen die Pässe noch wesentlich genauer dosiert werden.

Nach dem Einwurf der Mailänder gehen wir sofort auf den ballführenden Spieler und setzen ihn unter Druck. Wir spitzeln ihm den Ball weg, geraten dabei aber selbst kurz ins Straucheln, und der Ball kullert zu Clarence Seedorf, dem Altmeister des AC. Die Mailänder stellen blitzschnell auf Offensive um und rücken mit allen Mannschaftsteilen in unsere Spielhälfte vor. Immer noch ist Seedorf im Ballbesitz, doch mit Gerard Piqué jagen wir ihm erfolgreich die Kugel ab. Im Mittelfeld steht Lionel Messi beinahe ungedeckt frei, also spielen wir ihm per scharf geschossenen Flachpass den Ball zu. Sofort stellt Mailand sein Spiel auf eine kompakte Defensivstellung um und stopft die durch den Angriff frei gewordenen Räume.

Wir sind aber schnell genug, können Mailands Nesta mit einer Körpertäuschung in die Irre führen und stürmen in Richtung gegnerisches Tor. Der Mittdreißiger Nesta hat Probleme, uns zu folgen, und so nähern wir uns unbedrängt dem gegnerischen Strafraum. AC-Torhüter Abbiati sieht seine einzige Chance darin, aus seinem Kasten herauszukommen. Wir überlegen kurz, ob wir ihn umspielen, entscheiden uns jedoch für einen gefühlvollen Lupfer. Obwohl der Ball in PES traditionell eher wie ein Stein in der Luft liegt, segelt er bei diesem Versuch einen halben Meter über die Latte. Sollten wir noch mal in eine ähnliche Situation kommen, halten wir die Schusstaste ein bisschen kürzer gedrückt...

Vom Stand- zum Tempofußball
Viele Akteure sind authentisch nachgebildet. Spieler wie Messi oder Robinho (oben) sind deutlich zu erkennen.
Konamis Fußballsimulation entwickelte sich auf der aktuellen Konsolengeneration zunehmend zu einem zähen, statischen Kicker. Dynamik kam im Spiel eher sporadisch auf, die Simulation war mit Pro Evolution Soccer 2010 aus Sicht vieler Spieler näher am Standfußball als am schwungvoll inszenierten Ballsport. Im vergangenen Jahr änderte sich das mit radikalen Änderungen beim Passsystem. Von da an forderte das Spiel ein wesentlich höheres Maß an Präzision bei der Richtungsangabe und der Stärke von Pässen und Schüssen. Das verlangte selbst von PES-Veteranen eine gewisse Eingewöhnungszeit, um nicht regelmäßig am Mitspieler vorbei oder direkt in die Abwehr des Gegners zu spielen. Daran hat sich mit dem neuesten Teil wenig verändert, die Entwickler setzen die Neuausrichtung vielmehr konsequent fort. Das gilt auch für die Dribblings, die nicht nur mit den Ballkünstlern aus Spanien sehr leicht gelingen und mit denen wir die Abwehr meist problemlos schwindelig spielen konnten.


Steuerung ohne Ball
Gänzlich neu ist das „Off the Ball“-System, das es in vergleichbarer Art vor einigen Jahren schon einmal in der FIFA-Reihe gegeben hat. Damit ist es zum Beispiel bei einem Eckstoß oder Freistoß möglich, mit dem rechten Stick einen anderen Spieler zu kontrollieren als m
Anzeige
it dem linken, und diesen in eine aussichtsreiche Position zu bringen. Das funktioniert natürlich auch im laufenden Spiel, sofern ihr auf manuelle Steuerung umstellt. Allerdings erfordert das dann, ähnlich wie das Passsystem, einige Übung.

Mit dem Off-the-Ball-System sind aber auch Finten möglich, um einen Abwehrspieler des Gegners in eine andere Richtung zu lenken. So schaffen wir etwa Räume im Strafraum, in den wir oder ein anderer Mitspieler hineinstoßen. Auch wer nicht auf Spielhilfen verzichten will, kann hin und wieder von den sogenannten „Dummy Runs“ profitieren. Die KI setzte dieses Mittel während unserer Spiele aber nur unmerklich ein. Verbesserungen gibt es beim Überlaufen von Gegnern, da unsere Mitspieler nun zielgenauer losstürmen, um einen Steilpass anzunehmen. Auch hier laufen Spieler mit manueller Steuerung auf lange Sicht besser, es dürfte sich also für die meisten von euch lohnen, etwas Zeit in das duale Steuern zu investieren. Bis auf das Off-the-Ball-System bleibt uns PES 2012 allerdings weitreichende neue Features schuldig. Dennoch kommt die deutlich sorgfältigere Umsetzung in diesem Jahr einem klaren Qualitätssprung gleich.
Das Off-the-Ball-Feature in PES 2012 (hier vom Hersteller grafisch hervorgehoben) erlaubt es, parallel die Kontrolle über einen zweiten Spieler zu übernehmen. Ihn schicken wir in Position oder lassen ihn eine Lücke in die Abwehr reißen.
Um über diesen Inhalt mitzudiskutieren (aktuell 22 Kommentare), benötigst du ein Fairness- oder Premium-Abo.