Stille Wasser sind irre

Harveys neue Augen Preview

Mit "Harveys neue Augen" arbeitet Daedalic nicht etwa an einem "Haben wir alles schon mal gesehen"-Neuaufguss des Hit-Vorgängers "Edna Bricht Aus", sondern hat einige Überraschungen sowie eine Wagenladung voll bitterbösem Humor und völlig irrer Ideen in petto. Davon konnten wir uns jüngst bei einem Vor-Ort-Besuch überzeugen.
Philipp Spilker 7. Mai 2011 - 14:41 — vor 8 Jahren aktualisiert
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"Harveys neue Augen wird noch viel abgefahrener als der Vorgänger" -- das sind die Worte, mit denen uns Edna-Schöpfer Jan Müller-Michaelis in Hamburg begrüßt. Was zunächst wie ein Versuch der Quadratur des Kreises klingt (denn schon Edna Bricht Aus würden wir auf einer Abgefahrenheitsskala sehr weit oben ansiedeln) könnte den Adventure-Experten von Daedalic auch tatsächlich gelingen. Warum das so ist, wollen wir euch in diesem Artikel verraten und euch dabei mitnehmen in eine Welt, in der Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg schon mal für Schatzkisten gehalten werden, in der ehemalige Bond-Bösewichte den Erzähler vertonen, in der lustige Zensurgnome alles Elend mit einem Strich ihres Pinsels vergessen machen. Und in der die Hauptperson, eine kreuzbrave Klosterschülerin, aus Versehen einen nicht geringen Teil ihrer Mitschülerschaft dezimiert.

Kann dieses unschuldige Klostermädchen namens Lilli auch nur einer Fliege etwas zuleide tun? Oh ja, sie kann!
Brave Lilli!Während ihr in Edna Bricht Aus noch mit der irren Edna aus einem Irrenhaus geflohen seid, schlüpft ihr in Harveys neue Augen, das zeitlich nach dem Vorgänger spielt, in die Haut der (nicht unbedingt minder irren) Klosterschülerin Lilli. Die ist so unfassbar brav, dass sie eigentlich alles mit sich machen lässt, wird deshalb von ihren Mitschülern regelmäßig gemobbt und von der Oberin ausgenutzt. Auftritt Edna: Sie ist die einzige Freundin, die Lilli im Alltag zur Seite steht. So auch im ersten Akt des Spiels. Lilli nämlich hat von der Oberin die Aufgabe bekommen, ein Beet im Garten des Klosters umzugraben und, wenn sie schon einmal dabei ist, auch den Schaukelbaum von Termitenbefall zu befreien. Das passt Edna gut, da sie genau in dem Beet, das Lilli umgraben soll, eine alte Schatzkiste vermutet. Und auch einen guten Rat hat sie noch für ihre Freundin parat: Die Termiten dürften sich ihrer Ansicht nach gut mit etwas Süßem anlocken lassen. Woher Edna das weiß? Na: Dreimal dürft ihr raten, wer die Termiten überhaupt erst zum Baum hin lockte.

Wir müssen uns nun also mit Lilli auf die Suche nach etwas Süßem und einer Schaufel machen. Und haben dabei eine im Gegensatz zum Vorgänger stark entschlackte Steuerung zur Verfügung. Vom vor Möglichkeiten nur so überbordenden Verben-Interface des Vorgängers haben sich die Entwickler getrennt, Komfort wird jetzt groß geschrieben in Lilli's Welt. Mit der rechten Maustaste schauen wir uns Gegenstände an, während wir sie mit der linken Maustaste auf verschiedene (vom Spiel jeweils vorgegebene) Art und Weise benutzen. Dadurch dürfte einer der größten Kritikpunkte des Vorgängers, nämlich das überbordende Interface, der Vergangenheit angehören. Und auch die Grafik, die im Vorgänger zwar ein bewusstes Stilmittel, aber nichtsdestotrotz völlig veraltet war, erstrahlt im Sequel in neuem Glanz. So werden nun unter anderem Widescreen-HD-Auflösungen unterstützt. Doch kein Grund zur Sorge für Fans des Vorgängers: Dem unverkennbaren Edna-Stil bleibt man treu. Und Jan Müller-Michaelis, der für Harveys neue Augen sämtliche Hintergründe im Alleingang gezeichnet hat, beteuert: "Wie ihr wahrscheinlich merkt, habe ich auch weiterhin kein Lineal benutzt."

Böse Lilli!
Der "einladende" Kohlekeller der Klosterschule.
Eine Schaufel vermutet Lilli im Keller des Klosters, doch die Tür dorthin ist abgeschlossen. Durch das Kellerfenster können wir nur nach einem alten Pinsel greifen, getreu dem althergebrachten Adventuremotto: "Wenn es nicht festgetackert ist, nimm es mit." Kurz darauf stoßen wir auf unseren Mitschüler Freeman, der sich an den Brunnen des Klosters lehnt. Am Boden des Brunnens vermutet er den Schlüssel zum Keller. Und obwohl er schon irgendwie ein Rebell ist, gesteht er uns, dass er nicht so recht den Mut aufbringen kann, hinein zu klettern. Darüber ist Lilli erleichtert, da es doch bestimmt sehr gefährlich sei dort unten. Und verboten sei es ja sowieso. Unter Zuhilfenahme des Dialogmenüs lassen wir Lilli das mehrmals ausdrücklich betonen. Da wir wissen, dass Verbotenes verlockend ist, kann Freeman nun eigentlich gar nicht mehr anders, als in den Brunnen zu steigen. Wir gehen weiter unseres Weges.

Kaum haben wir das getan, hören wir ein Platschen und einen Schrei. Lilli hingegen hört nur ein "seltsames Geräusch" und geht deswegen neugierig zum Brunnen zurück. Freeman ist nicht mehr da. Das wundert sie. Aber sie denkt nicht lange darüber nach, denn plötzlich fällt ihr Blick auf ein Bienennest, das direkt über dem Brunnen hängt. Bei dem Versuch, an den süßen Honig heranzukommen, fällt dieses aber leider vom Baum herab und mitten in den Brunnen hinein. Während wir nun Freeman verzweifelt schreien hören ("Ich habe eine Bienen-Allergie!"), kriegt Lilli das Ausmaß der von ihr verursachten Katastrophe erneut nicht so recht mit. Wir wollen euch den Ablauf des Rätsels nicht weiter spoilern, aber soviel sei verraten: Lilli schafft es schließlich, das Nest (und auch Freeman) wieder aus dem Brunnen heraus zu befördern, bestreicht den Pinsel mit Honig und schmiert diesen an die Komposttonne neben dem Schaukelbaum. Was sie nicht realisiert: Auf dem Weg sind ihr kleine Honigkleckse von ihrem Pinsel getropft. Und dementsprechend endet die Reise der Termiten nicht etwa beim Kompost, sondern erst beim Ursprung des Honigs. Beim Brunnen. Bei Freeman.

Die Bank neben dem Brunnen, auf der zuletzt der durchnässte und von Bienenstichen übersäte Free
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man saß, wird bei unserem nächsten Besuch von einem Gnom lila angemalt. Freeman ist nicht mehr zu sehen, nur ein seltsames, vor lauter lila Farbe kaum erkennbares Bündel, an dem Termiten nagen. Dass es sich dabei wohl um den Leichnam des Mitschülers handelt, ahnen nur wir. Lilli hingegen ist einfach nur über die Anwesenheit des Zensur-Gnoms erfreut. Sie sieht ihn nämlich öfters, wie er Sachen lila anmalt. Sachen, die Lilli sonst beunruhigen würden. Sie schnappt sich schließlich erleichtert den Kellerschlüssel, den Freeman aus dem tiefen Brunnen geborgen hat, holt sich aus dem Keller eine Schaufel und macht sich daran, mit Edna die Schatztruhe auszugraben -- die sich als Blindgänger aus dem zweiten Weltkrieg entpuppt. Das begreifen aber erneut nur wir. Und auch ihr dürftet inzwischen etwas begriffen haben. Nämlich, dass Harveys neue Augen den schwarzen Humor des Vorgängers nochmals um einiges übertrumpft. Daher glaubt Jan Müller-Michaelis auch nicht so recht, dass es, ähnlich wie der Vorgänger, skurrilerweise wieder zum besten Kinderspiel des Jahres gewählt werden wird. Und wenn doch? "Ich glaube echt, ich könnte den Preis nicht annehmen."

Harveys neue Augen ist mit skurillen Charakteren zum Bersten gefüllt. Hier unterhält sich Lilli mit dem Greis, der einfach irgendwann mal im Kloster vergessen wurde. Er behauptet, schon beim Bau der Gizeh-Pyramiden gelebt zu haben.
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