Retro auf der Xbox 360

Game Room Preview

Arcadespiele sind in Deutschland eine echte Rarität geworden. Nur noch ganz selten findet man einen Automaten eingestaubt in einer Kneipe. Microsoft versucht nun, alte Klassiker auf PC und Xbox neu aufleben zu lassen und damit Geld zu verdienen -- mit einem aus unserer Sicht durchwachsenen Konzept.
Vin 17. April 2010 - 23:56 — vor 9 Jahren aktualisiert
PC 360
von Nico Hertel

Auf der CES 2010 wurde eher unauffällig ein neues Feature für die Xbox 360 und überraschenderweise auch für Windows-PCs bekannt gegeben: Der Game Room. Knapp vier Monate später hat es die Software bereits auf den Marktplatz geschafft. Der Game Room ist eine Art Vermittlungsstelle für alte Spiele. Für sehr alte Spiele, genauer für Arcade-Automaten -- etwa dem Intellvision und dem Atari 2600 von 1977. Bisher werden 30 Arcade-Automaten unterstützt, Microsoft plant allerdings ein Archiv von über 1000 Retro-Spielen.
 
Game Room an sich ist dabei völlig kostenlos, auch die beiden ersten Spielepakete, die man kurz nach dem Start herunterlädt, kosten nichts. Trotzdem will Microsoft für die gut 30 Jahre alten Spiele noch Geld sehen und hat sich dafür ein recht eigenwilliges Bezahl-System ausgedacht. Eine erste Runde ist immer frei, allerdings nur bis zu einem Maximum von 10 Minuten. Danach müsst ihr bezahlen: Entweder, ihr kauft euch das Spiel für die Xbox 360, das kostet 240 MS Points (ca. 3 Euro) -- oder ihr wollt es auch auf eurem heimischen PC haben, was mit 400 MS Points gleich 2 Euro mehr kostet. Ihr könnt das Spiel aber auch für 40 MS Points für eine Partie ausleihen, was etwa 50 Eurocent entspricht -- ab der siebten Partie ist diese Möglichkeit aber teurer.

Täusch-Trailer und alter Charme
Die Spiele wurden grafisch nicht verändert (Hier im Bild: Shao-lin's Road)

Schon kurz nach dem Start erhalten wir unser erstes Achievment – auch wenn Game Room nichts kostet, enthält es trotzdem 56 Erfolge mit insgesamt 1000 Gamerscore-Punkten. Obwohl die Spielhölle komplett in 3D designt wurde, bewegen wir uns wie in einem Menü auf festen Wegen durch das Programm. In den ersten Trailern sah es noch so aus, als ob ihr mit eurem Avatar herum spazieren und vor den jeweiligen Automaten Halt machen könnt. Wer also ein zweites Home à la PS3 erwartet, mag etwas enttäuscht sein. Aufgrund der Zugänglichkeit und einfachen Bedienung gefällt uns das gewählte System aber besser als bei der PS3.

Die Spiele findet ihr in nach Themen geordneten Hallen. Dabei sind die grafischen Restaurationen sehr gut gelungen. Die Spiele haben wenig von ihrem damaligen Charme verloren, auch wenn sie sich nicht mehr mit heutigen Titeln messen können. Um sich den Flair der alten Flimmerkisten weiter anzunähern hat Microsoft extra Filter eingebaut. So könnt ihr Bildstörungen simulieren und sogar an das gelegentliche Knacksen in den Boxen wurde gedacht.  Wer die Spiele nicht auf Anhieb versteht – die meisten sollten allerding selbsterklärend sein – kann in den Handbüchern nachlesen.

Die Spielauswahl zieht sich momentan durch alle gängigen Genre-Lager, hauptsächlich sind allerdings Action- und Sportspiele sowie Shooter vorhanden. Dabei sind einige alten Klassiker wie Asteroids Deluxe aber auch einige weniger bekannte Titel mit dabei. Die Auswahl wirkt zwar etwas seltsam, dennoch ist für jeden die ein oder andere Perle wieder mit dabei. Die Spiele wurden allesamt sehr stimmig nachgebaut, sogar die Automaten ähneln den original Modellen. Auch könnt ihr zu jedem Titel eine Historie durchlesen und so mehr über die Hintergründe erfahren. Diese sind zwar recht kurz gehalten, bieten aber nützliche Infos über Technik und Entwickler der Spiele.

Das Zeit-Paradoxon
Auch wenn es in den Trailern so ausschaut: Ihr lauft nicht mit eurem Avatar durch die Halle.

Als kleines Gimmik bietet Game Room etwas, wovon in den 80ern wohl viele männliche Jugendliche geträumt haben: eine ganz private Spielhalle. Habt ihr einen Automaten gekauft, könnt ihr nicht nur damit spielen, ihr könnt ihn auch in eurem Heiligtum platzieren. Daneben könnt ihr die Räume  -- jeder davon hat acht Slots -- auch mit Deko-Elementen wie einem Atari-Schaukasten oder einem Flower-Power-Auto schmücken. Passend dazu dürft ihr das allgemeine Setting des Raums bestimmen. Das Ganze hat zwar keinen spielerischen Sinn, dafür wirken die 16 Räume etwas individueller. Denn euer Game Room ist, ähnlich wie euer Zuhause in PlayStation Home, für eure Freunde zugänglich. Diese können dann an euren Automaten spielen, zahlen allerdings denselben Preis. Zumindest ein weiteres Demospiel hätte dem Ganzen etwas Nutzwert verliehen. So dürften die privaten Spielhallen niemanden interessieren.

Wie es sich für Arcade-Spiele gehört, hat jeder Titel seine eigene Highscore-Liste -- und die ganze Game-Room-spielende Welt ist euer Gegner. Als kleine Hilfe könnt ihr euch jedes Replay von anderen Spielern anschauen und analysieren. Das hilft nicht nur Profis, auch Einsteiger können so bestimmte Bosskämpfe erlernen. Um die Titel noch weiter an den Massenmarkt anzupassen, wurde eine Rückspul-Funktion integriert. Ähnlich wie in Prince of Persia oder Braid könnt ihr bis zu 30 Sekunden in die Vergangenheit zappen und so Gegnerwellen besser bekämpfen. Zwar sinkt dadurch die Herausforderung (je nach Spiel sogar gewaltig) nach ein paar Runden will man die Funktion aber nicht mehr missen.

Die Automaten wurden sehr aufwändig gestaltet und sind den Originalen nachempfunden.
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