Alles Müll oder was?

Deponia Preview

Das Adventure-Jahr 2012 beginnt schon früh im Januar mit Jan Müller-Michaelis' Deponia. Daedalic will sich nach eigener Aussage im Abenteuer auf dem Müllplaneten wieder so richtig austoben, vernachlässigt bei aller Verrücktheit von Spielwelt und Charakteren aber keinesfalls den Tiefgang. Beginnt 2012 gleich mit einem Adventure-Hit?
Benjamin Braun 13. Dezember 2011 - 22:15 — vor 7 Jahren aktualisiert
Deponia ab 19,99 € bei Green Man Gaming kaufen.
Deponia ab 14,50 € bei Amazon.de kaufen.
Alle Screenshots im Artikel haben wir selbst erstellt.

Im Januar feiert die Spieleschmiede Daedalic ihren fünften Geburtstag. Auch wenn diese Zeitspanne im ersten Moment nicht allzu lang erscheinen mag, so muss sie bei der Schnellebigkeit in der Spieleindustrie doch als Erfolg des jungen Hamburger Unternehmens gewertet werden. Zumal Daedalic es nicht zufällig geschafft hat, sich in der Branche zu halten, sondern sich in den vergangenen Jahren mit hochwertigen Spielen vor allem aus dem Adventure-Bereich als Entwickler und Publisher einen Namen machte.

Mit Spielen wie The Whispered World oder Harveys neue Augen ist Daedalic zumindest aus der deutschen Adventure-Szene kaum mehr wegzudenken, und auch international finden ihre Spiele zunehmend Anklang. Zum kleinen Jubiläum im Januar steht nun die Veröffentlichung des neuen Abenteuers von Harvey-Erfinder und Daedalic-Kreativchef Jan Müller-Michaelis in den Startlöchern. Darin schickt er uns  mit Charakter Rufus auf den Müllplaneten Deponia. Wie alle bisher von Daedalic selbst entwickelten Adventures ist auch das Abenteuer in den Müllbergen komplett in 2D. Inhaltlich geht es nicht ganz so ernst zu wie im Öko-Thriller A New Beginning oder so schwarzhumorig wie beim letzten Auftritt des blauen Stoffhasens Harvey. Deponia gibt sich deutlich humorvoller zwischen Spitzzüngigkeit und Slapstick, spart aber nicht an ernsten Untertönen. Um was es im Spiel geht und wie hoch es die Latte für die Adventure-Spiele des Jahres 2012 legen könnte, haben wir anhand einer Preview-Version ausführlich angetestet.

Rufus träumt von einem Leben in der der Wolkenstadt Elysium, um endlich dem tristen Dasein auf dem Müllplaneten Deponia zu entfliehen.
Ich sehe Dreck! Rufus betrachtet durch ein Fernrohr seine Heimatstadt Kuvaq auf dem Planeten Deponia – und ihm gefällt gar nicht, was er da sieht: Egal wohin er seinen Blick richtet, überall türmen sich Berge von Metallschrott und anderem Müll auf. Selbst seine Kleidung ist nicht mehr taufrisch: ein alter Mantel, eine irgendwann aufgeklaubte Fliegermütze und (natürlich) eine Müllweste. Auch seine Wohnung besteht überwiegend aus Dingen, die die Reichen aus der Wolkenstadt Elysium heruntergeworfen haben. Es stinkt fürchterlich, das Wasser aus der Leitung scheint nicht unbedingt der Gesundheit zuträglich zu sein. Doch Rufus sieht einen Ausweg aus dem Elend und schmiedet trotz der Fehlschläge in der Vergangenheit erneut einen Fluchtplan. Er glaubt, zu Höherem geboren zu sein und träumt von einem Leben im privilegierten Elysium, um endlich nicht mehr arbeiten zu müssen.

Obwohl, Arbeit ist für Rufus eigentlich schon jetzt ein Fremdwort. Er ist sogar so faul, dass er selbst dem Dude aus The Big Lebowski mühelos Konkurrenz machte. Da wundert es nicht, dass er den Löwenanteil der Vorbereitungen an seinen Nachbarn Wenzel abtritt. Sonderlich gute Freunde macht sich Rufus damit in Kuvaq zwar nicht, doch auch mit seiner schroffen Art ist der Egozentriker den meisten nicht unsympathisch. Selbst seine zynische Ex-Freundin Toni kann sich nicht so recht von ihm trennen. Immer noch lässt sie ihn bei sich wohnen und die Vorräte aus dem Kühlschrank wegfuttern. Es scheint so, als wenn es auch ewig so für den Taugenichts weitergehen könnte. Mit seinem neuen Fluchtversuch ändert sich alles – wenn auch nicht so, wie Rufus gehofft hatte.

Am Ende landet Rufus im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden der Tatsachen und stürzt auf den Ort nieder, den er eigentlich verlassen wollte – und die schöne Unbekannte gleich mit ihm. Nach seinem fast schon selbstlosen Einsatz würde er der Dame, die den Namen Goal trägt, vielleicht sogar seine Gefühle gestehen, wäre sie nicht seit dem Sturz bewusstlos. Schon bald stellt sich heraus, dass Goal nicht irgendein Mädchen ist. Sie ist die Frau des Herrschers von Elysium und Rufus weiß, dass sie seine Fahrkarte ins gelobte Land sein könnte. Nun stellen sich nur zwei Fragen: Nutzt Rufus sie zu seinem eigenen Vorteil aus, wie alle es von ihm erwarten, oder sind seine Gefühle stärker? Und weshalb sieht der Herrscher der Wolkenstadt Rufus eigentlich so ähnlich...
Deponia bietet eine ganze Reihe an Spezialanimationen, wie etwa beim Sturz vom mechanischen Stier.

Verrückt und mit Tiefgang Daedalic hat wieder viel Wert auf die Ausarbeitung von Story (-twists) und Charakteren gelegt. Im Mittelpunkt aber stehen schräge Begegnungen und pointierte Dialoge. Viele Details wie die Hüte der Wartenden im Rathaus sind nicht nur witzig, sondern haben darüber hinaus auch noch spielerische Relevanz. Jeder Charakter zeigt zudem ganz eigene Wesenszüge. Ex-Freundin Toni etwa versteckt die Zuneigung, die sie für Rufus trotz allem hegt, hinter bissigen Bemerkungen und fährt gerne an die Decke, wenn der Bengel sich mal wieder daneben benimmt. Daedalic nutzt gerade Rufus' krudes Naturell immer wieder für witzige Gespräche und Kommentare. So versucht Rufus, einen versiegelten Kasten von Charakter Gizmo zu öffnen und kommentiert den erfolglosen Versuch mit den Worten "Mist. Abgeschlossen. Immer dieses Misstrauen."

Und damit wisst ihr auch schon, mit wem ihr es im Spiel zu tun bekommt und gleichzeitig, weshalb der selbstgerechte Kerl trotzdem über einen hohen Sympathiewert verfügt. Und der ist auch den Sprechern zu verdanken. Rufus wird von einem sehr gut aufgelegten Monty Arnold vertont, der manchen noch als Stand-Up-Comedian und Adventure-Freunden nicht zuletzt als Sprecher der Hauptfigur in Tony Tough and the Night of Roasted Moths bekannt sein dürfte. Und auch die übrigen Sprecher hinterlassen bereits einen sehr guten Eindruck. Manchmal wird es humortechnisch auch richtig bescheuert. Ein Beispiel folgt...

Anzeige

Rufus muss unbedingt mit dem Bürgermeister sprechen, aber Empfangsdame Lotti lässt ihn nicht vor. Die "Dame" ist übrigens zwei Meter groß, geschätzte zwei Zentner schwer und hat einen Adamsapfel. Wohl als kleiner Seitenhieb auf die niedrige USK-Einstufung von Edna bricht aus hat ein mechanischer Stier eine Freigabe ab 6 Jahren und ist damit einfach nur "langweilig", wie Rufus bemerkt. Sobald Rufus ihn in Rage versetzt hat, bemerkt er "Freigegeben ab 18. Der Blut-Modus." Und auch an Slapstickeinlagen spart Deponia nicht. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber die Szene nach dem missglückten Fluchtversuch ist nicht nur sehr unterhaltsam geschnitten und passend vertont, sondern erinnert optisch stark an Limbo – oder auch an die Introsequenz von Day of the Tentacle. Von diesen Videosequenzen gibt es übrigens einige im Spiel, sie sind deutlich hochwertiger als noch bei The Whsipered World. Das mag daran liegen, dass Daedalic die Videos diesmal intern selbst erstellt und nicht an einen externen Dienstleister abgetreten hat. Deshalb liegen die Videos auch stilistisch deutlich näher an der Spielgrafik als früher.
before
after
... schaltet er sein Büro einfach zwischen den drei Versionen um.

Kommentare nicht sichtbar (19)