Action-Thriller mit Geist

Beyond – Two Souls Preview

Was wäre, wenn wir wüssten, was nach dem Tod kommt? Würden wir frohlocken? Oder verzweifeln? Solche Gedanken muss sich Ellen Page in der Rolle von Jodie Holmes nicht machen: Sie ist seit früher Kindheit anders, kann mit "der anderen Seite" kommunizieren. Wir erleben mit, wie Jodie aufwächst, aneckt, bald gejagt wird. Und leiden mit.
Benjamin Braun 7. Juni 2012 - 1:07 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Die Spiele von David Cage sind nicht unumstritten. Die einen halten sie für Filme zum Mitspielen im schlechten Sinn, weil sich das Mittun des Spielers oft auf ein Minimum beschränkt. Für viele andere sind sie Filme zum Mitspielen im guten Sinn: Titel wie Fahrenheit oder Heavy Rain (GG-Test: 9.0) gelten ihnen als moderne Meisterwerke, die den Spieler mit ihrer oft beklemmenden Atmosphäre und ihrer tiefgründigen Charakterzeichnung so intensiv in die Spielwelt ziehen, wie es nur gute Filme können und nur die allerbesten Spiele. Emotionen will Cage transportieren, und auf der E3 hat er sein neuestes Werk erstmals vorgestellt: den PS3-Exklusivtitel Beyond, Untertitel Two Souls. Wir haben das Spiel über Geister, Nahtod-Erfahrungen und anderes Übernatürliches bei Quantic Dream ausführlich erleben können, Mastermind David Cage höchstpersönlich stellte uns sein Spiel vor. Ob uns ein Meilenstein erwartet oder doch nur "ein einziges langes, schön verpacktes Quick-Time-Event", wollen wir euch im Folgenden verraten.

Auf der Flucht
Szenen einer Flucht: Jodie erwacht im Zug, kämpft bald auf den Waggondächern gegen Polizisten, springt todesmutig hinab, flieht durch den Wald und trifft auf Kampfhunde.
Jodie Holmes schläft friedlich auf einem Doppelsitz in einem Zug. Sie ist geschafft von der langen Flucht vor der Polizei und hat seit Tagen kaum ein Auge zugetan. Warum die Cops nach der jungen Frau suchen, erfahren wir in dieser Szene nicht. Wohl aber, dass sie mit großem Material- und Menscheneinsatz versuchen, unsere Heldin ausfindig zu machen. Der Platz neben Jodie ist leer, aber sie ist nicht allein. Immer in ihrer Nähe ist Aidan, ein Geist, der aus irgendeinem Grund an Jodie gebunden ist. Nie hören wir, was Aidan von sich gibt. Aber wir sehen, wie Jodie auf ihn reagiert, hören, wie sie mit ihm spricht. Zum Beispiel jetzt im Moment: Sie beschwert sich, dass er sie geweckt hat.

Draußen prasselt der Regen unaufhörlich auf den Stahlkoloss, der plötzlich die Fahrt verringert: Die Polizei hat die Strecke gesperrt und will den Zug nach der Flüchtigen durchsuchen. Gerade noch so bekommt Aidan Jodie wach, damit sie erneut fliehen kann. Durch eine Dachluke steigt sie aufs Dach des Zuges, der sich wieder in Bewegung setzt. Fast wie einem Nathan Drake in Uncharted 2 folgen ihr die Gesetzeshüter auf die Waggondächer und versuchen sie mit allen Mitteln festzuhalten. Ein wüstes Handgemenge folgt, in der sich das Mädchen dem guten halben Dutzend Angreifern erfolgreich erwehrt. Ein gewagter Sprung vom fahrenden Zug in ein Waldstück neben der Strecke verspricht Rettung. Doch die nächtliche Flucht durch den nasskalten Wald ist noch lange nicht das Ende von Jodies Flucht.

Viel Action, viel TiefgangDavid Cage blickt vom Bildschirm weg zu uns und betont, dass Quantic Dream sich absichtlich für dieses actionlastige Kapitel entschieden hat, um Beyond erstmals ausgewählten Journalisten vorzustellen. Es sei aber nur ein kleiner Teil dessen, was Beyond dem Spieler zu bieten habe. Schließlich soll es (in einzelnen Episoden) nicht weniger als das ganze bisherige Leben von Jodie Holmes nachspielbar machen, vom jungen Mädchen bis zur erwachsenen Frau. 15 Jahre sollen dabei im Spiel vergehen, und das verschreckte Mädchen, gerade erst im Teenager-Alter, wandelt sich im Laufe der Zeit zur getriebenen, aber auch machtbewussten Frau. Dieser Umstand dürfte noch mehr Spielraum für die Charakterentwicklung zulassen, auf die Cage seit jeher großen Wert legt. Vor allem dürfte es ihm darum gehen, dass der Spieler in dieser großen Zeitspanne durch seine Entscheidungen einen wesentlich größeren Einfluss darauf hat, wie sich das Naturell von Jodie im Laufe der Geschichte verändert. Letzteres ist zum jetzigen Zeitpunkt Spekulation, aber irgendetwas sagt uns, dass Beyond ein längeres Spiel werden könnte als das (ohne erzwungenes oder freiwilliges Neuspielen von Kapiteln einzuberechnen) nur etwa sechs bis acht Stunden dauernde Heavy Rain.

Auch wenn der Probe-Level nur einen kleinen Teil des Spiels darstellen soll: Im gut 40minütigen Kapitel steht nicht nur die Action im Fokus. Es gibt auch kurze leise Passagen und solche, in denen wir die Angst von Jodie miterleben. Da ist die Flucht durch den Wald, auf der die Jodie schließlich von Hunden verfolgt wird, während treibende Musik die Dramatik auf die Spitze treibt. Ja, dabei geht es zweifellos um den Effekt, aber eben nicht um Effekthascherei. Zumal es nicht nur ums Zuschauen geht, wir müssen die richtigen Aktionen schnell ausführen. Wer jetzt "Heavy Rain" und "QTE" in schneller Abfolge rufen möchte, möge noch kurz warten: Diese (und laut David Cage auch die meisten anderen Sequenzen dieser Art im Spiel) laufen nicht mehr wie in Heavy Rain quasi auf Schienen ab, während wir abwechselnd Tasten auf dem Controller drücken müssen.

Stattdessen bestimmt der Spieler den Laufweg von Jodie, zwischen Baumstämmen hindurch und an großen Felsen vorbei, ganz wie in einem "normalen" Action-Adventure. Die Gesten und Quick Time Events sind zwar weiterhin sehr zentral, aber eben nur noch ein Teil der Spielmechanik.

Inwieweit sich dadurch das ganze Spiel tatsächlich anders anfühlen wird, wissen wir auch nach der doch sehr langen ersten Begegnung mit Beyond nicht. Ebensowenig wie wir die Konsequenzen einschätzen können, die ein anderer Laufweg hat – gelangen wir so zu unterschiedlichen Folgeereignissen, oder werden wir an "Chokepoints" doch wieder "eingefangen", um den nächsten QTE zu triggern? Selber spielen durften wir diese Sequenz nicht, doch zu unserer Genugtuung versagte Guillaume Fondaumière, der zweite Mann bei Quantic Dream, beim Kampf mit den Hunden. Aidan schlug sie dann allerdings automatisch in die Flucht.
Lebensechte FigurenSchon Heavy Rain bot eine sehr gute Grafik und überwiegend hervorragende Animationen. Mit Beyond setzt Quantic Dream aber eindeutig noch einen drauf. Insbesondere die Gesichtsanimationen sind referenzverdächtig und stellen selbst das in dieser Hinsicht herausragende L.A. Noire in den Schatten. Selbst feinste Details, die über die Stimmung des Charakters Aufschluss geben, können wir von den computergenerierten Antlitzen ablesen. Dass das so gut funktioniert hat, hat David Cage aber sicherlich auch den Schauspielern zu verdanken, deren Bewegungen und Mimik digitalisiert wurde. Sie waren schon in Heavy Rain sehr gut ausgewählt, diesmal hat Sony aber die Portokasse ganz weit aufgema
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cht: Jodie wird von der bekannten Hollywood-Schauspielerin Ellen Page (Juno, Inception) gespielt, und das tut dem Ergebnis sichtlich gut.

Insbesondere bei der Qualität von Texturen und sonstigen Charakteranimationen hat Beyond deutlich mehr drauf als das letzte Quantic-Dream-Spiel. Und das sogar bei dessen namensgebender Paradedisziplin: Der regennasse Asphalt in Beyond reflektiert realistisch das Licht. Überhaupt liegen die Grafikeffekte qualitativ auf sehr hohem Niveau. Besonders stark fällt uns der Fortschritt bei den Animationen auf. Wenn sich Jodie auf der Flucht durch den Wald ängstlich umdreht, bewegt sie dabei hektisch die Arme. Sie verlagert realistisch ihr Gewicht nach vorn, als sie einen kleinen Hügel hinaufläuft. Bei alledem sehen wir keine nennenswerten "Ruckler" beim Übergang zwischen den Bewegungen. 20 unterschiedliche Animationstypen sollen bei der Körperhaltung in jeder Szene im Hintergrund laufen, die mithilfe eines Tools flüssig „ineinandergestreamt“ werden. Wie auch immer es genau funktioniert: Egal ob Jodie kriecht, läuft oder ganz normal geht, es sieht bereits jetzt fantastisch aus!
Noch verschont Jodie Holmes ihre Feinde, wenn sie am Boden liegen. Doch sie droht: "Das nächste Mal... töte ich euch alle!"
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