Das Kriegsbeil ausgegraben

Assassin's Creed 3 Preview

Neues Zeitalter, neuer Kontinent, neue Umgebungen und vor allem ein neuer Hauptcharakter. Mit Assassin’s Creed 3 will Ubisoft versuchen, der zunehmend angestaubt und innovationsarm wirkenden Erfolgsreihe wieder neues Leben einzuhauchen. Wir haben stundenlang gespielt und die Behauptung "kompletter Neuanfang" überprüft.
Alex Hassel 24. September 2012 - 18:00 — vor 7 Jahren aktualisiert
Assassin's Creed 3 ab 9,99 € bei Green Man Gaming kaufen.
Assassin's Creed 3 ab 10,80 € bei Amazon.de kaufen.
Wenn Personen aus der Spieleindustrie vor Journalisten sprechen, dann sind sie in den allerwenigsten Fällen unvorbereitet, sondern bereits vorab von der PR-Abteilung minutiös darauf gedrillt worden, welche Informationshappen an welcher Stelle erwähnt werden dürfen und welche grausamen Konsequenzen ein zu früh veröffentlichter Screenshot haben könnte. Am wichtigsten ist aber, dass sie ihr PR-Sprech gut beherrschen, also mitunter auch unbequeme Tatsachen in möglichst diplomatische Floskeln verpacken können.

So kann man die Aussage von Steven Masters, Lead Designer von Assassin’s Creed 3, „man habe nichts mit Revelations am Hut, aber wir sind eine große Familie bei Ubisoft und jeder beobachtet den anderen“ auch folgendermaßen interpretieren: „Dieses Kuddelmuddel hatten wir nicht zu verantworten!“. Und wenn Masters sagt, „Bombenbasteln war ein Feature, was einige mochten und viele andere nicht“, dann ist das vielleicht die höfliche PR-Formulierung für „Bombenbasteln war ein großer Reinfall, der keinen einzigen Spieler interessierte“. So weit die Distanzierung zu Revelations (GG-Test: 8.5), das kein schlechtes Spiel war, aber mehr als nur deutlich zeigte, dass sich auf der erfolgsbewährten Assassinenformel mächtig Patina angesetzt hatte. Lassen wir also einmal die PR-Abteilung außen vor und machen uns selber einen Eindruck davon, was uns im neuesten Spiel erwartet. Dazu reisen wir zunächst nach Düsseldorf zu Ubisoft und kurz darauf ins Jahr 1773...

Willkommen in der neuen Welt Im 18. Jahrhundert begeben wir uns auf den nordamerikanischen Kontinent. Unser erster Eindruck: Alles so schön grün hier! Vorbei die Zeiten, in denen gelb-braune Wüstentöne die Farbpalette eines Assassin’s Creed dominierten, die Spielwelt an der amerikanischen Ostküste erinnert mehr an europäische Wälder als an Jerusalemer Vororte oder Konstantinopel. Diese Welt ist die Heimat von Connor Kenway, einem Halbindianer, der die großen Fußstapfen von Altair und Ezio füllen soll. Auch er ist wieder ein direkter Vorfahre von Desmond Miles, auch er wird daher wieder im Animus-Gerät von uns „gesteuert“.

Und natürlich wird auch Connor im Laufe des Spiels ein Mitglied der Assassinen und begibt sich auf Templerjagd. Historisch verstrickt sich die ganze Handlung geschickt in den Vorabend der amerikanischen Revolution. Im Jahr 1773 sind die Kolonisten der englischen Kolonien in der Neuen Welt zunehmend frustriert mit der Behandlung durch ihre Regierung in Übersee. Das Prinzip des Merkantilismus degradierte die Kolonien im Wesentlichen zu Rohstofflieferanten für die Heimatländer, echtes Mitspracherecht oder Mitbestimmung waren Fehlanzeige. „Keine Besteuerung ohne Repräsentation“ wurde zum Slogan der Kolonisten, sie richteten sich gegen eine ganze Reihe von Gesetzen und Steuern, die berühmteste davon die Teesteuer. Die originale "Boston Tea Party" war denn auch kein Club besonders strammer Republikaner, vielmehr kippten eines Tages Bostoner "Aufrührer" den gesamten am Hafen lagernden, für England bestimmten Tee ins Wasser.

"Rotröcke" war ein Name für britische Soldaten. Der Name leitet sich von den charakteristischen Uniformen ab.
Den Entwicklern ist es wichtig, dass Connor als Halb-Brite und Halb-Indianer eine neutrale Position in diesem Konflikt einnimmt. Für ihn seien die Templer die Feinde, egal ob diese britische Uniformen oder Gewänder amerikanischer Söldner tragen. Solche Äußerungen hörte man in letzter Zeit öfters, offensichtlich, um dem Eindruck der bisherigen Trailer und Präsentationen entgegenzusteuern: Dort wurden mit Vorliebe britische Soldaten massakriert. Gerade die PR-Abteilung im für Ubisoft vermutlich zweitwichtigsten Absatzmarkt Großbritannien dürfte daher wohl Alarm geschlagen haben und das eher schwülstige „Pro Freiheit“ als Connors Motivation durchgedrückt haben.

Wenn Connor nicht gerade politisch-korrekt gegen die Templer kämpft, tritt er für die Interessen seines Mohawk-Stammes ein. Der kämpft nicht gegen britische Steuern, sondern gegen skrupellose Geschäftsleute, die das Heimatland der Ureinwohner durch zwielichtige Verträge an sich reißen wollen. Somit bietet AC3 seiner neuen Hauptfigur reichlich Betätigungsfelder in gleich mehreren Konflikten, welche überdies – auch nach kurzer Spielzeit – wesentlich leichter nachvollziehbar sind als noch in Revelations. Dort verlor man schnell den Überblick, welche Gruppe sich gerade mit wem im Dissens befand.

Ein Assassine als Waldläufer Im Unterschied zum ersten Assassin‘s Creed oder Brotherhood ist der Wald in Assassin's Creed 3 nicht einfach nur eine wenig bevölkerte Landschaft außerhalb der großen Städte, die primär dazu dient, Federn und sonstige Sammelstücke möglichst versteckt zu platzieren. Der Wald lebt und beherbergt neben allerlei Nützlichem auch so manche Gefahr. So wurde die Tierwelt in AC3 erheblich aufgestockt. Kaninchen, Rehe und Hirsche hoppeln oder rennen durch die virtuellen Landschaften und sind nicht nur Dekoration, sondern auch Bestandteil des neuen Jagdsystems: Wir können, auch in der Anspiel-Session, jedes dieser Tiere jagen und erlegen. Während Kaninchen einfache Beute sind, muss man beim Anpirschen an ein Reh wesentlich behutsamer vorgehen, um es nicht zu verscheuchen. Wölfe hingegen greifen euch an, und dies naturgemäß im Rudel. Schnelle Reaktionen sind nötig, sollte einer der Vierbeiner zum Angriff übergehen (eine kurze Quicktime-Sequenz rettet dann euer Leben und beendet das des Wolfs). Um besonders seltene Tiere zu jagen, bedarf Connor besserer Waffen und Köder, die ihr im Laufe des Spiels erhaltet. Habt ihr ein Tier erlegt, wird es gehäutet – anders als bei Red Dead Redemption dürft ihr diese Animation aber überspringen.

Eine der meistgestellten Fragen bei der Vorstellung von AC3 war: Wie verträgt sich der Wald mit der Klettermechanik? Unser Eindruck: erstaunlich gut! Zunächst gilt die Einschränkung, dass ihr mit Connor nicht einfach auf jeden Baum klettern könnt, der im Wald gewachsen ist. Nur die Exemplare mit besonders vielen abgebrochenen Ästen eignen sich für weitere sportliche Aktionen, andere Bäume dienen nur zur Deckung. Habt ihr den richtigen Baum gefunden, werdet ihr schnell merken, dass dieser stets Teil eines größeren Parcours ist. „Zufällig“ stehen andere Bäume dieser Gattung in einer Linie und deren Äste laden dazu ein, halsbrecherisch an ihnen entlang zu hangeln. Verzeiht man diese kleine Design-Schummelei, erlebt man ein sehr elegantes und flüssiges Klettern. Connor gleitet butterweich animiert über Äste, springt durch Baumgabeln und läuft abgebrochene Baumstämmen entlang. Das sieht nicht nur gut aus, sondern ermöglicht auch ein rasches Zurücklegen von längeren Distanzen, was auf dem Waldboden selbst mit Pferd kaum möglich wäre. Eine kleine Revolution verbirgt sich hinter der neuen Steuerung: Erstmals in der Serie müsst ihr nun nicht mehr mit gedrücktem A bzw. X-Knopf klettern, die Sprinttaste reicht und Connor übernimmt den Rest. Das ist in den ersten Minuten ungewohnt, lässt aber euren rechten Daumen frei – wodurch ihr zum Beispiel die Kamera bei den waghalsigen Kletteraktionen drehen könnt.

Komplexes Siedlungs- und Handelssystem Der Wald beherbergt auch euren Rückzugspunkt, in AC3 Siedlung genannt. Diese besteht zu Beginn aus nicht viel mehr als ein paar Zelten, entwickelt sich aber im Laufe des Spiels zu einer stattlichen Villa mit zahlreichen Nebengebäuden samt Bewohnern weiter. Die Entwicklung treibt ihr zum einen durch die Story-Missionen weiter voran, zum anderen durch das Anwerben neuer Siedler. So stießen wir bei unserem rund dreistündigem Lustwandeln durch die virtuellen Wälder auf eine Jägerin, die von Wilderern überfallen worden war. Nachdem wir sie ärztlich versorgt und die Schurken in die ewigen Jagdgründe geschickt hatten, schloss sich die Dame unserer Siedlung an. Fortan bezog sie eine kleine Hütte und handelte mit Leder oder anderen Beutestücken.

Hier greift das neue Handelssystem: Anstatt wie bisher einfach nur „fertige“ Händler zu kaufen, ab und zu aufzuwerten und regelmäßig die Gewinne einzustreichen, verlangt AC3 wesentlich mehr Einarbeitung, möchte man eine florierende Wirtschaft errichten. Angeworbene Händler und Handwerker produzieren Güter, die man verkaufen oder weiterverarbeiten kann. Ein Bei
Anzeige
spiel: Möchten wir Bier an einen Händler weiterverkaufen, benötigen wir erst Fässer, die ein Zimmermann mit genügend Holz produzieren kann. Haben wir die Fässer, beladen wir einen Konvoi und schicken ihn an den gewünschten Händler. Je wertvoller die Ware, umso höher das Risiko, dass der Konvoi angegriffen wird. In diesem Fall sollten wir eingreifen und die Banditen verjagen. Naja, ihr wisst schon, wie ein Assassine seine Gegner "verjagt".

Was in der Theorie relativ simpel klingt, sah jedoch beim Selberspielen höchst umständlich aus. Es dauerte mehrere Minuten, ehe Steven Masters alle Ressourcen für einen Konvoi gesammelt hatte, und dieser auch nur einen kleinen Profit einbrachte. Wir hatten den Eindruck, dass das unübersichtliche Bombenbasteln lediglich einem noch komplizierterem Handelssystem weichen musste. Wir sind skeptisch, ob hier nicht auf Dauer lästiges Mikromanagement zu erwarten ist, denn automatisierten Handel beziehungsweise das Einsammeln von Münzen in Geschäften gibt es nicht mehr. Andererseits mag sich dieser Punkt auch noch anders darstellen, wenn wir in den lauschigen Redaktionswäldern mit viel Zeit an den Test gehen.
Es müssen nicht immer Hauswände sein: Die Spielwelt von AC3 bietet zahlreiche Möglichkeiten, auch in freier Natur waghalsige Klettermanöver durchzuführen. Hier rettet Connor einen Kameraden vor fiesen Söldnern.
Um über diesen Inhalt mitzudiskutieren (aktuell 36 Kommentare), benötigst du ein Fairness- oder Premium-Abo.