Freakshow #22

Yume Nikki

Daeif 29. Oktober 2013 - 16:12 — vor 3 Jahren zuletzt aktualisiert
Hereinspaziert, hereinspaziert! Hier seht ihr die merkwürdigsten Computerspiele der Welt. Ob seltsame Genres, kuriose Szenarien oder einfach nur bodenlos schlechte Machwerke: In dieser Show kommt ihr aus dem Staunen nicht heraus! Heute, pünktlich kurz vor Halloween, gibt's was zum Gruseln, mit Mindfuck und so.
Heute, liebe Leidenden, möchte ich euch erneut in Halloween-Stimmung versetzen. Nachdem wir uns im vergangenen Jahr bereits mit Zombies vergnügt hatten, stimme ich diesmal leisere, dafür vielleicht gruseligere Töne an. Wir treten ein in die Welt der Träume. Der Traum ist ein Zustand im Schlaf, bei dem Forscher bis heute nicht genau wissen, warum wir was träumen (obwohl Traumdeuter sich größte Mühe geben). Auf eines können wir uns aber alle einigen: Einige unserer Träume sind einfach nur bizarr. Sie können uns verstören, sodass wir nachts schweißbedeckt aufwachen, die Gedanken voller Angst.

Unser heutiges Spiel nimmt sich dieses Themas an. Eine ziemliche Herausforderung, bedenkt man, dass Träume nur in den seltensten Fällen Sinn ergeben. Aber genauso ist auch Yume Nikki: Es ergibt kaum bis gar keinen Sinn. Programmiert von einem gewissen Japaner namens Kikiyama gilt das Spiel als eines der schaurigsten Erfahrungen in der Welt der Computerspiele. Was ist dran an diesem Ruf? Nun, ich kann euch zumindest schon einmal sagen, dass mein Arzt meinte, solange ich immer meine rot-schwarzen Pillen nehme, gehen die Smileys nicht mehr weg, also...

Im Reich der Träume

Madotsuki in ihrem „trautem" Heim. Im wachen Zustand werdet ihr hier nicht viel erledigen können.
Das Spiel beginnt mit eurer Protagonistin namens Madotsuki, die eine so genannte Hikikomori ist. So werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich zunehmend in ihr Zimmer oder ihre Wohnung zurückziehen und kaum noch Kontakt mit der Außenwelt haben. Würde mich irgendwie an den typischen Gamer erinnern, wenn dazu nicht noch die Eigenschaften „trägt nur Klamotten im Schlabberlook“ und „wäscht sich nie“ fehlten. Da es in der Wohnung verständlicherweise schnell langweilig werden kann (sieht man mal vom wahrscheinlich armseligsten Minispiel in der Geschichte der Minispiele ab), schläft Madotsuki gerne viel. Hier beginnt das Spiel erst richtig: In der Traumwelt hat Madotsuki Zugang zu zwölf mehr oder weniger abgefahrenen Levels. Euer Ziel: 24 Gegenstände zu finden. Diese haben teilweise nützliche Fähigkeiten. Mit dem Fahrrad etwa kommt ihr deutlich schneller voran. Andere wiederum sind quasi nutzlos, so öffnet die Flöte, anders als etwa in manchen Zelda-Teilen, keine Türen oder lässt euch in der Zeit zurück reisen. Habt ihr alle Gegenstände gefunden, endet das Spiel. Leider. In Bezug auf die bisherige Spielerfahrung und das eigentliche Ende. Herrjeh.  

Technisch wirkt der Titel erst einmal unscheinbar, was damit zusammenhängt, dass es wir hier mit einem RPG-Maker-Spiel zu tun haben. Diverse Traumlevel zeigen dann aber, was man aus dem Programm zumindest stilistisch herausholen kann. Nur wenige Orte wirken „real“, die meisten sind unlogisch bis hin zur Unkenntlichkeit abstrakt. Bei Yume Nikki geht es also weniger um Gameplay oder Grafik, sondern darum, sämtliche Winkel der Traumwelt zu durchforsten. Die Gegenstände sind also nichts weiter als ein „McGuffin“, ähnlich etwa dem Nifflas-Spiel Knytt. Nur: Während Knytt eher entspannend war, ist Yume Nikki, tja, anstrengend. Während eurer Suche könnt ihr auf verdammt surreale Dinge und Personen stoßen. Yume Nikki ist also definitiv ein Spiel, das ihr selbst spielen solltet, um das abgefahrene Szenario besser zu begreifen. Zudem empfiehlt Dr. Best, nach Möglichkeit keine Komplettlösungen zu benutzen, um die Überraschung, Freude und/oder Angst einer eigenen Entdeckung nicht zunichte zu machen. Und drückt keine Zahnbürsten gegen Tomaten, das geht immer in die Hose.

Wo ist denn jetzt dieser Scheißhaufenkopf..?

Was klassisches Gameplay anbelangt: Hier ist Yume Nikki nur noch in Ansätzen ein Spiel. Madoutsuki hat zwar Hitpoints, aber wozu braucht sie die, wenn es keinen Gegner gibt, der sie verletzen kann? Das Schlimmste, was euch passieren kann, ist, einem sogenannten Toriningen zu begegnen (oh, Word unterringelt mir gerade dieses Wort. Wie überraschend!). Die schicken euch in einen kleinen Raum ohne Ausgang, aufzuwachen ist hier der einzige Ausweg.

So was könnt ihr finden, wenn ihr richtig lange sucht...
Herausfordernd wird Yume Nikki eigentlich nur bei der Suche nach den Gegenständen. Diese sind teilweise so gut versteckt, dass ihr euch manchmal fragt, ob ihr jetzt wirklich nur nach dem Item sucht oder doch eher nach einem geheimen Glitch im Spiel. Das Leveldesign hilft da auch nur bedingt weiter. Die zwölf Startlevels führen nämlich stets in andere Gegenden, welche dann erneut zu weiteren Levels führen. Teilweise durch absurde Weise. Um zum Beispiel in einen Wüstenlevel zu gelangen, müsst ihr erst mal ein sehr rotes und sehr konfuses Labyrinth meistern.

Durch dieses Szenario ist natürlich eine riesige Fanbase um das Spiel entstanden, im Netz lassen sich telefonbücherweise Theorien und Deutungen zum Spielgeschehen finden. Über Vergewaltigungstheorien, Mutmaßungen, dass Madotsuki in Wahrheit ein Dämon sei bis hin zu einer Deutung bezüglich einen möglichen Transsexualität Madotsukis ist praktisch alles auffindbar.

Fazit: Das Eraserhead der Computerspiele

Yume Nikki ist fast schon ein Must-Play: Mag das Gameplay auch noch so dünn sein, so sind es die Welten, in mich in den Bann gezogen haben. Mal sehr gegenständlich, dann wieder fast bis zur Unkenntlichkeit abstrahiert, hat mich Yume Nikki immer wieder im Spielverlauf überrascht, irritiert, schockiert. Man kann das alles als Hipster-Schwachsinn abtun, man kann sagen, das Spiel wäre eigentlich zutiefst langweilig – und doch: Die hier erstellte Welt ist derart eigensinnig und doch so in sich geschlossen, dass sie die meisten wohl in ihren Bann ziehen wird. Ähnlich wie David Lynchs Langfilmdebüt Eraserhead bringt Yume Nikki mit seiner surrealistischen Welt meiner Meinung nach das Medium Computerspiel an sich weiter nach vorne. Aber vorher besser den Psychologen eures Vertrauens kontaktieren, ich will nicht für chronische Weinkräfte verklagt werden!

Damit schließt die Show für heute. Kommt auch das nächste Mal wieder vorbei, wenn ihr die kuriosesten und merkwürdigsten Titel der Spielwelt erblicken wollt. Ich bin euer Gastgeber Daeif und sage euch: Diesmal nix.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Hier! Download. Englisch. Windows.
Daeif 29. Oktober 2013 - 16:12 — vor 3 Jahren zuletzt aktualisiert
immerwütend 21 Motivator - P - 29342 - 29. Oktober 2013 - 16:47 #

"Heute, liebe Leidenden, möchte ich"

Leidenden??? Gleich in der ersten Zeile ein Fehler? Pfui! ;)

Jabberwocky 13 Koop-Gamer - 1701 - 29. Oktober 2013 - 17:55 #

Der Brisko-Schneider-Fehler. Könnte ein Zitat sein.

motherlode (unregistriert) 29. Oktober 2013 - 18:55 #

Woher nehmen wenn nicht stehlen? Ist das neu? WTF

Freylis 20 Gold-Gamer - 21079 - 30. Oktober 2013 - 13:30 #

Spaetestens nach dem Wort "Mindfuck" war ich mal wieder gebannt am Lesen. Wo findest du nur immer diese genial-skurrilen Games? :)

Mit Abstand einer deiner besten Artikel. - Und ja, manchmal sind es die skurrilen Spiele und Filme, die wenig Sinn machen, aber direkt das Unterbewusstsein ansprechen (wie Traeume eben), die einem nahe gehen und lange im Gedaechtnis bleiben.

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Kikiyama
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