Thema Spielgewalt

Wie die Pixel bluten lernten

Freylis 11. Oktober 2014 - 21:26 — vor 2 Jahren zuletzt aktualisiert
Mich beschleicht ein unangenehmes Gefühl. Vielleicht liegt es an dem herzzerreißend süßen Lächeln, mit dem sich Stacy und Courtney im Trainingsvideo aus einem Meter Entfernung den Garaus machen. Oder an der Inbrunst, mit der wir den Kleinen den wichtigsten Aspekt der Evolution seit dem Kriechen aus den Ozeanen verklickern...

Sie lasern und sie taggen, sie feuern und sie fraggen.
Na gut, vielleicht war es nicht die beste Idee, in einem Anflug süffisanter Schadenfreude mit dem Exklusiv-Ticket vor den bis dato begeisterten Visagen der Kids herumzuwedeln. Und dabei noch zu grinsen wie Mr. Bean mit seinem Business-Class-Flugschein beim Anblick der Otto-Normal-Loser im hinteren Abteil des Jumbos, trug sicherlich auch nicht gerade zum intergenerationellen Verständnis bei. Aber wenn man schon mal die schweineteure Tageskarte gelöhnt hat, die die Botten nicht mal in ihren saftigsten Träumen erstehen können, sollte es sich natürlich auch emotional auszahlen, zusammen mit seiner Clique an der neidischen Menge vorbei scharwenzeln zu dürfen, um als Erste nach dem ghostbusterverdächtigen Backpack mit der Lichtknarre zu greifen.

Klar, die Kids hassen uns jetzt schon, jetzt erst recht! Aber was macht es schon? Wenn wir später im nebelverhangenen Labyrinth aufeinander losgehen wie Schimpansen beim Revierstreit, werden die trotzdem den Kürzeren ziehen. Gut, sie haben zwar die ungezähmte Energie der Jugend auf ihrer Seite, aber leider nicht die Lebenserfahrung der Veteranen, die aus beinahe 20 Jahren 3D-Shooter-Sucht herrührt. Nach so langer Zeit riecht man einfach, wenn jemand 20 Meter hinter einem atmet. Von Strategie mal gar nicht zu reden. Blagen heutzutage! Genau so schlampig beim Erstellen einer napoleonischen Kampfstrategie wie beim Anfertigen ihrer Hausaufgaben! Wahrscheinlich haben die nach fünf Minuten eh schon keine Lust mehr, holen ihre Mobilgeräte raus und lassen sich abballern – ungeachtet der Konsequenzen und der ruhmlosesten Niederlage seit der Dämmerung menschlicher Kriegsgeschichte. Und wenn alles nichts hilft, hilft am Ende immer noch die Körpermasse, wenn die „Authorities“ gerade nicht hingucken. Oops, Unfälle kommen vor und ein bisschen Schwund ist natürlich immer...

...doch Pustekuchen!!! Die beiden etwas schüchtern wirkenden Spielwärterinnen, die nur unwesentlich älter sind als die Elementary-School-Kiddies und uns 40-Jährige wahrscheinlich für verirrte Altersheimler halten, erklären gemischte Mannschaften. Ich frage mit aufkeimendem Grauen, ob die damit Jungs und Mädels meinen, denn das hat unsere Frauschaft schon, aber die Antwort steht denen schon unheilvoll ins Gesicht geschrieben! Tatsache! Unser erlauchtes Team von sechs kinderlosen Thrillseekern wird gnadenlos aufgesplittet und bekommt je fünf Rangen an die Hand, die wir durch die Kriegswirren des bevorstehenden Team-Deathmatches geleiten sollen. 
 
Eltern wider Willen

Statt der Next-Gen eindrucksvoll demonstrieren zu dürfen, wo der Frosch die Locken hat, sind wir plötzlich erstmalig in die Rolle von Erziehungsbeauftragten verbannt worden. Die eigentlichen Eltern der Lütten – da brat mir doch einer ’nen Storch! – haben sich dieser Pflicht zur Feier des Tages mal ganz spontan entsagt und sind trotz unserer emphatischsten Versuche nirgendwo aufzutreiben. Schweine! Wo eben noch vielversprechende, unkoordinierte Zielscheiben standen, stehen jetzt Schützlinge, die mit großen Augen zu uns Oldies aufschauen wie Padawane zu ihren Jedi-Meistern. Die sehen beinahe dankbar aus, dass sie nicht alle bevorstehenden, schwierigen Entscheidungen alleine treffen müssen. Zum Glück sehen meine Anbefohlenen halbwegs intelligent aus, bis auf den Pummeligen mit der Brille, der jetzt noch an seinem Burger mampft, und bei dem ich missionsgefährdende Konditionsdefizite nach den ersten 20 Sekunden vermute. Aber sobald der meinen deutschen Akzent hört, den ich mal wieder ganz nonchalant featuren werde, rennt der garantiert auch! Das funktioniert immer noch prächtig, selbst nach all den Jahren: Zack-zack, du Lump!!

Wir werden von unseren Leiterinnen in den Briefing-Raum geführt, wo heute ein wochenschauverdächtiger Propagandastreifen in Farbe gezeigt wird. Zum Glück ohne Göbbels, dafür aber mit ein paar Vorstadt-Models in unserem(!) Alter, die unter Verwendung einer atemberaubenden Telefonsexstimme die Spielregeln erklären – während wir unser Bestes geben, den Kleinen zu verklickern, dass wir dem Ersten in den Rücken ballern, der auch nur Anstalten macht, sich an selbige zu halten. Wir sind schließlich im Krieg, verdammt noch mal!!! Es geht hier ums Punkten und nicht darum, fair zu sein oder gar Freunde zu gewinnen! So was Belangloses kann man auch noch in seiner Freizeit tun! Wo kämen wir denn dahin?! Wie sagte schon Frankie goes to Hollywood: „When two tribes go to war, a point is all that you can score!”. Und wir haben vor, mit unseren treu ergebenen Humanressourcen (im Fachjargon auch: Kanonenfutter) nicht nur einen lausigen Punkt zu scoren, sondern geradezu astronomische Punktzahlen zu erreichen, von denen noch Generationen mobilgeketteter Kids an den digitalen Lagerfeuern ihrer Bildschirme tweeten werden. Yessir!

Jap, mit einer Knarre ist das Leben doch gleich noch mal so gut. Tackleberry liebt die Police Academy jetzt schon.

 
Nokrahs 16 Übertalent - 5709 - 11. Oktober 2014 - 21:56 #

Das ist mit Abstand der unterhaltsamste Text mit perfekter Bilduntermalung, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Vielen Dank dafür!

Rashim of Xanadu 16 Übertalent - 4072 - 12. Oktober 2014 - 2:42 #

Dem schließe ich mich an. Habe gerade enthusiastisch auf dem Kudos-Button rumgehämmert bis die Maus Blut gespuckt hat!

MrFawlty 17 Shapeshifter - P - 6375 - 12. Oktober 2014 - 10:37 #

Ja, wenn ich könnte würde ich 10 Kudos vergeben!

Freylis 20 Gold-Gamer - 21074 - 13. Oktober 2014 - 13:43 #

@Nokrahs/alle: Gerngeschehen. Freut mich, dass die harte Arbeitswoche sich ausgezahlt hat. In dem Artikel steckt definitiv viel Herzblut :)

J.C. - Desert Ranger (unregistriert) 11. Oktober 2014 - 23:59 #

Tackleberry!!!

Freylis 20 Gold-Gamer - 21074 - 13. Oktober 2014 - 13:44 #

Wurde Zeit, dass der Papa aller Ballernasen mal wieder aus der Schublade gekramt wird, gelle? :D

supersaidla 16 Übertalent - P - 4017 - 12. Oktober 2014 - 5:49 #

Hehehe super Artikel. Ist mit Abstand das treffendste was ich zu dieser Thematik bisher gelesen habe. Den sollte man ungekürzt in jeder Tageszeitung veröffentlichen. Danke :)

D43 15 Kenner - 3588 - 10. November 2014 - 13:57 #

Seh ich genau so, dann würde auch seit langem mal wieder was sinnvoller drinnen stehen! Super geschrieben!

euph 23 Langzeituser - P - 39176 - 12. Oktober 2014 - 12:03 #

Sehr schöner Text, macht Spass zu lesen. Vielen Dank dafür.

Name (unregistriert) 12. Oktober 2014 - 13:19 #

Der erste Egoshooter war allerdings Spasim aus dem Jahr 1973, und selbst Battlezone von Atari war deutlich vor Wolfenstein. Genau genommen sind auch die frühen Weltraum-Flugsimulationen ebenfalls Egoshooter, weil von Simulation ist da doch eher wenig zu spüren. ;)

An meinen ersten Pixelmord kann ich mich übrigens nicht mehr erinnern. Ich kann mich aber daran erinnern, dass Green Beret für C64 für die BPjS ein ganz böses Spiel war, dass absolut nicht für meine Altersklasse geeignt war. Geholfen hat's nicht. Außerdem erinnere ich mich, dass sich meine Eltern immer furchtbar über die Digi-Schreie der überrollten Fußsoldaten in Dune 2 aufgeregt haben. Das Blechbüchsen-Geknarze von Command & Conquer (dt.) stieß da schon auf deutlich weniger Protest. Nur meine Freunde haben mich immer ausgelacht, weil ich die blöden "zensierten" Versionen und dann auch noch auf Deutsch gespielt habe, während man mit der englischen Variante ja insgesamt cooler und auch noch besser in Fremdsprachen war. Dumm nur, dass in unseren Klausuren weder "Halberd" noch "thee" gängiges Vokabular war.

Aber immerhin waren das noch Zeiten, als man mit Blood Patches cool sein konnte! Blöd, dass die USK sowas heute gar nicht mehr tangiert, da kann man sich gar nicht mehr richtig als Alternativer/Vorkämpfer gegen die Entmündigung des Konsumenten hervortun! Heute bleiben einem da als letzte verbliebene Bastion nur noch Nazisymbole und Gewalt an Zivilisten/Kindern, womit man auf der Straße aber leider schnell in dier falschen Schublade geschoben wird. Manchmal hatte ich allerdings sowieso das Gefühl hatte, dass das die Frühform der Indiekuschler war, als es noch kein richtiges bzw. mit Blick auf die Marktmacht genau genommen ausschließlich Indie gab und man irgendwas brauchte, um sich abheben zu können. Weil wenn's alle toll finden, dann ist es bekanntlich langweilig. Deswegen ist heute die Antikriegsdemo gegen rein von kapitalistischen oder Erdöl-Interessen gesteuerte Kriseninterventionen in Ländern wie Lybien und Syrien auch viel cooler als die Forderung nach mehr Pixelblut.

Das ist alles so schwierig geworden heutzutage. Früher war ich uncool, weil ich zu gewaltgemindert war. Heute ist man ein seelenloser Kriegshetzer, wenn man die Frage stellt, ob die unterlassene militärische Hilfeleistung in gewissen Krisenregionen nicht vielleicht sogar viel mehr von wenig nächstenliebenden politischen/kapitalistischen Interessen gesteuert ist.

guapo 18 Doppel-Voter - 10007 - 12. Oktober 2014 - 21:12 #

Wo ist Lybien?

Name (unregistriert) 12. Oktober 2014 - 23:26 #

Neben Lesekompetenzistan. Das ist so eine altsowjetische Kaukasusrepublik. ;)

D4Lphil 08 Versteher - 212 - 12. Oktober 2014 - 14:57 #

Grosses Kino *clapclapclap* - genau solche Beiträge sind es nach denen ich auf Gamingseiten od. in Magazinen suche um sie dann zu geniessen und wie in diesem Fall zu feiern. Selten so gut unterhalten worden (erinnern, lachen, nachdenken, ... alles drin^^) mit Bezug auf mein liebstes Hobby - bitte mehr davon :)

Freylis 20 Gold-Gamer - 21074 - 13. Oktober 2014 - 13:46 #

Thanx. :D Ich bleib am Ball und schreibe mal wieder was Nettes. Nur eine Frage der (Frei)Zeit. Bis dahin kannst du dich ja mit meinen aelteren Artikeln unterhalten (siehe: Ankuendigungsnews)

joker0222 26 Spiele-Kenner - P - 71510 - 12. Oktober 2014 - 18:50 #

Super Artikel, Freylis! Hat sehr viel Spass gemacht ihn zu lesen, obgleich auch nachdenkliche Aspekte drin sind.

EDIT: Mein erster Pixelmord war wahrscheinlich ein Selbstmord. Wenn man im Formel1-Spiel auf dem Atari2600 ein anderes Fahrzeug rammte, explodierten beide...dagegen ist das Strafensystem von Driveclub direkt lächerlich.

Freylis 20 Gold-Gamer - 21074 - 13. Oktober 2014 - 14:40 #

Dankeschoen fuer das Lob, und dass du dir sogar die Zeit zum Kommentieren genommen hast, zumal du ihn ja - glaube ich - schon vor Release gelesen hattest. Wusste nicht, dass Formel 1 auf dem Atari2600 so brutal war ;P

joker0222 26 Spiele-Kenner - P - 71510 - 13. Oktober 2014 - 18:09 #

Dankeschön zurück für die Arbeit und den spürbaren Enthusiasmus, den du hier ganz offensichtlich investiert hast.
Und ja, die Formel 1 in dieser Zeit war noch viel lebensgefährlicher als heute ;-)

immerwütend 21 Motivator - P - 29333 - 12. Oktober 2014 - 18:03 #

Sehr gelungener Artikel - hatte ich aber auch nicht anders erwartet ;-)
(Mein erster Pixelmord war der an Guybrush Threepwood... mit ausreichend Geduld ging das im ersten Monkey Island.)

Freylis 20 Gold-Gamer - 21074 - 13. Oktober 2014 - 13:41 #

Guybrush kann sterben? Passiert das, wenn man zu lange nichts macht? - Ist ja irre... :)

immerwütend 21 Motivator - P - 29333 - 13. Oktober 2014 - 13:48 #

Wenn er mit der an ihm festgebundenen Statue im Hafen versenkt wird, stirbt er nach 10 Minuten, wenn man nichts unternimmt. Entsprechend ändern sich dann auch die Aktionsverben (nimm, gib, gehe...) in so hübsche Dinge wie treibe, schwebe, verwese... :-)

Freylis 20 Gold-Gamer - 21074 - 13. Oktober 2014 - 14:38 #

Das nenne ich mal Attention to detail! :) Ich erinnere mich noch dunkel an die Bibliothek mit den tausend Karteikarten, die man alle lesen konnte. "Damp Damsels of the Deep" und so ;)

guapo 18 Doppel-Voter - 10007 - 15. Oktober 2014 - 19:28 #

Warnt Stan ihn nicht davor, dass zu tun?

Freylis 20 Gold-Gamer - 21074 - 15. Oktober 2014 - 20:50 #

Ach ja, ist schon so lange her, ich kann mich jetzt nicht mal dran erinnern, wer dieser Stan war? - Ich kann mich nur noch an Einzelheiten erinnern - wie die schoene Suedseemusik am Anfang - "Somewhere in the Caribbean"... *schwelg* :]

Noodles 21 Motivator - P - 30778 - 15. Oktober 2014 - 22:29 #

Stan ist der Typ, der immer so schön mit seinen Armen rumfuchtelt und in jedem Teil der Serie einen anderen Job hat. :D

Slaytanic 22 AAA-Gamer - P - 33517 - 18. Oktober 2014 - 23:23 #

Mir ist er als schmieriger Schiffsverkäufer im Gedächtnis geblieben. ;)

Slaytanic 22 AAA-Gamer - P - 33517 - 12. Oktober 2014 - 22:23 #

Auch mir hat der Artikel sehr gut gefallen!

Noodles 21 Motivator - P - 30778 - 13. Oktober 2014 - 15:57 #

So, hab den Artikel nun auch gelesen, war sehr unterhaltsam. :)

EddieDean 14 Komm-Experte - P - 2333 - 13. Oktober 2014 - 21:57 #

Einfach klasse!

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