Endlosstreit

Was sind Computerspiele eigentlich?

Unregistrierbar 5. April 2015 - 13:31 — vor 1 Jahr zuletzt aktualisiert
Take-Two-CEO Zelnick hält die Gewalt in GTA 5 für Kunst und läutet damit eine weitere Runde ein in der Diskussion, was Computerspiele eigentlich sind. Dieser Artikel begeht auf der Suche nach einer Antwort ein Sakrileg: er fleddert den Klassiker Baldur's Gate (in einer speziellen Version), um am Ende dann doch versöhnlich zu stimmen.
In der Gaming-Szene wird kaum etwas kontroverser diskutiert als Verbote beziehungsweise die Zensur von Computerspielen. GamersGlobal macht hier keine Ausnahme. Im Kern dreht sich die Diskussion um die Frage, was Computerspiele eigentlich sind. Wären sie Kunst, ließe sich jegliche Beschneidung als Zensur beschreiben. Jedoch können in diesen Diskussionen bestimmte Themen wie Freiheit, Freiheit der Kunst, Kategorisierung von Computerspielen als Kunst, Gewalt in Spielen, Menschenwürde und Jugendschutz oft nicht abschließend – das heißt durch einen (auch nur annähernd so zu nennenden) Konsens – bearbeitet werden. So richtig einig wird man sich dabei nicht. Für die einen sind Computerspiele Kunst, für die anderen schlicht Spiele zum Zeitvertreib. Nach der Diskussion ist vor der Diskussion.

Ausgehend von der Zensurdiskussion stelle ich mir die Frage, ob es nicht vielleicht doch einen Konsens geben könnte. Die Ansicht "Computerspiele sind für jeden das, was er darin zu erkennen meint" ist mir zu beliebig. Mit diesem Larifari gewinnt man in Diskussionen mit Nicht-Gamern sowieso keinen Blumentopf. Dabei treibt mich keineswegs der Wunsch nach Imagepflege an. Dass Ego-Shooter Menschen nicht zwangsläufig zu Amokläufern machen, gilt als kaum noch umstößliche wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis. Nein, es ist die Lust an der Erkenntnis an sich: was tue ich denn eigentlich, wenn ich Computerspiele spiele?

Dazu ist es notwendig, mit einem Gedankenspiel herauszufinden, was Computerspiele sind, also ob sie tatsächlich als die neuen Romane, Filme oder generell als Kunst einzustufen sind. Sollte diese Frage verneint werden, wäre zu klären, was Computerspiele dann sonst sind – eine Unterform von Spielen womöglich? Ich erkläre hiermit den Versuch, diese Frage durch reine Argumentation zu beantworten, für gescheitert. Derlei Umtriebe haben in der Vergangenheit nur zur Verhärtung der Lager geführt. Stattdessen bediene ich mich auf der Suche nach der Essenz von Computerspielen der Herangehensweise der chemischen Extraktion: was bleibt denn von einem Spiel, wenn man den "Roman"-Teil wegnimmt? Was bleibt, wenn man den spielerischen Teil extrahiert?

Die causa "Target / Kmart vs. GTA V“ gilt hier also nur als Einstieg in die wirklich wichtige Frage: was sind Computerspiele eigentlich? Hat der CEO dieser Firma recht, wenn er sein Spiel als Kunst bezeichnet? Und selbst, wenn er nicht recht haben sollte: ist es dann verwerflich, dieses Spiel zu spielen? Müssen Spiele Kunst sein, um einen Wert für diese Gesellschaft zu besitzen, oder haben sie einen solchen auch als Spiele?

Ganz ohne intersubjektive Argumente soll diese Suche dann aber doch nicht erfolgen. Nach der spielerischen Alchemiestunde erfolgt (auch) ein Rückgriff auf wissenschaftliche Theorien nach Schäfer, Winnicott und anderen, doch keine Angst: dieser Artikel erhebt keinesfalls wissenschaftlichen Anspruch, sondern möchte letztlich eines meiner großen Hobbys auf unterhaltende und nicht zuletzt pointierte Weise darstellen.

Analogie total: auch der 1. FCK war 1998 wieder ganz oben (empirischer Bezug: eigenes Gefühl).


Teil I: Kaputter Klassiker Baldur's Gate
 
GamersGlobal wirbt damit, ein Computerspielemagazin für Erwachsene zu sein. Demnach werden sich viele User noch an Baldurs Gate (folgend: BG) erinnern. Nun, auch ich war einmal deutlich jünger und ledig. Damals,  anno 1503 (Jahreszahl leicht verfremdet), konnte ich es mir leisten, bar jeglicher familialer Verpflichtungen in den Tiefen dieses Spiels zu versinken, das nach wie vor für mich den Kern, die Essenz von Rollenspielen bis heute definiert hat.

Es war die Zeit Mitte der 90er, als ein Echtzeitstrategiespiel nach dem anderen herauskam, während im Rollenspielgenre mächtig Flaute herrschte: gerade mal 77 Punkte reichten Dungeon Master 2 für das Siegertreppchen in der PC-Player-Jahresbestenliste 1995 (PC-Player 01/96). Das war zwar keine schlechte Wertung, sagte aber dennoch aus, dass es schlicht und ergreifend nicht ausreichend viele Konkurrenten gab, die diesem Spiel den Platz hätten streitig machen können. Rollenspiele waren am Boden, und das, obwohl sie neben Simulationen eigentlich einmal das Parade-Genre von MS-DOS-Computern gewesen waren.

Und dann, zugegebenermaßen im Windschatten des actionlastigen Vorreiters Diablo, belebte BG nicht nur das Genre neu, sondern stellte sozusagen auch noch alle Trefferpunkte wieder her. BG war kein Lebenszeichen, es war ein Triumphzug. So musste sich etwa zur selben Zeit Otto Rehagel gefühlt haben, als er ein Jahr nach seinem Rausschmiss bei den Bayern mit dem FC Kaiserslautern nicht nur aufgestiegen, sondern auch Meister der 1. Liga geworden war.

Der Rest der Geschichte ist bestens bekannt und kann bei Bedarf andernorts nachgelesen werden. Hier hingegen möchte ich (fast) wahrheitsgetreu darstellen, was mir passiert ist, als ich kürzlich also diesen Meilenstein von Game erneut spielte.  Um es irgendwann wieder hervorholen zu können, hatte ich mein Original seinerzeit gut auf dem Dachboden verstaut. Zu gut, wie es schien, denn ich fand die 5-CD-Rom-Box nicht mehr. Schwer war es aber nicht, eines der 2,5 Millionen verkauften Exemplare auf dem Flohmarkt zu finden. Für 3 € war es mein, ohne Handbuch zwar, aber im Gegensatz zur Story war mir die Bedienung des Spiels durchaus noch geläufig. Seltsam nur, dass zwei ineinander verschlungene "D"s auf dem Startbildschirm zu sehen waren. Das D&D-Logo sah doch anders aus…?

Ein Spiel der 90er mit dem… äh… Flair der 80er: Baldurs Gate, wie ich es auf dem Flohmarkt bekommen hatte.
 
Jörg Langer Chefredakteur - P - 324138 - 5. April 2015 - 13:36 #

Sehr schöner User-Artikel!

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 15:14 #

Danke für das Lob und Dank an alle Beteiligten, vor allem an ChrisL!

Viktor Lustig 15 Kenner - P - 2700 - 6. April 2015 - 14:36 #

Einer der besten Artikel, die ich je am GG gelesen habe! Richtig toll!

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 6. April 2015 - 22:14 #

wow... vielen Dank!

Claus 28 Endgamer - - 108700 - 5. April 2015 - 13:41 #

Wunderbar geschrieben, vielen Dank dafür!

Triton 16 Übertalent - P - 5289 - 5. April 2015 - 13:47 #

Sehr guter Artikel. Den sollten sich einige Politiker mal durchlesen statt unwissend alles pauschal in diesem Bereich zu verurteilen.

Nachtfischer 16 Übertalent - 5482 - 5. April 2015 - 13:56 #

Sehr schöner Artikel! Gut geschrieben mit einer wichtigen Kernaussage. Einzig mit dem dritten Punkt des Fazits bin ich nicht 100% einverstanden. Spiele sind natürlich nicht Kunst, weil sie Bild oder Ton enthielten (beides an sich übrigens durchaus Kunst), sondern aufgrund ihres Spielseins. Auch ein Regelwerk ist meines Erachtens ein Kunstwerk. Aber das ist Haarspalterei. :)

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 14:05 #

Erstmal vielen Dank!

Und es ist keineswegs Haarspalterei, was Du schreibst, sondern eigentlich richtig. Das ist in meinem Artikel sicher besonders überspitzt, aber ich denke, die festgefahrene Diskussion braucht das.

Funatic 14 Komm-Experte - P - 2271 - 5. April 2015 - 13:59 #

also erstmal: respekt für di viele arbeit die im artikel steckt. leider hat sich bei mir ab seite 2 der "bla bla" effekt breitgemacht den du in deine baldurs gate version reinfabuliert hast.
wollte nur kurz was zum thema "spiele brauchen keine story da es nur ums spielen geht" anmerken. es gibt spiele wie z.b. jump`n runs oder rennspiele die brauchen keine story da es primär um das erlernen und meistern von skills bzw. der jagd nach dem highscore/der bestzeit geht. es gibt aber auch genres die ohne story einfach nicht funktionieren. gerade bei baldurs gate gibt es ja mit icewind dale das, vom gameplay her, identische spiel nur eben mit hauptaugenmerk auf kämpfe statt story und quests. während ich baldurs gate 1+2 geliebt habe haben mich icewind dale 1+2 nach der hälfte gelangweilt da ich keine bindung zu meinen characteren aufbauen konnte noch das "was kommt als nächstes" gefühl hatte. überhaupt wenn ich mir die wirklich grossen momente meiner videospielkarriere in erinnerung ruf sind es meist augenblicke die mich emotional gepackt haben: aeris tod in FF7 *omg*, das ende von silent hill 2 (ich bekomm jetzt noch gänsehaut), das ende von red dead redemption, oder die komplette erfahrung von the last of us! das alles wäre ohne story und gut geschriebene charactere nicht möglich gewesen. von daher kann ich deiner these das baldurs gate ohne story bzw. spiele im allgemeinen ohne story genauso gut funktionieten wie welche mit nicht mal im ansatz zustimmen! thema leider, zumindest für mich, verfehlt.

Nachtfischer 16 Übertalent - 5482 - 5. April 2015 - 14:24 #

Die Frage kehrt sich dann allerdings um: Braucht es da noch das Spiel (oder zumindest die Herausforderung)? Wäre Baldur's Gate als fokussierte und verdichtete Story-Erfahrung nicht viel besser als mit dem ganzen (von dir als langweilig empfundenen) Icewind-Dale-Gekämpfe an jeder Ecke?

Warwick 17 Shapeshifter - 6391 - 5. April 2015 - 14:45 #

Telltale zeigt ja, dass man zum Erzählen einer Story nicht zwingend viel Spiel und Herausforderung braucht, damit wäre die Frage ganz allgemein beantwortet. Es kann also durchaus ohne funktionieren. Das Baldurs Gate-Erlebnis war bei mir aber nie nur die Story oder nur das Spiel bzw. die Kämpfe, beides zusammen hat bei mir funktioniert und hätte eines von beiden gefehlt, wären mir diese Spiel nicht so gut im Gedächtnis geblieben. Die etlichen Stunden an Kämpfen, Dialogen, Inventarmanagement und das Grübeln über die optimalen Charakterwerte waren sicherlich oft mehr harte Arbeit als "Spass", haben aber bei spielerischem Erfolg und Fortschritt unheimlich befriedigend gewirkt. Dieses spezielle Erfolgsgefühl schafft keine (interaktiver) Film, Buch, Hörbuch, etc.

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 14:56 #

Meine leitende Frage war nicht, ob Story auch zu Immersion beitragen kann, sondern die Aussage, Spiele seien die neuen Romane an sich. Das ist mir so zu platt, deshalb habe ich auch dieses Gedankenspiel unternommen. Gut, die BG-Story ist atmosphärisch ganz schön dicht für ein Computerspiel. Reicht es aber aus, um als Roman betitelt zu werden? Sind wir Gamer da manchmal betriebsblind und hyper-euphorisch?

Im Grunde stelle ich die Frage: was ist BG denn vor allem? Wer da nicht "ein Spiel" sagt, hat Drizzt eindeutig verschont :)

Myxim 15 Kenner - P - 2745 - 5. April 2015 - 15:04 #

Ich habe ihn verschont... weil ich immer gut sein will. Aber irgendwann werde ich dann doch imer gierig und böse :(

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 15:05 #

Ich habe es auch ein oder zwei mal nicht übers Herz gebracht. Aber es war einfach zu leicht, den Ruf wieder zu steigern, z.B. mit dem Zurückbringen des Kuscheltieres :)

Warwick 17 Shapeshifter - 6391 - 5. April 2015 - 19:32 #

Natürlich habe ich Drizzt getötet und ihm seine Waffen abgenommen - die Versuchung war als Leser der Romane einfach zu stark. Der Ruf war auch nicht das Problem, aber nachdem ich einen Helden Faeruns getötet hatte, hab ich mich irgendwie schmutzig gefühlt ;-)

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 19:48 #

Mir ging es am Anfang so. Als chaotisch guter Charakter habe ich es einfach nicht übers Herz gebracht. Im Internet las ich dann aber was von seiner Ausrüstung (Mithril Kettenhemd +4; Krummsäbel +3 Frostbrand; Krummsäbel +5 Verteidiger)... der Rest ist unrühmliche Geschichte :)

partykiller 17 Shapeshifter - 6003 - 27. April 2015 - 22:50 #

getreu dem Motto: "ich musste ihn töten, das versteht ihr doch, oder?" ;)

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 28. April 2015 - 5:35 #

Richtig, es war eine ganze Stange nachvollziehbarer Argumente.

Warwick 17 Shapeshifter - 6391 - 5. April 2015 - 15:19 #

Ich bezog mich lediglich auf Nachtfischers Frage, ob BG als verdichtete Story-Erfahrung besser wäre. Das kann ich für mich ganz klar verneinen (unter verdichteter Story-Erfahrung verstehe ich jetzt auch keinen Roman, sondern eben die recht populären interaktiven Abenteuer a la Tellate). Spiele sind für mich nicht die neuen Romane, und diese Frage hat sich mir auch nie gestellt.

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 16:01 #

Das hatte ich auch nicht so verstanden und ich bin Dir dankbar für Deine Kommentare! Ich weiss auch, dass ich mich mit dem Gedankenspiel sehr weit aus dem Fenster lehne und nehme in Kauf, wenn jemand sagt: BG ist eine Einheit aus Story und Spiel und was Du da tust, ist rein hypothetisch.

Markus 13 Koop-Gamer - 1323 - 5. April 2015 - 15:45 #

Toller Artikel, vielen Dank dafür!

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 21:31 #

Vielen Dank!

timeagent 16 Übertalent - P - 4372 - 5. April 2015 - 17:45 #

Alleine für das "greets to Dr. Mabuse and Section 8" und die damit verbundenen Erinnerungen ist schon ein Kudos fällig. Für die restliche Arbeit sowieso.

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 21:33 #

Räusper... ich kenne diese Namen nur vom Hörensagen her. Aber mal im Ernst: Seit fast 2 Jahrzehnten ist meine sämtliche Software gekauft und ich führe obige Erfahrungen auf Zeitgeist, jugendlichen Leichtsinn und vor allem Armut zurück - was keinerlei Rechtfertigung darstellen sollte!

Danke für das Lob!

timeagent 16 Übertalent - P - 4372 - 6. April 2015 - 15:01 #

Sollte auch kein Vorwurf sein und ging in die Richtung Zeitgeist. Die ganze Namen wie DOC oder TRSI waren für manche Amiga-User wohl ähnlich geläufig wie Eagle Soft für C64er. Man hat sich halt weniger Gedanken gemacht, in welchem Kontext sie aufgetreten sind.
Außerdem: Manche Cracktros waren echt cool. Guck ich mir heute noch gerne an.

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 6. April 2015 - 22:19 #

Ich habe kürzlich mal ein paar neue C64-Demos gesehen. Wenn man das mit der Weihnachtsdemo von der CES ´82 vergleicht... unglaublich, was die da noch rauskitzeln.

Hintermeer 11 Forenversteher - 751 - 5. April 2015 - 18:27 #

Hmmm während man sich beim Lesen eines Buches die Welt vorstellt gehen manche Spiele einen anderen Weg indem eine Welt mit Handlungsmöglichkeiten vorgegeben wird und die Geschichte durch interaktion , d.h. Manipulation und vorheriger Interpretation der welt und ihrer Objekte entsteht.

Die Geschichte ist immer auch die der persönlichen Spielerfahrung, die Dokumentation des fortschreitenden Lernprozesses wie im Leben selbst. Der Spieler macht sich seine Geschichte selbst.
Vieleicht ein Grund für die Popularität von Lets plays und Twitch.

Viele Spiele profitieren aber auch von der Vertrautheit im Umgang mit den Vorgängermedien, integrieren diese und setzen somit eine gewisse Medienkompetenz voraus. Spiele erweitern Filme.

Gerade Spiele die sich zur Aufgabe gemacht haben eine Welt zu Simulieren benötigen nicht zwingend narrative Elemente. Spiele selbst sind kommunikative Artefakte die sich ähnlich wie materielle Hinterlassenschaften vergangener Kulturen quasi archäologisch deuten lassen.

Auch vermitteln sie stets die Funktionsweise der Maschinen selbst und ihrer Programmierung .
Man lernt also automatisch etwas über die Funktionsweise von den Maschinen die unser modernes Leben maßgeblich beeinflussen.das man mit Arbeitsgeräten spielt ist nicht nur eine Zweckentfremdung sondern auch die logische Konsequenz. Der Durchdringung von Privatem und Freizeit mittels Technik wird so möglich.

Das ist mir jetzt so spontan dazu eingefallen. Ich hoffe das passt ;-)

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 20:39 #

Danke für den ausführlichen Kommentar!

Es stimmt, Spiele erweitern in gewisser Hinsicht die narrative "Beschränkung", andererseits verlieren sie dadurch auch die Stringenz von Romanen. Ich glaube, Nachtfischer hat das mal ausführlich beschrieben:
http://www.gamersglobal.de/user-artikel/spiele-als-geschichtenerzaehlendes-medium
Ich will Spielen nicht absprechen, eine gute Story zu liefern, nur hängt es gerade bei LPs und Twitch davon ab, wie sehr der Spieler seiner Story leben und Individualität einhaucht. Mir sind LPs gerade deshalb zu öde, aber ich will ihnen die Daseinsberechtigung nicht absprechen.
Das mit den kommunikativen Artefakten macht mich neugierig. Hast Du Literaturtipps dazu? Würde mich echt interessieren.

Das Interessante an Spielen ist, dass eigentlich langweilige Dinge superinteressant werden, aber nur für den Spieler. Wenn mir jemand in einem Roman haarklein erzählt, welchen Schlag er beim Ork wo angesetzt hat, kann das schnell langweilig werden. Wenn man das als Spielender erlebt, ist es ungemein spannend, schliesslich hängt das eigene Überleben davon ab. Aber eben nicht der Ausgang der Story - ich weiss, ich will die Prinzessin retten, aber trotzdem ist es interessant, weil mein Erfolg keineswegs sicher ist.

nur, ob das für jemand anders dann auch interessant ist...?

EddieDean 14 Komm-Experte - P - 2326 - 5. April 2015 - 18:35 #

Vielen dank für den grandiosen Artikel. Zum Thema passt meine Wahrnehmung, dass beyond two souls, das ich momentan spiele, in einem anderen genre zB der Serie besser untergebracht gewesen wäre, da mich die pseudo-gameplay-Aktionen immer aus der story reißen.

Warwick 17 Shapeshifter - 6391 - 5. April 2015 - 19:27 #

Da kann ich Dir im Fall von B:TS zustimmen. Ich bin den interaktiven Stories nicht abgeneigt, hatte sehr viel Spass mit Heavy Rain, TWD1 und auch aktuell mit Telltales GoT, aber bei B:TS passte mir bzw uns irgendetwas nicht. Kann an der übersinnlichen Geisterstory gelegen haben, ich hatte aber eher das Gefühl, dass die Interaktivität zu sehr gelitten hat und die unchronologische Erzählweise weder Story noch die gesamte Spielerfahrung gut getragen hat.

nothanks 10 Kommunikator - 541 - 5. April 2015 - 21:17 #

So wie es bei Rollenspiele eine Flaute gab (nach meiner Erinnerung zwischen 1998 und 2001 - so richtig los ging es wieder mit Gothic 1 und Morrowind). So gab es diese auch bei Adventures und Echtzeitstrategiespielen und Aufbau-/Wirtschaftsimulationen.

Besonders Schade finde ich die seit 2004 anhaltende Flaute bei Echtzeitstrategiespielen. Seit Age of Empires 3, C&C Generals und C&C 3 ist abgesehen von Star Craft 2 kein Triple-A Echtzeitstrategiespiel mit guter Wertung mehr erschienen. Gerade die Fans von Age of Empires, Empire Earth und den 3 verschienden C&C Universen werden von den Spieleentwicklern seit damals am PC nicht bedient. (lassen wir die Casual-Spiele ala Farmville & co am Tablet beiseite!)

Etherium und Grey Goo sind sehr an Star Craft 2 angelehnt, haben wenig mit AoE und C&C gemeinsam.

Age of Mythology HD und Age of Empires 2 HD waren eine ganz billige Wiederveröffentlichung mit wenig Änderung (wie auch, ohne Originalentwicklerung, ohne Original-Artworks und nur teilweise Quellcode) - die Spiele sind sehr gut, aber nach 10-15 Jahren wäre ein neuer Teil super für etwas Abwechslung. Z.B das Szenario/Zeitepochen von Teil 2 mit dem Gameplay&AI von Mythology und der Grafik&Physik-Engine von Teil 3.

Das einzige Echtzeitstrategiespiel das sich an C&C Liebhaber richten wird, scheint Act of Aggression (irgendwann 2015) zu sein: https://www.youtube.com/watch?v=qcofOlVf05Q . Allerdings bin ich da noch etwas Vorsichtig, denn vor Vorgänger war ein durchschnittlicher C&C Generals Klon und die Spiele vom Entwickler dazwischen waren Echtzeittaktikspiele (R.U.S.E., Wargame) ala Company of Heroes aber ohne Basenbau (so viel ich mich erinnere).

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 21:24 #

Danke für den Kommentar!

Vielleicht solltest Du Deine kommenden XP in Richtung Schreiber investieren und etwas über RTS schreiben, scheinst Dich ja echt auszukennen und Jörg würde ein Retro-Artikel zu diesem Thema bestimmt interessieren :)

Allerdings war die Flaute bei Rollenspielen ein paar Jahre früher. Spätestens nach Baldurs Gate schossen diese wie die Pilze aus dem Boden, dem Himmel sei Dank.

Ich war ja so der Warcraft II - Typ. Ich habe mir damals sogar eine Missions-CD gekauft und bin selbst heute noch enttäuscht davon, dass ich das Spiel auf Win 7 nicht wirklich zum Laufen bringe (Hilfe erwünscht).

nothanks 10 Kommunikator - 541 - 5. April 2015 - 22:08 #

Die Zeit zwischen 1995 und 2005 wird so viel ich weiß nicht in RetroGamer behandelt, oder? Aber ab 1995 würde ich mich bei meinen Lieblingsgenres gut auskennen, vielleicht schreib ich ja mal einen Artikel und poste in.

Ich kann mich noch erinnern das in der Gamestar von einer Rollenspiel-Flaute stand und das war irgendwann zwischen 1999 und 2002 - hab leider kein elektronisches Archiv davon zum Nachsehen. Vielleicht kann sich Jörg, oder jemand anders noch erinnern und einen Kommentar schreiben. Von den Spielen her gabs 1998/99 Highlights wie Might & Magic 6, Baldurs Gate 1, Planescape: Torment, Fallout, Ultima IX: Ascension, Ultima Online. So richtige Highlights dann in gutem 3D gabs dann mit Gothic 1 (2001) und Morrowind (2002), das andere waren Nachfolger und durchschnittliche Nachahmer/Klone von Baldurs Gate, etc. So wie die Nachahmer damals von Sielder 2, Nachahmer von Anno 1602, Nachahmer von Age of Empires, etc. - meist halt oft nur Durchschnitt (manchmal aber echte Perlen): Cossacks, Knights and Merchants, ParaWorld, Empire Earth, Die Völker, Cultures, ...

Warcraft II (DOS) habe ich nur kurz gespielt, ich kann mich noch erinnern das es 1999 eine Neuauflage gab: "Warcraft II: Battle.net Edition", die sollte unter Windows funktionieren.

(sorry wegen Offtopic)

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 5. April 2015 - 22:34 #

Auf Steam gibt es WC2 nicht... und die Battle.net Edition auch nicht. Vll per Dos-Box? Ich habe ja das Original, das müsste eigentlich gehen. Ich bin seither raus aus RTS - gibt es etwas ähnliches, was neuer ist und auf Win7 läuft (also auch von Anspruch: nicht von Anfang an überfordernd?).

ja, es stimmt: der Nachteil an der Wiederbelebung der Rollenspiele war der enorme Hype und die Klone. Da war echt viel Schrott dabei und ich hatte mich schon gefragt, wann sie zum zweiten Mal wieder untergehen. Ist uns zum Glück erspart geblieben.

Was das Mitmachen angeht: ich kann es nur empfehlen.

Slaytanic 22 AAA-Gamer - P - 32786 - 6. April 2015 - 10:45 #

Blizzard macht ja sein eigenes Ding mit dem Battle.net, da gibt es keine Verkäufe mehr bei Steam und Co.
Habe gerade mal reingeschaut und unter Classic ist Warcraft auch nur noch WC3 + Add-On zu finden.

euph 23 Langzeituser - P - 38689 - 6. April 2015 - 11:18 #

Schöner Artikel, danke dafür.

Blacksun84 17 Shapeshifter - P - 6529 - 6. April 2015 - 14:23 #

Guter Artikel, aber für mich sind Spiele nur eine neue Freizeitgestaltung, auf die ich, nach den letzten mauen Jahren, auch ohne Probleme verzichten könnte.

rgru0109 12 Trollwächter - P - 992 - 6. April 2015 - 20:57 #

Super artikel. Danke dafür. Vielleicht packt Otto rehagel ja sein altes baldurs Gate nochmals aus...

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 7. April 2015 - 19:03 #

Danke! Ich habe übrigens tatsächlich mal kürzlich die Enhanced angespielt, nur war das dann zuende, als mein Tablet die Recovery gestartet hat... :(

Sven Gellersen Community-Moderator - P - 20686 - 7. April 2015 - 6:31 #

Sehr schön geschriebener Artikel. Inhaltlich tue ich mich allerdings etwas schwer damit, denn ich bin absolut kein Freund davon, das Medium Videospiel in seine Einzelteile zu zerlegen. Sie sind als Ganzes konzipiert und sollten meiner Meinung nach auch so betrachtet werden. Das Zerlegen wird finde ich keinem Medium gerecht.

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 7. April 2015 - 9:04 #

Da ist schon was dran. Ich habe diese extreme Form der Zerlegung auch nur vorgenommen, um die absolute Aussage "Spiele sind Kunst" oder "Spiele sind die neuen Romane" einmal konsequent weiter zu denken. Dann wird nänlich klar, dass eigentlich diese Aussagen es sind, die eine vereinfachende Sicht darstellen und dass mein kleines Gedankenspiel diese nur konsequent weiter verfolgt.

Sven Gellersen Community-Moderator - P - 20686 - 7. April 2015 - 16:41 #

Ich verstehe Deine Intention. Die Absolutheit von "Spiele sind Kunst" oder ähnlichen Aussagen finde ich auch eher unglücklich. Schließlich fußt die Beurteilung, was Kunst ist oder wie gut eine Story erzählt wird vorrangig auf subjektive Eindrücke.

AlexCartman 14 Komm-Experte - P - 2333 - 7. April 2015 - 18:10 #

Schöner Artikel! Auf die Idee, Drizzt zu töten, wäre ich nie gekommen. On topic: Für mich existieren Spiele und Bücher parallel, beide funktionieren nur in ihrem eigenen Kontext. Ohne Spielelemente ist selbst bei Schwergewichten wie BG die Story zu dünn. Andererseits zeichnen sich beispielsweise die Romane zu AD&D meist durch viel Banalität aus und können mit vollwertigen Romanen in eigenen Universen selten mithalten. Zum Beispiel ackere ich mich derzeit durch die Eberron und Drizzt-Trilogien und ärgere mich über die dünne Story und aufgesetzten Anspielungen auf das AD&D-Spielsystem. Wie dämlich ist beispielsweise die Notwendigkeit, Zauber vorher vorbereiten zu müssen? Das klappt natürlich als taktischer Anspruch im Spiel, ist in den Romanen aber meist ohne jeden Mehrwert.

Unregistrierbar 16 Übertalent - 4616 - 7. April 2015 - 22:29 #

Das ist auch der Grund, wieso ich mir mit LPs so schwer tue: Dinge, die total spannend sind, wenn man selber spielt, sind beim Zuschauen ungemein weniger spannend. Klar, LPs machen Sinn, wenn sie (meist per geglücktem Kommentar) vermitteln, was gerade passiert - z.B., wenn Heinrich versucht, bei Elite Dangerous einzuparken. Aber: man stelle sich diese Szene ohne Kommentar vor...

Kommentar hinzufügen

Neuen Kommentar abgeben
(Antworten auf andere Comments bitte per "Antwort"-Knopf.)