User-Test: Sonic ist zurück

Sonic Generations

retrozocker 11. Januar 2012 - 10:08 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
Fans des flitzenden Igels Sonic mussten in den vergangenen Jahrzehnten so einiges einstecken. Was hat Sega nicht alles ausprobiert, um sein einstiges Zugpferd und Firmen-Maskottchen endlich wieder an die Spitze der Software-Charts zu katapultieren. Es gab keine Schweinerei, für die Sonic nicht herhalten musste.
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Denke ich in letzter Zeit an Sonic, so erinnere ich mich an das mäßig spielbare Sega Superstars Tennis (Wii) oder den misslungenen Action-Jump-and-run-Mix Sonic Unleashed (für Wii, Xbox 360 und PS3), in dem sich Sonic gar in einen Werwolf (oder besser gesagt Werigel) verwandelt und dumpf prügelnd durch Gegnerhorden marodiert.

Sinkende Verkaufszahlen und die im Internet motzenden Fans scheinen Sega davon überzeugt zu haben, dass die Zeit für Experimente vorüber ist. Bereits mit der klassisch angehauchten Download-Episode Sonic 4 für die aktuelle Konsolen-Generation besannen sich die Sonic-Erfinder wieder der alten Tugenden. Der neueste Teil, Sonic Generations, soll die erregten Gemüter nun aber offenbar endgültig besänftigen.

Zurück in die Zukunft

Gleich zu Beginn des Spiels dürften erfahrene Zocker einen Flashback erleben, denn kaum habt ihr den Start-Button gedrückt, rast ihr auch schon durch die aus dem ersten Sonic-Teil bestens bekannte Green-Hill-Zone. Natürlich wurde die Auflösung im Vergleich zum Original gehörig hochgeschraubt. Auch die bekannte Melodie klingt ein wenig peppiger als früher, aber das Sonic-Spielgefühl, wie es viele Anhänger der ersten Stunde kennen, ist sofort wieder da – und das mit allen Vor- aber auch Nachteilen. Dazu etwas später mehr.

Zuerst möchte ich kurz auf die Rahmenhandlung eingehen. Gleich nach dem erfolgreichen Absolvieren des ersten Spielabschnitts verdunkelt sich der Himmel und ein schwarzes Ungetüm tritt in Erscheinung. Bevor sich Sonic allerdings mit diesem ungebetenen Gast auseinandersetzen kann, findet er sich auch schon auf einer grünen Wiese wieder. Dort haben sich bereits seine Freunde eingefunden, um eine Überraschungsparty für ihren Kumpel zu schmeißen. Just in diesem Moment stört erneut das schwarze Etwas die Harmonie und die Feier endet schneller, als sie angefangen hat. Kurz darauf öffnen sich Dimensionstore am Horizont. Bevor die überrumpelten Party-Gäste reagieren können, werden sie unsanft in die Portale gesaugt, nur um sich wenig später in verschiedene Welten beziehungsweise unterschiedlichen Zeitepochen wiederzufinden. Natürlich ist es jetzt an Sonic, seine Freunde aus den Klauen des unbekannten Wesens zu befreien. So weit, so belanglos. Interessanter wird es aber anschließend, als Sonic auf sein moppeliges Alter-Ego aus seiner Mega-Drive-Vergangenheit trifft. Ein schöner Kniff von Sega, um die Levels entweder mit dem alten oder dem neuen Sonic absolvieren zu können.

Old versus New

Ihr könnt euch vor dem Start eines Spielabschnitts aber nicht nur für eine der beiden Spielfiguren (samt ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten) entscheiden. Vielmehr wechselt auch die Perspektive von reinem 2D (alter Sonic) zu einer 2D-3D-Mischung (beim moderneren Pendant). Retro-Fans dürften sich wahrscheinlich spontan für die klassische Variante entscheiden, wobei ich gestehen muss, dass mich der Ur-Sonic, ganz ohne zuschaltbarem Turbo oder praktischem Angriffskick, mittlerweile mehr frustriert als motiviert. Gerade etwas weniger geübte Gamer dürften sich mit der neuen Sonic-Variante deutlich leichter tun, denn hier donnert ihr garantiert seltener gegen Gegner oder Hindernisse, als mit dem etwas behäbigen, alten Sonic. Bis der beispielsweise nach dem Kontakt mit einem Bösewicht wieder auf Hochtouren kommt, dauert deutlich länger, als bei seinem schlankeren Ebenbild. Seine Angriffstaktik, via Wirbel-Attacke auf den Kopf seiner Gegner, erfordert zudem ein präzises Timing und will geübt sein. Das mühselige Auswendiglernen der Spielabschnitte bleibt euch in beiden Varianten zwar weitestgehend erspart, ist aber nach wie vor unabdingbar, wenn ihr auf Bestzeiten aus seid. Für welche der Varianten ihr euch letztendlich entscheidet, hängt also stark von euren Fähigkeiten und Vorlieben ab.

Spielerisch wird alles geboten, was sich die Fans von einer gelungenen Sonic-Episode erwartet haben. Highspeed-Abschnitte wechseln sich mit Geschicklichkeits-Passagen ab und gelegentlich schummelt sich auch mal ein Quicktime-Event ein. Hier müsst ihr dann zur richtigen Zeit den richtigen Button drücken, um beispielsweise einen rettenden Turbo zu zünden (achtet auf die aufladbare Turbo-Leiste am unteren Bildschirmrand!).

Gerade Nichtkenner der Serie dürften in den unterschiedlichen Settings genügend Abwechslung finden, um bis zum Schluss am Ball zu bleiben. Egal ob schwindelerregende Häuserschluchten, karge Wüstenlandschaften oder die obligatorische Eiswelt: Langweilig wird es nie. Aufgelockert wird die Raserei zudem durch einige ruhige Abschnitte, in denen es um präzises Hüpfen geht, sowie rennspielartige Passagen, in denen ihr unter anderem mit einem Snowboard unterwegs seid.

Abgerundet wird das Ganze durch teilweise recht anspruchsvolle Boss-Fights gegen wilde Ungeheuer. Natürlich dürfen hier aber auch alte Bekannte wie Sonics Erzfeind Dr. Robotnik aka Dr. Eggman nicht fehlen. Zusammen mit zusätzlich freischaltbaren Fähigkeiten und der Möglichkeit, mit viel Sammelfleiß sogar den Mega-Drive-Erstling Sonic the Hedgehog freizuspielen, sind alle Elemente vorhanden, die ein modernes Hüpfabenteuer bieten sollte. Natürlich wurde auch an einen Online-Versus-Modus gedacht, in dem ihr eure Skills mit Spielern aus aller Welt messen könnt. Hier geht es vor allem darum, als erster das Level-Ende zu erreichen und dabei möglichst viele Ringe einzusammeln.
Der Online-Multiplayer-Modus motiviert zu Bestleistungen.


Altbewährtes frisch präsentiert

Grafisch hat sich ebenfalls einiges getan. Die dreidimensional modellierten Hintergründe kommen gerade auf dem plastischen Screen des 3DS super zur Geltung und passen hervorragend zu den Neuinterpretationen der klassischen Levels, der Mega-Drive- und Dreamcast-Ära. Der Effekt nutzt sich allerdings im Laufe der Zeit merklich ab und die anfängliche Begeisterung legt sich nach ein paar Spielstunden. Die dritte Dimension wird einfach zu wenig dazu genutzt, neue Elemente zum altbewährten Spielprinzip hinzuzufügen. Wie man das besser machen kann, seht ihr aktuell bei Super Mario 3D Land.

Die nett inszenierten Zwischensequenzen tragen zum guten Gesamteindruck bei, hätten aber gerade auf Nintendos neuer 3D-Konsole gerne etwas opulenter ausfallen dürfen. Außerdem wirkt die deutsche Sprachausgabe in den Cutscenes oft unfreiwillig komisch. Die Sprecher wurden offensichtlich dazu angehalten, ihren Text möglichst gelangweilt und ohne Betonung vorzutragen – wirklich schade. Sega hat das Augenmerk klar auf eine detaillierte und liebevoll gestaltete Spielwelt gelegt. Egal ob reißende Wasserfälle im Hintergrund oder dampfende Fabrikschlote in der Chemiefabrik – die verschiedenen Spielabschnitte wurden spektakulär in Szene gesetzt. Es ist fast schon schade, dass man mit Sonic so schnell durch die Levels rast, um ans Ziel zu kommen. 

Musikalisch erwarten euch größtenteils bekannte Sonic-Melodien, die allesamt neu arrangiert wurden und nun im frischen Pop-Gewand daherkommen. Klingt alles sehr fein, ist manchmal aufgrund des hohen Dudel-Faktors aber ein wenig beliebig. Zumindest haben sich die wenig charakteristischen Kompositionen nicht dauerhaft in meinem Gehörgang verfangen.

Fazit: Keep on running

Sonic Generations ist definitiv das beste Sonic-Abenteuer seit sehr langer Zeit. Die Wahl zwischen der klassischen und der neuen Spielvariante ist Sega sehr gut gelungen. Was mich allerdings immer wieder nervt, sind die teilweise frustrierend platzierten Hindernisse, denen man mit menschlichen Reflexen einfach nicht ausweichen kann. Gerade Sonic-Anfänger könnten hier rasch das Handtuch werfen. Die Lernkurve ist auf jeden Fall deutlich steiler als beim großen Konkurrenten Mario. Hat man sich aber erst einmal an die Spielmechanik gewöhnt, kommt sehr schnell das alte Sonic-Renn-Feeling auf. Zusammen mit den langsameren Unterwasser- und Hüpf-Passagen haben die Entwickler eine durchaus gelungene Mischung aus Schnelligkeit und Geschicklichkeit hinbekommen. Profis dürften allerdings bereits nach wenigen Stunden den Abspann zu Gesicht bekommen, da sich der Umfang des Hauptspiels in Grenzen hält. Ob die bereits erwähnten, zusätzlichen Modi dann zum erneuten Spielen einladen, halte ich zumindest für fraglich. Sonic Generations ist alles andere als perfekt, aber die Besinnung auf die alten Stärken der Serie stimmen mich für die Zukunft zuversichtlich. Ich freue mich auf jeden Fall auf die kommenden Sonic-Episoden.
retrozocker 11. Januar 2012 - 10:08 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
Cubi 17 Shapeshifter - 6113 - 11. Januar 2012 - 11:07 #

Ein schöner User-Test, sehr gut geschrieben!
Für mich als ein Kind der 80/90er ist aber immer noch etwas seltsam, Sonic auf einer Nintendokonsole zu sehen. Selbst wenn man das durch diverse Spieletitel schon gewohnt sein sollte.

Wuslon 18 Doppel-Voter - - 9858 - 11. Januar 2012 - 17:56 #

Schöner Artikel, da darfst du gern mehr von schreiben :-)

Anonymous (unregistriert) 11. Januar 2012 - 18:57 #

Hach ja. Sonic gegen Mario. Das waren noch Zeiten ;-) Sonic war zwar irgendwie cooler aber die Mariospiele fand ich einfach immer besser. trotzdem schöner Test!

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