Lobeshymne auf Farmville & Co.

Social Games User-Artikel

raveneiven 7. April 2010 - 11:52 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
Eigentlich hab ich gar keine Zeit, diesen Artikel zu schreiben, denn meine Kürbisse sind bald reif zum Ernten, und meine Mafia möchte ihr Schutzgeld eintreiben. Und außerdem sind es ja nicht irgendwelche Leute, mit denen ich da spiele, sondern meine Freunde. Aber im Notfall kaufe ich halt die nötigen Sachen per Kreditkarte nach...

Am Anfang war das Wort (eines Freundes) 
 
Ich glaubte schon fast, nach meinem Zivildienst würde ich mich zu Hause zu Tode langweilen. Vier Monate bis zu meinem Studium und dazwischen...nichts! Eines Abends aber bekam ich eine Einladung von einem Freund, der mich bat, zu Facebook zu kommen. Wenige Klicks später fand meine Langeweile ein Ende; oder sie erreichte einfach eine neue Dimension. Kaum war ich angemeldet und bestätigte die 200 Freundschaftsanfragen, erforschte ich die Möglichkeiten der Seite. Schnell bekam ich merkwürdige Anfragen,  irgendwelche Kühe zu adoptieren oder die Nachricht, dass mir jemand Fischfutter geschenkt habe. Ich war verwirrt und spätestens als mich die Mafia anschrieb, ob ich nicht einem Freund bei einem Banküberfall helfen wolle, bekam ich doch einige Bedenken auf welcher Seite ich dort gelandet bin und was für kuriosen Tätigkeiten meine (wie Facebook sie alle nennt) Freunde nachgehen. Doch die Neugierde war größer und nach ein paar weiteren Klicks verstand ich worum es hier geht. Alles nur ein Spiel! Beziehungsweise viele Spiele, denen meine Freunde dort nachgingen und mich einluden mitzumachen: Kostenlos! Gesagt - getan.
 
Am zweiten Tag schuf Zynga das Spiel...
 
...oder man sollte eher sagen "die Spiele", denn inzwischen sind es weit über 30 Stück die die Firma produziert hat und somit vom Pionier zum Marktführer der Social Games geworden ist. Wie schön, so wird mir auch in Zukunft nicht langweilig werden, denn inzwischen spiele ich FarmVille, MafiaWars und CaféWorld. Auch sonst wird es mir nicht an Nachschub mangeln, denn viele kleine und große Firmen erkennen das Potenzial der Social Games immer mehr. So kündigte Sid Meier auf der GDC (Games Developer Conference) an, die äußerst beliebte Civilization-Reihe in einem neuen Ableger als Social Game auf Facebook etablieren zu wollen. Darauf freu ich mich schon. Hoffentlich kann ich in dem Wirtschaftssystem meine Farm aus FarmVille übernehmen und mit meiner Mafia in den Krieg ziehen. So sieht die Vernetzung der Zukunft aus.

Doch auch jetzt gibt es schon über 80 Millionen Nutzer, die FarmVille und Co. spielen. Kein Wunder, denn sowohl ich, als von der Gesellschaft geächteter "Hardcore Gamer", als auch meine, von der Gesellschaft geliebte, "Casual Gamer" - Freundin, finden uns prima in dem Spiel zurecht, und das von der ersten Sekunde an. Endlich kann ich als Spieler wieder spielen, ohne von Frau von der Leyen als Gefahr für die Gesellschaft angesehen zu werden. Es ist so simpel wie genial und  bei weitem nichts Neues. Das Spielprinzip vom Aufbau und der Versorgung einer eigenen Farm kommt euch bekannt vor? Es ist zwar inzwischen fast 15 Jahre her, dass das erste Harvest Moon 1996 für das SNES erschien. Das Gameplay ist bis heute noch das gleiche. Die Komplexität des Vorbilds allerdings erreicht ein FarmVille kaum, aber das will man bei Zynga auch gar nicht. Es geht weniger um den Inhalt, als um die Vernetzung. 
 
Der Herr ist mein Hirte

Am Anfang besitzt man eine kleine Farm mit wenig Anbaumöglichkeiten. Für das Pflanzen und Ernten gibt es Erfahrungspunkte, durch die das Level ansteigt und neue Sorten zum Anpflanzen freigeschaltet werden. So werden im Laufe der Zeit viele kleine Accessoires freigeschaltet, die zur Repräsentation des eigenen Status dienen sollen. Nach vielen Stunden Spielzeit ist das dann zum Beispiel ein großer Teich, einen Pferdestall und eine weitläufige Farm. Das Ganze gilt übrigens auch für alle anderen Spiele von Zynga, das Einzige was sich dort ändert ist das Setting (also ein Cafe, ein Zoo, etc). Doch all' diese Dinge erhält  man nicht durch reines Pflanzen und Ernten. Hier tritt der eigentliche Aspekt der Social Games in Kraft. Freunde schicken einem kleine Geschenke, die ohne sie nicht zu bekommen sind, werden Nachbarn, kümmern sich um die Felder ihrer Freunde und sind nötig, um seine Farm zu erweitern. Denn: Je mehr Nachbarn ein Spieler bei einem Social Game hat, desto mehr Möglichkeiten bietet einem das Spiel.

Doch was ist mit Leuten, die niemanden haben? Die nicht drei Tage warten wollen, bis endlich ihre Kürbisse erntereif sind. Auch für diese Leute hat Zynga gesorgt. Das Studio kümmert sich nämlich auch um die sozial vernachlässigten Menschen und um jene, die einfach zu viel Geld haben. So haben die Entwickler sich entschlossen, virtuelle Ware für echtes Geld zu verkaufen. Ein guter Schritt, denn so hat jeder die Möglichkeit, eine schöne Farm zu haben - und das ist ja das Wichtigste. Immerhin will niemand vor seine Freunde treten, wenn einem das Getreide am Abend zuvor verdorben ist. Schwupp! Für ein paar Euro einfach und schnell die Farm wieder in einen top Zustand gebracht. Schön zu sehen, dass der soziale Aspekt in den Social Games auch von den Firmen gelebt und nicht nur propagiert wird. Zum Glück müssen aber nur maximal drei Prozent der Spieler diesen "Service" nutzen. Das sind bei FarmVille erfreulicherweise nur ein bis zwei Millionen Spieler. Aber für das Geld kann die Firma neue Spiele entwickeln und tolle neue Gegenstände und Ideen umsetzen.
 
Die Speisung der 80 Millionen
 
Wie hält man also nun 82.046.858 Farmer, 25.334.233 MafiaWars-Spieler (Stand 29.3.2010 02:05 Uhr) und zig andere "sozial" engagierte Spieler bei Laune? Man gibt ihnen mehr von dem, was sie lieben. Mehr Pferde in verschiedenen Farben für die Farmer. Mehr Aufträge und Waffen für die Mafia. Mehr Speisen für die CaféWorld-Spieler. Mehr mehr mehr mehr... Doch damit eben nicht alle Menschen gleich sind, hat sich Zynga einen Kniff überlegt. Die neuen Gegenstände kosten viel Geld und kommen in so unglaublich vielen Variationen auf den Markt, dass man gar nicht so viel verdienen könnte um alle zu kaufen. Also ist jede Investition sozusagen ein Zeichen von Luxus und jeder hat viele verschiedene, aber eben nicht alle, Sachen. So bleibt das Gleichgewicht bewahrt und die, die wie ich kein Geld aber 200 Freunde haben, für solche Menschen gibt es einige der Luxusgegenstände, indem man immer mehr Freunde einladen und ihnen immer mehr schicken muss. Das ist nur fair.

So sitze ich seitdem jeden Tag vor meinem Laptop und ernte meine Felder ab, dann bau ich den Reis an, den ich mit Level 22 bekommen habe, besuche meine 39 Nachbarn, dünge ihre Felder und kümmere mich um ihren Hühnerstall. Danach melke ich noch schnell die Kühe, bevor ich mit meinen Mafia Wars Freunden ein paar Politiker erpresse und meine Drogen in Kuba schmuggel. Am Ende besuche ich gemütlich mein Café, serviere das Essen und kümmere mich um Neues. So verbringe ich Stunden damit und pflege gleichzeitig meine sozialen Kontakte. Das Image vom "Kellerkind" ist von mir abgefallen. Die vier Monate sind irgendwie auch schon vorbei. Endlich mit gutem Gewissen spielen. Und da sag' noch einmal jemand, Social Games seien reine Geldmacherei...
 
Schöne neue Welt!
 
raveneiven 7. April 2010 - 11:52 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert
icezolation 19 Megatalent - 19180 - 7. April 2010 - 12:07 #

Nett zusammengefasst. Weiterhin kann ich den sogenannten Social Games aber nichts abfinden. Zu sehr funktionieren diese nach dem Prinzip "je mehr Freunde desto besser", so dass man (MySpace anyone?) lieber viele Freunde hat die man garnicht kennt als alles andere. Naja, das ganze muss sich ja auch irgendwie finanzieren. Aber was soziales suche ich bei den Spielen vergeblich.

Anonymous (unregistriert) 7. April 2010 - 12:15 #

Zwar hab ichs durchgelesen, bin aber geistig schon irgendwie bei den 200 Freundschaftsanfragen ausgestiegen ;).

Florian Pfeffer Freier Redakteur - P - 25276 - 7. April 2010 - 12:41 #

Danke für diesen Artikel! Das Spiel hat ein wenig Lob durchaus verdient.

Blacksun84 17 Shapeshifter - P - 7086 - 7. April 2010 - 13:12 #

Ich bin auch immun gegen Socialgames. Entweder ich spiele richtig oder gar nicht. Wobei ich WoW spiele, dort ist es schon "social" genug.

>>Zweitens, das is kein Lob, sondern Kritik, du Vollpfosten. Das nennt man Sarkasmus, du Angehöriger bildungsferner Schichten. <<

Ich musste verdammt laut lachen (ernsthaft).

Jamison Wolf 17 Shapeshifter - P - 8201 - 7. April 2010 - 14:04 #

Bis die Politiker feststellen (HuHu Herr Brüderle), welchen Ökonomischen schaden die Dinger anstellen und wieviel Arbeitskraft auf der Strecke bleibt, weil der Ortsansässige Angestellte statt Akten seine FarmVille Farm pflegt.

Mir persönlich togal, aber mir schmecken keine Spiele wo man mit der Kreditkarte sein Ego aufboostern kann. But thats another Story. ;)

Frohes Zocken, Ihr Socializer. ;)

Vidar 18 Doppel-Voter - 12653 - 7. April 2010 - 18:28 #

schön geschrieben!
persönlich kann dem ganzen nicht wirklich was abgewinnen hab schon einige der spiele getestet aber nee is nichts für mich...

Rechen 19 Megatalent - 16014 - 8. April 2010 - 2:41 #

sehr schöner artikel! eine kleine anmerkung: bei der "Der Herr ist mein Hirte"-Überschrift fehlt eine freie zeile, oder?

Affenzorn 08 Versteher - 178 - 8. April 2010 - 20:28 #

also ich fand harvest moon schon auf dem snes schrecklich. konnte mir damals schon nicht ernsthaft vorstellen das das jemand zur unterhaltung spielt...

Avrii (unregistriert) 30. April 2010 - 9:40 #

Social Games leben davon auf Arbeit/Studium gespielt zu werden. Gerade Farmville ist ein Game wo nur wenige Klicks benötigt werden so das der Chef davon nichts merkt.. (zu mindest offensichtlich ^^)

Daher ist das auch immer recht witzig wenn ich sehe das bei "Meine Farm" z.B. Wartungsarbeiten von 8-13 Uhr sind .. in der Hauptzeit der User ;)

Odill4n 08 Versteher - 172 - 30. April 2010 - 21:49 #

Toller Artikel! Super geschrieben und informativ. Hätte mir nie gedacht dass wirklich so viele Leute Farmville etc. zocken.

Duathea (unregistriert) 22. November 2010 - 1:49 #

Danke für diesen Artikel.
Ich bin immer froh wenn jemand etwas gegen diese, nunja wollen wir nicht unfreundlich sein Social-"Games" sagt. Diese haben meist einen recht geringen Unterhaltungswert und sind meist so sozial wie die Pest im Mittelalter beliebt. Ich meine damit nur das ich in jedem beliebigen MMORPG mehr mit dem anderen agieren und Kommunizieren muss als in FarmVille und co.
Aber naja... Ich bin eben nur ein böser, unsozialer und freundesarmer EGO-Shooter und Strategie Kriegs Spieler. ;-)

Und ja... Ich weiß das die meisten Leute lange Artikel hassen :-D
Gruß an alle die ihn haben wollen.

Age 19 Megatalent - P - 13997 - 5. Juni 2012 - 19:43 #

Bitterböse. Toll!

Kommentar hinzufügen

Neuen Kommentar abgeben
(Antworten auf andere Comments bitte per "Antwort"-Knopf.)