Freakshow Folge 4

Skullmonkeys

Daeif 8. März 2012 - 10:10 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
Hereinspaziert, hereinspaziert! Hier seht ihr die merkwürdigsten Computerspiele der Welt. Ob seltsame Genres, kuriose Szenarien oder einfach nur bodenlos schlechte Machwerke: In dieser Show kommt ihr aus dem Staunen nicht heraus!
Heute, liebes Publikum, reden wir über Knete. In Beziehung zu Computerspielen ein höchst seltenes Thema. Kaum verwunderlich, wenn man die Arbeit bedenkt, die hinter der sogenannten Clay-Motion-Technik steht. Bereits im Medium Film ist diese Tricktechnik eher selten anzutreffen, bei Computerspielen wird es dann sehr mager. Dennoch finden sich auch einige Vertreter, deren Grafik auf diesem aufwendigen Verfahren basiert. So prügeln sich Knetmännchen in der ClayFighter-Serie, während Dark Oberon die Fahne sowohl für Open-Source- als auch Strategiespiele hochhält. Doch das Spiel, um das es heute geht, ist ein simpler Plattformer in einem der abgedrehtesten Szenarien in der Geschichte der Computerspiele: Willkommen bei Skullmonkeys.

Wer kommt denn auf so was?

Die Bossgegner des Spiels sind natürlich nicht minder verrückt. Hier kämpft ihr gegen „Big Head Joe", der einen interessanten Bauchansatz aufzuweisen hat.
Skullmonkeys erschien 1998 exklusiv für die PSone als Quasi-Nachfolger des 1996 erschienenen Adventures The Neverhood des gleichnamigen Entwicklerstudios. Das schräge Szenario des Spiels ist nicht weiter verwunderlich, wenn ihr bedenkt, dass Doug TenNapel der kreative Kopf hinter beiden Titeln ist. TenNapel wirkte Anfang der 90er an einigen Spielen mit, bis er 1994 mit Earthworm Jim seine wohl populärste Erfindung hatte. Der Regenwurm mit Superkräften schafft es bis heute auf vier Spiele und eine kurzlebige Zeichentrickserie. Darauf folgte dann die Erschaffung von The Neverhood, einem skurrilen Universum aus Knetmasse, in dem der Held Klaymen (Clay: engl. für Lehm oder Ton) den bösen Klogg und seinen finsteren Plan, Neverhood zu zerstören, aufhalten muss. Doch The Neverhood floppte kolossal. TenNapel vermutete, dass es am Genre des Adventures gelegen haben muss, und designte den Nachfolger Skullmonkeys als Jump-and-Run. Leider stellt Skullmonkeys damit auch die bisher letzte Neverhood-Inkarnation dar (das Japan-exklusive Klaymen Gun-Hockey ohne Beteiligung TenNapels nicht mitgezählt). 2007 kamen Gerüchte auf, TenNapel würde an einer Filmumsetzung des Universums arbeiten. Die kleine, aber sehr eingeschworene Gemeinde der Neverhood-Anhänger vollführte bereits erste Freudentänze, als TenNapel drei Jahre später in seinem Forum bekannt gab, dass das Filmprojekt gestorben sei. Auch gibt es bisher keine Pläne für ein neues Spiel oder eine Umsetzung der bereits existierenden für andere Plattformen.

Seltsames Dingens rettet Planet der Totenkopfaffen

Doch genug der Hintergründe. Skullmonkeys beginnt da, wo der Vorgänger aufhörte. Klogg ist besiegt und schwebt im Weltall herum. Doch unglücklicherweise landet er auf dem Planeten Idznak (kein Schreibfehler!), auf dem sich eine Horde Affen mit Totenköpfen statt Gesichtern(!) den lieben langen Tag laust und sich um Lehmkugeln prügelt. Doch Klogg setzt dieser „Idylle” ein Ende, ernennt sich zum König (was von den Affen einfach so hingenommen wird) und veranlasst den Bau der Evil Engine No 9, um The Neverhood zu zerstören. Der wahre Anführer der Affenbande, Jerry-O, sieht keinen Ausweg und „entführt” Klaymen mittels einer Flugmaschine, damit dieser seine Heimat retten kann.  

So einfach die Story, so unkompliziert das Gameplay: Skullmonkeys ist ein typisches Jump-and-Run klassischer Bauart, das durch schwebende Plattformen sowie jeder Menge Items und Gegner das Herz jedes eingefleischten 2D-Plattform-Fans gewinnt. Im Spielverlauf finden sich viele nützliche Dinge: Das Halo schützt vor einem Treffer, mit Kugeln dürft ihr Gegner aus der Ferne abschießen. Vier weitere Power-Ups sind etwas skurriler und unterstreichen gleich das völlig absurde Szenario. Highlights sind die Universal-Spülung, die Klaymen zum Muskelprotz werden lässt und alle Gegner auf dem Bildschirm besiegt, und der „Furzkopp”. Ihr habt richtig gehört: Klaymen stößt Verdauungsgase aus seinem Kopf(!), die für kurze Zeit einen Klon von ihm erzeugen, mit dem ihr ohne Konsequenzen einen Fehler machen dürft.

Anarchischer Spaß a la Nicktoons

Das Furzextra wird in einer der sporadischen Zwischensequenzen angekündigt, die abgedrehter nicht sein könnten. Wer jemals die Nicktoons in den neunziger Jahren verfolgt hat, kann eine Ahnung vom wilden Stil dieser kurzen Videos haben. Beispiel gefällig? In einer Sequenz beobachtet Jerry-O aus der Ferne unseren Helden, wie er gerade gelangweilt im Auge rumbohrt. Schließlich zieht er einen Wurm hervor, den er nach gleichmütiger Betrachtung mit schmatzenden Lauten verspeist. Jemals so etwas gesehen? Ich auch nicht.

Zum herrlich sinnbefreiten Spaß darf die passende musikalische Untermalung nicht fehlen. Für den Soundtrack hat sich Doug TenNapel den erfahrenen Rockmusiker Terry Scott Tayler an Bord geholt. Der schien richtig vom Projekt begeistert gewesen zu sein: Seine Tracks finden immer den richtigen (und natürlich abgedrehten) Ton. Zu einer Welt wie „Die Hallen des Todes" einen Song über mexikanisches Essen zu machen, ist schon etwas, was der gemeine Gamer nicht alle Tage hört.

Trotz dieses kreativen Overkills hat Skullmonkeys auch seine Macken. Größtes Problem: Das Spiel ist zu lang! Heutzutage, wo Singleplayer-Kampagnen im Actionbereich nur noch äußerst selten die Zehn-Stunden-Marke erreichen, mag sich das etwas seltsam anhören. Doch wer Skullmonkeys durchgespielt hat, erkennt auch den Vorteil aktueller Spiele: Obwohl bemüht, ständig etwas Abwechslung ins Geschehen zu bringen, wird euch fast jede Welt nach ein bis zwei Levels langweilen, da ihr dann deren jeweilige Mechanismen voll verstanden habt. Einzelne Lichtblicke wie „Das total verrückte Rennen”, bei dem ihr einen Lehmklops auf vier Beinen reitet, sind leider zu dünn gesät. Hinzu kommt ein etwas unausgewogener Schwierigkeitsgrad: Die vier Ynt-Welten (in denen ihr gegen übergroße Insekten statt Affen kämpft) sind mit die schwersten des ganzen Spiels, liegen aber genau in der Mitte.

Fazit

Und dennoch: Der unglaubliche Stil von Skullmonkeys lässt einen so manche Schwäche verzeihen. Mag auch die Spielmechanik an sich kein Hort von Kreativität sein, so ist es doch das Drumherum, das diesen Titel auszeichnet. Eine liebevoll gestaltete Welt, völlig abgedrehte Charaktere, Zwischensequenzen, die einen an Cartoon-Anarchisten wie Ren und Stimpy denken lassen und ein cooler sowie zugleich verrückter Soundtrack sind die Zutaten, die Skullmonkeys zu einem absoluten Geheimtipp für Freunde von Sonys grauem Erstling machen.

Damit schließt die Show für heute. Kommt auch das nächste Mal wieder vorbei, wenn ihr die kuriosesten und merkwürdigsten Titel der Spielwelt erblicken wollt. Ich bin euer Gastgeber Däif und sage euch: *furz*.
Daeif 8. März 2012 - 10:10 — vor 4 Jahren zuletzt aktualisiert
Athavariel 21 Motivator - P - 27872 - 8. März 2012 - 12:36 #

Schöner Artikel, dankeschön.

CBR 20 Gold-Gamer - P - 20259 - 8. März 2012 - 20:19 #

Ich liebe Kuriositäten - erst recht, wenn sie so unterhaltsam präsentiert werden.

retrozocker 12 Trollwächter - 1191 - 8. März 2012 - 20:37 #

Sehr abgefahrenes Spiel. Ging damals komplett an mir vorbei. Ich würde mir heutzutage auch ein bisschen mehr Experimentierfreude wünschen. In den letzten Jahren fällt mir da höchstens Kirby´s epic yarn ein, das zumindest grafisch mal ein Risiko eingegangen ist. Schöner Artikel!

Labrador Nelson 27 Spiele-Experte - - 85959 - 8. März 2012 - 22:51 #

Sehr schön sowas! :)

Christoph Vent Redakteur - P - 123674 - 9. März 2012 - 11:12 #

Die PS1-Ära ist bis auf Resident Evil 1 an mir vorbei gegangen. Das Spiel hier ist zwar nicht mein Geschmack, aber schöne Vorstellung und schöner Artikel!

Ganon 22 AAA-Gamer - P - 33743 - 15. März 2012 - 17:01 #

Über das Adventure hab ich seinerzeit in der PC Player gelesen, daran erinnere ich mich noch. Aber dieser Jump'n'Run-Nachfolger war mir neu. Interessant.

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The Neverhood Inc.
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20.02.1998
8.4
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