Freakshow #21

Shadowgrounds

Daeif 25. September 2013 - 17:51
Hereinspaziert, hereinspaziert! Hier seht ihr die merkwürdigsten Computerspiele der Welt. Ob seltsame Genres, kuriose Szenarien oder einfach nur bodenlos schlechte Machwerke: In dieser Show kommt ihr aus dem Staunen nicht heraus!
Heute, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, ist es an der Zeit, endlich mal ... in den Weltraum zu gehen? Herrje, können sich Spielentwickler nicht einmal ein anderes Szenario aussuchen? Natürlich, mein Blickfeld ist hier stark subjektiv geprägt und außerdem gibt es wirklich eine Menge anderer Szenarien, etwa mit Penissen auf Vaginas zu schießen oder im Keller die eigene Mutter umzubringen. Trotzdem: Wohl kein anderer Schauplatz wurde so oft für ein Computerspiel gewählt wie das unendlich schwarze mit weißen Punkten darin. Warum? Weil es so einfach zu machen ist? Weil viele Designer Sci-Fi-Begeisterte sind?

Und noch etwas steht für den Inbegriff von Einheitsbrei: Shooter. Seit Halo auf der Xbox explodiert ist, gibt es für das Genre kein Halten mehr. Warum? Waffengeile Ami-Kiddies? Eine simple Spielmechanik? Manchen Fragen wird die Menschheit wohl nie auf die Schliche kommen ...

Umso schöner, wenn ich dann wenigstens einmal nicht aus der Ich-Perspektive ballern muss, wie bei unserem heutigen Titel. In Shadowgrounds hockt ihr nicht im Kopf eures Helden, sondern guckt ihm auf den Denkapparat. Nachdem ich den Titel eine Weile gespielt hatte, fragte ich mich, warum sich die meisten Spieler zwanghaft an der Ego-Perspektive klammern, wo es doch so viele andere Möglichkeiten gibt, einen Shooter darzustellen. Macht der Gewohnheit? Bestimmt vielleicht das Angebot die Nachfrage? Oder gehe ich einfach jedem Leser auf den Sack, weil ich die ganze Zeit Fragen stelle? Zeit, diesen Geheimnissen auf den Grund zu gehen!

Die Geschichte der Top-Down-Shooter

So kommt es ab und zu mal vor: Da nehme ich mir etwas Cooles vor, denke, dass es den Artikel bereichern kann, und dann so etwas: Recherchen zum Thema Top-Down-Shooter sind richtig hart! Es gibt ja schließlich nicht sehr viele Spiele dieses Subgenres. Außerdem ist kaum eines von denen richtig populär geworden, fast alle sind echte Nischenknaller. Das könnte also einer der ersten deutschsprachigen Versuche sein, einen kurzen geschichtlichen Abriss über Top-Down-Shooter zu geben. Wundert euch nicht, wenn darin ein für euch „enorm wichtiges“ Spiel fehlt.

Alleine eine Definition dieses Genres zu geben ist sehr gewagt. Zählen auch Transportmittel wie Helikopter-Shooter? Darf der Bildschirm automatisch scrollen? Ich achte hier mal auf das Hauptspiel und beschränke mich deswegen auf Titel, in denen der Protagonist zu Fuß unterwegs ist.

Wohl einer der populärsten Vertreter dieses Genres überhaupt wird Commando aus dem Jahr 1985 sein. Hier rennt ihr mit einem „Ubersoldat“ namens „Super Joe“ (nicht G.I. Joe) durch den Dschungel und schießt auf alles, was sich bewegt. Wirklich alles. Verdammt, sogar Panzer räumt der Typ alleine aus dem Weg. Das Timing hätte perfekter nicht sein können, liefen zu dieser Zeit doch allerhand Actionstreifen, in denen (beliebigen Chuck Norris hier einfügen) kolumbianische Drogenbanden aufmischt. Die bereits erwähnte Beliebtheit des Titels resultierte in zahllosen Umsetzungen, sogar für das Atari VCS. Das wiederum lockte so einige Mitbewerber an. Der wohl bekannteste „Rip-off“ wird Ikari Warriors von SNK sein, welches ebenfalls massenweise auf andere Plattformen umgesetzt wurde, teils mit sehr bescheidenen Ergebnissen.

Der Anfang der neunziger Jahre schien dann für das Genre zunächst wie ein kleiner Befreiungsschlag. Unter anderem lockte die Alien-Breed-Reihe vom frühem Team 17 und das Chaos-Engine-Franchise von den Bitmap Brothers. Doch schon Mitte dieses Jahrzehnts läutete die Totenglocke für das Subgenre. Das Ausrufezeichen hierfür lieferte der vierte Alien-Breed-Teil, der als Alien Breed 3D nun zum Ego-Shooter umfunktioniert wurde. Ein Genrewechsel mit Signalwirkung. Aber wie jeder Kenner exotischer Genres weiß: Was einmal erfunden wurde, lässt sich nicht mehr ausblenden. Lustigerweise waren es die 3D-Profis von Raven Software, die mit Mageslayer und Take no Buissness 1997 den Top-Down-Shootern ihr letztes Geleit gaben. Wirklich reine, große Vertreter suchte man dann vergebens. Millenium Soldier von 1998 kippte die Ansicht stark, sodass ich versucht bin, schon fast von einer Third-Person-Ansicht zu reden. Es gab noch die ersten beiden GTA-Teile, aber die sind mehr Action-Adventure als Shooter. Einen habe ich aber noch: Notrium nämlich, das ich bereits in einer früheren Ausgabe besprochen hatte. Allerdings ist Notrium mehr Survival als Shooter und damit erneut nur eine Randnotiz.  

Die Evolution der Top-Down-Shooter: Links der „Ur-Vater" Commando, in der Mitte der Neunziger-Jahre-Kracher Alien Breed. Millenium Soldier ist vor Shadowgrounds einer der letzten Vertreter des Genres.


Doom von oben

Und dann kam Shadowgrounds. Mitten in den Zweitausendern, als Ego-Shooter längst explodiert waren, beschlossen die Finnen von Frostbyte, ihren Shooter mit der Top-Down-Ansicht auszustatten. Ein mutiger Schritt, aber er wurde belohnt: Die Fachpresse war sehr angetan, ein nicht gerade übliches Verhalten bei einem Erstlingswerk im Mid-Price-Sektor. Zumindest damals nicht. Aber waren die Lobeshymnen auch verdient?

Tyler bei der Arbeit. Hoffentlich sieht Astragon den Screenshot nicht, sonst denken die sich noch den „Ganimed-Mechaniker-Simulator" aus ...
Das Spiel beginnt irgendwann in der Zukunft auf dem Jupitermond Ganimed. Ein überraschender Plot erwartet euch: Böse Aliens überfallen die Raumstation, und ihr seid der einzige, der sie aufhalten kann. Na gut, nicht ganz alleine: Ihr bekommt die die meiste Zeit die ziemlich schroffe Jane Awryn an eure Seite. Je länger ich mit ihr zusammen unterwegs war, desto stärker überkam mich der Wunsch, sie zu .... übernehmen. Und das sage ich nicht nur, um wieder einen Cunnilingus-Witz reißen zu können: Arwyn fand ich interessanter als den eigentlichen Protagonisten Tyler, ein Mechaniker, der früher mal Anführer eines Sicherheitsteams war. Oder so. Scheiß egal. Da, Aliens, schießt!

Plot und Charaktere geben also schon mal nicht so viel her. Hatte ich eigentlich auch nicht weiter erwartet, immerhin haben wir es hier immer noch mit einem Shooter zu tun, und wie viele Shooter können schon mit einer tiefgründigen Story auffahren? Aber das Gameplay sieht in der Theorie schon mal viel versprechend aus, denn immerhin könnt ihr Upgradeteile finden, mit denen ihr eure insgesamt zehn Waffen aufmotzen könnt. Aber was sich recht innovativ anhört, ist in der Praxis ernüchternd. Die meisten Upgrades sind recht einfallslose „Mehr Schaden/mehr Munition“-Events. Und dass die höchste Upgradestufe stets ein sekundärer Feuermodus ist, ist schon recht frech, bedenkt man doch, dass man diese bei vielen anderen Shootern „gratis“ bekommt. Wenigstens nützen die alternativen Totmacharten meist wirklich was: Eure Pistole kann dann zum Beispiel Gegner langsamer machen, der Granatwerfer dagegen verschießt Munition mit tödlichem Gas.

Zum Rest heißt es: Ballern, bis der Arzt kommt. Ihr schießt auf Aliens, um anschließend auf mehr Aliens zu schießen, bis mal etwas Abwechslung ins Spiel kommt und ihr auf Aliens schießen dürft. Okay, wollen wir mal nicht ganz so unfair sein: Es gibt mehr, als nur auf Aliens zu schießen. In einer Mission müsst ihr etwa Geschütztürme aufbauen, damit diese auf die Aliens schießen können. Und da Tyler ein Mechaniker ist, muss er manchmal Sachen reparieren, was dadurch erschwert wird, dass er zwischendurch auf Aliens schießen muss. Verdammt, ich kann es nicht abstellen! Einmal tief durchatmen, und dann nochmal in kompetent versuchen.

Im Verlauf des Spiels könnt ihr die Art, wie ihr spielt, mehr und mehr selbst bestimmen: Entweder nach der guten, alten Rambo-Methode, nur ohne blaues Licht, oder tatsächlich auch als Schleicher. Letzteres ist natürlich etwas schwerer, dafür spart ihr nicht gerade kiloweise ausgestreute Munition und dürft euch am Ende sogar den Titel „Pussy des Jahres“ selbst verleihen. Auch einige Sekundärwaffen helfen euch, Solid Snake nachzuäffen, etwa durch Betäubungsmunition für die Pistole (die sogar unendlich zur Verfügung steht) oder ein Gasgeschoss für den Granatwerfer, der zielsicher patrouillierende Gegner ausschaltet. Wenn sich Tyler doch jetzt bloß noch unter Pappkisten verstecken könnte...
Henke 15 Kenner - 3636 - 25. September 2013 - 18:50 #

Respekt! Habe vor einigen Jahren (2009 glaube ich) das Spiel für 2,49€ vom Grabbeltisch "gerettet", eine halbe Stunde gespielt und dann in der Mülltonne versenkt... so schlimm fand ich es.

Freut mich, dass es noch größere Masochisten als mich gibt ;-P

Maverick 30 Pro-Gamer - - 175184 - 25. September 2013 - 20:01 #

Mhm, ich selbst habe "Shadowgrounds" und "Shadowgrounds: Survivor" beide durchgespielt, was sagt das jetzt über mich aus ? *grins*

Arparso 15 Kenner - 3025 - 25. September 2013 - 22:32 #

Hab beide Shadowgrounds Titel jeweils zum Release gespielt und für gut befunden. Gute Topdown-Shooter waren damals auch noch etwas Besonderes - heutzutage gibts dank neu erblühter Indie-Szene ja viel mehr Alternativen.

Insbesondere im Coop fand ich Shadowgrounds aber wirklich sehr spaßig. Wo hat man denn heutzutage bitte noch 'nen Offline-Coop für mehrere Spieler an EINEM PC? ;)

Drapondur 25 Platin-Gamer - - 56533 - 26. September 2013 - 7:24 #

Ich hab's auch damals durchgespielt. Gute Atmosphäre, mal was anderes und irgendwie 80er Nostalgie. Mir hat's gefallen. Schöner Artikel! :)

Ganon 22 AAA-Gamer - P - 34582 - 26. September 2013 - 11:04 #

Aah, da hab ich damals sogar einen Test zu geschrieben. :-)
Ja, war ein ordentliches Spiel. Wurde als "Doom 3 von oben" vermarktet und das war es im Grunde auch - nicht mehr, nicht weniger. An den Storytwist am ende konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, aber dafür daran, dass zwei von acht Stunden Spielzeit für den Endgegner draufgegangen sind...
Ach ja, was Top-Down-Shooter angeht, fand ich "Take No Prisoners" noch ganz witzig.

MachineryJoe 16 Übertalent - P - 4314 - 26. September 2013 - 13:01 #

Ich fand beide Teile sehr unterhaltsam, nicht wegen der Story oder der kindlich wirkenden Zwischensequenzen, sondern wegen des reinen Gameplays.

Labrador Nelson 27 Spiele-Experte - - 91835 - 26. September 2013 - 19:26 #

Commandooooooooo!!! :)

SonkHawk 14 Komm-Experte - 2151 - 11. Oktober 2013 - 10:06 #

Wenn Euch sowas gefällt, solltet Ihr unbedingt mal die Alien-Shooter und Zombie-Shooter-Games von Sigma Team ausprobieren!!

Kommentar hinzufügen

Neuen Kommentar abgeben
(Antworten auf andere Comments bitte per "Antwort"-Knopf.)
Action
Arcade
ab 16 freigegeben
16
Frozenbyte
dtp Entertainment
17.11.2005
Link
6.6
PC